zur
Schreibwerkstatt
Wie
kommen Autoren auf ihre Ideen? fragen unbedarfte Leser oft. Dabei ist nichts
einfacher als das: Ideen liegen sozusagen auf der Straße herum, sie stehen in
Zeitungen, flimmern über den Fernseher und schlummern in Büchern, Heften,
Magazinen – oder im Gespräch mit der Nachbarin.
„Darüber
könnte ich glatt ein Buch schreiben!“ ist schon ein geflügeltes Wort. An
der fehlenden Idee scheitert ein Roman also selten. Und ich bin mir sicher, dass
fast alle, die sich fürs Schreiben interessieren, irgend eine Idee haben, über
die sie schreiben wollen – oder schon ein fertiges oder
angefangenes Manuskript im Schreibtisch verstecken.
Sie
wissen nicht, ob Ihre Idee "gut" ist? Vergessen Sie´s einfach.
Nein, nicht die Idee, sondern die Wertung! Lassen Sie sich nicht einreden, dass
Sie zwingend mit den Personen oder mit der Handlung beginnen müssten, dass es
erforderlich sei, zunächst die Recherche abzuschließen oder dieses und jenes
zu tun.
Bei
mir ist es recht einfach, denn mein vierter Roman ist zugleich die zweite
Fortsetzung meiner „Detektivin“, der Rahmen schon zum Gutteil vorgegeben.
Ich weiß beispielsweise, dass ich einige meiner Figuren aus „Die Farbe von
Kristall“ wieder aufleben lassen möchte; die Zeit soll in den 1920er Jahren
liegen, der Handlungsort wie gewohnt Frankfurt am Main sein. Es soll eine
Kriminalgeschichte werden, in dreifacher Hinsicht: ein Krimi, eine Geschichte
der Kriminalistik ... und des Kriminalromans. Auch hier stehe ich in der
Tradition der beiden ersten Bände.
Mein
Tipp: Fangen Sie einfach mit dem an, was Ihnen am stärksten im Kopf
herumspukt: ein Ort, eine Person, eine Zeitungsnotiz, eine Handlung, ein Bild.
Das hat den Vorteil, dass Sie Lust zum „Weiterspinnen“ des Fadens und
somit einen Antrieb zum Schreiben bekommen.
Um
ein Beispiel aus meinem Roman zu nehmen:
Der pensionierte Kriminalwachtmeister Heiner Braun, meine heimliche
Lieblingsfigur (und die vieler Leser), ging am Ende meines zweiten Romans nach
Norddeutschland, um seine todkranke Frau zu pflegen. Sein letztes
Lebenszeichen datiert von 1912. Also frage ich mich zuerst: Soll er im neuen
Roman noch mal auftauchen? Wenn ja: Was hat er gemacht in all diesen Jahren?
Welche Auswirkungen hatte der Tod seiner Frau oder der Weltkrieg auf sein
Schicksal? Wen wird er im neuen Roman treffen, was wird er tun, wo wird er
leben?
Eine
Idee entwickeln heißt zunächst für mich: Das Gedanken-Chaos zuzulassen, das
in meinem Kopf herrscht, dieses herrliche unverpflichtende Drunter-und-Drüber,
das alles möglich und den Roman schon so gut wie geschrieben scheinen lässt.
Die Geschichte will hinaus aufs Papier, aber ich lasse sie (noch) nicht,
sondern breite sie genüsslich und ohne jeden sachlichen oder logischen Zwang
gedanklich aus, lasse sie sozusagen "zappeln".
Die
rationale Entscheidung, ob und wie sich das alles in eine Form gießen lässt,
verschiebe ich auf später. Von allen Phasen des Romanschreibens ist diese
ganz sicher die unbedarfteste, aber auch die kreativste.
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Die
Idee hat Formen angenommen, ich weiß, welche Geschichte ich erzählen will,
aber noch fehlt mir das Fleisch auf den Knochen: Schritt zwei auf dem Weg zu (m)einem
Buch ist für mich die Recherche.
Nun
mögen Sie einwenden, dass man für einen zeitgenössischen Roman ja keine
Recherche brauche. Das möchte ich so aber nicht stehen lassen, denn Recherche
umfasst mehr als das Vergegenwärtigen einer vergessenen Zeit oder alter
Modestile und Umgangsformen.
Recherche heißt, sich mit der Welt, die man beschreiben will,
auseinanderzusetzen.
Wenn Sie nicht ausdrücklich ein autobiographisches Buch schreiben wollen, müssen
Sie irgendwie recherchieren und sei es nur, wie sich die unterschiedlichen
Menschen unterhalten, wie sie denken, fühlen, in welchem äußeren Rahmen
(Stadt, Stadtteil, Wohnung) sie leben, welche Aufgaben sie in ihrem Beruf
haben und so weiter und so fort.
Verzichtet
man auf diese Recherche, kommen leicht solche „nullachtfünfzehn-Bücher“
heraus, in denen der Arzt die gleiche Sprache spricht wie der Fabrikarbeiter.
Mir
fällt das natürlich insbesondere bei Krimis auf, in denen immer wieder die
gleichen Klischees über Polizeibeamte bedient werden: leergeräumter Kühlschrank,
viel Alkohol, zerstörte Beziehung, einsamer Wolf-rettet-die-Welt.
Nicht, dass es solche Situationen und/oder Kollegen nicht gäbe, aber es gibt
eben auch andere Seiten in diesem Beruf, und die Faszination beim Lesen speist
sich ja auch aus dem Unerwarteten, der „Welt hinter der Welt“.
Ganz abgesehen davon, dass man sich schon in einem bestimmten Mindestumfang
mit den gesetzlichen Vorschriften auseinandersetzen sollte, die die Arbeit der
Polizei regeln: Eine aktuelle Strafprozessordnung und ein ebensolches
Strafgesetzbuch, für wenige Euro zu haben, leisten beachtliche Dienste. Auch
im Internet kann man mittlerweile auf fast jede Frage eine Antwort finden.
Bei
einem historischen Stoff, wie ich ihn in meinen Romanen „Die Detektivin“
und „Die Farbe von Kristall“ bearbeite, ist die Recherche natürlich noch
viel umfangreicher, da sie sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Ich kann
eben NICHT aus der Erfahrung schöpfen, sondern muss meine Figuren aus der
Historie holen. Und dazu muss ich erst mal in die Historie hinein. Wie aber
stellt man das an?
Ich
mache zunächst eine Vorrecherche, das heißt, sobald ich meine
Ideenfindungsphase abgeschlossen habe, überlege ich, welche Informationen ich
benötige, um die ausgedachte Geschichte erzählen zu können:
-
Wie war die politische, wie die soziale Lage in der Romanzeit?
- Wie war das Rollenverständnis Frau – Mann?
-
Welche Aufgaben hatten die Menschen?
-
Welche Unterschiede/Klassen gab es? Welche Regeln?
- Wie war der Ort beschaffen, an dem meine Geschichte spielen soll?
-
Gab es Besonderheiten?
- Wie war das Alltagsleben der Menschen geregelt?
- Ist der Ablauf der Romanhandlung, die ich mir ausgedacht habe, historisch möglich?
Um
Antwort auf diese Fragen zu finden, suche ich mir Quellen, meistens
(Geschichts-)bücher, aber auch Zeitzeugenberichte, Zeitungen, recherchiere im
Internet (google/Wikipedia), werte die Literaturverzeichnisse in Büchern aus,
die ich schon habe, um dann gezielt neue Literatur übers Internet ( www.eurobuch.com
) zu bestellen.
Für
meinen Roman „Die Wassermühle“, der ja in der Gegenwart spielt, habe ich
beispielsweise Literatur über alte Mühlen zu Rate gezogen, da ich nicht nur
eine Mühle beschreiben, sondern auch ein bisschen von der Mystik rüberbringen
wollte, die ein solcher Ort hat. Da es in dem Roman auch um Sprache und
Schreiben und um Kunst ging, habe ich dazu Quellen gesucht – und gefunden.
Vor allem Bücher über den Maler Claude Monet habe ich gelesen und
Informationen in den Roman eingebaut.
Das
Schöne am Recherchieren ist, dass man auf eine unglaubliche Menge an Details
stößt, die wiederum Anregungen für die Handlung oder neue Recherchen geben.
Heraus kommt dann später das, was Leser als „atmosphärische Dichte“ oder
„detailliert recherchiert“ loben: Das Gefühl, dass die beschriebene Welt
beim Lesen eine wirkliche wird.
Wichtig
beim Recherchieren ist, dass man sich Informationen aus möglichst
verschiedenen Quellen holt. Auch dazu ein Beispiel aus meiner gegenwärtigen
Recherchearbeit:
Mein
Roman wird etwa in der Zeit von 1919 bis 1925 angesiedelt sein. Die
Erfahrungen des Weltkriegs (der damals ja noch nicht „Erster“, sondern
bestenfalls „Großer“ genannt wurde) haben eine ganze Generation geprägt,
und zwar völlig unterschiedlich.
Es gibt Bücher, in denen die Kriegsgreuel (zum Teil mit Bildern) drastisch
beschrieben werden, es gibt andere, in denen nach wie vor die
„Manneszucht“ und das Militärische hochgehalten werden; das gleiche
Ereignis (Abdankung des Kaisers) wird aus völlig gegensätzlichen Positionen
heraus beschrieben, ja, selbst grausame Taten (Fememorde der Rechten, Anschläge
der Linken) werden je nach Gusto gerechtfertigt, verschwiegen gutgeheißen
oder verdammt.
Noch
viel faszinierender ist das Lesen persönlicher Erfahrungsberichte: So
beschreibt beispielsweise ein Teilnehmer der „Revolutionstage in Frankfurt
am Main“ die Stimmung in der Stadt so plastisch, dass ich beim Lesen glaubte,
dabeizusein. Gerade diese authentischen Details sind es, die einem Romanautor
helfen, sich in diese Zeit einzufinden, sie dem Leser von heute zu erschließen.
Ich
verbringe Tage und Wochen damit, in diesen Büchern zu stöbern, und teilweise
ist das richtig heftige Kost.
Um
ein Beispiel zu nennen: In einem Nachdruck eines 1924 veröffentlichten Buches
werden die zerstörten Gesichter von Soldaten gezeigt, teilweise mussten sie
30, 40 Operationen über sich ergehen lassen und waren trotzdem für ihr Leben
entstellt.
In einem anderen wird beschrieben, wie elend Hunderttausende an Giftgas
zugrundegingen; im nächsten steht, wie stolz ein Fritz Haber auf die
Entwicklung seiner Gaswaffen war und wie er sie protegiert hat. Und dann lese
ich in Michael Jürgs Buch „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ von
Soldaten, die keine Lust mehr hatten zu kämpfen, die sich mit dem „Feind“
verbrüderten, gemeinsam auf den Schützengräben Weihnachten feierten,
sangen, Fußball spielten. Die meisten waren noch sehr jung, hatten ihre
Zukunft vor sich. Und erlebten das Ende des Krieges nicht.
Erschütternd, ihre Briefe zu lesen: „Kriegsbriefe gefallener Studenten“
so der Titel eines Buches, das 1928 erschien. Ich habe den Ausschnitt eines
Briefes als Prolog für meinen Roman gewählt. Der Schreiber überlebte diese
Zeilen nur um 12 Tage.
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Stellen
Sie sich vor, Sie lesen einen Artikel über die Krankheit Alzheimer. Sie
erfahren jede Menge über die Symptome, mögliche Ursachen, wie viele
Menschen jährlich daran erkranken, wie viele sterben und dass es bislang
keine Heilung gibt. Der Text ist mit Fotos von kranken und gesunden Gehirnen
und diversen Statistiken bebildert.
