Die Farbe von Kristall

Ein historischer Kriminalroman

 

Sie kennen Frankfurts größten Dichter nicht?  (Literarisches)

 

In "Die Farbe von Kristall" machen vor allem Karl Hopf, aber auch die Prostituierte Zilly, Kriminalwachtmeister Heiner Braun, Victoria Könitz und Gräfin von Tennitz hin und wieder kleine "Anleihen" aus der Literatur, wenn auch mit unterschiedlicher Intention. Manchmal müssen sie kürzen und umformulieren, zum Beispiel, weil die Berliner Polizeiassistentin die Originalgedichte von Friedrich Stoltze nicht versteht, oder weil das jeweilige Zitat aus einem bestimmten Grund gewählt wird (den ich hier selbstverständlich nicht verrate). Nachfolgend finden Sie Auszüge aus einigen der im Roman zitierten Originaltexte. 

Wenn Sie auf die jeweiligen Überschriften klicken, können Sie entsprechende Textpassagen aus meinem Roman lesen. 

 

 

 

GOETHE, Johann Wolfgang

 

 

Entoptische Farben - An Julien

 

Laß dir von den Spiegeleien

Unsrer Physiker erzählen,

Die am Phänomen sich freuen,

Mehr sich mit Gedanken quälen.

 

Spiegel hüben, Spiegel drüben,

Doppelstellung, auserlesen;

Und dazwischen ruht im Trüben

Als Kristall das Erdewesen.

 

Dieses zeigt, wenn jene blicken,

Allerschönste Farbenspiele;

Dämmerlicht, das beide schicken,

Offenbart sich dem Gefühle.

 

Schwarz wie Kreuze wirst du sehen,

Pfauenaugen kann man finden;

Tag und Abendlicht vergehen,

Bis zusammen beide schwinden.

 

Und der Name wird ein Zeichen,

Tief ist der Kristall durchdrungen:

Aug in Auge sieht dergleichen

Wundersame Spiegelungen.

 

Laß den Makrokosmus gelten,

Seine spenstischen Gestalten!

Da die lieben kleinen Welten

Wirklich Herrlichstes enthalten.

 

 

 

HEINE, Heinrich

 

 

Der Doktor Faust - Ein Tanzpoem (Ausschnitt)

 

Du hast mich beschworen aus dem Grab

Durch deinen Zauberwillen,

Belebtest mich mit Wollustglut - 

Jetzt kannst Du die Glut nicht stillen.

 

Preß Deinen Mund an meinen Mund,

Der Menschen Odem ist göttlich!

Ich trinke Deine Seele aus, 

Die Toten sind unersättlich.

 

Erster Akt

(...) Es schlägt Mitternacht. Neben einem mit aufgestapelten Büchern und physikalischen Instrumenten bedeckten Tische, in einem hohen Lehnstuhl, sitzt nachdenklich der Doktor Faust. Seine Kleidung ist die altdeutsche Gelehrtentracht des sechzehnten Jahrhunderts. Er erhebt sich endlich und schwankt mit unsicheren Schritten einem Bücherschranke zu, wo ein großer Foliant mit einer Kette angeschlossen; er öffnet das Schloß und schleppt das entfesselte Buch nach seinem Tische. (...) Nachdem er einige Lichter angezündet und mit einem Schwerte verschiedene magische Kreise auf dem Boden gezeichnet, öffnet er das große Buch, und in seinen Gebärden offenbaren sich die geheimen Schauer der Beschwörung. (...) Faust erhebt sogleich mit gesteigertem Eifer seine Beschwörungen, aber diesmal schwindet plötzlich die Dunkelheit, das Zimmer erhellt sich mit unzähligen Lichtern, statt des Donnerwetters ertönt die lieblichste Tanzmusik, und aus dem geöffneten Boden, wie aus einem Blumenkorb, steigt hervor eine Ballett-Tänzerin, gekleidet in den banalsten Pirouetten. 

 

Faust ist anfänglich darob befremdet, daß der beschworene Teufel Mephistopheles keine unheilvollere Gestalt annehmen konnte als die einer Ballett-Tänzerin, doch zuletzt gefällt ihm diese lächelnd anmutige Erscheinung. (...) Mephistopheles oder vielmehr Mephistophela, wie wir nunmehr die in die Weiblichkeit übergegangene Teufelei zu nennen haben, erwidert parodierend das Kompliment des Doktors. (...) Sie hält einen Zauberstab in der Hand, und alles, was sie im Zimmer damit berührt, wird aufs ergötzlichste umgewandelt. (...) Die Schöne scheint mit Faust ein Freundschaftsbündnis zu schließen, doch das Pergament, das sie ihm vorhält, die furchtbare Beschreibung, will er noch nicht unterzeichnen. (...)

 

 

Erläuterungen (Ausschnitt) 

To Lumley, Esquire, Director of the Theatre of Her Majesty the Queen

 

Dir Sir!

Eine leicht begreifliche Zagnis überfiel mich, als ich bedachte, daß ich zu meinem Ballette einen Stoffe gewählt, den bereits unser großer Wolfgang Goethe, und gar in seinem größten Meisterwerke, behandelt hat. Wäre es aber schon gefährlich genug, bei gleichen Mitteln der Darstellung mit einem solchen Dichter zu wetteifern, wie viel halsbrecherischer müßte das Unternehmen sein, wenn man mit ungleichen Waffen in die Schranken treten wollt! In der Tat, Wolfgang Goethe hatte, um seine Gedanken auszusprechen, das ganze Arsenal der redenden Künste zu seiner Verfügung, er gebot über alle Truhen des deutschen Sprachschatzes, der so reich ist an ausgeprägten Denkworten des Tiefsinns und uralten Naturlauten der Gemütswelt, Zaubersprüche, die, im Leben längst verhallt, gleichsam das Echo in den Reimen des Goethischen Gedichtes wiederklingen und des Lesers Phantasie so wunderbar aufregen. (...) 

