
("Frankfurter
Rundschau", 3.1.2003)
Keine
einsamen Kämpfer mit leerem Kühlschrank
Die
Polizistin und Autorin Nikola Hahn über ihren historischen Frankfurt-Krimi und
die Polizeiarbeit damals
Mit
Mord, Raub und Erpressung kennt sich Nikola Hahn gut aus. Bei der Offenbacher
Polizei bearbeitet die 39jährige Hauptkommissarin auch brisante Fälle.
Außerdem widmet sie sich den Schattenseiten unserer Gesellschaft auch als
Schriftstellerin. In ihrem dritten Roman "Die Farbe von Kristall"
schildert sie die Ermittlungen in einem Mordfall, der sich 1904 tatsächlich in
Frankfurt ereignete. FR-Mitarbeiter Günter Keil sprach mit der Autorin.
FR:
Was fasziniert Sie an der Zeit der Jahrhundertwende?
Nikola
Hahn: Es ist hochinteressant, zu den Wurzeln der Kriminalistik
zurückzugehen. Ich schreibe über die Ursprünge unserer heutigen polizeilichen
Ermittlungsmethoden. In der damaligen Beweisführung war man teilweise schon
weit. Die Tatortfotografie entwickelte sich und auch der Fingerabdruck wurde
nach und nach eingesetzt. Andererseits konnte man das Blut von Menschen gerade
erst von Tierblut unterscheiden. Ich finde es spannend, die wissenschaftlichen
und kriminalistischen Möglichkeiten zu untersuchen. In allen Büchern finden
sich Hinweise darauf, dass die Spurensuche schon fast wie heute ablief. Man
konnte die Erkenntnisse nur nicht so gut auswerten.
FR:
Hatten es Kriminelle damals leichter?
Nikola
Hahn: Manchmal schon, denn es war relativ einfach, sich eine neue Identität
zuzulegen. Die Identifizierung über sichere Dokumente, Pässe oder Kreditkarten
gab es ja noch nicht. Die überörtliche Fahndung, die ich in meinem Buch
beschreibe, fand in Frankfurt damals zum ersten Mal statt. Einige Kriminalisten
machten diese Nachteile allerdings wett, da sie sich sehr gut Gesichter
einprägen konnten. Es gab Kripo-Beamte, die in Gefängnisse geschickt wurden
und sich die Insassen genau ansahen. Später konnten sie durch ihre Erinnerung
an mögliche Täter Aussagen machen.
FR:
Wie haben Sie sich die Kenntnisse über diese Zeit angeeignet?
Nikola
Hahn: Ich verbringe viel Zeit in Bibliotheken und besorge mir auch über das
Internet alte kriminalistische Lehrbücher. Da sich der Mordfall auf der Zeil
tatsächlich ereignete, konnte ich auch auf alte Zeitungsausschnitte
zurückgreifen.
FR:
Könnten Sie sich vorstellen, in der Zeit der Handküsse und Salons zu
leben?
Nikola
Hahn: Nun, das Gediegene und Edle ist ja nur die eine Seite der Medaille.
Daneben gab es bekanntlich auch Kleinbürgertum und Proletariat. Ich glaube, ich
wäre nicht im Großbürgertum angesiedelt, und von daher lebt es sich heute
sicher besser, vor allem als Frau.
FR:
Sie beschreiben die Probleme der ersten Frau im Polizeidienst. Hatten Sie
selbst es wesentlich leichter?
Nikola
Hahn: Ja, denn wir sind heute absolut gleichberechtigt, sowohl in der
Ausbildung
als auch in der späteren Verwendung. Als ich 1984 mit dem Polizeidienst anfing,
und wir Frauen zum ersten Mal die gleiche Ausbildung wie Männer durchliefen,
galten wir noch als exotisch. Da war es manchmal schon schwierig, sich
durchzusetzen. Aber inzwischen zählt nicht mehr das Geschlecht, sondern nur
noch die Leistung.
FR:
Keine Macho-Sprüche, kein Mobbing?
Nikola
Hahn: Das kann schon mal vorkommen. Aber dazu muss man wissen: Bei uns
herrscht generell ein herzlich rauer Umgangston untereinander. Wer den nicht
erträgt, der sollte einen anderen Beruf nehmen, denn der Umgangston mit unserer
Klientel ist noch viel derber. Wir haben einen schweren Job und erleben auch
sehr unangenehme, schwer zu verarbeitende Dinge. Da kann ein derber Witz eine
Befreiung sein und eine Möglichkeit, mit Stress und Härten umzugehen. Das
betrifft alle Kollegen, egal ob Frau oder Mann.
FR:
Lesen Sie gerne Krimis?
Nikola
Hahn: Nicht nur. Es muss jedenfalls nicht immer eine Leiche dabei sein. Ich
mag Der Herr der Ringe, Momo, Minette Walters oder auch Der Medicus.
FR:
Was stört Sie als echte Kommissarin an Krimis?
Nikola
Hahn: Die Darstellung des einsamen Kämpfers, dessen Kühlschrank ständig
leer ist und der fast täglich besoffen zu Hause rumliegt. Das nervt, denn die
Mehrzahl der Polizisten ist keinesfalls so. Viele haben Familien nd leben ganz
normal wie andere Menschen auch. Außerdem gibt es nur selten den Einzelgänger,
da Polizeiarbeit meistens Teamarbeit bedeutet. Manche Autoren bringen auch
Behörden durcheinander. Eine der seltenen Ausnahmen ist Henning Mankell. Er
beschreibt in seinen Wallander-Romanen die Polizeiarbeit sehr realistisch.
