
Wenigstens
ab und zu?
Wir
bemühen uns seit 25 Jahren um das Gedicht. Nicht um hermetisch
verschlüsselte Poesie oder gut gemeinte Verschenktexte. Für uns ist
Lyrik Auseinandersetzung mit allem, was das Leben bereit hält,
Selbstfindung, Kommunikation, Botschaft. Dichtung auch als Arbeit am
Wort.
Lyrik
gilt als schwer zugänglich, nur wenige beschäftigen sich mehr oder
weniger intensiv mit ihr, dabei begegnen wir ihr täglich, denken wir
nur an die Songtexte der Rock- und Popmusik, sogar in der Werbung hat
sie mit ihrem ins Ohr gehenden Rhythmus und Reim Eingang
gefunden.
Trotzdem
sehen Verlage - ohne es laut zu sagen - im Lyriker eine Art persona
non grata, denn er stellt für sie ein Wagnis dar, läßt sich doch
ein Gedichtband nur mit einer soliden Reihe von Bestsellern und
Sachbüchern im Hintergrund ins Auge fassen - ein Spagat zwischen Geld
und Geist, falls man sich überhaupt darauf einläßt. Theater,
Orchester und sogar TV-Sender erhalten staatliche Subventionen,
Verlage dagegen stehen in der Kulturlandschaft im Regen.
Es
gibt beim Buchhändler manche gefragte Lyrikausgaben, z. B. von Hilde
Domin, Sarah Kirsch oder Paul Celan, aber Bestseller sucht man
vergeblich. Das liegt, sagt man, in der Natur der Poesie, an der
Ansprechbarkeit des Lesers, der durch einfühlendes Mitschwingen den
interseelischen Vorgang im Dichter nachvollziehen soll. Das ist ein
absolut subjektives Unterfangen. Aber auf alle Fälle sollte das Buch
eine echte Begegnung sein, eine Erfahrung, sonst ist es nur
Zeitvertreib, und das ist für den Lyriker zu wenig.
Gegenwärtig
überfluten zu viele austauschbare Bücher den Markt, Bestseller nicht
ausgenommen, Gedichtbände dagegen sind einmalig wie die
Papillarlinien unserer Fingerkuppen. Gedichte können berühren,
sollen und wollen Antworten geben, vermögen zu trösten. Christoph
Meckel sagt zwar in seiner "Rede vom Gedicht", das Gedicht
sei nicht der Ort, wo das Sterben begütigt, der Hunger gestillt und
die Hoffnung verklärt wird, und Marcel Reich-Ranicki meint, trösten
und besänftigen könne uns die Lyrik nicht. Und doch kann es
niemandem verwehrt werden, Verse auf seine persönlichen Stimmungen
anzuwenden, sie als tröstlich zu empfinden, in den Worten eines
Fremden sich selbst zu erkennen oder im Gedicht das zu sehen, was wir
gerne verdrängen oder vergessen: ein modernes Gebet. (...)
Wenn
Lyrik eine Randerscheinung ist, dann liegt es an einem kleinen, aber
einflußreichen Kreis, der einer experimentellen und zuweilen
hermetisch verschlüsselten Lyrik den Vorzug gibt, die für eine
dünne Schicht von Insidern bestimmt ist - an das Interesse
einer breiteren Leserschaft wird nicht gedacht, dabei ist es
vorhanden. Es liegt am Inhalt.
Daß
man in Buchhandlungen keine Lyrikecken mehr findet, hat noch einen
anderen Grund. Heute schafft es kein Buchhändler mehr, seine Titel
nur ein halbes Jahr auszustellen, schon rollt die nächste Buchlawine
durch das Land und spült gnadenlos alles weg, was nicht im Regal
festgeschraubt ist. Dominiert wird der Markt durch Großkonzerne, die
mit marktwirtschaftlichem Killerinstinkt andere Verlage an die Wand
drücken oder kaufen und damit deren Identität verwässern. Zum
Glück macht diese Fusionitis mit ihrer nivellierenden Gleichmacherei
vor kleineren Verlagen halt, denn die sind für sie uninteressant mit
ihren eigenen Schwerpunkten, die für kleinere Leserzielgruppen
gedacht sind. Es sind gerade diese kleinen Verlage, die Farbe in die
Szene bringen. In ihrem Umfeld finden Autoren noch eine verlegerische
Heimat. (...)
Ein
Pilotprojekt für unsere spätere Verlagsarbeit war die Anthologie
"Lyrik heute", eine Coproduktion mit einem
begeistungsfähigen Hockenheimer, Günter Klaus, unter dessen Flagge
das lyrische Schiff anfangs segelte. Das Buch bekam beachtliche
Rezensionen. Das beflügelte uns, nach dem Umzug von Hockenheim nach
Loßburg, einen Gedichtband "Ich lebe aus meinem Herzen"
herauszugeben, nun firmiert unter Edition L. L für Lyrik und
Loßburg. Diese Anthologie wurde in der Fernsehsendung "Literazzia"
im Rahmen der Bestenliste vorgestellt. Die Folge war eine Flut von
Manuskripteinsendungen. Das war 1976, der eigentliche Anfang unserer
Edition. Bisher erschienen über 200 Bücher.
Rezensionen,
Literaturzeitschriften, Feuilletons, darunter führende Blätter,
attestieren uns eine verantwortungsvolle Arbeit, die unseren Autoren
zahlreiche literarische Anerkennungen und Auszeichnungen
brachte.
1883
veranstalteten wir auf Wunsch von Autoren unsere erste Lyriktagung.
(...) Diese "Freudenstädter Lyriktage" sind inzwischen zu
einem festen kulturellen Bestandteil der Stadt geworden. (...)
Eröffnet werden sie durch literarische Prominenz wie Hilde Domin,
Hans-Jürgen Heise, Wolf Biermann, Marcel Reich-Ranicki u.a. Im Rahmen
dieser Tagung wird jährlich ein Lyrik-Förderpreis verliehen, der
seit dem Tode meiner Frau und Mitverlegerin Inge Czernik nach ihr
benannt ist. (...)
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Auszug aus dem Vorwort zu: Theo Czernik,
Beschwörungen - Geleitworte des Herausgebers zu 120 Lyrikausgaben
seiner Edition L, 140 S., Czernik-Verlag, 68766 Hockenheim, ISBN:
3-934960-08-1 - Abdruck mit
freundlicher Genehmigung von Theo Czernik.
Czernik
Verlag/EditionL Albert-Einstein-Straße 94 68766 Hockenheim Tel./Fax:
06205/101021