 

Die Grenzen meiner Darstellungsmittel konnte ich leider nicht überschreiten, aber innerhalb derselben habe ich geleistet, was ein braver Mann zu leisten vermag, und ich habe wenigstens einem Verdienste nachgestrebt, dessen sich Goethe, keineswegs rühmen darf; in seinem Faustgedichte nämlich vermissen wir durchgängig das treue Festhalten an der wirklichen Sage, die Ehrfurcht vor ihrem wahrhaftigen Geiste, die Pietät für ihre innere Seele, eine Pietät, die der Skeptiker des achtzehnten Jahrhunderts (und ein solcher blieb Goethe bis an sein seliges Ende) weder empfinden noch begreifen konnte! Er hat sich in in dieser Beziehung einer Willkür schuldig gemacht, die auch ästhetisch verdammenswert war, und die sich zuletzt an dem Dichter selbst gerächt hat. Ja, die Mängel seines Gedichts entsprangen aus dieser Versündigung (...) es ward nie fertig, wenn man nicht etwa jenen lendenlahmen zweiten Teil des Faustes, welcher vierzig Jahre später erschien, als die Vollendung des ganzen Poems betrachten will. In diesem zweiten Teil befreit Goethe den Nekromanten aus den Krallen des Teufels, er schickt ihn nicht zur Hölle, sondern läßt ihn triumphierend einziehen ins Himmelreich, unter dem Geleite tanzender Englein, katholischer Amoretten, und das schauerliche Teufelsbündnis, das unsern Vätern so viel haarsträubendes Entsetzen einflößte, endigt wie eine frivole Farce. (...)

 

Mein Ballett enthält das Wesentliche der alten Sage vom Doktor Faustus, und indem ich ihre Hauptmomente zu einem dramatischen Ganzen verknüpfe, hielt ich mich auch in den Details ganz gewissenhaft an den vorhandenen Traditionen, wie ich sie zunächst vorfand in den Volksbüchern, die bei uns auf den Märkten verkauft werden, und in den Puppenspielen, die ich in meiner Kindheit tragieren sah. 

 

Die Volksbücher, die ich hier erwähne, sind keineswegs gleichlautend. (...) Das älteste dieser Bücher über Faust ist 1587 zu Frankfurt erschienen bei Johann Spies, der es nicht bloß gedruckt, sondern auch abgefaßt zu haben scheint (...). Dieses alte Frankfurter Faustbuch ist weit poetischer, weit tiefsinniger und weit symbolischer abgefaßt als das andere Faustbuch, welches Georg Rudolph Widmann geschrieben und 1599 zu Hamburg herausgegeben. Letzteres jedoch gelangte zu größerer Verbreitung, vielleicht weil es mit homiletischen Betrachtungen durchwässert und mit gravitätischen Gelehrsamkeiten gespickt ist. Das bessere Buch ward dadurch verdrängt und versank schier in Vergessenheit. 

 

(...) Die dritte Hauptquelle der Faustsage, die sogenannten Höllenzwänge, sind Geisterbeschwörungsbücher, die zum Teil in lateinischer, zum Teil in deutscher Sprache abgefaßt und dem Doktor Faust selbst zugeschrieben sind. (...) Der famoseste der Höllenzwänge ist "Der Meergeist" genannt; seinen Namen flüsterte man nur mit Zittern, und das Manuskript lag in den Klosterbibliotheken mit einer eisernen Kette angeschlossen. (...)

 

Die Puppenspiele, deren ich abermals erwähne, sind nie im Druck erschienen, und erst jüngst hat einer meiner Freunde nach den handschriftlichen Texten ein solches Opus herausgegeben. Dieser Freund ist Herr Karl Simrock, welcher mit mir auf der Universität zu Bonn die Schlegelschen Kollegien über  deutsche Altertumskunde und Metrik hörte, auch manchen guten Schoppen Rheinwein mit mir ausstach und sich solchermaßen in den Hülfswissenschaften perfektionierte, die ihm später zustatten kamen bei der Herausgabe des alten Puppenspiels. Mit Geist und Takt restaurierte er die verlorenen Stellen, wählte er die vorhandenen Varianten, und die Behandlung der komischen Person bezeugt, daß er auch über deutsche Hanswürste, wahrscheinlich ebenfalls im Kollegium A. W. Schlegels zu Bonn, die besten Studien gemacht hat. Wie köstlich ist der Anfang des Stücks, wo Faust allein im Studierzimmer bei seinen Büchern sitzt und folgenden Monolog hält:

 

   So weit hab ich's nun mit Gelehrsamkeit gebracht,

   Daß ich allerorten werd ausgelacht.

   Alle Bücher durchstöbert von vorne bis hinten

   Und kann doch den Stein der Weisen nicht finden.

   Jurisprudenz, Medizin, alles umsunst,

   Kein Heil als in der nekromantischen Kunst.

   Was half mir das Studium der Theologie?

   Meine durchwachten Nächte, wer bezahlt mir die?

   Keinen heilen Rock hab ich mehr am Leibe

   Und weiß vor Schulden nicht, wo ich bleibe.

   Ich muß mich mit der Hölle verbünden,

   Die verborgenen Tiefen der Natur zu ergründen.

   Aber um die Geister zu zitieren,

   Muß ich mich in der Magie informieren.

