
(BILD, 11. Juni 1998, Auszug)
Als Frau bei der Kripo
Kriminaloberkommissarin Nikola Hahn
erzählt hier von der rauhen Wirklichkeit
Sie
wirkt wie die nette Nachbarin von nebenan. Doch Nikola Hahn (34) ist eisenhart,
wenn es um Verbrecher geht. Sie ist Kriminaloberkommissarin in Offenbach, jagt
Geldfälscher und andere Wirtschaftsverbrecher. In ihrer Freizeit hat die
Polizistin jetzt den Kriminalroman "Die Detektivin" geschrieben. Hier
berichtet sie von der rauhen Wirklichkeit ihres Jobs.
In
Ihrem Roman "Die Detektivin" sind Männer überzeugt, daß
Kriminalistik nichts für Frauen ist. Gibt´s da heute noch immer Vorurteile?
Nikola
Hahn: "Als ich vor 15 Jahren
bei der Polizei anfing, hatten die älteren männlichen Kollegen schon noch
Vorurteile. Wir Frauen waren für sie Exoten. Als wir das erstemal nach der
Polizeischule aufs Revier kamen, starrten die uns an, als wenn sie noch nie eine
Frau gesehen hätten. Und dann hieß es: Oje, dich kann ich doch nicht zur Demo
oder Schlägerei schicken. Das werden wir ja sehen, hab´ ich geantwortet. Wir
Frauen mußten erst beweisen, daß wir das genauso gut können. Heute
akzeptieren und respektieren sie uns." (...)
Hausdurchsuchungen,
Festnahmen und Observationen von Verdächtigen. Haben Sie nie Angst dabei?
"In
den gefährlichen Momenten spüre ich keine Angst. Mein Adrenalinspiegel ist
dann ganz oben, ich bin völlig auf die Situation konzentriert. Später, wenn
ich dann in Ruhe darüber nachdenken kann, wird mir aber schon mulmig."
Sie
sind seit 7 Jahren mit einem Kollegen von der Kripo verheiratet. Sind Kinder
überhaupt mit Ihrem Beruf zu vereinbaren?
"Für
meinen Mann und mich nicht. Wir haben uns bewußt dagegen entschieden. Ich
hätte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich später aus dem Büro kommen
würde und mich nicht um mein Kind kümmern könnte."
Was
war Ihr gefährlichster Einsatz?
"Ich
mußte gemeinsam mit Kollegen schon unzählige Personen festnehmen, die sich
gewehrt haben. Da kommt es häufig zu Rangeleien. Außer ein paar blauen Flecken
ist mir noch nie etwas passiert. Die gefährlichste Situation erlebte ich am 2.
November 1987. Ich war bei der Bereitschaftspolizei, wurde bei der Demo an der
Startbahn West des Frankfurter Flughafens eingesetzt."
Wie
haben Sie die "Startbahnmorde" damals erlebt?
"Von
überall her flogen Steine und Feuerwerkskörper. Riesige Strohballen, die in
Flammen aufgingen, versperrten Wege. In diesem Chaos hörte ich die Schüsse von
dem Demonstranten nicht. Erst später realisierten wir, daß zwei Kollegen tot
waren. Es hätte jeden treffen können, auch mich."
Bei
der Kripo gibt es keine Uniform. Sie tragen Zivilkleidung. Wo verstecken Sie
eigentlich Ihre Waffe?
"Wenn
wir im Einsatz sind, tarne ich sie unter einer Jacke. Im Büro liegt sie in der
Schublade. Zum Glück mußte ich sie noch nie einsetzen. Übrigens: In
TV-Krimis wird immer gezeigt, daß Waffen erst mal durchgeladen werden, bevor
man schießt. Dieses laute Geräusch würde Polizisten sofort verraten. Die
Waffe ist in Wirklichkeit immer schußbereit."
Nach
Schimanski und Co. gibt es jetzt auch immer mehr Kommissarinnen im Fernsehen.
Sind sie realistisch?
"Nein,
keine von uns stöckelt auf hochhackigen Schuhen im Dienst rum wie Hannelore
Elsner in "Die Kommissarin". Das wäre bei einer Verfolgungsjagd fehl
am Platz. Entweder tragen die TV-Kommissarinnen Designer-Klamotten, oder sie
werden als Mannweiber dargestellt. Die Wahrheit liegt irgendwo
dazwischen." (...)
Martina Tabak