Anderes
Szenario:
Katharina war eine berühmte Schauspielerin. Sie hatte in ihren Filmen die
Herzen der Menschen gewonnen. Als sie älter wurde, bekam sie weniger
Rollen, und eines Tages steht in den Gazetten, sie sei verwahrlost und
betrunken in einem Supermarkt aufgetaucht, habe Menschen angepöbelt, die
ihr helfen wollten. Etwas später lesen Sie in einem Bericht, dass sie an
Alzheimer erkrankt ist. Anhand der Symptome dieser Krankheit werden
Katharinas Ausfälle erklärt; ihre Tochter berichtet, dass ihre Mutter sie
zeitweise nicht mehr erkennt, ehemalige Filmpartner sind entsetzt und
erinnern sich traurig an die schillernde Diva vergangener Zeiten.
Und
nun die Frage: Welcher Beitrag hat Sie mehr bewegt? Welcher bleibt eher in
Ihrem Gedächtnis?
Eigentlich
eine überflüssige Frage, denn ich müsste mich sehr täuschen, wenn es
NICHT der Bericht über Katharina wäre, in dem die Krankheit ein Gesicht
erhält und damit fassbar wird – im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie
jede Geschichte – ob real oder erfunden – lebt auch ein Roman durch
seine Figuren. In Unterhaltungsromanen sollte sich der Leser mit dem Helden
oder der Heldin identifizieren, mit ihm oder ihr leiden, lachen, hoffen.
Allein die vielen Romane, die in Serie erscheinen und eine Heldin oder einen
Helden haben, deren Abenteuer die Leser von Band zu Band gespannt
mitverfolgen, machen deutlich, wie wichtig eine tragfähige Figur, ein guter
Hauptdarsteller, in einem Roman ist.
Ja,
aber, mögen Sie einwenden: Darf es immer nur einen Helden oder
eine Heldin geben? Natürlich nicht! Wenn Sie meine Romane gelesen
haben, dann wissen Sie, dass ich gerade nicht nur mit einem Helden
oder einer Heldin arbeite. Aber es ist am einfachsten, sich zunächst die
zentrale(n) Figur(en) vorzunehmen, um die Systematik zu verstehen ... Wie
also gehe ich vor?
Als
ich meinen ersten historischen Roman, "Die Detektivin", schrieb,
überlegte ich, nicht nur eine Person in den Mittelpunkt zu stellen, sondern
den Kriminalfall aus wechselnder Perspektive zu erzählen.
So kam ich auf den Gedanken, zwar einen Kommissar ermitteln, aber auch eine
junge Frau auftreten zu lassen. Ihre Namen sind Ihnen bekannt, sofern Sie
meine Romane kennen: Victoria Könitz und Richard Biddling. Einige
Eigenschaften dieser beiden Hauptfiguren ergaben sich durch die Wahl des
Genres (Kriminalroman = Kommissar Biddling) und den historischen
Zusammenhang (strenger Preuße, gebildete, aber naive Großbürgertochter).
Viele
Informationen über meine Figuren gewinne ich also bereits durch die
Recherche (die ich übrigens erst mit dem Beenden des Romans abschließe).
Steht
eine Figur im Groben, überlege ich mir, welche konkrete Funktion sie im
Roman haben soll. Also: Was will ich mit dieser Figur transportieren?
Victoria sollte beispielsweise für das gehobene Bürgertum stehen, sich
also in einer gesellschaftlich festgefügten Rolle bewegen, aus der sie
auszubrechen versucht. Die Idee zu Victoria kam mir, als ich über eine
junge Bürgerliche las, deren Vater ihr untersagte, Bücher von Bettina von
Arnim zu lesen. Mich als Leseratte entsetzte das derart, dass meine erste
Romanfigur geboren war.
Aber
das allein genügte nicht. Ich musste mir natürlich auch ein Bild von
Victoria als Frau machen: Wann ist sie geboren, wer ist ihre Familie? Welche
Haarfarbe, welche Größe, welche Statur hat sie? Welche Schulbildung hat
sie? Wie kleidet sie sich, wie redet sie? Was mag sie, was kann sie auf den
Tod nicht ausstehen? (zum Beispiel: Gnädiges Fräulein genannt zu
werden ...)
Diese
Informationssammlung bündele ich in einer Biographie, die enthält, was die
Figur Victoria Könitz ausmacht: neben den Äußerlichkeiten ihr Charakter,
und - sehr wichtig - ihre Entwicklung. Wie sich eine Figur vom Anfang bis
zum Ende eines Romans entwickeln wird, ist ein entscheidender Punkt, über
den sich der Autor vorher Gedanken machen muss. Versäumt er das, so wird er
beim Schreiben merken, dass die Figuren sich sperren, dass sie Dinge, die er
von ihnen will, einfach nicht tun mögen.
Wenn
also Ihre Geschichte hakt oder Sie glauben, wieder mal eine sogenannte
„Schreibblockade“ zu haben, so kann es durchaus daran liegen, dass Sie
mit Ihren Figuren nicht im Reinen sind.
Das,
was ich über Victoria gesagt habe, gilt gleichermaßen natürlich für alle
anderen Figuren meines Romans. Biographien lege ich auch für die
Nebenfiguren an, und während der Arbeit am Roman liegen diese Informationen
stets griffbereit neben dem PC.
Sie
planen also alles bis ins Detail? höre ich Sie ernüchtert fragen. Wo
bleibt da die Kreativität, die Phantasie, die Intuition?
Nein,
ich plane NICHT bis ins Detail! Selbst wenn ich es wollte, es werden mir
Dinge dazwischenfahren, von denen ich zu Beginn meiner Arbeit noch keine
Ahnung hatte. Das ist ja das Faszinierende am (fiktionalen) Schreiben: Dass
Handlungen und Figuren sich manchmal anders entwickeln als geplant. Aber das
gilt nur für Teilbereiche, nicht für den gesamten Roman. Ich komme bei dem
Punkt „Gliederung“ noch einmal darauf zurück.
Aber
auch die Figuren können einen Schriftsteller narren, und die schönste
Biographie nutzt nichts, wenn der Mensch, den man damit zu beglücken
versucht, sich einfach aus der Schablone herausstiehlt und sein eigenes
Leben entwickelt.
Merkwürdigerweise
passiert mir das in jedem Roman mit einer Person: In „Die Detektivin“
war es ... Heiner Braun! Ja, dieser unangepasste, liberale Querdenker, der
wie kein anderer das alte Frankfurt verkörpert! Ich hatte diesem
faszinierenden Menschen in meiner blasierten Schriftstellerallmacht ein klägliches
Stichwortgeber-Röllchen an der Seite des preußischen Kommissars zugedacht.
Der
sture Wachtmeister (damals noch: Kriminalschutzmann) pfiff auf meine
Biographie und machte sich selbständig – und ich tat gut daran, ihm die
lange Leine zu lassen: Er wurde zur tragenden Figur meiner Reise durch die
Geschichte der Kriminalistik und bekam schon im zweiten Roman eine neue,
umfassende Biographie verpasst, gegen die er sich dann nicht mehr sträubte.
Nun
werden Sie vielleicht einwenden, warum man sich die Arbeit überhaupt machen
sollte, Biographien zu schreiben, wenn sich Figuren doch auch von allein
entfalten können.
Allerdings stelle ich die Gegenfrage: Warum konnte sich denn jemand wie
Heiner Braun entfalten? Doch nur, weil er auf einem „vorbereiteten“
Boden spazierte, auf dem die anderen Figuren ihre Rollen schon zugeschrieben
hatten.
Außerdem
sind diese Biographien enorm wichtig, um sich während des Schreibens Dinge
ins Gedächtnis zu rufen, die die Figuren betreffen. Angefangen vom Aussehen
bis hin zu besonderen Vorlieben: Ich kann nicht jede Einzelheit jeder Figur
jederzeit im Kopf haben.
Noch
wichtiger aber ist, dass Ihre Figuren psychologisch schlüssig sind, das heißt,
dass sie sich nachvollziehbar verhalten. Zum Beispiel Victoria in "Die
Detektivin": Sie ist eine unangepasste junge Frau, aber sie lebt
dennoch in den Zwängen ihrer Zeit. Sie sieht ihre „kriminalistischen
Ermittlungen“ als Spiel an, weil sie in ihrer großbürgerlichen Welt von
der „Wahrheit der Straße“ abgeschirmt lebt. Sie lernt diese Wahrheit
dann – dies ein Prozess im Roman – nach und nach schmerzvoll kennen. Und
indem ich diesen Prozess schildere, versuche ich, den Leser: also Sie! , mit
Victoria mitleiden zu lassen, meiner Kriminalgeschichte ein Gesicht zu
geben, das Sie dazu bringt, weiterzulesen, weil Sie wissen möchten, was mit
dieser störrischen Dame geschieht, bis das Schicksal und die erbarmungslose
Autorin ein Einsehen hat.
Wäre
Victoria ein Proletariermädchen, hätte ich den Roman anders schreiben müssen.
Es
gibt viele Stationen auf dem Weg zu einem fertigen Roman, aber die
Entwicklung der Personen und der sorgfältige Umgang mit ihnen ist für mich
der wichtigste.
Ihre
Figuren tragen Ihre Geschichte. Mit ihnen steht und fällt das
Leserinteresse an Ihrem Buch.
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Die Idee und meine Helden sind
geboren, die Welt, in die ich sie schicken will, ist
– zumindest – grob recherchiert, es juckt mich in
den Fingern, endlich mit der Geschichte anzufangen …
Was bitte soll jetzt eine Gliederung? Wozu brauche
ich das? Zwänge ich damit meine Inspiration nicht in
ein Korsett? Kann ich meine Muse etwa mit einem Plan
becircen? Geplante Fiktion: Ist das nicht Fast-Food
statt haute cuisine?
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich
behaupte nicht, dass jeder, der einen Roman
schreibt, eine Gliederung machen muss, aber in einem
Ideen-, Personen- und Handlungsdschungel einen roten
Faden zu haben, kann nicht schaden, oder?
Ich vergleiche Bücher gern mit
Häusern, und wir Autoren sind: Bauherren,
Architekten, Maurer, Inneneinrichter …
Am Anfang stehen die Wünsche und Vorstellungen des
Bauherren: Die Phantasie schlägt Purzelbäume: Viel
Glas muss sein, ein achteckiges Wohnzimmer, eine
große Terrasse mit Schwimmteich, ein Dschungel als
Garten, ein Kachelofen im Wohnzimmer und mindestens
200 Quadratmeter Wohnfläche …
Stopp, sagt der Architekt. Wie soll denn das Dach
aussehen? Wie groß sollen denn die Fenster und Türen
sein? Wo soll der Ofen hin? Wollen Sie auch einen
Keller?
Am Anfang des Traumhauses steht
also die Planung … und wie jeder weiß, der schon mal
(um-)gebaut hat, ist der erste Plan selten der
letzte, sondern wird den
Gegebenheiten/Bauvorschriften, den finanziellen und
sonstigen Zwängen angepasst.
Keiner käme auf die Idee, auf diesen Plan zu
verzichten, weil er wahrscheinlich noch mal geändert
werden wird; auch käme keiner auf die Idee, in einem
Architektenplan die Farbe der Wohnzimmertapeten und
den Standplatz des Sofas festzulegen.
Für Sie als Architekt Ihres
Buches heißt das also: Ein Plan, eine Gliederung,
nimmt Ihnen weder die Kreativität noch spontane
Ideen für Neues, sondern gibt Ihnen eine
Grobzeichnung ihrer Geschichte, die Sie während des
gesamten „Bauvorhabens“ immer wieder zur Hand nehmen
können, um den roten Faden nicht zu verlieren – oder
um ihn neu zu spinnen.
Eine Gliederung ist quasi das
Skelett Ihres Romans und beschreibt den groben
Handlungsablauf.
Ich unterteile meine Gliederung in – vorläufige –
Kapitel und notiere jeweils in einigen Sätzen das
Wesentliche, was in diesem Kapitel geschieht.
Um Ihnen zu zeigen, wie die graue
Theorie in der Praxis aussieht, hier die Gliederung
der ersten fünf Kapitel für meinen historischen
Roman „Die Farbe von Kristall“. Damit Sie sehen, was
ich beim Schreiben tatsächlich verwendet habe, setze
ich den endgültigen Handlungsstrang kursiv dahinter.