 

Die hierauf folgende Szene enthält hochpoetische und tiefergreifende Motive, die einer großen Tragödie würdig wären und auch wirklich größern dramatischen Dichtungen entlehnt sind. Diese Dichtungen sind zunächst der »Faust« von Marlowe, ein geniales Meisterwerk, dem augenscheinlich die Puppenspiele nicht bloß in bezug auf den Inhalt, sondern auch in betreff der Form nachgeahmt sind. Marlowes »Faust« mag auch andern englischen Dichtern seiner Zeit bei der Behandlung desselben Stoffes zum Vorbild gedient haben, und Stellen aus solchen Stücken sind dann wieder in die Puppenspiele übergegangen. (...) So erinnere ich mich selbst, daß ich zweimal von solchen Kunstvagabonden das »Leben des Fausts« spielen sah, und zwar nicht in der Bearbeitung neuerer Dichter, sondern wahrscheinlich nach Fragmenten alter, längst verschollener Schauspiele. Das erste dieser Stücke sah ich vor fünfundzwanzig Jahren in einem Winkeltheater auf dem sogenannten Hamburger Berge zwischen Hamburg und Altona. Ich erinnere mich, die zitierten Teufel erschienen alle tief vermummt in grauen Laken. 

 

Auf die Anrede Fausts: »Seid ihr Männer oder Weiber?« antworteten sie: »Wir haben kein Geschlecht.« Faust fragt ferner, wie sie eigentlich aussähen unter ihrer grauen Hülle, und sie erwidern: »Wir haben keine Gestalt, die uns eigen wäre, wir entlehnen nach deinem Belieben jede Gestalt, worin du uns zu erblicken wünschest; wir werden immer aussehen wie deine Gedanken.« Nach abgeschlossenem Vertrag, worin ihm Kenntnis und Genuß aller Dinge versprochen wird, erkundigt sich Faust zunächst nach der Beschaffenheit des Himmels und der Hölle, und hierüber belehrt, bemerkt er, daß es im Himmel zu kühl und in der Hölle zu heiß sein müsse; am leidlichsten sei das Klima wohl auf unserer lieben Erde. Die köstlichsten Frauen dieser lieben Erde gewinnt er durch den magischen Ring, der ihm die blühendste Jugendgestalt, Schönheit und Anmut, auch die brillanteste Ritterkleidung verleiht. 

 

Nach vielen durchschlemmten und verluderten Jahren hat er noch ein Liebesverhältnis mit der Signora Lucrezia, der berühmtesten Kurtisane von Venedig; er verläßt sie aber verräterisch und schifft nach Athen, wo sich die Tochter des Herzogs in ihn verliebt und ihn heiraten will. Die verzweifelnde Lucrezia sucht Rat bei den Mächten der Unterwelt, um sich an dem Ungetreuen zu rächen, und der Teufel vertraut ihr, daß alle Herrlichkeit des Faust mit dem Ringe schwinde, den er am Zeigefinger trage. Signora Lucrezia reist nun in Pilgertracht nach Athen und gelangt dort an den Hof, als eben Faust, hochzeitlich geschmückt, der schönen Herzogstochter die Hand reichen will, um sie zum Altar zu führen. Aber der vermummte Pilger, das rachsüchtige Weib, reißt dem Bräutigam hastig den Ring vom Finger, und plötzlich verwandeln sich die jugendlichen Gesichtszüge des Faust in ein runzlichtes Greisenantlitz mit zahnlosem Munde; statt der goldenen Lockenfülle umflattert nur noch spärliches Silberhaar den armen Schädel, die funkelnde, purpurne Pracht fällt wie dürres Laub von dem gebückten, schlottrigen Leib, den jetzt nur noch schäbige Lumpen bedecken. Aber der entzauberte Zauberer merkt nicht, daß er sich solcherweise verändert, oder vielmehr, daß Körper und Kleider jetzt die wahre Zerstörnis offenbaren, die sie seit zwanzig Jahren erlitten, während höllisches Blendwerk dieselbe unter erlogener Herrlichkeit den Augen der Menschen verbarg; er begreift nicht, warum das Hofgesinde mit Ekel von ihm zurückweicht, warum die Prinzessin ausruft: »Schafft mir den alten Bettler aus den Augen!« Da hält ihm die vermummte Lucrezia schadenfroh einen Spiegel vor, er sieht darin mit Beschämung seine wirkliche Gestalt und wird von der frechen Dienerschaft zur Tür hinausgetreten, wie ein räudiger Hund. 

 

(...) Indem ich den Teufel und seine Gesellen als Tänzerinnen erscheinen lasse, bin ich der Tradition treuer geblieben, als Sie vermuten.  (...) Ich kann hier, liebster Freund, der Versuchung bald widerstehen, Ihnen zu erklären, was der Biograph des Nekromanten unter dem Namen "Gaillardtanzen" versteht. Ich finde nämlich in einem noch älteren Buche von Johann Prätorius, welches 1668 zu Leipzig gedruckt ist und Nachrichten über den Blocksberg enthält, die merkwürdige Belehrung, daß oberwähnter Tanz vom Teufel erfunden worden; der ehrbare Autor sagt dabei ausdrücklich:

 

"Von der neuen Gaillardischen Volta, einem welschen Tanze, wo man einander an schamigen Orten fasset und wie ein getriebener Topf herumhaspelt und wirbelt, und welcher durch die Zauberer aus Italien nach Frankreich ist gebracht worden, mag man auch wohl sagen, daß zu dem, daß solcher Wirbeltag voller schändlicher unflätiger Gebärden und unzüchtiger Bewegungen ist, er auch das Unglück auf sich trage, daß unzählig viel´ Morde und Mißgeburten daraus entstehen. Welches wahrlich bei einer wohlbestellten Polizei ist wahrzunehmen und aufs allerschärfste zu verbieten. Und dieweil die Stadt Genf fürnehmlich das Tanzen hasset, so hat der Satan eine junge Tochter von Genf gelehret, alle die tanzend und springend zu machen, die sie mit einer eisernen Gerte oder Rute, welche der Teufel ihr gegeben gehabt, möchte berühren. Auch hat sie der Richter gespottet, und gesagt, sie werden sie nicht mögen umbringen; hat deshalb der Übeltat nie eine Reue gehabt."

