Flora drehte sich im Kreis. "Wo ist das Geheimnis, Karl?" (...)

 

Hopf zeigte auf Cornelias Photographie. "Ich biete Ihnen das faszinierendste Mysterium, das es überhaupt gibt, gnädiges Fräulein: Einen neuen Blick auf die Dinge."

 

"Pah! Und dafür habe ich all das Zeugs gelesen?"

 

"Sag bloß, die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson gefallen dir nicht? Dabei haben Mr. Doyle und ich uns so eine Mühe gegeben."

 

"Sie kennen Herrn Doyle?" fragte Victoria ungläubig.

 

"Hatte ich das nicht erwähnt? Ich traf ihn 1886 in Portsmouth. Eigentlich wollte ich mir Charles Dickens´ Geburtshaus ansehen. Leider kam mir eine Droschke in die Quere, und ich landete auf dem Behandlungsstuhl des Arztes von Southsea. Und der hieß zufällig Dr. Arthur Conan Doyle. Ein Jahr später erschien Eine Studie in Scharlachrot."

 

"Wollen Sie damit sagen, Sie haben mit ihm über das Buch gesprochen?"

 

"Wir haben bei einem Glas Wein und einem Pfeifchen trefflich über die Qualitäten von Detektiv Dupin gestritten und mit höchstem Vergnügen die schaurige Erzählung von Robert Louis Stevenson seziert." Er lächelte. "Doyle konnte nicht begreifen, daß ich den verruchten Mr. Hyde überzeugender fand als den krankhaft guten Dr. Jekyll."

 

(...) Der Blick aus seinen grünen Augen verwirrte sie. Was hatte er vor? Worauf ließ sie sich ein? (...) Hopf ging zum Schrank und nahm ein Buch heraus. "Die Wahrheit ist ein zerbrechlich Ding. Das zu erkennen, braucht es keine Bösewichte." (....) Er grinste. "Das hier", er deutete auf das Buch, "erzählt mehr vom Leben als eine ganze Bibliothek: Sagt die geliebte Frau die Wahrheit?"

 

(...) "Es ergibt sich aus der Geschichte", sagte Victoria. "Es ist somit ein folgerichtiger Schluß, daß sie endet, wie sie endet."

 

"Falsch, gnädige Frau. Sie endet im Guten, weil Sie es als Leserin so wünschen. Und weil der Held es wünscht. Und die Dichterin sowieso. Die Wahrheit ficht das nicht im geringsten an! Der Alp der Perversheit ist eine menschliche Eigenschaft, das Böse mithin eine menschhliche Tugend. Das sagt der Erfinder von Detektiv Dupin. Und dessen Nachfolger Holmes gesteht sich zumindest ein, daß er Bedauern verspürt, als das Böse aus seinem Leben zu verschwinden droht. Aus der Sicht des Kriminologen ist London seit dem Ableben des seligen Professors Moriarty eine ungemein reizlose Stadt geworden. Recht hat er! Ohne das Böse hat das Gute keinen Sinn."

 

(Die Farbe von Kristall, S. 315-317)

 

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