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Meine Antwort, die diesem Hinweis folgt, gilt grundsätzlich noch immer ... Ich halte diese sogenannte Reform für missglückt. Aber Sie sehen schon: Das doppelte S! Ich habe mich angepasst. Warum? Nun, wäre ich "nur" Schriftstellerin, könnte es mir wurscht sein. Leider führe ich aber auch Seminare durch (in meinem Hauptberuf), ich schreibe Texte für Veröffentlichungen, fertige Schulungsunterlagen, stehe in Kontakt mit Schülern ... Und da muss ich dann leider auf den Neuschrieb zurückgreifen, der ja seit August 2006 festgeschrieben ist. Erträglich wird das Ganze dadurch, dass ja die Reform der Reform die schlimmsten Schnitzer, die ich im nachfolgenden Text geißele, wieder rückgängig gemacht hat. Also: Augen zu und durch! Und im Notfall erlaube ich es mir, die im Duden als "alt", aber zulässig beschriebene Variante zu wählen. Die Texte auf meiner Website werde ich - schon aufgrund des Umfangs - nur bei Updates der neuen Schreibung anpassen.Und hier mein Originaltext (seufz!)
Welche Meinung vertreten Sie als Schriftstellerin in der Rechtschreibdebatte? werde ich - natürlich (!) - von Lesern gefragt. Hier meine Antwort - und Links zum Thema.Als anno 1998 die Rechtschreibreform unters Volk gebracht wurde, habe ich neugierig geschaut, was da auf uns zukommt: Je mehr ich von den neuen Regeln und Wortkreationen erfuhr, desto entsetzter war ich: Das sollte eine Vereinfachung sein? Das sollte uns Schreibenden, uns, die wir die Sprache als professionelles Handwerkszeug nutzen, etwas Gutes, ja Besseres bringen? Gut, die alten Regeln waren nicht durchgängig das Gelbe vom Ei, und die Tatsache, daß man sich an sie gewöhnt hatte, sicher keine Rechtfertigung für deren Festschreibung in alle Ewigkeit. Aber war das Neue wirklich besser? Oder wenigstens gleichgut? Mitnichten. Meine persönliche Entscheidung stand bald fest: bei der alten Rechtschreibung zu bleiben. Trotzdem setzte ich mich intensiv mit den neuen Regeln auseinander, um mitreden zu können - und, ganz pragmatisch, um notgedrungen auch "Neudeutsch" schreiben zu können, wenn es erforderlich sein sollte. (Zum Beispiel Beiträge in Zeitschriften.) Meine Bücher erscheinen (bis auf eine ohne Absprache erfolgte "neudeutsch übersetzte" Taschenbuchausgabe der "Detektivin" bei Heyne, die bei der nächsten Auflage aber "rückübersetzt wird") allesamt in alter Rechtschreibung. Auch im Dienst schreibe ich weiter nach den alten Regeln, obwohl wir Beamte aufgefordert wurden, die neuen Regeln anzuwenden. Disziplinarmaßnahmen sind nicht erfolgt, und auch sonst hat mir keiner einen karrierebremsenden Stein ob meiner altmodischen Schreibe in den Weg gelegt, was das oftmals vorgebrachte Argument, Neudeutsch sei in den Amtsstuben vorgeschrieben und deshalb für alle Staatsdiener verpflichtend, als vorauseilenden Gehorsam entlarvt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die Neuerungen deshalb ablehnen, weil sie neu sind - und gegen eine Korrektur des einen oder anderen Auswuchses in der alten Rechtschreibung wäre nichts einzuwenden gewesen. Doch was uns diese "Reform" bescherte, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen: Jeder schrieb, wie es ihm in den Sinn kam: Da stand behende (alt) in Eintracht neben dass (neu), belämmert (neu) neben Strasse und heiss (alt und neu falsch!). Dieses Durcheinander führte dazu, daß ich inzwischen des öfteren nicht mehr weiß, was richtig oder falsch, was neu oder alt ist - der Lerneffekt, den das Lesen von Büchern und Zeitungen früher für die Sprachbildung hatte, verkehrt sich ins Gegenteil. Aber das ist nicht das einzige Übel. Leider. Für mich ist Sprache nicht nur ein Handwerkzeug, das es mir ermöglicht, mich präzise auszudrücken, sondern sie hat auch etwas Ästhetisches, das sich aus der Lautmalerei, aber auch aus der Schreibweise der Wörter ergibt. Wahrscheinlich ging das den Reformern unbewußt auch so, denn welchen Grund sollte es sonst geben, den Philosophen zu lassen wie er ist, während der Paragraf sozusagen von Amts wegen in den Adelsstand