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"Im
Internet kursiert ein Text, so schön und wahr, dass wir ihn drucken, ohne den
Urheber zu kennen", hieß es im Stern 1/2004. -
Auch ich kenne den Urheber
nicht, aber ich hole diesen - in der Tat herzerfrischenden und schönen - Text
hiermit ins Netz zurück, auf dass noch viele ihn lesen! Wer weiß,
vielleicht erfährt der Urheber ja auf diesem Wege, dass er es bis in den
"Stern" geschafft hat?
Ein
erfreulicher Nachsatz ... Als ich "Und niemand hatte Schuld" online
stellte, hätte ich nicht gedacht, dass ich gleich mehrfache Reaktionen darauf
erhalten würde. Es schrieben mir unter anderem ein Schulleiter, der den Text an
seiner Schule aushängen möchte - und Christian, Jahrgang 84, der nicht
"verschwunden" ist, sondern eine Antwort formulierte, die ich genauso
schön und herzerfrischend finde wie den Ursprungstext. Aber
lest selbst!
1.
Kapitel:
Eine
Generationengeschichte
Wenn
du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nicht mit dir zu tun ... Verschwinde!
Kinder von heute werden in Watte gepackt ...
Wenn
du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend
kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in
Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in
strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke
konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit
Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere
Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus
Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und
entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen
vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir
verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und
mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste,
wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!
Wir
haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen
verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte schuld, außer wir selbst.
Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht". Kannst du dich noch an
"Unfälle" erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt
und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen
nicht.
Wir
aßen Kekse, Brot mit Butter dick, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht
zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus der Flasche und niemand starb an
den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64
Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer,
Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie
auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten.
Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin
und ohne Wissen unserer gegenseitiger Eltern. Keiner brachte uns und keiner holt
uns ... Wie war das nur möglich?
Wir
dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir
Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in
unseren Mägen für immer weiter, und mit den Stöcken stachen wir nicht
besonders viele Augen aus. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut
war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche
Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und
wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar
zur Änderung der Leistungsbewertung.
Unsere
Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Wenn
einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn
nicht aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen
Meinung wie die Polizei! So was!
Unsere
Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit
Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und
Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen. Und du gehörst auch
dazu.
Herzlichen
Glückwunsch!

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2.
Kapitel
Noch
eine Generationsgeschichte?
Wenn
du nach 1980 geboren wurdest, ist dieser Text an dich gerichtet. Vielleicht öffnet
er dir die Augen und beantwortet Fragen, deine Kindheit betreffend.
Wenn
du als Kind in den 80er oder 90 Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu
glauben, dass wir zu den Menschen werden konnten, die wir heute sind! Als Kinder
saßen wir fest in den Sitz geschnallt und von der Angst gepeinigt, dass uns
jederzeit ein Airbag den Kopf von den Schultern reißen könnte in den
Hightech-Autos unserer Eltern. Unsere Bettchen waren aus Metallgestellen oder
Naturholz ohne Farbe. Der Gesundheit zu Liebe! Unserer Neugier wurden klare
Grenzen gesetzt, indem alles, was auch nur gefährlich roch, mit
kompliziertesten Verschlüssen versehen wurde, mit denen sogar unsere lieben
Eltern Schwierigkeiten hatten. Alles wurde weggeschlossen oder hochgestellt –
Waschmittel, Bleiche, Medikamente, Kosmetik.... Alle Türen und Schubladen waren
in unserer Kindheit abgepolstert, was uns in unserem späteren Leben oft zu
blauen Fingerkuppen verhalf.
Das
Gefühl der Freiheit, wenn der Wind beim Fahrradfahren durch unsere fliegenden
Haare pfeift, wurde uns dank beengendem Helm, den uns unsere besorgten Eltern
aufzwangen, nie bewusst. Wir durften unseren Durst nie mit frischem klaren
Wasser aus dem Wasserhahn stillen. Der Gesundheit zu Liebe! Unsere Eltern
kauften uns kleine Bobby-Cars mit allem Pipapo und verboten uns den Hügel mit
unseren selbstgebauten Mobilen runter zu brausen. Zu gefährlich! Wir hatten
kaum die Gelegenheit aus eigenen Fehlern zu lernen, denn unsere Eltern belehrten
uns vorsichtshalber schon über alle Risiken im Voraus. Morgens wurden wir wohl
behütet zur Schule gebracht und bekamen auch Abends klare Zeitvorgaben. Jeder
musste zu jedem Zeitpunkt wissen, wo wir uns gerade mit wem aufhalten. Und das
Handy musste immer dabei sein.
