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2. Schutzpolizei Obwohl ich auf dem Abordnungswege nur etwa ein Jahr im Streifendienst verbracht habe, konnte ich doch auf den verschiedensten Polizeirevieren und -Stationen weitere einschlägige Beispiele sammeln, die paradoxerweise planwirtschaftliche Tendenzen aufwiesen, obwohl sie ohne Sinn und Plan waren. Fangen wir mit dem Streifenwagen an. Eines Nachts nahmen wir einen Unfall auf, der sich auf einer Ausfallstraße zugetragen hatte. Vorschriftsmäßig sicherten wird die Unfallstelle ab, indem wir Blaulicht, Warnblinkanlage und Standlicht einschalteten. Außerdem war der Funk in Betrieb. "Laß den Motor laufen!" sagte mein Kollege. Das irritierte mich ein wenig, weil es mein umweltschutzrechtliches Gefühl wachrief (Es ist insbesondere verboten, Fahrzeugmotoren unnötig laufen zu lassen, §30 Straßenverkehrsordnung.) Aber sei´s drum. Da die Fahrbahn mit Glasstücken und anderen Trümmern übersät war, holte ich den Besen aus dem Kofferraum. Dazu mußte ich den Zündschlüssel abziehen und aufschließen - und das war´s. Der Wagen gab anschließend keinen Mucks mehr von sich. "Was hab´ ich dir gesagt!" meinte mein Kollege. Wir mußten warten, bis eine zweite Streife mit Starterkabel kam. Aber stärkere Batterien sind nun mal unheimlich teuer, hörte ich. Ein weiteres einprägsames Erlebnis hatte ich in einem Offenbacher Stadtrevier. Die Deckenlampen in der Wache waren mit der Zeit so dunkel geworden, daß der Dienstgruppenleiter Mühe hatte, nachts seinen Funktisch zu erkennen. "Da muß was passieren!" sagte er und setzte ein entsprechendes Schreiben auf. Wenige Tage später kam ein Handwerker und installierte zwei neue Deckenleuchten, eine über dem Funktisch, eine über dem dahinter stehenden Schreibtisch. Als wir darauf hinwiesen, daß man doch nur die abgenutzten Leuchtstoffröhren austauschen müsse, lächelte er. Wortlos verlegte er neue Kabel, montierte die beiden zusätzlichen Leuchten an die Decke, schraubte die Blenden fest und ... Wir staunten! Fachkundig befestigte er an jeder Leuchte eine Kordel, die freischwebend über Funk- und Schreibtisch baumelten. Was aussah wie eine Hilfseinrichtung für verhinderte Selbstmordkandidaten, war in Wirklichkeit der Schalter. Auf einen empörten Einwand unseres Dienstgruppenleiters entgegnete der Handwerker, er sei diesbezüglich genauestens angewiesen worden. Schnüre seien schließlich billiger als Schalter. Als sich der Dienststellenleiter schriftlich beschwerte, erhielten wir Besuch von zwei adrett gekleideten Vertretern der Verwaltung, die unsere Aufregung nicht begreifen konnten. Erst als wir sie fragten, ob sie in ihren Büros auch solche Schalter benutzten, sorgten sie für Abhilfe. Was das alles mit Planwirtschaft zu tun hat? Wahrscheinlich nicht das Geringste.