erhoben wurde? Nun mag man zurecht einwenden, daß die Sprache schon immer Änderungen unterworfen war, und keiner würde heute mehr - wie noch zur Jahrhundertwende 19./20. üblich - Bureau schreiben statt Büro. Die Entwicklung von dem einen zum anderen war ein längerer Prozeß, die "deutsche" Schreibweise setzte sich letztlich durch, und heute weiß kaum noch jemand, woher dieses Wort kam, und das Bureau vermißt keiner wirklich. Also alles eine Frage der Zeit? Photographie ist veraltend, Fotografie schon fast eingebürgert. Warum also nicht Filosof? Sollte man nicht Bordo schreiben statt Bordeaux, und müßte der Rhythmus nach der Logik der Reform nicht Rüttmuss heißen? Daß man sich angesichts dieser Wortkreationen wie in einer sprachlichen Geisterbahn fühlt, kommt nicht von ungefähr: Filosof liest sich nun mal nicht klug, sondern doof, und Bordo nimmt einem doch glatt den sinnlichen Genuß an gutem Wein. Änderungen in der Schreibweise eines Wortes sind langsame Entwicklungen, pragmatisch und deshalb letztlich auch allgemein akzeptiert. Im Gegensatz zu dem von den Reformern gepriesenen Motto: Schreib, wie Du sprichst! Wahrscheinlich habe ich deshalb das Gefühl, daß bei Jogurt eine wesentliche Zutat fehlt, und der Tunfisch läßt mich bestenfalls grinsen: Du darfst das nicht tun, Fisch! Alle meine Schreibstifte weigern sich jedenfalls beharrlich, so was aufs Papier zu malen. Darüber hinaus gibt es Neuregelungen, die schlichtweg Unsinn sind: Wer belemmert (belämmert) ist, hat nichts mit jungen Schafen gemein, und ein greuliches (gräuliches) Verbrechen hinterläßt eher blutrote als gräuliche (=graufarbene) Spuren. Dazu ein paar Erklärungen: Etymologisch unrichtige Ableitungen
Demgegenüber ist zu fragen, warum nicht zur orthographischen Angleichung die folgenden, eigentlich folgerichtigen Änderungen vorgeschlagen wurden:
Doch die Reform hat noch mit Üblerem aufzuwarten: Die Abschaffung einer ganzen Palette von Ausdrucksweisen und Wortbedeutungen. Als ich in der dritten Klasse war und Deutschregeln pauken mußte, war es mir gleich, ob ich jemanden wieder sehe (weil er mir zum zweiten oder dritten Mal über den Weg läuft) oder ob ich ihn wiedersehe (ihn bewußt erneut treffe), genausowenig, wie es mich juckte, ob ich meine Lieblingsfeindin bei den anderen schlechtmachte (Übles über sie verbreitete) oder ob ich sie schlecht machte (wie das gehen soll, weiß ich, ehrlich gesagt nicht, denn eigentlich kann man nur eine Aufgabe schlecht machen - oder gut, aber einen Menschen?). Ganz sicher tat sie mir Leid, denn sie verhaute mich in der Pause. Vielleicht tat sie mir auch leid, aber wie hätte ich das im Neuschreib bitte ausdrücken sollen? Jedenfalls kriege ich Pickel bei der bloßen Vorstellung, per Verordnung gezwungen zu sein, meine Heldin statt in der Kirche im Backofen ein "Ja" hauchen zu lassen, damit sie eine orthografisch (warum eigentlich nicht: ortografisch?) korrekte frisch gebackene Ehefrau wird. Und selbst wenn sie das "Ja!" mit voller Inbrunst sagte, müßte ich doch dem Ausrufezeichen noch ein Komma hinterherschicken - doppeltgemoppelter geht´s gar nicht mehr. Dafür darf ich dann den Leser ohne schlechtes Gewissen rätseln lassen, was das junge Brautpaar beim Betreten der Hochzeitssuite für üble Dinge treibt:
Voll krass, was?
Beseitigung von Wörtern unserer SpracheAllein unter dem Buchstaben „A“ werden folgende Wörter* aus unserer Schriftsprache getilgt mit dem Ergebnis einer erheblichen Einschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten:
* Entnommen der CD-ROM „Deutsches Wörterbuch“ für Schule und Beruf, Vertrieb: Rhein-Zeitung, Koblenz. Die Anzahl der zu eliminierenden Wörter dürfte differieren zwischen den verschiedenen Rechtschreibwerken, da jedes zu unterschiedlichen, sich gegenseitig widersprechenden Ergebnissen kommt. Allein zwischen Duden und Bertelsmann gibt es lt. FAZ vom 19.6.1997 etwa 8.000 Abweichungen. Prof. Dr. Werner H. Veith, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, stellt in seiner Untersuchung vom 6.2.1998 gar 60.000 bis 67.000 Diskrepanzen fest.