Nikola Hahn
Die Farbe von Kristall
Roman
(vorläufige) Kapitelgliederung
Prolog
Ein düster-schauriges Bild des Frankfurter
Gefängnisses im Novembersturm; kurze
Szenenbeschreibung vor einer Hinrichtung. (Hinweis:
Wird im letzten Kapitel aufgelöst: Es handelt sich
um die Hinrichtung der Mörder von Lichtenstein.)
Ich hatte vor Beginn des
Schreibens dieses starke Bild im Kopf, das ich dann
aber gar nicht genommen habe, weil es nichts mit den
Helden meiner Geschichte zu tun hatte. Ich habe zwar
das Thema „Tod“ im (sehr) kurzen Prolog
aufgegriffen, aber ich erzähle nicht die Hinrichtung
(auf die komme ich dann tatsächlich im letzten
Kapitel zurück.)
Kapitel 1
Um die Mittagszeit des 26. Februar 1904, einem
tristen Wintertag, wartet der angesehene Frankfurter
Geschäftsmann und Klavierhändler Hermann
Lichtenstein auf einen berühmten Kunden: den
international bekannten Pianisten Ernesto Consolo
aus Lugano; aber statt Consolo läßt er seine Mörder
ein. (Kurze Szene)
Das habe ich genauso
umgesetzt. Die Szene ist zweieinhalb Seiten lang.
Ich habe sie genutzt, um noch eine weitere Person
einzuführen, die später von Bedeutung ist.
Am Morgen des 26.2. tritt die
28jährige Laura Rothe im Polizeipräsidium Frankfurt
eine Stelle als Polizeiassistentin an; sie ist die
erste Frau, die in Frankfurt in den Polizeidienst
eingestellt wird und soll sich um „gefallene“ Frauen
und verwahrloste Kinder kümmern.
Diese Szene habe ich nach
hinten geschoben. Laura Rothe trifft zum Ende der
Szene (und des Kapitels) auf Heiner Braun, der im
Präsidium zurückgeblieben ist. Das Aufgabengebiet
der Polizeiassistentin habe ich erst in einem
späteren Kapitel erwähnt.
Am gleichen Tag wird Wachtmeister
Heiner Braun in den Ruhestand verabschiedet; sein
Vorgesetzter, Kriminalkommissar Richard Biddling muß
nun alleine an ihrem letzten Fall weiterarbeiten:
einem ungeklärten Todesfall eines Arbeiters in einer
Bockenheimer Fabrik , der eigentlich längst
abgeschlossen sein sollte, weil alle Umstände auf
einen Unglücksfall hindeuten. Richard und Heiner
Braun vermuten jedoch einen Zusammenhang mit
dubiosen Warengeschäften, in die angesehene
Persönlichkeiten der Stadt verwickelt sind.
Mitten in ihr Abschiedsgespräch platzt die Nachricht
des Mordes an Lichtenstein.
Die Szene habe ich beim
Schreiben direkt an die erste angefügt. Die beiden
Männer reden zwar im Abschiedsgespräch kurz über den
Fall des Bockenheimer Arbeiters, aber der Leser
erfährt noch nicht, worum es genau geht.
Kapitel 2
Victoria Biddling, die Ehefrau von Kommissar
Biddling, fährt früh am Morgen mit ihren Töchtern
Flora und Vicki nach Niederhöchstadt, um bei dem
Hundezüchter Karl Hopf, der ihr von ihrer Schwester
Maria empfohlen wurde, einen Hund zu kaufen.
Victoria, die schon seit einiger Zeit in ihrer Ehe
nicht mehr glücklich ist und sich von ihrem Mann
vernachlässigt fühlt, genießt das Interesse und die
Wertschätzung, die der charismatische Hopf ihr
entgegenbringt. Daß er sich ebenso wie sie für
Kriminalromane interessiert, freut sie ganz
besonders.
Das spätere fertige Kapitel
umfasst 18 Seiten. Dass Victoria in ihrer Ehe mit
Richard Probleme hat, beschreibe ich nicht, sondern
lasse den Leser an einer Auseinandersetzung
teilhaben, die Victoria am Vorabend mit ihrem Mann
hatte.
Kapitel 3
Während alle greifbaren Beamten vom Präsidium zum
Haus des Klavierhändlers Zeil 69 geschickt werden,
bleiben Heiner Braun und Polizeiassistentin Laura
Rothe zurück; letztere deshalb, weil sie als Frau
„keine richtige Beamtin“ ist und demzufolge an einem
Tatort nichts zu suchen hat. Heiner erzählt ihr von
seinem letzten Fall und den Arbeitsbedingungen im
Präsidium und den umstrittenen Methoden von Martin
Heynel, dem Chef der Sitte, dem Laura unterstellt
sein wird.
Diese Szene habe ich aus
Kapitel 3 komplett herausgenommen; das Gespräch
zwischen Heiner Braun und Laura habe ich in Kapitel
1 vorverlegt (siehe dort); die Informationen zu dem
zwielichtigen Martin Heynel folgen erst später.
Vor dem Haus des Klavierhändlers,
das nur einen Steinwurf vom Polizeipräsidium
entfernt auf Frankfurts Hauptgeschäftsstraße liegt,
hat sich eine große Menschenmasse eingefunden. Der
Klavierhändler liegt mit eingeschlagenem Schädel und
einem um den Hals geschlungenen Seil in seinem Blut.
Ein blutiger Fingerabdruck und der Abdruck eines
Frauenschuhes scheinen nahezulegen, daß eine Frau
zumindest mit am Tatort war. Kommissar Biddling und
Kommissar Beck werden mit den Ermittlungen in der
Mordsache betraut; von Anfang an gibt es Differenzen
zwischen den beiden Männern.
Das Kapitel umfasst 25
Seiten, und 24 ½ sind nur dem Tatort und der
kriminalistischen Arbeit gewidmet. Damit das Ganze
auch spannend zu lesen ist, wird – wie ich es
geplant habe – deutlich, dass Kommissar Richard
Biddling und Kommissar Beck völlig unterschiedliche
Charaktere sind.
Die Arbeit endet für Richard Biddling spätabends in
seinem Büro mit der Durchsicht des Notizbuches des
Ermordeten, in dem er unter anderem den Namen K.
Hopf findet.
Auf den letzten Zeilen lasse ich den erschöpften
Kommissar dann nach Hause kommen. Er findet seine
Frau über einem Buch schlafend in der Bibliothek:
Der Leser weiß, dass es ein Buch ist, über das sie
mit dem Hundezüchter Hopf (siehe Kapitel 2)
gesprochen hat und ahnt den kommenden Konflikt; Ihr
Mann Richard weiß es nicht.
Kapitel 4
Als Richard Biddling spätabends nach Hause kommt,
hat sich die Kunde von dem Mord schon wie ein
Lauffeuer in der ganzen Stadt verbreitet. Victoria
bestürmt Richard mit Fragen, erhält aber nur
nichtssagende Antworten. Als sie von ihrem Ausflug
nach Niederhöchstadt erzählt, hört er ihr nicht zu.
Victoria wirft Richard vor, sie immer mehr aus
seinem Leben auszuschließen. Es wird deutlich, daß
sie sich in ihrer Rolle als großbürgerliche Hausfrau
und Mutter nicht wohl fühlt. Richard schweigt zu
ihren Vorwürfen; er bringt es nicht fertig, ihr zu
sagen, daß eine Spur im Falle des verunglückten
Bockenheimer Arbeiters in ihre eigene Familie zu
führen scheint.
Hier bin ich von meinem
Entwurf ziemlich weit abgewichen: Auf den ersten
Seiten beschreibe ich, wie Polizeiassistentin Rothe
bei dem pensionierten Heiner Braun ein Zimmer mietet
und dessen Frau kennenlernt.
Dann schließt sich eine Frühstücksszene im Haus von
Richard Biddling an. Als seine Tochter ihm von Hopf
erzählt, denkt er sofort an den Namen im Kalender
des Toten, sagt aber seiner Frau nichts von seinem
Verdacht. Dass es in diesem Mordfall des
Fabrikarbeiters eine Verbindung in die Familie
seiner Frau gibt, wird dem Kommissar erst viel
später deutlich. (Obwohl ich diese Information hier
nicht verwendet habe, half mir die Gliederung, sie
nicht zu vergessen und sie dann beim Schreiben dort
einzupassen, wo sie hingehört. Ich habe mir
angewöhnt, geänderte oder ausgelassene Infos in der
Gliederung zu markern, damit ich auf Anhieb sehe,
was ich – noch – nicht verwendet habe.)
Im Roman habe ich dann die meisten Infos, die ich
für Kapitel 5 geplant hatte, in Kapitel 4
übernommen: So den Antrittsbesuch von Laura Rothe im
Präsidium, ihre Bekanntschaft mit Heynel, die
Begegnung mit Zilly. Die Vermutung, dass Heynel mit
ihr anbandeln will, lasse ich Laura aber erst in
einem späteren Kapitel kommen …
Da sich beim Schreiben eine Figur
in meine Geschichte gemogelt hatte (ein junger
Polizeidiener, der den Tatort bewachte), beschloss
ich spontan, dieser Figur mehr Raum und Bedeutung in
der Geschichte zu geben. Deshalb habe ich in Kapitel
4 noch eine Szene eingefügt, in der Kommissar
Biddling den Jungen als Gehilfen einstellt.
Kapitel 5
Zu den Aufgaben der Polizeiassistentin Laura Rothe
gehört es, die über Nacht in Polizeihaft
eingelieferten Prostituierten zu begutachten. Laura
hat sich zum Ziel gesetzt, den „gefallenen Mädchen“
zu helfen; dabei gerät sie recht bald mit ihrem
Chef, Martin Heynel aneinander, der mit harter Hand
durchgreift. Merkwürdigerweise nehmen die meisten
der Mädchen die rüde Behandlung klaglos in Kauf, so
auch Zilly, eine junge Prostituierte aus dem
Edelbordell Laterna Magica. Heynel setzt alles
daran, Lauras Arbeit zu sabotieren; gleichzeitig
macht er ihr Avancen; Laura, der als berufstätiger
Frau ein untadeliger Ruf und absolute Keuschheit
abverlangt werden, vermutet, daß Heynel mit ihr
anbandeln will, um sie auf diesem Wege loszuwerden.
Trotz allem fühlt sie sich von ihm angezogen.
Da ich die Informationen aus
Kapitel 5 bereits in Kapitel 4 verwendet hatte,
wurde mein geplantes Kapitel 6 zu Kapitel 5. Später
ergab sich dann der umgekehrte Fall: Ich hatte nach
Ende eines Kapitels noch Informationen aus meiner
Gliederung „übrig“, so dass ich damit ein neues
Kapitel einfügte und wieder „im Plan war“.
In dieser Art habe ich den ganzen
Roman „vorgeschrieben“, und bei der Ausarbeitung der
einzelnen Kapitel griff ich später immer wieder auf
diesen Urplan zurück: Er half mir nicht nur, den
Überblick zu behalten, sondern er diente mir auch
dazu, Kapitel neu zu positionieren und
Handlungselemente zu verschieben.
Für meinen neuen Roman, an dem
ich gerade arbeite, ist die Kapitelgliederung
ähnlich ausgefallen.
Zum Schluss noch einige
Anmerkungen zum „Stil“ einer Gliederung und die
Zusammenfassung der Vorteile.
Eine Gliederung ist ein
persönliches Dokument für den Autor und muss keinen
„Schönheitspreis“ gewinnen. Sie können die
Gliederung in ganzen Sätzen schreiben wie ich, oder
Stichpunkte, Notizen, Schlagwörter verwenden.
Schreiben Sie einfach auf, was nach Ihren
Vorstellungen in Ihrem Roman geschehen soll. Ob es
dann später beim Schreiben alles wirklich so
eintritt, darüber machen Sie sich erst einmal keine
Gedanken.