 

(...) Die Geschichte muß wahr sein. 

 

 

POE, Edgar Allan

 

 

Der Alp der Perversheit  (Ausschnitt) 

 

Bei der Betrachtung der Fähigkeiten und Triebe - der prima mobilia der menschlichen Seele haben die Phrenologen es leider verabsäumt, einem ganz bestimmten natürlichen Hange Raum zu lassen, welcher, obschon er unverkennbar als eine angeborene, unwandelbare Ur-Empfindung existiert. (...) Im typischen Dünkel der Vernünftelei haben wir alle ihn übersehen. (...) Wir waren ohne ohne jedes Verständnis dafür, das heißt wir wären ohne Verständnis gewesen, hätte sich dieses primum mobile unserer Wahrnehmung jemals aufgedrängt. (...) 

 

Es wäre klüger gewesen, es wäre auch sicherer gewesen, die Klassifizierung (wenn wir ohne sie nun einmal nicht auskommen können) auf das zu gründen, was der Mensch gewöhnlich oder hin und wieder tat und allezeit gelegentlich getan hat, statt auf das, was ihm nach unserer felsenfesten Einbildung die Gottheit an Tätigkeiten zudiktiert haben sollte. Wenn wir Gott in seinen sichtbaren Werken nicht begreifen können, wie denn in seinen unfaßlichen Gedanken, welche die Werke ins Leben rufen? (...)

 

Induktives Denken, a posteriori, hätte die Phrenologie hingegen darauf gebracht, als ein angeborenes Urprinzip menschlichen Handelns ein wunderliches Etwas zuzulassen, welches wir in Ermangelung eines treffenden Ausdrucks Perversheit nennen wollen. In dem Sinne, den ich hier im Auge habe, handelt es sich dabei tatsächlich um ein mobile ohne Motiv, um ein Motiv ohne "Motivirung". Durch sein Wirken handeln wir ohne ersichtlichen Zweck (...), sein Wirken veranlaßt uns zu einem Handeln, das einzig aus dem Grunde kommt, daß wir nicht so handeln sollten. (...) So gewiß ich bin, daß ich atme, so sicher weiß ich, daß gerade die feste Überzeugung, eine Tat sei falsch, sei unrecht oder irrig, oftmals die eine unbesiegliche Macht ist, welche uns treibt, und alleinig treibt, sie zu begehen. Und dieser überwältigende Drang, das Unrechte zu tun um des Unrechten willen, läßt keinerlei Analyse (...) zu. Er ist selber ein Grund-, ein Urtrieb - ist selber elementar. (...)

 

Wir haben eine Aufgabe vor uns, die rasch erledigt sein muß. Wir wissen, jeder Verzug würde verderblich sein. (...) Es soll, es muß noch heute unternommen werden,  und doch - doch schieben wir es auf morgen; und warum? Es gibt keine Antwort, außer eben der: daß unser Fühlen an Perversheit leidet - das Wort hier ohne jedes Begreifen des Prinzips gebraucht. Der neue Tag ist da (...) Doch ach, - zu spät! 

 

Wir stehen am Rande eines Abgrunds. Wir spähen hinab in den Schlund - es wird uns schlimm und schwindlig. Unser erster Antrieb ist, zurückzuweichen vor der Gefahr. Doch unerklärlicherweise bleiben wir. (...) Es gibt in der ganzen Natur keine Leidenschaft von so dämonischer Gewalt, wie sie ein Mensch empfindet, der schaudernd am Rande eines Abgrunds steht und solcherart dann einen Sprung erwägt. Auf einen Augenblick nur der Versuchung des Gedankens daran nachzugeben, heißt unentrinnbar verloren sein; denn ruhige Überlegung drängt uns, davor abzustehen, und eben darum, sag´ ich, können wir es nicht. (...) 

 

So sehr wir diese und ähnliche Verhaltensweisen auch untersuchen mögen, stets werden wir finden, daß sie einzig aus dem Geiste der Perversheit resultieren. (...)

 

Ich habe so weit ausgeholt, um Ihrer Frage wenigstens in einigem Maße Antwort zu stehen - um Ihnen zu erklären, warum ich hier bin - um Ihnen irgendetwas zu nennen, das zumindest den schwachen Schatten einer Begründung dafür bieten soll, daß ich diese Fesseln trage und hier in der Todeszelle sitze. Wäre ich nicht derart umständlich gewesen, so hätten Sie mich leicht entweder gänzlich mißverstanden oder aber, mit dem Pöbel, für verrückt gehalten. So jedoch werden Sie ohne Schwierigkeit erkennen, daß ich eines der vielen ungezählten Opfer bin des Alben der Perversheit. 

 

Unmöglich kann je eine Tat mit größerer Vor- und Umsicht ins Werk gesetzt worden sein. Wochen, ja Monate lang sann ich über den Mitteln des Mordes nach. Ich verwarf wohl an die tausend Pläne, denn allesamt enthielten sie im Falle der Ausführung immerhin noch eine vage Möglichkeit der Entdeckung. Schließlich stieß ich bei der Lektüre einiger französischer Memoiren auf einen interessanten Krankheitsbericht: einer Madame Pilau war die Wirkung einer zufällig vergifteten Kerze um ein Haar verderblich geworden. Die Idee zündete alsbald in meiner Phantasie. Ich kannte meines Opfers Gewohnheit, im Bette zu lesen (...) Doch ich brauche Sie nicht mit Einzelheiten zu behelligen, die nichts zur Sache tun. (...) Am nächsten Morgen ward er tot in seinem Bette entdeckt, und des Leichenschauers Spruch lautete - "Verstorben durch göttliche Heimsuchung."