Welche mannigfaltigen Ausdrucksmöglichkeiten und Nuancen die deutsche Sprache bietet, ist nicht unbedingt ein Thema, das Schüler (oder Bürger, die mal eben einen Einkaufszettel oder zwei eMails am Tag schreiben) vom Hocker reißt. Verständlich und nachvollziehbar, aber für professionelle Schreiber in etwa so hilfreich wie die Argumentation, Blumen seien für die Milchproduktion unnütz und könnten deshalb bedenkenlos von Wiesen und Weiden entfernt werden. Im übrigen ist das Argument, daß diese verkorksten Regeln nun aber doch seit sechs Jahren verbindlich an den Schulen gelehrt würden und deshalb quasi ein "Bleiberecht" hätten, genausowenig stichhaltig wie das der Reformgegner, sie hätten schon immer "daß" geschrieben, punktum. Leider bin ich mit meiner Litanei noch nicht am Ende, denn das schlimmste Übel der Reform offenbart sich, wenn man den Ehrgeiz hat, "richtig" zu schreiben. Wie soll man das tun, wenn sich nicht mal die Herausgeber der aktuellen Wörterbücher, ja nicht mal die Herausgeber des gleichen Wörterbuchs einig sind? Ein paar nette Beispiele gefällig? Vergleich einzelner Wörter in den Wörterverzeichnissen des
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| Duden 20. Auflage 1991 |
Duden 21. Auflage 1996 |
Duden 22. Auflage 2000 |
|---|---|---|
| abscheuerregend | Abscheu erregend | Abscheu erregend / abscheuerregend |
| achtunggebietend | Achtung gebietend | Achtung gebietend / achtunggebietend |
| all- abendlich | all- abendlich | alla- bendlich bzw. all- abendlich |
| besorgniserregend | Besorgnis erregend | Besorgnis erregend / besorgniserregend |
| blutbildend | Blut bildend | blutbildend / Blut bildend |
| blutreinigend | Blut reinigend | blutreinigend / Blut reinigend |
| blutsaugend | Blut saugend | blutsaugend / Blut saugend |
| blutstillend | blutstillend | Blut stillend / blutstillend |
| Demon- stration | Demonst- ration | Demons- tration bzw. Demonst- ration |
| du mußt danke sagen | du musst danke sagen | du musst Danke sagen / du musst danke sagen |
| ehrfurchtgebietend | Ehrfurcht gebietend | Ehrfurcht gebietend / ehrfurchtgebietend |
| ekelerregend | Ekel erregend | Ekel erregend / ekelerregend |
Was also bitte IST denn die neue Regelung? Ich kann nur Chaos entdecken, wohin ich schaue, und zwar ein Chaos, das in sechs Jahren nicht kleiner, sondern von Tag zu Tag größer geworden ist. Der "Bild" und dem "Spiegel" anzukreiden, daß sie den jahrelangen Schwelbrand - einmal mehr und in aller Deutlichkeit - sichtbar gemacht haben, ist ungefähr genauso angemessen, wie (um ein Beispiel aus meinem Berufsalltag zu nehmen), dem Überbringer einer Todesnachricht eine Ohrfeige zu verpassen. Verständlich ob des Schmerzes, aber objektiv betrachtet ziemlich unfair. Daß mit "gemütsbewegenden" Artikeln sowohl beim Spiegel als auch bei Bild (zwar auf unterschiedlichem Niveau aber nichtsdestotrotz) Meinung und Auflage gemacht wird, steht zum einen auf einem anderen Blatt und beweist zum anderen, daß das Thema Rechtschreibreform die Menschen auch nach sechs Jahren noch bewegt. Eigentlich ein gutes Zeichen, das die Hoffnung schürt, daß viele erkennen mögen, welchen kulturellen Schatz wir mit unserer Sprache geschaffen haben. Einen Schatz, den es - im besten Sinne! - zu bewahren gilt.
Nikola Hahn
Anmerkung: Die Beispiele, die ich oben zitiere, stammen von der Website: rechtschreibreform.com/Woerterliste/peiliste.htm* Der Verfasser, Stephanus Peil, ist Grundschullehrer a. D. und Leiter der Lehrerinitiative gegen die Rechtschreibreform Rheinland-Pfalz. Weitere Links siehe unter "Links - Schreibstube"
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* Leider ist die angegebene Seite nicht mehr im Netz (Stand 5/07).
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