Die Gliederung eines Romans hilft dem Autor
- sich über sein Konzept und den
(plausiblen) Handlungsablauf seiner Geschichte klar
zu werden
- beim Schreiben den Überblick zu
behalten
- bei Bedarf, Inhalte oder
Kapitel hin- und herzuschieben, ohne dass
Informationen verloren gehen
- bei „Schreibblockaden“ den
roten Faden wiederzufinden
- beim Schreiben des Exposés
zurück
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6. Der Titel
Nachdem Sie Ihre Romanidee durch Recherchen
konkretisiert, Ihre Figuren entwickelt, Gliederung
und Exposé geschrieben haben, erwarten Sie, dass es
endlich losgeht?
Sie haben recht! Was das Handwerkliche betrifft,
sind Sie bestens gerüstet, Ihren Roman zu beginnen.
Warum ich Sie trotzdem noch nicht anfangen lasse?
Stellen Sie sich vor, Sie spazieren eine Straße
entlang. Rechts und links Häuser. Wo lugen Sie
neugierig über den Zaun, wo würden Sie gern mal an
der Tür klingeln?
Wo wilder Wein und Rosen um Türen und Fenster
ranken, wo eine blaugestrichene Bank mit Lavendel
zur Siesta einlädt? Oder dort, wo Betonringe und
zwei Quadratmeter Rasen "glänzen"?
Nächste Frage:
Was würden Sie hinter einer Stahltür erwarten? Eine
Bauernstube? Was halten Sie von einem
Architektenhaus mit Butzenscheiben?
Ein Vorgarten, der neugierig auf das "Dahinter"
macht, eine passende Haustür, die ins Innere führt,
genau das ist für mich der Titel zu einem Buch.
Will heißen: Ich kann nichts schreiben, ohne im
Geiste einen Titel für meine Geschichte zu haben.
Nun muss dieser Titel - selbstverständlich - nicht
immer der endgültige sein, und bei meinem Roman "Die
Wassermühle" hatte ich beim Schreiben eine ganz
andere Tür im Sinn als die, die dann verlagsseits
eingebaut wurde. Ich konnte prima damit leben, weil
der neue Eingang sogar besser zu meinem (Roman-)haus
passte als der alte.
Aber ein Titel muss nicht nur passen, er muss
auch neugierig machen: Ich will, dass Sie beim
Spaziergang neugierig über MEINEN Zaun schauen, dass
Sie bei MIR klingeln und nicht achtlos vorübergehen!
Das erste, was der Leser von meinem Roman liest,
ist der Titel. Und jeder, der über das Buch redet,
nennt den Titel. Deshalb, finde ich, sollte sich ein
Autor vor dem Schreiben einer Geschichte über den
Titel Gedanken machen. Der Titel ist nicht nur Tür,
sondern auch Vorgarten zu Ihrem Buch!
Wenn Sie nicht meiner Meinung sind und Ihren
Roman genauso gut oder besser schreiben können, ohne
sich vorher einen Kopf um einen passenden Titel
gemacht zu haben: Glückwunsch!
Lesen Sie diese Rubrik als kleinen Pausenfüller und
freuen Sie sich, dass Sie nicht in den Konflikt
kommen, der sich aus den allermeisten
Verlagsverträgen ergibt: Dass nämlich der Verlag
oftmals die Hand auf dem Titel hat.
Mich hat das schlaflose Nächte gekostet, nicht etwa,
weil ich unbedingt "meinen" Titel behalten wollte,
sondern weil man mir eine Stahltür in mein
Reetdachhaus einbaute.
Nichtsdestotrotz habe ich auch für meinen neuen
Roman einen (Arbeits-)titel. Für mich spiegelt sich
im Titel die Idee meines Buches, und deshalb kann
ich nicht "ohne".
Davon abgesehen, hilft ein Titel auch beim
Schreiben, weil er hilft, den Roten Faden nicht zu
verlieren.
Wie das?
Ich möchte es am Beispiel meiner beiden
historischen Romane verdeutlichen:
Mein erster Roman sollte ursprünglich "Das
Glashaus" heißen. (Diesen Titel hat mittlerweile ein
anderes Buch bekommen.) Das Thema, das dieses Buch
leitet, ist: "Wer im Glashaus sitzt ..."
Aber nicht nur im übertragenen, auch im plastischen
Sinne passte dieser Titel, denn zentraler Schauplatz
ist eine alte Orangerie. Schuld und Sühne, ein Mord
und ein Geheimnis in einem Glashaus ... Und dann
kamen die Verlagshandwerker und setzten die Stahltür
"Die Detektivin" ein.
Im zweiten Roman, der (nach einigen Kämpfen)
unter dem ursprünglichen Titel "Die Farbe von
Kristall" erschien, geht es um "die Farben der
Wirklichkeit", also um die verschiedenen Facetten
der Wahrheit, die sich je nach Standpunkt ändern -
wie das Sonnenlicht, das sich in einem Bergkristall
in den Farben des Regenbogens bricht.
Aber auch in diesem Roman hatte "Kristall" eine
pragmatische Bedeutung, zum einen als Schmuckstück,
das die Heldin von einem mysteriösen Mann bekommt,
zum anderen als neue wissenschaftliche Methode,
Blutspuren nachzuweisen.
Unter dieser Prämisse schrieb ich den ganzen
Roman, und auch die Zitate am Anfang des Buches
beziehen sich darauf.
Der Titel half mir also, "in der Spur zu
bleiben".
Welchen Titel ich für meinen in Arbeit
befindlichen Roman habe?
Na, ich verrate Ihnen ja Vieles, aber hier und da
ein kleines Geheimnis muss schon sein ...
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zum Anfang
Bevor Sie mit Ihren Roman beginnen können, müssen Sie sich über die
Erzählperspektive klar werden. Ich möchte mich an dieser Stelle auf die beiden
am häufigsten gewählten Alternativen beschränken: Dritte Person oder Erste
Person.
In der Literatur werden diese Perspektiven noch untergliedert, und zwar abhängig
davon, wie stark sich der Autor selbst in die Geschichte einbringt. Insbesondere
im Zusammenhang mit der Perspektive der Dritten Person wird der „allwissende“
Autor genannt, der alles weiß und jederzeit in jeden Kopf seiner Figuren schauen
kann. Zumeist geschieht die Erwähnung des „allwissenden Autors“ mit der
Einschränkung, dass diese Erzählform heute nicht mehr üblich ist.
Ich gebe Ihnen ein kurzes Beispiel für die unterschiedlichen Formen:
1. Ich-Perspektive:
Ich stand im Regen und dachte, dass ich doch ein rechter Pechvogel bin. Just
in diesem Moment kam Elli vorbei und spannte ihren Schirm über mir auf.
„Typisch Susanne!“ sagte sie grinsend.
Hier schildert Susanne selbst das Geschehen aus ihrer Sicht.
2. Dritte Person:
Susanne stand im Regen und dachte, dass sie einfach ein Pechvogel war. Doch
genau in diesem Augenblick kam ihre Freundin Elli vorbei und spannte ihren
Schirm über ihr auf. „Typisch Susanne!“ sagte sie grinsend.
Auch hier wird das Geschehen aus Sicht von Susanne geschildert, aber nicht sie
selbst berichtet, sondern ein Erzähler, der selbst nicht in Erscheinung tritt.
3. Allwissender Erzähler (Dritte Person)
Susanne stand im Regen und dachte, dass sie einfach ein Pechvogel war. Doch
genau in diesem Augenblick kam ihre Freundin Elli vorbei und spannte ihren
Schirm über ihr auf.
„Typisch Susanne!“ sagte sie grinsend und dachte, dass ihre Freundin ohne sie
ganz schön hilflos war.
Der Erzähler „springt“ von einer Figur zur anderen, schaut abwechselnd in den
Kopf von Susanne und Elli. Er ist sozusagen „überall“ – allwissend.
Diese Erzählform ist heute nicht mehr sehr gebräuchlich, weil es den Leser
verwirrt, wenn ständig die Perspektive gewechselt wird.
Anfänger tendieren oft dazu, in diesen „wilden“ Perspektivwechsel zu fallen,
ohne dass sie sich dessen bewusst sind.
In modernen Erzählformen der Dritten Person wird entweder nur aus einer
Perspektive erzählt (quasi eine Ich-Erzählung in der Dritten Person) oder aber
es wird eine abgeschwächte Form des allwissenden Autors gewählt, das heißt, der
Erzähler schaut nicht in die Köpfe aller Personen, sondern wählt einige Personen
aus, aus deren Perspektive er (abwechselnd) erzählt.
Ich selbst wähle diese Form sehr gern und nutze sie auch in meinen historischen
Romanen.
Gerade die Mischung zwischen „Allwissender Erzähler“ und reiner "Dritte-Person-Perspektive“ stürzt Anfänger oft in Verwirrung. Die Entwirrung ist
gar nicht so schwer. Stellen Sie sich vor, auch Susannes Mutter spielt in der
Geschichte eine Rolle.
-
Szene: Das
Geschehen wird aus Sicht der Hauptperson Susanne geschildert.
-
Szene: Elli
tritt auf. Das Geschehen wird aus Sicht von Susanne geschildert.
-
Szene:
Susannes Mutter tritt auf. Das Geschehen wird aus ihrer Sicht geschildert.
-
Szene: wird
aus Sicht von Susanne geschildert.
Der „eingeschränkt allwissende Autor“ hat also entschieden, vor allem in Ellis
Kopf zu schauen. Außerdem möchte er die Dinge gern noch aus der Sicht von
Susannes Mutter erzählen, aber nicht aus der Sicht von Elli.
Sie können die Szenen auch in Kapitel oder Absätze umsetzen. Es gibt keine
Regeln, wie lange ein Autor aus der einen oder anderen Perspektive erzählen soll
oder darf.
Sie sollten einen Perspektivwechsel aber bewusst einsetzen und nicht zu oft
wechseln.
Wie ich schon sagte: Häufiger Perspektivwechsel ist ein Anfängerfehler. Im
übrigen gibt es in meinem ersten Roman „Die Detektivin“ auch einige hübsche
Beispiele dafür. Hier verrate ich Ihnen eins:
In Kapitel 6 streiten sich Kriminalkommissar Biddling und sein Untergebener
Heiner Braun über den Fortgang der Ermittlungen in einer Vermisstensache:
Richard wandte sich wieder seinem Aktenstudium zu, doch Heiner ignorierte die
brüske Abweisung. Zu viel hatte sich in den vergangenen Tagen in ihm angestaut.
„Ich frage mich ernstlich, warum Sie überhaupt nach Frankfurt gekommen sind,
wenn Sie die Menschen hier so verabscheuen.“ (=Perspektive Heiner Braun)
„Ich verabscheue niemanden! Und ich will, dass Sie jetzt gehen, Herr Braun“,
sagte Richard förmlich. Er war müde, und es war ihm nicht nach tiefsinnigen
Erörterungen zumute. (Perspektive Richard Biddling.)
Im Fortgang des Gesprächs wechseln die Perspektiven dann nochmals, teilweise
sogar von Satz zu Satz. Das geschah unbewusst und nicht geplant.
Doch zurück zur entscheidenden Frage: Welche Perspektive sollten Sie für
Ihren Roman wählen: Ich-Perspektive – oder Dritte Person?
Ganz davon abgesehen, dass es Leser gibt, die die Ich-Form grundsätzlich nicht
mögen (Seltsamerweise gibt es diese Abneigung bei der Dritten-Person seltener
...). Jede Perspektive hat Vor- und Nachteile.
Die Ich-Perspektive hat folgende Vorteile:
Sie können die Dinge aus einer sehr persönlichen Sicht schildern. Der
„Ich-Person“ verzeiht man Fehler, flapsige Sprache und Unwissenheit eher als
einem Erzähler, der aus der Distanz berichtet. Der Ich-Erzähler kann über Dinge
berichten, von denen er eigentlich nichts versteht, und der Leser nimmt es ihm
ab. Gefühle, Gedanken, Reflektionen, akzeptiert der Leser eher, wenn sie ein
Ich-Erzähler berichtet. Die gleichen Dinge aus Sicht eines Dritten wirken im
Gegensatz dazu leicht aufgesetzt oder belehrend.