 

Nachdem ich sein Vermögen geerbt, ging jahrelang alles gut mit mir. Nie stahl sich der Gedanke an Entdeckung auch nur einmal in mein Hirn. (...) Es ist unvorstellbar, welch reiches Empfinden der Genugtuung mir im Busen aufwallte, gedachte ich der absoluten Sicherheit, in der ich mich befand. (...) Doch schließlich nahte eine Zeit, da wandelte sich das so köstliche Gefühl ganz langsam, kaum bemerklich stufenweis´, in einen immer wiederkehrenden und quälenden Gedanken. (...) In dieser Weise jedenfalls geschah´s mir nun, daß ich mich unaufhörlich dabei ertappte, wie ich über meiner Sicherheit nachgrübelte und dabei mit leis´ gedämpfter Stimme das Sätzchen wiederholte - "Ich bin sicher."

 

Eines Tages nun, da ich so durch die Straßen für mich hin schlenderte, verhielt ich plötzlich Schritt und Stimme, als ich eben wieder dabei war, halblaut diese gewohnten Silben zu murmeln. In einem Anfall von keckem Übermut wandelte ich sie folgendermaßen ab: "Ich bin sicher - ich bin sicher - ja - jawohl - wenn ich nicht Narrs genug bin, offen zu bekennen."

 

Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, da fühlte ich, wie mir ein eisiger Schauder zu Herzen kroch. (...) Nun trat mir meine eigne, ganz zufällige Selbst-Suggestion, ich könnte möglicherweise Narrs genug sein, den Mord, dessen ich schuldig geworden, offen zu bekennen, auf einmal in den Weg, als sei´s der Geist des´ selber, welchen ich gemordet,  - und rief mich zu sich, forderte mich zum Tode. 

 

(...) Jede neue Gedankenwelle überschwemmte mich mit neuem Schrecken, denn ach! nur zu gut, zu gut nur wußte ich daß denken in meiner Lage hieß: verloren sein. (...) Wie ein Verrückter sprang ich durch die belebten Straßen. (...) Hätt´ ich mir nur die Zunge ausreißen können, ich hätte es getan, - doch eine wilde Stimme schallte an mein Ohr - ein wilderer Griff noch packte mich an der Schulter. Ich fuhr herum - ich rang, ich schnappte nach Atem. (...) Da brach das lange eingekerkerte Geheimnis mir aus der Seele. 

 

Man sagt, ich hätte in deutlicher Ausdrucksweise, doch mit auffallender Emphase und leidenschaftlicher Hast gesprochen, gleichsam als sei´s meine Angst gewesen, unterbrochen zu werden, ehe die kurzen, doch inhaltsschweren Sätze ganz heraus waren, welche mich dem Henker überantworteten und der Hölle. 

 

(...) Heut´ trage ich diese Ketten - und bin hier! Schon morgen werde ich fessellos sein! - doch wo? 

 

 

Geister der Toten                                               Spirits of the Dead

                                                             

Dein Seel´ wird einstens einsam sein         Thy soul shall find itself alone

in grauer Grabsgedanken Schrein -            `Mid dark thoughts of the gray tombstone -

kein Blick, der aus der Menge weit              Not one, of all the crowd, to pry 

noch stört´ deine Abgeschiedenheit.           Into thine hour of secrecy. 

 

Sei still in jener Öde Weben,                       Be silent in that solitude,

das nicht Alleinsein ist - es sind                   Which is not loneliness - for then

die Geister derer, die im Leben                   The spirits of the dead who stood

vor dir gestanden, ganz gelind                     In life before thee are again

nun wieder um dich - und ihr Wille               In death around thee - and their will

umschattet dich: darum sei stille.                 Shall overshadow thee: be still. 

 

Die Nacht wird finster drücken -                    The night, tho´ clear, shall frown - 

kein Stern herniederblicken                           And the stars shall look not down

vom hohen Thron im Himmelssaal,               From their high thrones in the heaven,

wie Hoffnung licht der Menschenqual -         With light like Hope to mortals given - 

nein, die glanzlos droben ziehn,                    But their red orbs, without beam,

werden deinem müden Sinn                          To thy weariness shall seem

wie ein Fieber und ein Brennen                     As a burning and a fever

nun und nimmer Ruhe gönnen.                      Which would cling to thee for ever.

 

Wähnen, das nicht zu verwinden,                  Now are thoughts thou shalt not banish,

Visionen, die nicht schwinden:                       Now are visions ne`er to vanish; 

weichen werden sie von dir                            From thy spirit shall they pass

nie mehr - wie der Tau vom Grase hier.         No more- like dew-drop from the grass.

 

Die Luft - der Odem Gottes - schweigt -       The breeze - the breath of God - is still-

auf dem Berg der Nebel steigt,                      And the mist upon the hill,

schattenhaft - flüchtig - doch ohne                 Shadowy - shadowy - yet unbroken, 

                                         zu weichen: 

dir ein Sinnbild und ein Zeichen -                   Is a symbol and a token - 

wie er in den Bäumen schwingt,                     How it hangs upon the trees,

Geheimnis in Geheimnis dringt!                     A mystery of mysteries! 

 

 

 

STOLTZE, Friedrich

 

Allopathie, Homöopathie, Hydropathie  (Ausschnitt) 

 

Der Jakob war e junger Mensch, e scheener Mensch, e guter Mensch, der Jakob war e reicher Mensch, un drum war err e ganzer Mensch. 

 

Und doch hat dem Jakob sei Vatter zum Jakob seiner Mutter gesacht: "Der Jakob is nor der halwe Mensch! Err steht doch immer da wie e Dippche Niß un mecht e Gesicht, als wenn em die Hinkel des Brot genomme hätte."

 

"Un err flieht die menschlich Gesellschaft un geht nor noch in die Seifzerallee!" hat dem Jakob sei Mutter gesacht. 

