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Die Wassermühle

 

Leseprobe ...

 

 

 

 „Das kam eben über die Einsatzzentrale."  Michael hielt Klaus ein Fernschreiben hin. "Verkehrsunfall. An der Costa del Sol.“

„Warum immer ich?“ 

„Die anderen sind mit Auftrag unterwegs.“

Klaus ging in den Vernehmungsraum, setzte sich vor den Computer und holte die Eingabemaske für Einwohnermeldeamtsanfragen auf den Schirm. 

„Seit wann sind wir für Verkehrsunfälle in Südspanien zuständig?“ fragte Dagmar lächelnd. 

Klaus tippte Ludewig ein. „Nur für die Folgen.“

Dagmar setzte sich auf die Schreibtischkante. „Was machst du da?“

„Verdammt! Vermutlich der einzige Sohn.“

Dagmar griff nach dem Fernschreiben und begann zu lesen. Klaus stand auf. „Fährst du mit?“

Sie nickte. Ihr Gesicht war blaß. 

 

„Was ... Wie willst du es ihnen sagen?“ fragte sie, als sie zehn Minuten später aus dem Streifenwagen stiegen.  Klaus zuckte mit den Schultern. Er blieb vor der Gartenpforte eines hellgelb getünchten Reihenhauses stehen und studierte das Namensschild. Dann drückte er zweimal auf den Klingelknopf. Der Summer tönte. Sie gingen hinein. 

Rechts und links des gepflasterten Vorgartenwegs blühten Rosen und Lavendelbüsche. Neben der Haustür stand eine kleine Holzbank zwischen zwei sorgsam gestutzten Buchsbäumchen. Sie waren an Bambusstäben festgebunden und mit sonnengelben Schleifen verziert.  Dagmar hatte das Verlangen, wegzulaufen. 

„Frau Anne Ludewig?“ fragte Klaus freundlich, als ihm geöffnet wurde. 

„Ja“, sagte die Frau. Dagmar schätzte sie auf Ende vierzig. Sie trug einen blaßblauen Rock und eine aus der Mode gekommene Bluse. Ihr dunkles Haar war mit silbergrauen Strähnen durchsetzt. Sie lächelte. „Sie kommen wegen des Fotos, nicht wahr?“

„Welches Foto?“ fragte Klaus erstaunt. 

„Na ja, vorletzten Montag in der Waldstraße. Ich hatte es ein bißchen eilig.“

„Dürfen wir reinkommen?“ fragte Klaus. „Bitte.“

Das Lächeln erstarb. „Sie kommen nicht wegen des Fotos.“

„Nein“, sagte Klaus. „Ist Ihr Mann zu Hause?"

„Ich warte seit zwei Stunden auf ihn!“ Ihr Gesicht wurde käseweiß. „Ihm ist doch nichts passiert? Er ist doch nicht ...“

„Mit Ihrem Mann ist alles in Ordnung, Frau Ludewig. Bitte lassen Sie uns hineingehen, ja?"

Sie wurde aggressiv. „Nein! Ich will auf der Stelle wissen, was ... Jens! Sie kommen wegen Jens?“

„Bitte, Frau Ludewig.“ Klaus berührte sie leicht am Arm. „Oder wollen Sie, daß Ihre Nachbarn jedes Wort mithören?“

Ihr Gesicht entspannte sich. „Hat der Junge etwa irgendwas angestellt?“ Sie lächelte zaghaft. „Ich kann‘s mir zwar nicht vorstellen, aber ...“

„Ich sage es Ihnen drin, ja?“

Anne Ludewig trat beiseite und ließ sie hinein. Das Wohnzimmer war hell und gemütlich eingerichtet: Gelaugte Buchenholzmöbel, an den Wänden Blumenaquarelle, Seidenkissen auf der Couch; viel Grün überall. Der Eßtisch war für zwei Personen gedeckt.  Neben einem Bukett aus gelben Rosen stand eine Kerze. Der Geruch ihrer gelöschten Flamme lag noch im Raum. Durch die offene Terrassentür drang Vogelgezwitscher. Nebenan plärrte ein Kind. 

„Was ist mit Jens?“ fragte Anne Ludewig. 

Klaus nahm seine Uniformmütze ab. „Dürfen wir uns setzen?“

Anne Ludewig zeigte auf die Couch. „Bitte.“

Dagmar hielt ihre Mütze in den Händen und fixierte das Teppichmuster. Verschlungene Linien in Blau-Rot-Türkis.  Oder war das Grün?

Klaus legte seine Mütze neben sich und deutete auf einen Sessel. Er wartete, bis Anne Ludewig Platz genommen hatte. „Ihr Sohn Jens ist in Spanien in Urlaub?“

„An der Costa del Sol“, sagte Anne Ludewig. 

Es war Türkis. Eindeutig. Kein Grün. 

„Er hatte einen Verkehrsunfall“, sagte Klaus. 