Vorsichtshalber!
Unsere
Haut wurde eingecremt, wir bekamen ekelhafte Zusatztabletten fürs bessere
Wachstum unsrer Knochen und mussten jahrelang zum Kieferorthopäden und mit
fester Spange rumlaufen und wegen jedem Bisschen wurde geklagt. Immer hatte der
andere Schuld. Nie das eigene Kind. Unsere Eltern suchten in Gesetzen nach
Verletzung der Aufsichtspflicht und schalteten Anwälte ein. Sie nutzten die
kleinen Unfälle ihrer Kinder für alberne Machtgerangel vor dem Gericht. Oder
kannst du dich noch an Unfälle erinnern, wegen denen kein Aufstand geprobt
wurde? Bei unserem Kräftemessen und unseren Keilereien sahen wir uns vor, damit
unsere Eltern keinen neuen Zündstoff für eine weitere Sightseeing-Tour durch
die Gerichtshallen fanden. Damit mussten wir leben, denn so waren die
Erwachsenen nun mal.
Unsere
Eltern fuhren mit uns zu McDonalds, Nordsee, Burger King, Pizza Hut und wir
wurden dicker und dicker. Warum nur? Da durch Speichel viele, viele Krankheiten
übertragen werden können, wurde uns beigebracht, dass wir immer aus unserem
eigenen Glas trinken sollen. Der Gesundheit zu Liebe! Wir hatten Playstation,
Nintendo 64, X-Box, Videospiele, mehr als 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video,
Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. All das wurde
einzig und allein durch unsere lieben Eltern möglich. Dafür wurde es immer
komplizierter sich mit Freunden zu
treffen. Man konnte nicht einfach so vorbei gehen ohne vorher anzurufen. Wenn
man einfach so ins Haus kam, wurden die Eltern gleich hysterisch, da wir ihre
Privatsphäre mit unseren Kinderfüßchen traten. Und wenn, dann brachten uns
unsere Eltern und holten uns zu einem, von ihnen festgelegten, Zeitpunkt wieder
ab. Vorsichtshalber!
Wenn
wir im Garten spielten, wurden wir behütet. Wie dumme Gänse. Unsere
Piratenspiele mit Holzschwertern oder Stöcken waren zu gefährlich. Wir hätten
uns die Augen ausstechen können. Würmer, Käfer, Spinnen wurden uns schon im
Kleinkindalter als „Igitt-Igitt“ oder „Bä-Bä“ vorgestellt. Falls wir
mal Fußball spielten, schrieben uns unsere Eltern immer vor, dass wir jeden
mitmachen lassen sollen. Und wir sollten auch denen, die überhaupt nichts drauf
hatten, den Ball zuspielen. Wer nicht beachtet wurde, musste nur zu den
Erwachsenen gehen und schon brach eine Sturmflut von Moralpredigten auf die
anderen Kinder los. Es gab Kinder, die schon in der Grundschule Probleme hatten
und trotzdem verbannten ihre Eltern sie aufs Gymnasium, damit später mal was
aus ihnen werde. Und kaum bleibt mal jemand sitzen, wird sofort ein emotionaler
Elternabend organisiert.
Unsere
Taten hatten meist für uns unüberschaubare Folgen. Und keiner konnte ihren
Verlauf vorher sagen. Wenn jemand gegen das Gesetz verstoßen hatte, war klar,
dass das Gesetz nichts taugte. Immer war jemand anders Schuld. Und unsere
Eltern waren immer die Ersten, die über die Polizei und den Staat herzogen! So
was!
Unsere
Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfinder mit
Risikobereitschaft als Eltern abbekommen. Sie hatten Freiheit, Misserfolg,
Erfolg und Verantwortung. Wie sollen wir unsportlichen, verfetteten,
einsiedlerischen, verzogenen Menschen nur mit so etwas umgehen?
Egal,
wir haben ja unsere Eltern!
(Na
Herzlichen Glückwunsch!)
Reaktion/Antwort
auf einen Text ("Und niemand hatte Schuld ... Eine
Generationengeschichte") Entstanden an einem Samstag, 10.1.2004 vor dem
Mittagessen. Wohl bemerkt das erste, was ich dieses Jahr geschrieben habe.
Um
die enge Zusammengehörigkeit zu verdeutlichen, ist der Text mit nicht
gekennzeichneten Zitaten gespickt.
Nur
zur Information. Ich bin Jahrgang 84 und nichts aus den zwei Texten trifft auf
mich zu.
Christian
Krüger.
©
Christian Krüger
Ich
bedanke mich ganz herzlich bei Christian für die Abdruckgenehmigung!
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