 

"Der Jakob muß krank sei."

 

"Ja, der Jakob muß krank sei."

 

Un der Vatter und die Mutter sin zum Jakob gange un hawwen en liewevoll aageredt: "Jakob, was fehlt derr?" (...)

 

Un der Jakob hat gesacht: "Waaß ich´s - ich bin doch kaa Doktor."

 

"Nein, Jakob, du bist kein Doktor, awwer geh zu em e Doktor." (...)

 

Un der Jakob hat gesacht: Gut, ich will zu em e Doktor geh." Und der Jakob is zum Doktor Engelmächer gange, der berihmt is gewese als e erschaffener Geist, der ins Innere der Nadur gedrunge war un das große Universalmittel Jod entdeckt hatt. Alles hat err mit Jod koriert, de Kreebs un de Bandworm, de Star un de Wolff un die Ratt und die Käwwer im Kopp. (...) Un der Jakob hat bei dem Doktor Engelmächer zwaa Patzjente aagetroffe, von dene jeder en gedruckte Speiszettel hat in der Hand gehat. Uff dene Speisezettel warn awwer diejenige Speise ausgestriche, die der Patzjent nicht hat esse derfe. Un der aane von dene zwaa Patzjente war e Droschkekutscher und der annere e Bankje.

 

Der Droschekutscher awwer hat sich de Mage verdorwe, weil err ze wenig gesse hatt, un der Bankje hatt sich de Mage verdorwe, weil er zu viel gesse hatt.

 

Un der Jakob is zu en higetrete un hat gesacht: "Meine Herren, was hawwe Se dann da? Se hawwe ja gedruckte Speiszettel?" (...) Un mit Verwunnerung hat jetz der Jakob gehört, wie die Zwaa ihr Speiszettel erunnergelese hawwe. - Der Droschkekutscher hat e sehr listern Gesicht gemacht beim Lese von seim Speiszettel:

 

"Trüffelpastete - derf ich esse

Austern - derf ich esse

welsche Hahnen - derf ich esse

Salm - derf ich esse

Pudding - derf ich esse

Champagner - derf ich trinke.

 

Derfe kimmt von derftig. Wenn ich net so derftig wär, so derft ich!" hat der Droschkekutscher gesacht.

 

Der Bankje awwer hat e sehr bedenklich Gesicht gemacht, wie err sich dorch sein Nasepetzer sein Speisezettel beguckt hat:

 

"Grießmehlsuppe - darf ich essen

Pureblut - darf ich essen

Hafergrütze - darf ich essen

Handkäs - darf ich essen

gequellte Kartoffeln - darf ich essen

trocken Schwarzbrot  - darf ich essen

Wasser - darf ich trinken.

 

Darf ich? Wann ich das alles darf, darf ich auch noch mehr." Un daderrmit  hat der Bankje dem Droschkekutscher en Wink gewwe, mit em enaus vor die Dihr zu geh. Draus vor der Dihr awwer hat err , gege e Trinkgeld, mit dem Kutscher die Speiszettel gedauscht. 

 

Der Jakob awwer hat zum Dokter Engelmächer gesacht: "Gu Morje, Herr Doktor."

 

"Nun, Herr Jakob, wo fehlt´s?"

 

Waaß ich´s? - Sie sin ja der Doktor." (...)

 

"Dut Ihnen etwas weh, Herr Jakob?"

 

"Naa, Herr Dokter, Gott sei Dank, weh dut merr nix."

 

"Nun ich weiß schon, was Ihnen fehlt. Sie müssen Jodmilch trinken." (...) 

 

Mit dem Jakob is es net besser warn, un err hat nach wie vor dagestanne als wie e Dippche Niß. (...) Dem Jakob sei Vatter hat awwer gesacht: "Jakob", hat er gesacht, "Die Allopathie kann dir doch nicht helfe, versuch´s emal mit der Homöopathie."

 

Da is der Jakob zu eme berihmte Homöopath gange. Un der Homöopath hat dagesotze an ere großmächtige Waschbitt voll Wasser, in dem der dausendste Daal von em Herschekörche drin erumgeschwomme is. (...) Der Homöopath awwer hat zum Jakob gesacht: "Ich wern Ihne helfe! Da! Nemme Se des ganz klaa Stäubche. Sehn Se´s?"

 

"Naa."

 

"No, desto besser! Dann is Ihne schont so gut wie geholfe. - Na! Nemme Se´s doch. Brenge Se´s awwer mit Vorsicht uff Ihr Zung und net zu nah an der Nas vorbei, sonst blase Se´s mit dem Hauch von Ihrem lewendige Odem iwwer de Neptun un Uranus enaus in e fremd Sonne- und Planetesystem. - Ich will´s Ihne liewer in e Stickelche Babbier wickele, damit Se´s net verliern. Mit dem Babbierche awwer fahrn Se uff der Eisebahn nach Hanau un binne´s dort an e Kördelche, un an des Kördelche binne Se en Staa un werfe´s dann mitte in de Maa, wo err am diefste is. Un dann fahrn Se mit der Eisebahn widder zerick nach Frankfort un trinke merr hibsch alle Morjend und alle Awend draus vorm Fahrdor an der Iwwerfahrt e Glas Wasser aus dem Maastrom. Bei große Iwwerschwemmunge herngege trinke Se nor e halb Glas voll, es könnt Ihne sonst schadde. Dann es steht geschriwwe im Schiller: "Im kleinsten Punkte die größte Kraft", un in Parre Stark´s Handbuch is ze lese: "Gott ist auch mächtig in den Schwachen."

 

Un der Jakob hat gedaa, wie em der Homöopath gerate hat, un es hat em aach werklich gar - nix geholfe. 