Die Ich-Person ist unmittelbar im Geschehen, und der Identifikationsgrad des
Lesers mit dieser Person ist grundsätzlich hoch.
… und folgende Nachteile:
Der Ich-Erzähler kann nicht über Dinge berichten, die er nicht selbst erlebt
hat, das heißt, das, was einen Gutteil der Spannung eines geschickt aufgebauten
Romans ausmacht, kann ein Ich-Erzähler nicht leisten. Der Ich-Erzähler wird alle
Gefahren überstehen, denn sonst könnte er nicht darüber berichten. Der
Ich-Erzähler kann eine Geschichte verflachen, denn es wird kaum möglich sein,
tief in andere hineinzusehen, ohne psychologisch belehrend zu wirken.
Gleiches gilt auch für den Erzähler selbst: Eine ehrliche Bewertung der eigenen
Person ist schwierig umzusetzen. Die Charakterisierung einer Person hängt ja oft
nicht von dem ab, was sie selbst sagt oder denkt, sondern davon, wie andere sie
sehen. Und genau das fehlt in einer Ich-Erzählung.
Und zuletzt sollten Sie vielleicht noch etwas bedenken, das zwar nichts mit der
Qualität Ihrer Geschichte, wohl aber mit der Bewertung Ihrer Person als Autor zu
tun hat. Grundsätzlich werden die meisten Leser immer suchen, wo Sie selbst im
Roman stecken, wie viel von Ihrer Geschichte „autobiographisch“ ist. Wenn Sie in
der Ich-Form schreiben, müssen Sie auf jeden Fall damit leben, dass die Leser
diese Geschichte als Ihre eigene sehen.
Die Vorteile der Erzählperspektive in der Dritten Person
… ergeben sich ebenfalls aus den genannten Beispielen:
Sie können in die Köpfe mehrerer Personen schauen, Ihre Geschichte aus
unterschiedlichen Blickwinkeln und damit facettenreich erzählen. Sie haben die
Möglichkeit, ein Netz aus vielen Einzelstücken zu spinnen, in dem sich der Leser
hoffentlich voller Spannung verfängt.
Sie können verschiedene Töne in Ihre Geschichte bringen: Menschen reden, denken
unterschiedlich, stammen aus unterschiedlichen Welten, die Sie vor Ihren Lesern
lebendig werden lassen können.
In Schreibratgebern wird aus diesen Gründen oft empfohlen, erst einmal in der
Dritten Person zu schreiben. Ich möchte die Empfehlung so nicht geben, bin aber
auch der Meinung, dass es für einen Anfänger einfacher und für seine
Fortentwicklung als Autor befruchtender sein kann, in der Dritten
Person zu schreiben.
Aber letztlich ausschlaggebend ist Ihre persönliche Vorliebe und natürlich Ihr
Roman, denn Erzählperspektive und Story müssen zusammenpassen.
Einfache Regel:
Ein zentraler Held, mit dem sich der Leser schnell identifizieren soll, eine
geradlinig erzählte Story, viel action: Hier bietet sich die Ich-Perspektive an.
Eine vielschichtig aufgebaute Geschichte, in der es nicht nur einen Helden gibt,
verwobene Handlungsstränge, Beschreibung unterschiedlicher sozialer Milieus: Die
Perspektive der Dritten Person wird in den meisten Fällen passend sein.
Eine noch einfachere Regel:
Wählen Sie die Perspektive, mit der Sie sich am wohlsten fühlen! Wenn Sie Ihr
Handwerk verstehen, werden Sie so oder so einen guten Roman zustande bringen.
Und die wichtigste Regel:
Wählen Sie die Perspektive, BEVOR Sie Ihren Roman beginnen!
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zum Anfang
Blättert man in Schreibratgebern, von denen es ja
mittlerweile einige gibt, so nimmt das Thema „Wie fange ich an“ meistens einen
breiten Raum ein, oft verbunden mit der Frage: Wie fesseln Sie als Autor Ihre
Leser? (Oder einen Verlagslektor …)
Manche dieser Ratgeber behaupten, dass es gerade auf den
ersten Satz besonders ankomme. Aber mal Hand aufs Herz. Wenn Sie ein Buch im
Laden kaufen: Was tun Sie?
Sie schauen sich das Titelbild und den Titel an, Sie lesen
den Klappentext, Sie blättern, lesen, ganz bestimmt (auch) den Anfang. Aber: Ist
es tatsächlich der erste Satz, der Sie das Buch kaufen lässt? Oder schmökern Sie
nicht doch ein bisschen weiter – die erste halbe Seite oder zumindest
einen Absatz?
Ich will damit nicht sagen, dass der erste Satz eines Buches
unwichtig ist, aber ganz bestimmt hat er nicht die herausragende Bedeutung, die
ihm oft zugemessen wird.
„Ja, verwenden Sie etwa keine Mühe auf den ersten Satz?“ höre
ich Sie fragen.
Aber sicher! Ziemlich viel sogar. Wenn ich nicht weiß, wo
meine Geschichte anfängt, wie soll ich dann wissen, wie sie weitergeht, wo sie
endet?
Worauf ich hinauswill ist, dass Sie sich von der Bürde
freimachen, unbedingt mit dem ersten Satz den Knaller liefern zu müssen,
damit Ihr Roman Gnade vor dem Leser oder einem Lektor findet.
Es gibt viele Möglichkeiten, einen Roman anzufangen – tun
Sie´s also einfach.
„Und wie?“
Ganz einfach: Wie Sie wollen!
Wenn Sie Ihre Geschichte geplant, die Figuren entwickelt, die
Story recherchiert und Ihre Erzählperspektive festgelegt haben, haben Sie alles,
was Sie benötigen, um anzufangen. In der Grobgliederung haben Sie festgelegt,
was inhaltlich im ersten Kapitel stehen soll. Jetzt müssen Sie Ihren Plan mit
Leben füllen.
Im folgenden gebe ich Ihnen ein paar Beispiele, wie man
einen Roman (oder eine Geschichte) beginnen könnte. Jede hat Vor- und Nachteile.
1.
1. Zitat oder Sinnspruch
2.
2. Brief, Artikel, Bericht
3.
3. Wörtliche Rede/Dialog
4.
4. Beschreibung
5.
5. Prolog
6.
6. (Selbst-)Reflektion
Zu 1: Zitat oder Sinnspruch
Mein Roman „Die Detektivin“ fängt folgendermaßen an:
Oft bedienen sich die Verbrecher der Schiebekarren zum Transport ihrer Beute,
oder sie erscheinen gar mit Wagen und Pferd auf dem Schauplatz der That. (W.
Stieber, Practisches Lehrbuch der Criminal-Polizei, 1860.)
Mit diesem Anfang habe ich – bewusst – die typischen Fliegen
mit der ebenso typischen Klappe geschlagen: Ein altes kriminalistisches
Lehrbuch, eine Tatortbeschreibung, eine Jahreszahl – alles das zeigt dem Leser
sofort, wohin die Reise in diesem Roman geht und außerdem, dass die Autorin
authentische Informationen aus dieser Zeit verwendet. Erhöht wird diese
„Authentizität“ noch dadurch, dass ich diese Zitate (jedem Kapitel habe ich
einen passenden Lehrsatz aus diesem alten Lehrbuch vorangestellt) in Fraktur
gesetzt habe.
Das bedingt aber, dass diese Einleitungssätze sehr kurz sein
müssen; sonst würde sie den Leser nicht neugierig machen, sondern nerven.
Wenn Sie dieses Stilmittel verwenden, gilt generell: In der
Kürze liegt die Würze!
Zu 2: Brief, Artikel, Tagebuch
In meinem genannten Roman „Die Detektivin“ geht es
folgendermaßen weiter:
Frankfurt am Main, den 30. Mai 1882
Liebster Ernst!
Ich wünschte mir, Du könntest sehen, was für einen
herrlichen Wäldchestag wir dieses Jahr haben! Die Sonne scheint von einem
strahlend blauen Himmel, wie er in Indien bestimmt nicht schöner ist, und der
Duft der Rosen in Sophias Garten erinnert mich daran, wie sehr Du mir fehlst …
Ein Brief ist etwas sehr Persönliches, und die Informationen,
die durch einen Brief gegeben werden, sind unmittelbarer als die distanzierte
Beschreibung eines Dritten (des Autors).
Mit Bedacht eingesetzt (auch hier liegt die Würze
grundsätzlich in der Kürze!) können Sie jede Menge Informationen an den Leser
bringen (Hier: Wir sind in Frankfurt und schreiben den 30. Mai 1882. Es
ist ein sonniger Tag. Ernst lebt in Indien, und er fehlt der Schreiberin. Der
Duft der Rosen in Sophias Garten erinnert sie daran …)
Ähnliches gilt für den Einsatz von (Zeitungs-)Arikeln oder
Tagebucheintragungen. Alles ist möglich, alles macht neugierig, wenn es im
gegebenen Rahmen bleibt.
Zu 3: Wörtliche Rede/Dialog
„Was tust du da!“
Erschrocken ließ Victoria die Schreibfeder fallen und fuhr
herum.
Sie ahnen es? So geht es mit der Briefeschreiberin Victoria
in „Die Detektivin“ im zweiten Absatz weiter. Sie wird von ihrer Mutter beim
Briefe schreiben gestört, was natürlich ein bewusstes Stilmittel der Autorin
ist, die alle Informationen untergebracht hat und einen Weg suchte, die
schreibende Heldin plausibel vom Schreibtisch wegzukriegen.
Wenn Sie Personen sprechen lassen, ziehen Sie den Leser
sofort in die Geschichte, ganz besonders deutlich wird das, wenn Sie Ihren Roman
mit einem Dialog beginnen lassen:
„Das Ei ist hart.“
Es gab Dinge, auf die Hedi Winterfeldt allergisch
reagierte. Der Satz „Das Ei ist hart“ stand auf dieser Liste oben. Vor allem
Montag morgens kurz vor halb sieben. Sie verteilte Honig auf ihrem Toast. „Koch´s
dir demnächst selber!“
Klaus Winterfeld grinste. „Das wäre wahrscheinlich das
beste. Es kann nicht allzu schwer sein, den Messbecher bis zum richtigen Strich
zu füllen, oder?“
So beginnt mein Roman „Die Wassermühle“, eine (vorwiegend)
heitere Familiengeschichte. Mit einem Dialog, der in eine Szenenbeschreibung
eingebettet ist, erzeugen Sie sofort ein Bild im Kopf des Lesers, vor allem,
wenn es sich um eine typische Szene handelt wie hier.
Sie können wörtliche Rede aber auch mit allen anderen
Stilmitteln kombinieren, nicht nur – wie in meinem Beispiel - mit einer
Szenenbeschreibung.
Zu 4: Beschreibung
Man kann Zustände beschreiben oder Handlungen. Hätte ich
statt des Briefes (siehe unter 2.) eine Beschreibung gewählt, um alle
Informationen unterzubringen, hätte mein Roman in etwa so angefangen:
Das Wetter am Wäldchestag in Frankfurt war im Mai des
Jahres 1882 besonders schön: Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel.
(= Zustandsbeschreibung)
Victoria saß an ihrem Schreibtisch und schrieb ihrem
Bruder Ernst in Indien, dass der Duft im Garten ihrer Tante Sophia sie daran
erinnert habe, wie sehr er ihr fehle.) (=Szenenbeschreibung)
Zugegeben: Hätte ich den „Beschreibungs-Einstieg“ gewählt,
hätte ich noch ein bisschen an Satzbau und Wortwahl gefeilt, aber die Wirkung
wäre dennoch nicht so unmittelbar gewesen wie in dem oben genannten Brief.