Die Linien formten sich zu einem Gesicht. Es sah sie an. 

„Wann?“ fragte Anne Ludewig. „Wie geht es ihm? Ich muß sofort ...“

„Es tut mir sehr leid, Frau Ludewig. Ihr Sohn ist tot.“

Eine blau-rot-türkisfarbene Fratze. Und die Vögel auf der Terrasse sangen, als sei nichts geschehen. 

„Ist Ihr Mann telefonisch erreichbar?“ fragte Klaus leise. 

Anne Ludewig sah durch ihn hindurch. 

„Frau Ludewig, können wir irgend etwas ...“

„Gehen Sie. Ich möchte allein sein.

Die Fratze bewegte sich unter ihren Füßen. Dagmar machte Anstalten aufzustehen. 

Klaus räusperte sich. „Ich verstehe Sie ja. Aber ich glaube, wir sollten warten, bis Ihr Mann heimkommt.“ 

„Nichts verstehen Sie“, sagte Anne Ludewig. „Bitte verlassen Sie mein Haus.“

„Hat Ihr Mann ein Handy dabei?“

„Gehen Sie. Bitte.“

Die Fratze umschlängelte ihre Füße. Dagmar bohrte ihre Absätze in sie hinein. 

Klaus stand auf. „Ich denke, es wäre gut, jetzt nicht allein zu sein. Wir sollten ...“

„Gut?“ Anne Ludewig sprang auf. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. „Was wissen Sie denn schon!“

Dagmar wollte aufstehen. Die Fratze hielt sie fest.

„Lügen! Alles nur gottverdammte Lügen!“ Anne Ludewig schlug auf Klaus ein. Er nahm sie in seine Arme. Sie wehrte sich kurz, dann begann sie zu weinen. „Mein Jens ist so ein guter Junge. Hat sein Abitur mit eins gemacht. Als einziger der ganzen Schule. Und wie er sich auf Spanien gefreut hat. Übermorgen kommt er heim.“ Klaus strich ihr übers Haar. Sie sah ihn lächelnd an. „Ist sein Auto sehr kaputt?“

„Nein.“ 

„Andere bekommen so was ja zum Abitur geschenkt. Aber wir konnten doch nicht ... Er hat darauf gespart. Jede Ferien gejobbt. Ich bin so stolz auf ihn, verstehen Sie?“ 

„Ja.“

„Ich hab extra was vom Haushaltsgeld zurückgelegt. Damit ich ihm was dazugeben kann, zu seinem Urlaub.“

Klaus nickte.  

„Schon als er noch im Sandkasten spielte, wollte er Arzt werden, wissen Sie. Und jetzt hat er auf Anhieb einen Studienplatz für Humanmedizin bekommen."

„Das ist schön.“

„Ja, nicht wahr?“ Anne Ludewig wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Klaus ließ sie los. 

„Bitte entschuldigen Sie, Herr ...?“

„Winterfeldt.“

„Habe ich Ihnen wehgetan, Herr Winterfeldt?“

„Ach was.“ 

„Möchten Sie ... Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Einen Kaffee?“

„Gern.“

„Ihrer Kollegin auch?"

Dagmar schüttelte den Kopf. 

„Eine Limonade vielleicht?“

„Nein danke, ich ...“ Sie brach ab. Anne Ludewig zuckte mit den Schultern und ging in die Küche. 

„Wie kannst du hier jetzt Kaffee trinken?“ fragte Dagmar mit gepreßter Stimme.

Klaus setzte sich neben sie. „Ich denke, dir würde ein Täßchen auch nicht schaden, hm?"

„Du bist geschmacklos! Einer Frau, die gerade ihr einziges Kind ...“

„Manchmal hilft es, wenn sie irgendwas tun können.“ Klaus betastete seine schmerzenden Rippen. „Hoffentlich kommt ihr Mann bald.“

„Entschuldige. Ich ...“

„Schon gut. Ich bin auch froh, wenn wir hier raus sind.“

 

„Ich habe mich reichlich dämlich angestellt, nicht wahr?“ sagte Dagmar auf dem Rückweg zur Dienststelle. 

Klaus sah sie an. „Du hast dein Bestes getan.“

„Ich habe nichts getan!“

„Manchmal ist nichts zu tun das einzig Richtige.

Dagmar stoppte an einer roten Ampel. „Ich kam mir ziemlich fehl am Platz vor.“

Klaus lächelte. „Als ich meine erste Todesnachricht überbrachte, mußte ich vorher eine Valium nehmen und hinterher duschen.“

„Dann besteht ja noch Hoffnung.“ Sie warf ihm einen schnellen Blick zu. „Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt wie vorhin, Klaus.“

„Mit den Jahren gewöhnt man sich dran.“

Die Ampel sprang auf Grün; Dagmar fuhr los. Klaus sah aus dem Fenster. Sein Gesicht war grau. 

 

© Ullstein Taschenbuchverlag, München, 2000

 

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