 

Dem Jakob sei Vatter hat awwer gesacht: "Jakob", hat err gesacht, "die Homöopathie greift dich zu sehr aa; se is ze stark for eweviel. Versuch´s mit der Hydropathie."

 

Un der Jakob is gereist in e Kaltwasserbad. (...) Un da hat der Doktor gesacht: "Sehen Sie dort den Herrn? Der kommt alle Jahre hierher. (...) Den hätten Sie sehen sollen! Auf vier Krücken ist er angekommen, zwei an den Händen und zwei an den Füßen. Und nach der dritten Abreibung hat er schon die steilsten Felsen erklimmt und die höchsten Berge erstiegen."

 

Un der Jakob (...) is naß gemacht warn uff alle erdenkliche Arte: mit Halbbäder un Vollbäder, mit Sitzbäder un Spritzbäder, mit Staubbäder un mit Regebäder, mit Wellebäder un mit Storzbäder. (...) Un wo e Brinnche gerisselt hat, hat err en Becher voll Wasser trinke misse, un es hawwe viele Brinncher gerisselt, sehr viele. (...) Un wie der Jakob vom Spaziergang zurickkomme is, war grad e wunnerschee jung Mädche aakomme, des ganz desselwig Leide gehat hat, als wie der Jakob: es war traurig un hat die menschlich Gesellschaft geflohe. - Der Jakob awwer hat sich dem Mädche schichtern genehert, un des Mädche hat sich schichtern dem Jakob genehert. Und in ach Dag warn se inenanner bis iwwer die Ohrn verliebt (...). Un wie dem Jakob sei Vatter uff Besuch komme is, hat err sein Jakob fast gar net mehr erkennt, so dicke Bauspacke hat er gehat, und hat gebliht wie der ostindische Flachs. 

 

Un der Jakob hat gerufe: "Vatter, ich bin gesund! Jetz waaß ich aach, was merr gefehlt hat."

 

"No, was hat derr dann gefehlt, mei liewer Jakob?"

 

"Ei, e Fraa, Vatter! Ei, e Fraa!"

 

 

Des Käthche un der Fridderich  (Von Liebe und Ehestand) 

 

An´s Käthche 

 

Ach, Käthche, ach, erhör mich endlich!

Ich lieb dich, Gottverdammich, schendlich!

Ach, dehst de mich nor flenne seh,

du kennt´st waaß Gott net widdersteh!

 

Doch du, hartherzige Hyäne,

du siehst net uff der Liewe Träne!

Dann ob aach laut mei Seufzer knalle

un faustedick mei Träne falle,

ob mir die Haar zu Berg aach steh´

un mir des Herz in Fetze geh´, 

was leiht dir draa - Dir dut´s net weh!

 

Du siehst, geliebtes Frauenzimmer,

mit mir werd´s däglich immer schlimmer:

die Lieweslast uff meiner Schulder, 

die trage jetzt kaum fuffzig Fulder,

der Schmerz, mit dem ich nach dir heul,

den ziehe net achtzig Haanzlerschgäul!

Die Sehnsucht, die ich nach dir heg, 

leiht untransportbar uff em Weg.

 

Ach Käthche, Käthche, Käthche, Käthche!

O Mädche, Mädche, Mädche, Mädche!

 

Soll ich mich, dir zu Lieb, erschieße?

Gelade is die Schlisselbichs!

Ich seh im Geist mei Blut schon fließe,

schwarz wie Soldanisch Stiwwelwichs!

Soll ich mich, dir zu Lieb, ersteche?

Der Bratspieß is schon lang gewetzt!

Mir, dir zu Lieb, des Halsgnick breche?

Die Holzaxt is schon aagesetzt!

Soll ich mich, dir zu Lieb, ersaafe?

Der Zuwer Wasser is bereit!

Ich, dir zu Lieb, ins Dollhaus laafe?

Der Herr Antoni wohnt net weit!

 

Du hörst net uff so treue Triewe?

Wohlan, so geh ich draa kaput!

Ich leg mich hie und sterb vor Liewe,

doch iwwer dich kimmt dann mei Blut!

Du sollst mich als Gespenst erblicke

in raweschwarzer Mitternacht!

Ich will dich als e Wuwatz zwicke,

bis de dich hast zu Dodt gelacht.

 

Als Butzemann komm ich uff Stelze,

zu ängstige des härtste Weib;

ich will als Alpch mich uff dich wälze,

bis dir die Lung verblatzt im Leib!

Jetz Käthche, werd es sich ergewe!

Werst de mich liewe? O, so sprich!

Doch, Käthche, bringst de mich ums Lewe,

dann ferchte deinen Fridderich!

 

An Fridderich

 

Ach, Fridderich, halt doch dein Schnawel!

Dei Wort geht wie e Ofegawel

un wie e stumber Besestiel

merr dorch mei weibliches Gefihl!

Ich bin gerihrt von so viel Liewe,

wie aagebrannte Weiße-Riewe!

Un dieses Herz, so hart wie Felse,

fängt merr, wie Worschtfett, aa zu schmelze.

Du hast mich e Hyän gescholle, 

jetz werst de merr´s beweise solle!

 

Dei Seufzer knallt, doch meiner dunnert!

Ich hab mich selwer schon verwunnert. 

Und ob dei Trän aach faustdick is,

mei sein derr aach kaa Hasselniß!

Un wann dei Haar zu Berg sich streuwe,

´s besser als wie ganz de Steuwe!

Du kämmst se widder schon erab, 

hie awwer heeßt´s: der Zopp is ab!

Un wann derr gung dei Herz in Sticke,

komm her, ich will derr´sch widder flicke!

Doch meins is so verisse gange,

daß zehe Katze kaa Maus drin fange.

 

Du siehst, o Mannsbild meiner Treie,

mei Lieb is, wie der Maa, im Steihe!

Un steht schon jetz, wie ich besorg,

zum wenigste bis an dem "Storch".

