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Baumgesicht

Geschichten, Gedichte, Gedanken

 

 

 

 

 

 

Vorwort zur 3. Auflage

 

Geschichten schrieb ich schon als Kind in Schulheften auf, kaum, dass ich das Alphabet beherrschte. Später verfasste ich allerlei Gereimtes, und im Alter von etwa sechzehn meinen ersten „Roman“, eine zugegebenermaßen grottenschlechte Liebesgeschichte, die zurecht in einer Schublade verschwand. Nachdem ich eingesehen hatte, dass Schreiben durchaus etwas mit Handwerk zu tun hat, stellten sich erste kleine Erfolge ein: Kurzprosa und Lyrik, zum Teil aus „Hausaufgaben“ eines Fernlehrgangs hervorgegangen, wurden in Anthologien und Zeitschriften publiziert; ich schrieb Artikel über meinen Beruf Polizistin, arbeitete zwei Jahre als Lokaljournalistin und mehrere Jahre in der Redaktion einer Literaturzeitschrift.

 

1995 erschien Baumgesicht – eine Werkstattausgabe meiner zum Teil bereits veröffentlichten Geschichten und Gedichte. Noch im gleichen Jahr war das Buch vergriffen. Ab 1998 verschrieb ich mich wieder dem Roman und publizierte im Verlagshaus Ullstein-Heyne-List Bei meinen zahlreichen Lesungen fragten die Leser aber immer wieder nach Baumgesicht. Daraus entstand im Jahr 2003 die Idee, meinen Erstling – um einige Texte erweitert – neu aufzulegen. Für mich war das auch eine (Zeit-)Reise zu den Wurzeln meines schriftstellerischen Schaffens. Umsomehr freue ich mich, mein Debüt nunmehr in einer illustrierten und überarbeiteten 3. Auflage vorlegen zu können.

 

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!

 

Nikola Hahn, im Sommer 2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erfundene Welten. Vorwort zur Erstauflage

 

Alltagsliteratur nennt Nikola Hahn ihre Arbeiten. Simpel gestrickte Happy-End-Stories sind ihr ebenso suspekt wie hochgeistige literarische Ergüsse, die kein Mensch versteht, sagt sie, ihre Prosa und Lyrik (besser: verdichtete Gedanken) wollen nicht unbedingt gefällig, aber doch verständlich sein; die Texte sind zum Teil autobiographisch, allerdings nie vollkommen. Im Gedicht stellt sie den freien Rhythmus dem Reim zur Seite, der sarkastische Einwurf oder die kritische Zustandsbeschreibung haben ihren gleichberechtigten Platz neben dem zarten Stimmungsbild – starke Gegensätze, die hier im Schreiben ihren vielfältigen Ausdruck finden.

 

Verarbeitung des Alltags in der Literatur, der Blick auf das an und für sich wenig Spektakuläre, die Heldinnen und Helden ganz normale Leute – diese sogenannte Alltagsliteratur hat mit Vorurteilen zu kämpfen. Und doch erfindet sie, wie die Autorin meint, gleichfalls ihre Welten. Das macht für Nikola Hahn den Reiz der Schriftstellerei aus: In ihren Arbeiten zeigt er sich zum einen im konstruktiv-spielerischen Umgang mit den literarischen Formen, zum anderen in der erzählerischen Durcharbeitung der Texte. Hier, in den Erzählkernen gewissermaßen, mag ein biographisches Moment verborgen sein, als Anstoß und Auslöser für das, was zu erzählen ist, das Weltenerfinden eben.

 

Geboren 1963 in Wehrda (Kreis Marburg-Biedenkopf), lebt die Kriminalkommissarin heute in Rödermark. Den Weg von einer Region in die nächste und die berufliche Ausbildung begleiten – nach frühen literarischen Anfängen – ein Fernstudium (Lyrik, Belletristik, Sachliteratur) und praktische Erfahrungen im Schreiben (Freie Mitarbeit bei der Offenbach-Post, Veröffentlichung in Antholo­gien) sowie berufliche Einsätze in den Metropolen: Startbahn West, Hamburg Hafenstraße. Daneben: Zeichnen und Engagement für den Natur- und Umweltschutz.

Zwischen Polizei und Greenpeace? Der Biographie ist ein Spannungsmoment inne, das für viele gewiss nicht einfach nachzuvollziehen ist. Die Literatur spiegelt es wieder zurück; so bleibt, im literarisch übertragenen Sinne, das Bemühen um den Ausgleich ein großes – vielleicht das große – Thema im Schreiben von Nikola Hahn. Die Dinge werden aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, die „andere“ Seite erfährt eine sie nicht minder ernst nehmende Betrachtung wie der subjektive Standpunkt der Erzählerin oder des lyrischen Ich selbst. Damit wird freilich ein Anspruch aufgegeben, den wenigstens die hohe Literatur für sich noch postuliert: Einseitig zu sein, ja sein zu wollen und zu müssen. Hier scheiden sich die Wege; bezieht die Alltagsliteratur von Nikola Hahn auch Stellung und gibt Denkanstöße, so vermeidet sie doch Anstößigkeit im Sinne einer tendenziellen Wertung. Auch der Alltag, dieses große Sowohl-als-auch, braucht seine Literatur.

 

Dreieich, im Mai 1995

Michael Neuner

 

 

 

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