
oder: Die Planwirtschaft in den
Köpfen
Alle
Welt redet davon, daß die Planwirtschaft abgeschafft ist. Alle Welt
meint damit die Ex-DDR, denn schließlich war diese Wirtschaftsform
auf den real existierenden Sozialismus beschränkt und ist mit diesem
zusammen sang- und klanglos ausgestorben - so die herrschende Meinung.
Nun
gibt es vereinzelt Kritiker, die diese These frech in Frage stellen
und auch in den alten Bundesländern Strukturen zu erkennen glauben,
die in ihrer Flexibilität einer Planwirtschaft recht nahe
kommen. Doch wenden wir uns von diesem ideologisch belasteten
Begriff ab und der sachlichen Definition im Lexikon zu,
das von einer "obersten Wirtschaftsbehörde" spricht,
"die allein entscheidet, was, wieviel, wo und wie produziert
wird." Jetzt braucht man nur noch "oberste" in
"öffentliche", "Behörde" in
"Verwaltung" und "produziert" in
"gekauft/beschafft" zu ändern, um den erwähnten Strukturen
auf die Spur zu kommen. Also steht mal wieder die öffentliche
Verwaltung am Pranger.
"Jedesmal
trampelt man auf uns herum, wenn ein Sündenbock gesucht wird!"
hörte ich die Verantwortlichen rufen. Dann werden die
unabänderlichen, heimtückischen, durch nichts zu besiegelnden
Zwänge aufs Tablett gebracht: Sachzwänge, finanzielle Zwänge, die
zwangsläufig zu einem bestimmten Handeln führen müssen.
Mit
dieser Argumentation könnten alle prima leben, wenn nicht immer
wieder Kritiker mit "Erfahrungen, die uns die Praxis lehrt",
die seit Jahrzehnten bewährte Arbeitstechnik der Verwaltung in
völlig ungerechtfertigte Zweifel zögen.
Am
besten schauen wir uns einmal einige Alltagserlebnisse an, die ich in
meinem Dienstleben gehabt habe ... Da ich Polizeibeamtin bin,
beschränken sich die nachfolgenden Beispiele auf den Bereich
"Polizei", was allerdings nicht ausschließt, daß es
anderswo nicht Ähnliches zu entdecken gäbe.
1.
Bereitschaftspolizei
Einige
Zeit, bevor ich meine polizeiliche Laufbahn begann, erhielt ich eine
ausführliche Tabelle, auf der ich alle erdenklichen Körpermaße
eintragen mußte, damit Uniformen angefertigt werden konnten. Da es
1984 erst wenige Frauen bei der Polizei gab, schien das recht sinnvoll
zu sein. Doch als wir unsere Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei
in Kassel begannen, gab es keine einzige Uniform. Irgendwem war
nämlich aufgefallen, daß die Kolleginnen, die vor uns ausgebildet
worden waren, neue Uniformen brauchten, wenn sie in den Streifendienst
gingen. So wurde unsere Maßbekleidung anderweitig vergeben, und wir
liefen etwa zwei Wochen in Zivil herum, bis Nachschub eintraf.
Natürlich
war es völlig abwegig, unsere penibel ausgefüllten Tabellen für
diese Nachfertigung zu benutzen, und so verbrachten wir Stunden in der
Kleiderkammer: Anprobe, Änderung, Anprobe, Änderung ... Kolleginnen,
die das Pech hatten, größer als einssiebzig zu sein, durften
Hochwasserhosen tragen, bis unser Zugführer ein Protestfoto an die
zuständige Stelle schickte.
Wir
erhielten auch Schuhe, wunderschöne, sogenannte Rockschuhe mit
Traktorenprofil und dickem Würfelabsatz, die ich nicht mal meiner Oma
schenken konnte, weil sie ihr zu unmodern waren. Ich habe keine
Kollegin erlebt, die diese Dinger je getragen hätte, obwohl sie extra
für uns ausgesucht und für viel Geld angeschafft worden waren. Das
gleiche galt für die allerliebsten Plastikhandtäschchen, die man uns
trotz Protestes aushändigte. Der Vorschlag, das Geld für diesen
Ausrüstungsgegenstand besser für etwas anderes zu verwenden, wurde
galant ignoriert. Wie konnten wir es wagen, den althergebrachten
Grundsatz in Frage zu stellen, nach dem Frauen immer und überall eine
Handtasche mit sich herumschleppen?
Die
Liste ließe sich beliebig fortsetzen: Ich denke an die feschen
Feinrippsporthemden, die wassersaugenden Männerbadehosen und an die
garantiert unverbiegbaren Hummelsportschuhe mit den zwei grasgrünen
Streifen.
"Halt!"
höre ich die Verantwortlichen rufen. Das sei ja alles Käse von
gestern. Ob ich denn nicht wisse, daß Polizistenfüße längst mit
Adidas verwöhnt würden? Das muß ich wohl zugeben, und so ist auch
diese Sache niemandem anzukreiden, wobei ich etwas hinterhältig
anmerken möchte, daß der Zeitraum bis zur Neuorientierung den
Verdacht der Unflexibilität zumindest nahelegen könnte. Doch beenden
wir das unglückselige Thema Dienstbekleidung.
Nach
Abschluß meiner Polizeiausbildung und zwei Jahren in einer
Einsatzeinheit bei der Bereitschaftspolizei in Mühlheim
avancierte ich zur Gruppenführerin in einer Ausbildungshundertschaft.
Meine Aufgabe bestand unter anderem darin, Polizeidienstkunde und
Einsatzlehre zu unterrichten. Mit Eifer stürzte ich mich in die
Unterrichtsvorbereitung. Papier bekam ich gestellt, aber dann ging´s
los: Einen Ordner für Unterlagen? Mehr als eine Folie für drei
Unterrichtsstunden und obendrein auch noch wasserfeste Stifte zum
Beschriften? Doch, solche Dinge gab es - allerdings verbal verteidigt
und sorgsam behütet von Personen im Dienste der Verwaltung, die sich
weigerten einzusehen, daß man Büromaterial in einer anderen Weise
gebrauchen kann, als es verpackt und gestapelt im Schrank zu
betrachten.
Praktizierte
Sparsamkeit in die Nähe planwirtschaftlichen Handelns zu rücken, ist
an dieser Stelle völlig unangebracht. Das gilt auch für die Sache
mit dem Kopierer, die vollständigkeitshalber erwähnt werden sollte.
Eines Tages stellte ein vielbeschäftigter Angestellter beim
Nachzählen seiner Papierbestände fest, daß unsere Hundertschaft
wesentlich mehr kopierte als die anderen (Einsatz-)Hundertschaften.
Selbstverständlich war es nicht nachzuvollziehen, daß für
Ausbildungs- und Unterrichtszwecke ein gewisser Bedarf an Kopien
bestand, Deshalb wurde uns untersagt, mehr als zwanzig
Kopien auf einmal zu machen. Auf meine Frage, wie ich eine
Klassenarbeit für vierundzwanzig Leute mit zwanzig Kopien auf die
Reihe bekommen solle, erhielt ich die Antwort, ich möge in diesem
Fall das Original auf Matrize schreiben und durchleiern.
Wahrscheinlich war das ein Beitrag zur Polizei 2000. Meinen Kommentar
dazu wiederzugeben, wäre unsachlich und unterbleibt daher.
©
Nikola Hahn