Mit diesem Beispiel zeigt sich der Nachteil eines
„Beschreibungs-Einstiegs“: Der Leser bleibt erst mal auf Distanz, wird nicht
unmittelbar ins Geschehen gezogen, zumal dann, wenn es dem Autor nicht gelingt,
mit der Beschreibung Bilder beim Leser zu erzeugen. Von einer „Wetter(Zustands-)beschreibung“
leite ich über zu einer Szenenbeschreibung (Victoria am Schreibtisch), und ich
prognostiziere, dass der Leser spätestens nach zwei Seiten keine Lust mehr zum
Weiterlesen hätte, wenn ich in dieser Art weitergeschrieben hätte …
Nichtsdestotrotz hat auch die Beschreibung Vorteile, und sie
kann den Leser genauso in die Geschichte ziehen wie ein Dialog. Entweder können
Sie Dinge oder Menschen so faszinierend beschreiben, dass der Leser gar nicht
umhin kann, als weiterzulesen (die entsprechenden Autoren sind meistens
Sprachvirtuosen und/oder schaffen es, über die Mystik und Poesie ihrer Wörter
den Leser in den Bann zu ziehen) oder aber Sie wählen die Perspektive einer
Romanperson, um ein Szenenbild zu beschreiben.
Auch dazu ein Beispiel. Meinen Roman „Die Farbe von Kristall“
beginne ich so:
Hermann Lichtenstein legte die Zeitung beiseite und sah
aus dem Fenster: ein trister verregneter Wintertag, aber auf der Straße
herrschte reges Treiben. Das Rattern der Droschken und Fuhrwerke und das
Geschrei der Zeitungsjungen drangen bis in den ersten Stock hinauf.
Lichtenstein schaute zur Hauptwache hinüber, an deren verlassenen Anblick er
sich noch immer nicht gewöhnt hatte. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus
seinen Gedanken. Er nahm den Fernsprecher vom Haken.
Der Leser sieht das Geschehen mit den Augen von Lichtenstein,
nimmt also seine Perspektive ein.
Zu 5: Prolog
Prologe versetzen den Leser in einen Handlungsstrang, der
zeitlich vor oder nach dem eigentlichen Beginn des Romans liegt und sind ein
recht häufig gewähltes „Einstiegsmittel“ mit einem (erhofften) Touch von
„Geheimnis und Mystik“. Aber oft dienen sie nur dazu, dass sich Autoren Dinge
von der Seele schreiben können, mit denen sie ihren Roman nicht beginnen lassen
wollen.
Mein Rat ist, dass Sie sich das Einstiegsmittel „Prolog“ sehr
genau überlegen sollten.
Ganz gleich, wie gut Sie einen Prolog schreiben: Er führt den
Leser zunächst aus Ihrer eigentlichen Geschichte hinaus, und das ist ja nicht
das, was Sie möchten, oder?
Je länger ein Prolog ist und je mehr „mysteriöse
Andeutungen“, Namen oder Geschehnisse er enthält, desto eher besteht die Gefahr,
dass Ihre Leser nach der Lektüre der „Vorgeschichte“ Probleme bekommen, Ihnen in
die eigentliche Geschichte zu folgen.
Ich habe manchmal den Verdacht, dass Prologe bei Autoren
wesentlich beliebter sind als bei Lesern, und ich kann Ihnen nur den Tipp geben,
beim Lesen selbst einmal zu hinterfragen, ob Sie einen Roman wegen des Prologs
oder eher trotz des Prologs weitergelesen haben.
Also lieber nicht mit einem Prolog beginnen? Meiner
(zugegebenermaßen) subjektiven Meinung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten: Ein
kurzer Prolog oder gar kein Prolog.
Gerät Ihr Prolog zu lang, denken Sie darüber nach, ob es
nicht besser ist, die Geschichte gleich mit dem Handlungsstrang Ihres Prologs
beginnen zu lassen, den Prolog also zum Kapitel 1 zu erklären.
Im übrigen habe ich meinen dritten Roman „Die Farbe von
Kristall“ auch mit einem Prolog begonnen …
Hier ist er:
Der Wind hatte nachgelassen, aber es regnete noch. Auf dem
Weg zwischen den Gräbern lag nasses Laub. Es roch nach Vergänglichkeit. Victoria
hatte gewusst, dass er da sein würde. Sie blieb neben ihm stehen. Er hielt den
Kopf gesenkt; von seinem Hut tropfte der Regen. Der Grabstein glänzte im Licht
einer Laterne. Die Rosen hatte der Sturm zerstört.
„Ich werde Frankfurt verlassen“, sagte sie.
„Wann?“ fragte er leise.
Sie kämpfte gegen die Tränen. „Sobald das Urteil
gesprochen ist.“
Er sah sie an. „Sie sind stark, und Sie werden darüber
hinwegkommen. Über das – und alles andere.“
„Das haben Sie schon einmal zu mir gesagt, Herr Braun.“
„Und hatte ich denn nicht recht?“ sagte er lächelnd.
Warum ich meinen Roman mit diesem Prolog begann, hatte
folgende Gründe:
-
Der „richtige“
Anfang beginnt mit einer Szene, in der keine der Hauptfiguren vorkommt; ich
wollte dem Leser aber zum Anfang zwei der zentralen Figuren präsentieren.
-
Im Laufe der
Geschichte kommt es zu einem (bewussten) Bruch, den ich schon andeuten
wollte.
-
Die Hauptfigur
Victoria kommt in dem Roman erst relativ spät eine aktive Rolle – ich wollte
den Lesern mit dem Prolog darauf einstimmen, dass – egal, was er auch liest
– damit rechnen kann, dass Victoria ihren Auftritt bekommen wird.
Ob mir das gelungen ist? Keine Ahnung! Es gab aber Leser, die
diesen Prolog für verzichtbar hielten. Wenn Sie im Zweifel sind, ob Prolog ja
oder nein, lassen Sie ihn weg und steigen Sie direkt in Ihre Geschichte ein!
Zu 6: (Selbst-)Reflektion
Ein Mensch denkt über sich, über andere oder über das Leben
nach … vielleicht auch darüber, warum er einen Roman schreibt?
Die Versuchung, einen Roman (oder eine Geschichte) mit
Reflektionen zu beginnen, ist – so scheinen es Erstlingswerke nahezulegen – noch
größer als die, einen Prolog zu wählen. Wird dieses Stilmittel gleich am Anfang
offensiv eingesetzt, ist die Wirkung ähnlich wie bei einem (zu) langen Prolog:
Der Leser will in die Geschichte hinein und nicht die philosophische
Gedankenwelt einer Person, die er noch gar nicht kennt – oder in die des
allwissenden Autors, der irgendwelche mysteriösen Hinweise gibt oder
verschlungene Gedanken präsentiert.
Sie mögen einwenden, dass man das so pauschal nicht sagen
könne, und dass es durchaus Gegenbeweise gebe. Das ist richtig. Man kann jede
Regel brechen, wenn man sie kennt – und wenn man es sich erlauben kann.
Ob das alles auf einen (angehenden) Autor zutrifft, wage ich
zu bezweifeln.
Denken Sie daran, dass Sie Ihre Geschichte für den Leser
erzählen, nicht für sich selbst.
Das bedeutet nicht, dass Sie auf dieses Stilmittel gänzlich
verzichten müssen, und ich möchte Ihnen auch dazu zwei Beispiele aus meiner
eigenen Schreibwerkstatt geben:
Manchmal geschehen Dinge, die die einen Zufall nennen,
während andere sie als Wink des Schicksals sehen. Vielleicht war es so ein Wink,
der dem Buchhalter Heinrich Enners an einem Septemberabend widerfuhr, als er
nach der Arbeit mit der Straßenbahn nach Hause fuhr. (aus: Baumgesicht, Die
Begegnung)
Das ist der Anfang einer Kurzgeschichte, die ich 1987
schrieb, also noch am Beginn meiner schriftstellerischen Laufbahn. Zum einen
sehen Sie, dass auch ich nicht gegen die genannten „Anfängerbegehrlichkeiten“
gefeit war, zum anderen, dass es vielleicht auch reizvoll sein kann, den
allwissenden Autor rauszukehren: Wenn es nicht allzu penetrant geschieht und
nicht allzu lange dauert. Nach dieser „philosophischen Anwandlung“ der Autorin
geht´s dann in die Straßenbahn, und es folgt ein Dialog.
Ein zweites Beispiel, diesmal aus Sicht des Ich-Erzählers
reflektiert:
Ich gehörte von Jugend an zu den Menschen, die mit
moderner Kunst nichts Rechtes anzufangen wussten, und wahrscheinlich wäre ich
heute ein bedingungsloser Kritiker jener Kunstgattung, wenn das Denkmal nicht
gewesen wäre.
Ich habe lange überlegt, ob ich den Namen des Betroffenen
preisgeben soll, aber ich glaube, es wäre unfair, denn schließlich konnte er
nichts dafür, dass seine Mitmenschen ihn zum Idol erkoren. Auch ich schwärmte
für ihn, hing an seinen Lippen, wenn er sprach, las jeden Artikel, den er
veröffentlichte, nahm seine Worte für Wahrheit …
(aus: Baumgesicht, Das Denkmal)
Die Reflektion habe ich hier etwas abzumildern versucht,
indem ich die Geschichte in der Ich-Form erzähle, was die Gedanken der
Hauptperson unmittelbarer werden lässt. Außerdem habe ich durch die Erwähnung
des „Denkmals“ ein „Geheimnis“ eingeführt, das den Leser (hoffentlich) dazu
animiert, die Geschichte weiterzulesen.
Diese Geschichte ist im übrigen auch ein Beispiel dafür, dass
die Wahl der Erzählperspektive und die Wahl des Anfangs sich gegenseitig
befruchten können.
Hätte ich in der 3. Person erzählt, wäre dieser Anfang
sicherlich nicht der optimale gewesen, was insbesondere ab dem zweiten Absatz
deutlich wird. Hier der gleiche Einstieg in der „Dritte-Person-Perspektive“:
Sie gehörte von Jugend an zu den Menschen, die mit Kunst
nichts Rechtes anzufangen wussten, und wahrscheinlich wäre sie heute ein
bedingungsloser Kritiker jeder Kunstgattung, wenn das Denkmal nicht gewesen
wäre.
Sie hatte lange überlegt, ob sie den Namen des Betroffenen
preisgeben sollte, aber sie war zum dem Entschluss gelangt, dass es unfair wäre
…
Der Vorteil einer „Reflektion“ liegt sicherlich darin, dass
sie meistens einen Hauch des Intimen oder Geheimen hat, und wenn Sie dieses
Stilmittel nicht zu episch anwenden, kann es durchaus seinen Reiz entfalten.
Gegebenenfalls können Sie die Reflektion auch mit einer
Szenenbeschreibung oder wörtlicher Rede verbinden. Manchmal ergibt sich das
„Szenenbild“ aber auch schon aus dem, was reflektiert oder gesagt wird. So wie
hier:
„Und so wird er uns allen in Erinnerung bleiben als ein
guter Mensch und Ehemann, der …“
Ich mag nicht hinhören. Woher weiß der Pfarrer, dass mein
Vater – eigentlich Stiefvater, aber ich nannte ihn nie so – ein guter Mensch
war? Wird man das automatisch, wenn man stirbt?
Aus einem Satz Dialog und drei Sätzen Reflektion entsteht das
Szenenbild: Ein Trauergottesdienst.
Anhand meiner Beispiele haben Sie gesehen, dass es nicht nur
unterschiedliche Herangehensweisen an einen Romananfang gibt, sondern dass Sie
sie auch wunderbar miteinander kombinieren können. Deshalb grübeln Sie nicht
über den ersten Satz, sondern gestalten Sie die erste Seite als Gesamtpaket!
Schließen Sie die Augen und denken Sie über Ihre Geschichte nach: Welches Bild
kommt Ihnen als erstes in den Sinn?
Öffnen Sie Ihre Augen und füllen Sie das Bild mit Leben:
Schreiben Sie!
zurück
zum Anfang
Nachdem Sie – hoffentlich – den
passenden Anfang für Ihr Buch gefunden haben, stellt sich die Frage, wie und
wann Sie (weiter-)schreiben, kurzum: Wie Sie es schaffen, Ihren Roman nicht nur
anzufangen, sondern fertigzubekommen!
