|
Die
Seele im Blätterwald Warum
Buchtitel selten halten, was sie versprechen „Ich
habe bis zur letzten Zeile überlegt, was der Titel eigentlich bedeuten soll“,
hörte ich unlängst eine Kundin in einem Buchladen seufzend sagen.
„Wahrscheinlich nichts“, mischte ich mich ein und erntete einen ungläubigen
Blick. „Also hören Sie mal! Der Autor wird sich schon etwas dabei gedacht
haben! Und das Buch war ja auch wirklich spannend.“ Ich
war zu feige, ihr zu sagen, daß der Autor wahrscheinlich gar keine Chance
hatte, sich etwas dabei zu denken, denn Buchtitel werden – so steht es nett im
sogenannten Normvertrag – vom Verlag unter werbe- und verkaufspolitischen
Gesichtspunkten festgelegt. Wie das in der Praxis aussieht? Als
ich meinen ersten Verlagsvertrag unterschrieb, war das Buch noch nicht ganz
fertig, aber beim Titel war ich mir sicher: Das Glashaus. Eine Metapher für
die Zerbrechlichkeit nicht nur des Glücks, sondern auch der Wahrheit. De facto
nahm die Geschichte ihren Anfang und ihr tragisches Ende in einer alten
Orangerie, deren unterirdisches Gängelabyrinth ein schreckliches Geheimnis hütete.
Im Verlag war man angetan von meinem Titelvorschlag, alles paletti. Bis
irgendwann meine Lektorin anrief. Man habe nun doch einen anderen Titel gewählt.
Die Detektivin. Ich war so geplättet, daß ich erst mal gar nichts
sagte. Und dann nur noch: Um Gottes willen, nein! Einen Tag erhielt ich Zeit,
einen Alternativvorschlag zu machen, aber der müsse, so die Vorgabe, mit Die
anfangen und mit –in enden. Wahrscheinlich werden Sie jetzt
schmunzelnd an all die Mörderinnen, Totenwäscherinnen, Päpstinnen und
ähnliche Kreationen denken, die eine Zeitlang die Buchläden überschwemmten.
Mir war nicht zum Lachen, sondern eher zum Heulen zumute. Klar, daß mir nichts
Passendes einfiel, aber es war ohnehin zu spät, denn die Programmvorschau, so
erfuhr ich anderntags, war längst gedruckt. Jahre
ist das her, und man gewöhnt sich an alles. Heute sehe ich den Titel durchaus
mit Schmunzeln, auch wenn mir immer mal wieder angekreidet wird, daß meine
Recherchen nur zwischen den Buchdeckeln korrekt seien: Eine Detektivin anno 1882
könne ja nur einer verkappten Feministin einfallen. Auch gewisse Anspielungen,
wie Emil und die Detektive, nehme ich mit einem Schulterzucken. Schlimmer
wiegt ein ganz anderer Verlust: Ich lese seit meiner Kindheit, und für mich war
ein Buchtitel immer etwas ganz Besonderes, die Seele, die Essenz der Geschichte:
hier fädelte sich der rote Faden ein, der mich hineinzog in das Abenteuer
zwischen den Buchdeckeln. Ich fühlte mich als Leserin getäuscht, verraten und
schwor mir, nie wieder ein Buch nach dem Titel zu kaufen. Apropos:
Mein dritter Roman heißt Die Farbe von Kristall. Eine Geschichte über
die verschiedenen Facetten der Wahrheit. Es hat mich wahrlich einiges an Nerven
gekostet, das gegen Der letzte Akkord zu verteidigen.
|
|
|
|