3. Kriminalpolizei Nach sechs Jahren zog ich die Uniform aus und wechselte zur Kripo. Damit erhielt ich Gelegenheit, meine Beispielsammlung beträchtlich zu erweitern. Als erstes fielen mir die schönen Dienstwagen auf, mit denen wir in der Gegend herumkutschierten. Für präventivpolizeiliche Zwecke waren sie uneingeschränkt zu empfehlen, denn unsere Kundschaft erkannte insbesondere die älteren Exemplare der polizeilichen Opelflotte schon an den unwiderstehlichen Farben, die wahrscheinlich extra für die Polizei zusammengemixt wurden. Ich habe solcherlei nirgends sonst auf Deutschlands Straßen gesehen. Jedenfalls scheiterte nicht nur eine Observation an der Tatsache, daß es für den Observierten mehr als verdächtig war, wenn sich ständig seltsam gefärbte Opel in seiner Nähe befanden. Wenn man als einfach strukturierter Mensch darüber nachdenkt, fragt man sich, warum es nicht möglich ist, bei verschiedenen Autofirmen Dienstwagen zu bestellen. Wer mir jedoch aufmerksam bis hierher gefolgt ist, weiß, was kommt: Sachzwänge sprechen dagegen. Man stelle sich vor, wie verwirrend es wäre, statt einer Firma mehrere zu beauftragen, die verschiedenen Wagentypen zu warten! Die Frage, weshalb die Fahrzeuge nicht, wie in jeder größere Firma üblich, geleast werden, erschüttert die Grundfesten amtlichen Verwaltungsdenkens und ist als völlig absurd zu bezeichnen. Daß es Polizeieinheiten gibt, die etwas schnellere und bessere Dienstwagen benötigen, als der gemeine kriminalpolizeiliche Sachbearbeiter, wird im übrigen gar nicht in Abrede gestellt. Da für Neuanschaffungen kein Geld da ist, dürfen die entsprechenden Fahrzeuge bei Mietfirmen beschafft werden. Denn für den Haushaltstitel "Miete" ist ja noch Geld da. Der Einwand, daß der Mietzins bereits nach einigen Monaten den Kaufpreis übersteigt, wird mit Kopfschütteln quittiert. Schließlich kann man nicht erwarten, daß einfache Kripobeamte die komplizierten Gesetze öffentlicher Haushaltswirtschaft verstehen. Dazu gehört auch, daß es bei der Polizei Einheitshandwerker gibt, die alles reparieren können. Geht beispielsweise ein Faxgerät kaputt, kommt selbst innerhalb der von der Firma eingeräumten Garantiezeit ein polizeieigener Fachmann, der einen ganzen Tag benötigt, um das Gerät so zu reparieren, daß es hinterher garantiert überhaupt nicht mehr funktioniert. Daraus den Schluß zu ziehen, daß es staatliche Bereiche gibt, in denen Geld verschwendet wird, verbietet sich von selbst. Dies beweisen auch die beiden letzten Beispiele, mit denen ich die Sachen dann bewenden lassen möchte. Da ist zum einen jener Kollege, der nach intensiven Ermittlungen im Drogenmilieu den Antrag auf eine Dienstreise nach Thailand stellte, weil sein Haupttäter dort festgenommen wurde, mit einer Auslieferung in nächster Zeit aber nicht zu rechnen war. Nach einigem hin und her wurde die Reise genehmigt. Ein Jahr später kam das Schreiben eines Kassenprüfers, der festgestellt hatte, daß man vergessen hatte, dem Kollegen die Aufwandsentschädigung zu kürzen, da er nachts im Flugzeug Gelegenheit erhalten habe, unentgeltlich etwas zu essen . Daß der Anreisetag ohnehin nicht zur Dienstreise gezählt wurde, war dabei ohne Belang. Der Kollege wurde höflichst aufgefordert mitzuteilen, ob er diese unentgeltliche Mahlzeit zu sich genommen habe oder nicht ... Und dann erinnere ich mich noch an ein umfangreiches Betrugsverfahren ... die Aktenberge wuchsen, und unser Vorrat an Leitz-Ordnern war rasch aufgebraucht. Als ich bei der Wirtschaftsverwaltung meinen Wunsch nach weiteren Ordnern vortrug, bekam der zuständige Beamte beinahe einen Herzinfarkt: Was wir um Gottes willen, mit so vielen Ordnern wollten, und überhaupt, wenn da jeder käme, wäre ja übermorgen nichts mehr da. Als ich nicht lockerließ, führte man mich in den Keller. Dort lagerte ein Stapel verstaubter, ausrangierter Ordner, deren vergilbter Inhalt unlängst dem Reißwolf zum Opfer gefallen war. Ich hoffte, daß der zuständige Staatsanwalt nicht unter einer Stauballergie litt. Aber damit ist immer noch nicht erklärt, wie die eingangs genannten Kritiker darauf kommen, daß es bei uns Stellen geben könnte, die unwirtschaftlich oder gar unflexibel arbeiteten. Wahrscheinlich haben sie noch nie was vom Verwaltungsprinzip der unwiderstehlichen Zwänge gehört.
PS: Ich habe Bekannte in den neuen Bundesländern. Jedesmal, wenn ich über Erlebnisse aus meinem Dienstleben erzähle, werde ich sofort verstanden: "Ach ja? Bei euch gibt´s das also auch?"
(aus: Hessische Polizeirundschau, Nr. 12/91) © Nikola Hahn
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