Ich möchte Ihnen heute nicht nur
Tipps geben, wie Sie Ihre persönliche Schreibzeit finden, sondern auch, wie Sie
sie bestmöglich nutzen. Dabei lasse ich Sie wie gewohnt auch in meine eigene
Schreibwerkstatt blicken … Aber beginnen möchte ich heute ausnahmsweise einmal
mit meinem Erstberuf:
In den Vernehmungsseminaren, die
ich an der Hessischen Polizeischule leite, biete ich den Teilnehmern kein
fertiges Rezept, sondern einen „Werkzeugkoffer“ mit unterschiedlichen Werkzeugen
an. Einige davon müssen sie beherrschen und anwenden, weil sie notwendige
Voraussetzung für eine gute Vernehmung sind: Rechtsvorschriften,
Protokolltechnik, psychologisches Grundwissen; andere sind ein Angebot, aus dem
sie sich das Passende heraussuchen können.
Dieser individuelle Werkzeugkoffer
kann sich von Person zu Person gravierend unterscheiden – wichtig ist, dass die
angewandten Werkzeuge „passen“ und dass das Ergebnis stimmig ist. Um jedoch die
für sie passenden Werkzeuge auswählen zu können, müssen die Teilnehmer erst
einmal sich selbst hinterfragen – und analysieren, wo ihre Stärken und Schwächen
liegen.
„Den persönliche Vernehmungsstil
erkennen“, steht als Motto über allen anderen Themen.
So ähnlich funktioniert es auch
beim Schreiben: Sie als Autor mit Ihrer Persönlichkeit stehen im Zentrum; Tipps
von anderen und angebotene Werkzeuge aus Schreibratgebern sind gut und wichtig,
müssen aber zu Ihrer Schriftstellerpersönlichkeit passen. Das gilt ganz
besonders und vor allem für Ihre SCHREIBZEIT, die Zeit, die Sie für Ihr
Schreiben zur Verfügung haben und die Technik, mit der Sie diese Zeit optimal
nutzen.
Die zentralen Fragen, die Sie sich
in diesem Zusammenhang stellen sollten:
(1)
Welche Zwänge habe ich in meinem Leben?
(2)
(Wie) kann ich meine Schreibzeit in diese Zwänge einpassen?
(3)
Welche Schriftstellerpersönlichkeit bin ich?
(4)
Wie schaffe ich es, meinen Roman (fertig) zu schreiben?
Die erste und die dritte Frage
setzen Selbsterkenntnis voraus, die zweite und die vierte eine kritische Analyse
und Auswahl der richtigen Mittel.
Die wenigsten unter uns sind
„Vollzeit-Autoren“, aber auch diejenigen, die hauptberuflich schreiben,
unterliegen Zwängen, sind Mütter oder Väter, haben soziale Bindungen,
unaufschiebbare Termine, die ihren Tagesablauf bestimmen. Da das Schreiben aber
Hauptberuf ist, werden sie ihre Verpflichtungen der Schriftstellerei automatisch
unterordnen.
Das große Heer der Schreibenden,
die die Schriftstellerei als Zweitberuf ausüben (zu denen ich auch gehöre), kann
dies nicht. Für das Schreiben muss vielmehr ein Teil der Freizeit geopfert
werden; die Frage ist, wann und wie viel Sie opfern können und wollen.
Zunächst sollten Sie sich (gerade
als unerfahrener Autor) von der Idee der „romantischen Schreiberklause“
verabschieden: Sie passt nicht in die Realität, auch nicht bei den von vielen
beneideten „Vollzeitautoren“: Wer vom Schreiben leben muss, muss schreiben.
Dieser banale Satz verdeutlicht, wo die Vorteile einer nicht hauptamtlichen
Schriftstellerei liegen, auch wenn das Problem der SCHREIBZEIT für
nebenberufliche Autoren prekär sein kann.
Wichtig ist aber nicht, wie viel
Zeit Sie sich fürs Schreiben freischaufeln können, sondern dass Sie es überhaupt
tun – und dass Sie in dieser Zeit auch schreiben!
(1) Welche Zwänge habe ich in
meinem Leben?
Machen Sie eine ehrliche
Bestandsaufnahme Ihrer tatsächlich verfügbaren Zeit, in die Sie Ihr Schreiben
einpassen können:
- Welche
Termine haben Sie in der Woche, am Wochenende? (z. B. Arbeitszeiten im
Hauptberuf, Beaufsichtigung von Kindern, Hausarbeit, Vereinsleben, gemeinsame
Veranstaltungen mit der Familie/dem Partner/mit Freunden, Hobbies, Sport,
Fernsehen ...)
(2) (Wie) kann ich meine
Schreibzeit in die bestehenden Zwänge einpassen?
- Wie viel
Zeit lassen Ihnen diese Termine zum Schreiben? (Stunden/Minuten pro Tag oder
Woche, jeden Tag oder nur sporadisch?)
- Wann ist
diese Zeit? (Abends, tagsüber, morgens, am Wochenende?)
- Falls Sie
zum Ergebnis kommen, dass Sie eigentlich gar keine Zeit haben, fragen Sie
weiter: Wo kann ich mir Schreibzeit „freischaufeln“? Bleiben Sie nicht im Vagen,
sondern legen Sie konkret fest: Wie viel? Wann? (z. B. Verzicht auf ein Hobby,
weniger Fernsehen, Einrichten fester Schreibzeiten an bestimmten Tagen)
Bei vielen (angehenden) Autoren
hört man die Argumentation: Wenn ich Zeit hätte, würde ich … Diese Ausrede gilt
nicht! Wenn Sie glauben, wirklich keine Minute frei zu haben, überlegen Sie, was
Ihnen weniger wichtig ist als Schreiben: Der tägliche TV-Konsum
vielleicht? Shoppingtermine mit der Freundin? Durchforsten Sie Ihren Tagesablauf
und überlegen Sie, wo Sie Ihre Schreibzeit abknapsen können.
Wenn Sie wirklich ein Buch
schreiben wollen, finden Sie die nötige Zeit dazu; nirgends steht geschrieben,
wie viel Prozent diese Zeit in Ihrem gesamten Tagesablauf ausmacht, d.h. wie
lange es letztlich dauert, bis Ihr Roman fertig ist. Es gibt Autoren, die
brauchen sechs Wochen für einen Roman, andere zwei Jahre oder länger (ich gehöre
zur letzten Fraktion).
Das hängt natürlich auch von der
Länge Ihres Romans ab, vom Umfang der Recherchen, dem Genre, in dem Sie
arbeiten: Literatur, die „nur“ unterhalten will, bewährten Schemata folgt und
keinen Anspruch auf Tiefgang in Handlung oder Charakteren erhebt, schreibt sich
gewöhnlich schneller als Romane mit Handlungskomplikationen, verwobenen
Erzählsträngen und ausgefeilten Sprachbildern.
Aber eine bloße Zeitangabe besagt
per se noch nichts über die Qualität Ihres Romans. Wichtig ist, dass Sie eine –
realistische! – Schreibzeit für sich finden und konsequent nutzen.
Auch wenn manche Schreibratgeber
anderes behaupten: Es ist völlig egal, ob Sie täglich oder nur am Wochenende
schreiben, ob Sie regelmäßig oder mit Unterbrechungen drei Stunden alle zwei
Tage oder jeden Abend eine halbe Stunde arbeiten.
Wichtig ist allein Ihr Ziel: Sie
wollen ein Buch schreiben! Dafür brauchen Sie Zeit, aber noch mehr Ausdauer,
Geduld und Disziplin. Vielleicht auch ein gutes Stück Planung – und Verzicht.
Denn Schreibzeit finden, heißt Zeit für andere Dinge zu opfern.
Sind Sie sich über den Umfang
Ihrer Schreibzeit klar geworden, analysieren Sie, welche persönlichen Vorlieben
Sie beim Schreiben haben, damit Sie Ihre Schreibzeit optimal nutzen können.
(3) Welche
Schriftstellerpersönlichkeit bin ich?
Eigentlich müsste die Frage
lauten: Was für ein Mensch bin ich?
- ein
Morgenmensch oder eher ein Abendmensch?
- ein Mensch
mit Hang zum Perfektionismus oder eher jemand, der das Chaos liebt?
Und weiter:
- Brauche
ich Rituale, festgesetzte Zeiten, oder arbeite ich lieber spontan?
- Brauche
ich Druck von außen, um arbeiten zu können oder hemmt mich das?
- (Wie) kann
ich mich motivieren?
Ihre Schreibzeit sollte natürlich
nicht mit Ihren Vorlieben (Morgen-/Abendmensch) kollidieren; gegebenenfalls
sollten Sie versuchen, Ihr persönliches Schreibfenster mit Ihrem Typus zu
arrangieren: Wenn Sie ein Morgenmensch sind: Könnten Sie früher aufstehen und
vor dem Hauptberuf schreiben?
Oder wenn Sie ein Abendmensch sind
(wie ich J ): Ist es machbar, nach
dem Feierabend im Erstberuf eine kleine Schlafrunde (oder Yoga/Meditation)
einzulegen, danach alles andere zu erledigen und erst abends mit dem Schreiben
anzufangen?
Je besser es Ihnen gelingt, Ihre
Schreibzeit an Ihre Persönlichkeit/Ihre Vorlieben anzupassen, desto fruchtbarer
wird das Ergebnis sein.
Sie wissen nun, wie viel
persönliche Schreibzeit Sie haben und wann Sie sie haben; als nächstes folgen
Überlegungen, wie Sie Ihren Roman überhaupt schreiben. Ich meine damit nicht,
welche Werkzeuge Sie anwenden (dazu komme ich später), sondern die Taktik:
(4) Wie schaffe ich es, meinen
Roman (fertig) zu schreiben?
Die erste Antwort …
ist so einfach wie banal: Indem
Sie Ihre Schreibzeit tatsächlich nutzen und schreiben!
Je nachdem, welche
Persönlichkeitsstruktur Sie haben, kann es sinnvoll sein, Ihre Schreibzeit mit
einem Ritual zu verknüpfen (eine Tasse Kaffee/Tee, ein bestimmtes Lied, das Sie
hören, eine immer wiederkehrende und stur eingehaltene Tageszeit).
Genauso gut können Sie aber auch
ein Notizbuch mit sich führen, in das Sie tagsüber Einfälle notieren, die Sie zu
unterschiedlichen, eben „passenden“ Zeiten ins Reine schreiben.
Wichtig ist, dass Sie Ihr Projekt
„Roman“ nicht aus dem Kopf lassen, selbst wenn Sie nicht täglich schreiben
können oder wollen.
Die zweite Antwort …
hängt ebenfalls mit Ihrer (Schriftsteller-)persönlichkeit
zusammen.
In Schreibratgebern wird oft
geraten, zunächst ein Rohmanuskript oder eine „Erste Fassung“ zu schreiben.
Banal ausgedrückt heißt das nichts anderes, als einfach draufloszuschreiben, die
Küsse der Muse sozusagen unsortiert aufs Papier zu drücken, der Kreativität und
Phantasie freien Lauf zu lassen. Mit dem Hilfsmittel der Gliederung, die ja
schon einen roten Faden vorgibt, kann es Ihnen gelingen, diesen Rohentwurf bei
aller Spontaneität dennoch zielgerichtet zu schreiben, was im Nachhinein Zeit
bei der Überarbeitung spart.
Ein Rohmanuskript zu schreiben,
bedeutet in der Praxis, dass Sie sich beim Schreiben keine oder nur sehr
eingeschränkt Gedanken um Stil, Ausgefeiltheiten in Dialogen oder
Szenenbeschreibungen machen; Sie lassen bewusst Lücken, die noch
nachrecherchiert werden müssen, stellen alles, was aufhalten oder was Sie aus
dem Schreibfluss bringen könnte, zu Gunsten des schnellen Schreibens hintan.
