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Hering
zum Frühstück oder: Der
lange Weg vom Manuskript zum (verkauften) Buch Es
gibt einen Traum, den jeder träumt, der irgendwann beschlossen hat,
Geschichten, Gedichte oder sogar einen Roman zu schreiben: Einen richtigen
Verlag zu finden, einen, dessen Bücher man im Buchladen um die Ecke kaufen
kann, also da, wo man sich selbst mit Lektüre eindeckt. Auch ich habe diesen
Traum geträumt, habe tapfer jahrelang Absagebriefe ignoriert, und schließlich
war es soweit: Der erste Verlagsvertrag! Die gute Nachricht kam per Telefon,
aber ich wartete auf die schriftliche Bestätigung, bevor ich den Sekt kalt
stellte. Und tatsächlich! Keine Fata Morgana, sondern ein richtiger Vertrag
von einem richtigen Verlag, Econ damals noch, heute im Konzern mit
Ullstein. Ich bekam eine Lektorin, eine richtig gute noch dazu, mit der es eine
Freude war, zusammenzuarbeiten. Streß
gab es trotzdem jede Menge, Termine waren einzuhalten, Korrekturen mußten
gemacht werden, ich arbeitete nachts durch, damit ich alles schaffte; daß
Terminvorgaben im Buchgeschäft zumeist Schall und Rauch sind, bekam ich erst
nach und nach mit. Irgendwann hielt ich es schließlich in der Hand: Mein Buch,
mehr als vierhundert Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Ich konnte gar nicht
aufhören, es zu berühren, aufzuschlagen, anzusehen. Jetzt war ich eine richtige
Schriftstellerin! Mußte nicht alles weitere von selbst laufen? Anzeigen,
Rezensionen, Verkauf, Lesungen? Es dauerte nicht lange, bis ich vom heiligen
Berg hinunterfiel, auf dem ich mich wähnte. Die Vorbestellungen im Buchhandel,
so sagte man mir, seien nicht rosig, großartige Werbung bei Debütanten nicht
drin, und nun ja, eine zweite Auflage werde es wohl nicht geben. Abends Sekt und
morgens Hering! Ich dachte: Warum passiert das ausgerechnet mir? Heute weiß
ich, daß die Halbwertzeit von Büchern kaum mehr ein paar Monate beträgt. Was
nicht sofort läuft, fliegt raus. Gnadenlos, bedenkenlos. Das wollte, konnte ich
nicht akzeptieren! Schließlich hatte ich zwei Jahre an dem Roman gearbeitet,
jede freie Minute fürs Schreiben und Recherchieren geopfert. Hinzu kam, daß
die Reaktionen von Lesern und erste Rezensionen durchgängig positiv waren. Als der Hering verdaut war, überlegte ich, wie das Blatt zu wenden sei. Mein Hauptberuf bei der Kripo half mir, das Medienecho anzufachen, eine waschechte Kriminalbeamtin, die historische Krimis fabriziert, war dann doch was Berichtenswertes. Ich knüpfte Kontakte, brachte mich in Erinnerung, schrieb eMails und Briefe statt einen neuen Roman. Nach und nach verkaufte sich die erste Auflage, es folgten zwei weitere, dann erschien die Taschenbuchausgabe, Sonderausgaben folgten. Geschafft? Mitnichten. Selbst heute mache ich noch einen Gutteil der Werbung selbst. Sollten Sie also demnächst das Glück haben, einen Verlagsvertrag zu unterschreiben, köpfen Sie ruhig eine Flasche Sekt! Und am Tag darauf krempeln Sie die Ärmel hoch und überlegen, wie Sie Ihr eigener Marketingexperte werden können. Damit Sie den Hering nicht mit Selters runterspülen müssen.
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