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Interview 3

(Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Nr. 10, 5. März 1999, Auszug)

 

"Ich verfolge das Böse"

 

    Im Gespräch: Nikola Hahn

 

Wenn eine Kriminaloberkommissarin einen Krimi schreibt, ist das nicht ohne Risiko. Geht die Arbeitsmoral flöten? Fehlt schriftstellerisches Gespür? Nichts von alledem bei Nikola Hahn. Der Hessin ist ein spannender Roman geglückt (Die Detektivin, Marion von Schröder Verlag, 440 Seiten, 39,80 DM). Er spielt Ende des 19. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte einer intelligenten jungen Frau, die einem Serienmörder auf die Spur kommt. Ein Wunschtraum der Autorin? Jedenfalls hasst sie es, wenn Arbeit Routine wird.

 

 

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Leiche, die längere Zeit im Wasser gelegen hat. Wollen Sie Ihre Leser schockieren?

 

Nikola Hahn: Nein. Mir war gar nicht bewusst, dass das für die Leser ein Schock sein könnte. Für mich ist eine Leiche nichts Ungewöhnliches. Die Beschreibung von Leichenerscheinungen war schon Thema in der Polizeischule. Da haben wir zum Beispiel gelernt, dass die Zersetzung einer Leiche sofort beginnt, wenn es warm wird. Der Körper wird dick und quillt auf. Es entstehen Blasen, an manchen Stellen platzt die Haut. Irgendwann verfärbt sich der Leichnam und wird erst grün, dann schwarz.  Das Schlimmste ist aber nicht das Aussehen, sondern der furchtbare Geruch. 

 

 

Wie war das, als Sie im Dienst Ihre erste Leiche gesehen haben?

 

Hahn: Das war ein älterer Mann, der sich im Wald verirrt hatte. Er lag da und sah so normal aus, dass ich dachte, er würde sich bestimmt gleich bewegen. Der Tod war für mich nicht fassbar. Vor einer Leiche zu stehen, ist ein ganz komisches Gefühl - jedesmal wieder. 

 

 

Eigentlich sind Betrug und Wirtschaftskriminalität Ihre Spezialgebiete. Haben Sie da auch mit Morden zu tun?

 

Hahn: Nein, gar nicht. Aber während meiner Ausbildung musste ich trotzdem bei Obduktionen zusehen.  Eine Weile habe ich beim Kriminaldauerdienst Leichensachen bearbeitet. (...)

 

 

Ist Ihre Arbeit gefährlich?

 

Hahn: Ja. Ab und zu schon. 

 

 

Haben Sie auch mal Angst bei Durchsuchungen oder Festnahmen?

 

Hahn: Ja. Manche Leute behaupten, sie hätten nie welche, aber das glaube ich nicht. Vielleicht verdrängen sie die Angst. Wir haben mal einen Mann festgenommen, der bewaffnet war. Da denke ich schon über die Gefahren nach - aber meistens erst hinterher. 

 

 

Über die Heldin in Ihrem Krimi sagen Sie einmal: Ihre Neugier war stärker als ihre Furcht. Trifft das auch auf Sie zu?

 

Hahn: Ja, ich bin sehr neugierig. Ich will unbedingt etwas über die Hintergründe einer Tat erfahren.

 

 

Ihre Arbeit konfrontiert Sie mit Gewalt. Auch in Ihrem Buch ist Gewalt ein wichtiges Thema. 

 

Hahn: In meinem Buch kommt Gewalt nicht um ihrer selbst willen vor, sie ist kein Selbstzweck. Die Leute sollen sich nicht an ihr erfreuen. Aber Gewalt ist nun mal ein Teil der Wirklichkeit. 

 

 

Sie selbst wenden Gewalt an.

 

Hahn: Mir macht es keinen Spaß, jemanden mit Gewalt festzunehmen. Ich bin immer froh, wenn es ohne geht. Aber manchmal hilft nur noch körperliche Gewalt. Das darf man nicht leugnen oder schönreden. Gewalt ist ein Teil des Lebens, und deshalb muss man auch darüber schreiben. 

 

 

Gehen Frauen anders mit Gewalt um als Männer?

 

Hahn: Gewaltdelikte, also Körperverletzungen, Raubüberfälle und ähnliches, werden vor allem von Männern begangen. Bei Tötungsfällen ist das ein bisschen anders - bei Familiengeschichten flippt auch mal eine Frau aus. Aber die Frauen holen auch bei reinen Gewaltdelikten auf. Ich glaube, das hängt mit dem geänderten Rollenverständnis zusammen. Ich kenne Frauen, die sehr aggressiv sind - aggressiver als mancher Mann.