Du segst, net trüge fuffzig Fulder

die Lieweslast uff deiner Schulder, -

doch hawwe sich an meiner drowe

zwaahunnert Hausknecht Brich gehowe!

Du segst, dei schmerzliches Geheul,

net zög´ es hunnert Haanzlerschgäul, - 

doch gege meim is deß e Zweerg,

hier stehn die Ochse all am Berg!

Du segst: die Sehnsucht, die ich heg, -

leiht untransportbar uffem Weg;

ach! meine Sehnsucht, die ich hawe,

leiht wie e Kutsch im Chausseegrawe!

Ach, Fritzi! Fritzi! Fritzi! Fritzi!

Mei Spitzi! Spitzi! Spitzi! Spitzi! 

Breng dich net um! ´s wär for die Katze!

Aach könnt die Schlisselbichs verblatze;

und mit dem Bratspieß, mit dem spitze,

könnste dich leicht in de Finger ritze!

Aach du dich mit der Axt net beffe,

du kennst de rechte Platz net treffe!

Un mit dem Zuwer, des bedenk:

der Boddem krääg am Enn die Krenk.

Drum du dich liewer net ersaafe,

merr mißte sonst en neue kaafe!

 

Aach du des Dollhaus iwwernuppe,

du mißt derr sonst drinn Roßhaar zuppe,

un schweihe mißt de, wie e Mäusi,

sonst kämst de in des Drillerhäusi!

Aach geh merr net kaput! Was Bosse!

Ich mißt dich widder leime losse!

Un käm dei Blut uff mich, - wie schadd!

Merr hawwe ehrscht die Wäsch gehatt!

 

Komm aach als Geist net Nachts um Zwelfe:

Was kennte mich Gespenster helfe?

Un wann ich iwwer dich soll lache, 

brauchst net en Wuwatz ehrscht ze mache!

Aach schreckt mich net dei Butzegambel,

ich kenn dich ja als gute Hampel,

doch, daß de mich als Alpch willst dricke,

deß, Fritz, deß dut sich gar net schicke!

Doch weit entfernt, um dich ze morde,

fercht ich dich aach net, Fridderich!

Doch flöt ich dir ins Ohr die Worte: 

Ich liebe dich!

 

Mei Herz lääft merr vor Liewe iwwer!

Ach, Fritz, ach, kennst de´s laafe seh!

Es lääft als wie de Mähd ihr Ziwer,

wann se bei de Soldate steh!

Ich mögt derr flenne, mögt derr lache, 

ich kann vor Lieb kaa Pfod mehr mache!

Ach, Fritz du nor mei Mutter frage,

ich kann vor Lieb net "Bappsack" sage!

Hör awwer jetz aach uff ze heule!

Komm, laß dich dricke, laß dich kneule!

Komm her, mei aanzig Herzgebobbel,

komm her, ich drick dich an mein Joppel!

 

Ich fihl´s, mei Grundsätz sein erschittert

ich lodder sindig himmelwärts,

und wär mei Joppel net gefittert,

so kennst de brenne seh´ mei Herz. 

Ich bin vor Lieb ganz iwwerrumpelt!

Mei ganzes Wese is verkrumpelt.

Ist´s Sehnsucht! Ist es Poesie?

Mich iwwerlääft´s wie Lotterie!

Mei Herz geht uff als wie e Krebbel!

Ich bin erwaicht wie faule Äppel, 

ich bin erwaicht wie nasser Laahme,

ach, Fridderich, ach fihr mich haame!

 

 

Im Mai

 

Aus der Erde Schoß an das goldene Licht

Drängt sich alles hervor, nur die Toten nicht;

Doch lass´ sie und denk´, wie die Träne auch rinnt:

Nicht alle sind tot, die begraben sind!

 

Nicht alle sind tot, die nicht aufersteh´n,

Wenn die Lüfte wieder gelinder weh´n

Und die Zeit der Lieder und Rosen beginnt; 

Nicht alle sind tot, die begraben sind.

 

Nicht alle sind tot, die der Rasen bedeckt,

Kein Ostergeläute zum Leben erweckt, 

Kein Pfingstgeläute durch Wald und Flur; 

Nicht alle sind tot! Sie schlummern nur. 

 

Nicht alle sind tot, ob auch immerhin 

Vergebens die Sonne ihr Grab beschien;

Nicht Vater noch Mutter, noch gar ein Kind!

Nicht alle sind tot, die begraben sind. 

 

Nicht alle sind tot, deren Hügel sich hebt!

Wir lieben, und was wir geliebet, das lebt, 

Das lebt, bis uns selber das Leben zerrinnt; 

Nicht alle sind tot, die begraben sind. 

 

 

Sommerabschied 

 

Herrjeh - schon packt sei Sächelcher

der Sommer un will geh,

hebt ab die grine Dächelcher,

läßt nor die Balke steh.

 

Die Blimmerscher un Knöppercher

ringsum uff Schritt un Tritt,

mitsamt de Glitzertröppercher:

des alles nimmt err mit.

 

Die sieße Philomelercher

im Wald un Gaarte drei,

die liewe Sängerseelchercher:

des alles packt err ei.

 

Err läßt uns nor die Diewercher,

die Spätzercher, zurick,

die keckste Gassebiewercher; 

korzum - e schlecht Musik. 

 

Die bunte Schmetterlingercher,

die rings merr flattern sah,

wie Blietercher mit Schwingercher, - 

die läßt err aach net da.

 

Nor Stoppele un Dernercher

läßt uns der Sommer hie,

aach Sonn un Mond un Sternercher,

ja freilich, - awwer wie!

 

Was gäb´s for öde Plätzercher,

ze seh nix un ze hörn,

wann unser liewer Schätzercher

un Mädercher net wärn!

 

 

 

 

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