 

 

Hatten Sie es als Frau schwer, sich bei Ihren Kollegen durchzusetzen?

 

Hahn: Ich musste meine Arbeit schon sehr gut machen, um anerkannt zu werden. Ich denke aber, man sollte als Frau einfach natürlich sein und sich geben, wie man ist. Wenn man Gleichberechtigung will, darf man auch nicht erwarten, dass der Mann einem die Tür aufhält. Man muss sich auf die Welt der Polizisten, in der eben manchmal eine etwas derbe Herzlichkeit herrscht, einlassen. Dazu brauche ich mich aber nicht zu verdrehen; ich muss auch mein Frausein nicht aufgeben. 

 

 

Die Heldin Ihres Buches fragt sich: Warum hat mich der liebe Gott nicht als Junge erschaffen?

 

Hahn: Stimmt. Aber ich selbst möchte kein Mann sein. Man ist heute zum Glück nicht mehr so fest an die tradierten Rollenbilder gebunden wie im 19. Jahrhundert. Ich kann meinen Weg im Beruf machen, und wenn ich keine Kinder haben möchte, wird das akzeptiert. Das finde ich gut. 

 

 

Wollten Sie schon als Kind zur Kripo?

 

Hahn: Nein, ich wollte überhaupt nicht zur Polizei. Das kam erst nach dem Abitur. Eigentlich wollte ich eine Uniform tragen und Schutzpolizistin werden. Mit dem Streifenwagen herumzufahren, habe ich mir toll vorgestellt. Die Realität war dann anders. Unfälle aufzunehmen habe ich gehasst, Familienstreitigkeiten fand ich frustrierend. Ich kam mir manchmal wie der Fußabtreter der Bürger vor und musste mir oft Beschimpfungen anhören. Irgendwann stand für mich fest: Wenn Polizeiarbeit, dann bei der Kripo. 

 

 

Wieso?

 

Hahn: Weil man bei der Kriminalpolizei sehr viel über Menschen und über die Gesellschaft lernt. (...) Der Unterschied zwischen Reich und Arm und oben und unten erschließt sich wohl nirgends so sehr wie in meinem Beruf. 

 

 

In den letzten Jahren haben Sie geschrieben und gleichzeitig gearbeitet. Füllt Ihr Beruf Sie nicht aus?

 

Hahn: Doch, schon. Aber ich hatte zu dieser Zeit sehr viele einfache Fälle. Formalien, Zettel ausfüllen, das ist nichts für mich. Bürokratie finde ich furchtbar. 

 

 

Dann haben Sie Ihre überschüssige Energie in das Buch gesteckt?

 

Hahn: Ja. 

 

 

Hatten Sie denn schon immer Spaß daran, Krimis zu lesen?

 

Hahn: Nur an wenigen. Actionkrimis gefallen mir überhaupt nicht. Die Charaktere sind meistens sehr platt. Ich möchte etwas über die Motive der Figuren erfahren. (...)

 

 

Ist das eine sehr weibliche Vorliebe?

 

Hahn: Vermutlich. Elisabeth George, Minette Walters oder Donna Leon haben sich in der Buchlandschaft wohl auch deshalb durchgesetzt, weil  sie keine eindimensionalen Geschichten erzählen. (...)

 

 

Sie versetzen sich beim Schreiben in die Figuren hinein - nicht nur in die guten ...

 

Hahn: ... sondern gerade auch in die Bösen, ja. Das mache ich im Beruf auch ständig. Wenn ich jemanden überführen will, muss ich mich in ihn hineinfühlen. Kriminelle denken anders. Sie haben auch nicht mein Weltbild. Man darf nicht tolerieren, was sie tun, muss es aber nachvollziehen können. 

 

 

Besteht nicht die Gefahr, aus diesem fremden Denken nicht mehr rauszukommen?

 

Hahn: Bestimmt. Es hilft mir, abends nach Hause zu gehen und da ein ganz anderes soziales Umfeld zu haben. 

 

 

Sie haben auch in zwei Welten gelebt, als Sie das Buch geschrieben haben. 

 

Hahn: Ja, die ganze Zeit. Nach Feierabend, zu Hause vor dem Computer, sind die Figuren meines Romans lebendig geworden. Ich wusste, was sie denken, wie sie fühlen, wann sie leiden. Das war eine ganz neue, fast erschreckende Erfahrung für mich. 

 

 

Die Figuren haben sich verselbständigt?

 

Hahn: Ja. Manchmal habe ich sogar nachts von ihnen geträumt. Auch als das Buch fertig war, bekam ich die Figuren lange Zeit nicht aus dem Kopf. Sie blieben einfach da. 

 

 

Die Fragen stellte Katharina Hoins. 

 

 

 

 

 

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