Psychologisch gesehen, liegt der
Vorteil dieser Methode darin, schnell voranzukommen, ein Ergebnis zu haben,
spontane Ideen ungefärbt und damit original und originell aufs Papier zu
bringen. Der Nachteil liegt in dem erheblichen Aufwand der Überarbeitung.
Um den Schreibfluss nicht zu
unterbrechen, könnte man z. B. noch Nachzurecherchierendes in Klammern setzen,
Dialoge (teilweise) beschreibend zusammenfassen, unvollständige Beschreibungen
mit einem Fragezeichen versehen.
Ein Beispiel:
Begegnung
zwischen zwei Männern. Die Story spielt 1918.
Paul ging
die Straße entlang. Ihm kam ein Automobil entgegen (Nachrecherche für nähere
Beschreibung: Automobile 1918!). Plötzlich hörte er seinen Namen. Er drehte
sich um und sah Erwin. (Nachrecherche: Was hat Erwin an? Kleidung 1918!)
„Hallo
Paul!“, sagte Erwin.
„Hallo“,
sagte Paul. Er hatte keine Lust, sich mit Erwin zu unterhalten. Es gab auch
keinen Grund dazu, nach dem, was vor drei Jahren geschehen war.
(Dialog muss noch länger werden; dreht sich um Belanglosigkeiten, es sollen
aber auch noch ein paar Andeutungen rein, die neugierig auf das Geheimnis
machen, das Paul und Erwin verbindet.)
Paul ließ
Erwin einfach stehen und ging. Anne wartete auf ihn.
Sie sehen, dass diese Methode
Ihnen die Möglichkeit gibt, beim Schreiben alles wegzulassen, was Ihren
Schreibfluss hemmt. Sie können dieses Rohmanuskript mehr oder weniger rasch
zusammenzimmern.
Mein Verstand sagt mir, dass das
eine gute Möglichkeit ist, in den Schreibfluss zu kommen und darin zu bleiben,
und ich wollte es unbedingt bei meinem neuen Roman ausprobieren. Leider
scheiterte ich kläglich, weil diese zugegebenermaßen sehr faszinierende Methode
nicht zu meiner Schreibpersönlichkeit passt.
Die entgegengesetzte Methode liegt
in der absoluten Planung und Kontrolle des gesamten Schreibvorgangs, das heißt,
Sie schreiben erst dann weiter, wenn Sie mit dem Vorherigen absolut zufrieden
sind: Alle Einzelheiten sind ausrecherchiert, die Dialoge sind ausformuliert;
Sie experimentieren während des Schreibens schon mit Worten, benötigen unter
Umständen Tage, um einen Absatz so zu schreiben, bis Sie wirklich damit
zufrieden sind.
Der Vorteil ist, dass Sie mit dem
Beenden des Manuskriptes nicht mehr sehr viel Zeit fürs Überarbeiten benötigen,
aber der Nachteil dieser Art des Schreibens ist enorm: Die Gefahr einer
„Schreibhemmung“ wächst, wenn alles hinterfragt und ständig geändert wird, was
Sie produzieren. Aber es gibt Menschen, die ziehen ihre Kreativität gerade aus
dieser Pedanterie: Indem sie konzentriert und mit Absolutheitsanspruch am Detail
arbeiten, entdecken sie Dinge, die „Schnellschreibern“ entgehen.
Autoren, die zu dieser Gruppe
gehören, bezeichnen das Schreiben oft als „quälend“ und als „Last.“
Obwohl ich eher zur zweiten Gruppe
gehöre, ist das Schreiben für mich NICHT quälend, was vielleicht daran liegt,
dass ich eine Methode anwende, die zwischen den beiden Reinformen liegt. Meine
Bücher leben von einer Vielzahl an Details, Anekdoten, verwobenen Netzen aus
Beschreibungen, Dialogen, Handlungssträngen, Hinweisen. Vieles ergibt sich erst
bei der (Fein-)recherche oder beim Jonglieren mit Wörtern und Sätzen, in
Gedankenarbeit, die die Schreibarbeit immer wieder unterbricht. Während bei
anderen Autoren die „Zwischendurch-Recherche“ oder das genaue Ausformulieren von
Dialogen schreibhemmend wirkt, hat es bei mir den Effekt, dass mich das auf
immer neue Gedanken bringt, dass ich dieses „Futter“ brauche, um überhaupt
weiterschreiben zu können. Dass ich so arbeiten kann, geht auch nur, weil ich
mein Recherchematerial zum größten Teil zu Hause habe, also direkt hinterm
Schreibtisch im Regal, so dass es keinen großen Aufwand bedeutet, meine
Schreibzeit für Feinrecherchen zu unterbrechen.
Das ist auch der Grund, warum bei
mir das bloße „Drauflosschreiben“ nicht funktioniert. Einige Dinge jedoch, die
eine größere Recherche erfordern oder für den Handlungsfortgang nicht
unmittelbar wichtig sind, lasse ich zunächst offen, lege ein virtuelles
Notizbuch an, das ich immer mal wieder durchforste. Der Schreibprozess läuft so
ab, dass ich teilweise eins zu eins schreibe, das heißt, mir Satz für Satz
überlege, aufschreibe, korrigiere, zum Teil aber auch ein Kapitel erst mal
runterschreibe, Notizen, Gedanken in den Text setze wie bei dem oben genannten
Beispiel mit Paul und Ernst, die ich später erst detailliert in Szenen/Dialoge
ausarbeite.
Eine weitere Methode, ebenfalls
eine Variante des „Drauflosschreibens“, ist das „Kreuz- und Quer-Schreiben“, das
heißt, Sie entwickeln Ihren Roman nicht chronologisch, sondern schreiben sich
zuerst die Ihnen am präsentesten scheinenden Szenen/Kapitel von der Seele und
füllen die Leerräume später aus. Der Vorteil liegt sicherlich darin, dass diese
Methode – zumindest in der ersten Schreibphase – kaum Anlass zu einer
Schreibhemmung bietet, da Sie bewusst das schreiben, was Sie drängt. Der
Nachteil liegt in einem gewissen Maß an Chaos, an vielen losen Fäden, die im
Nachhinein zusammengeknüpft werden müssen.
Wenn Sie jedoch gute Vorarbeit
(Gliederung, Vorrecherche, Figurenentwicklung) geleistet haben, wird Ihnen aber
auch bei dieser Methode der rote Faden nicht verloren gehen.
Hier noch mal eine
Kurzzusammenfassung der einzelnen Methoden:
- Schreiben, ohne groß
nachzudenken: Der Fortgang der Geschichte zählt, Feinarbeiten kommen später
- Druckreif schreiben:
Dialoge, Szenen, Beschreibungen, Stil werden ausgefeilt, Feinstrecherche
erfolgt schon während des ersten Entwurfs
- Kombination von 1 und 2:
Korrekturen und Recherchen während des Schreibens, aber nicht bis zum Exzess
- Variante von 1: Kreuz und
quer schreiben, Schreiben, was am meisten nach außen drängt, ohne sich um
die Chronologie zu kümmern
Grundsätzlich gilt: Probieren Sie
die unterschiedlichen Methoden aus, versuchen Sie, die Ihnen angenehmste zu
finden! Es zählt das Buch, das anschließend vorliegt, nicht der Weg, wie Sie
dorthin gekommen sind.
Sie haben nun hoffentlich Ihre
Schreibzeit gefunden und wissen, wie Sie sie nutzen. Trotzdem: Wenn ein
professionelles Buch herauskommen soll, müssen Sie einige Werkzeuge kennen und
anwenden. Und deshalb werde ich Ihnen beim nächsten Mal den Werkzeugkoffer des
Schriftstellers öffnen.
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Exkurs: Schreibhemmung
Egal, welche
Schriftstellerpersönlichkeit Sie sind, egal, wie Sie Ihre Schreibzeit
organisieren: Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Tage erleben, an denen
Ihnen die Worte nur so aus der Feder bzw. in die Tastatur fließen und solche, an
denen Sie alles ganz schrecklich finden, was Sie geschrieben haben. Sie werden
erleben, dass Sie stundenlang vor dem Bildschirm sitzen und kein Satz will
gelingen, und Sie werden die glücklichen Momente genießen, wenn Sie ganz ihn
Ihrer Geschichte sind.
Wichtig ist, dass Sie sich darüber
im klaren sind, dass Glück und Leid beim Schreiben im Rahmen des Normalen liegt!
Insbesondere die negativen Empfindungen sind keine Entschuldigung, mit der
Arbeit an Ihrem Roman (auf Dauer) aufzuhören …
Aus den Methode des „Wie schreibe
ich?“ ergeben sich gleichzeitig Ansätze zur Bekämpfung der sogenannten
Schreibhemmung oder –blockade. Ich sage bewusst: Sogenannt, weil der
Begriff „Schreibhemmung“ in Schriftstellerkreisen etwas beinahe Mystisches hat,
das ihm meiner Meinung nach jedoch nicht zusteht und nur dazu führt, dass
Autoren sich mit einer vorgeblichen Unabwendbarkeit quälen.
Schreibhemmung
bedeutet nichts anderes, als dass Ihre Kreativität nicht fließen will, dass Sie
von Selbstzweifeln geplagt und unsicher werden. Aber diese Phänomene gibt es in
fast allen (künstlerischen) Berufen.
Maler kennen es,
Musiker, Theaterregisseure, aber auch andere, die kreative Berufe haben:
Werbeleute, Architekten, ja selbst in meinem Beruf als Kriminalbeamtin ist es
mir nicht fremd: Tage, an denen nichts recht gelingen will, an denen ich für
einen Bericht doppelt so lange benötige wie gewöhnlich, an denen mindestens
dreiviertel aller deutschen Wörter aus meinem Gehirn gelöscht zu sein scheinen.
Nehmen Sie
Schreibhemmungen also als das, was sie sind: Eine Stimmung, die Sie daran
hindert, Ihre Arbeit zu tun. Damit stellt sich die Frage nicht mehr nach dem
nächsten Kuss einer zickigen Muse, sondern ganz pragmatisch, wie Sie es
schaffen, Ihre Kreativität wieder zu wecken, um weiterschreiben zu können.
Ich bekämpfe meine
„unkreativen Tage“ wie folgt (Sie sehen, dass ich in „Notsituationen“ durchaus
auf andere Methoden der Schreibzeit zurückgreife):
1.
Ich steige einfach ein halbes Kapitel vorher ein, lese, korrigiere, lasse meine
Gedanken schweifen. Wenn ich am "Ende", also am leeren Bildschirm ankomme, habe
ich meist schon eine Idee, wie die Story weitergehen kann.
2.
Ich pfeife auf die Chronologie und schreibe einfach irgendeine Szene, nach der
es mich spontan drängt. (Es gibt oftmals bestimmte Situationen und Szenen, die
einem mehr als andere im Kopf herumschwirren, und andere, die zwar nötig sind,
die man aber nicht so gern
schreibt). Den Rest dazwischen fülle ich – vorläufig – mit "Erzählprosa".
Dazu ein
Beispiel:
Angenommen, in Ihrem Roman geht es um eine
Dreiecksgeschichte. Sie müssen einen Streit-Dialog zwischen dem Protagonisten
und seiner zweiten Frau schreiben, aber es fällt Ihnen nichts Rechtes ein. Aber
die später geplante Szene: der Protagonist trifft seine Exfrau in der Stadt, und
es knistert zwischen ihnen, steht Ihnen plastisch vor Augen. Also schreiben Sie
das auf, was Sie mögen und versuchen Sie, den Rest davor kurz zu beschreiben.
--- Hier wird ein Dialog (Streit) zwischen Peter und
seiner zweiten Frau Anna stehen, danach beschreibe ich, wie Peter in die Stadt
kommt und seine Exfrau Sandra trifft ---
"Hallo!" sagte Peter verlegen.
Sandra lächelte.
Er dachte daran, wie sehr er dieses Lächeln immer an
ihr geliebt hatte. „Hast du Zeit für einen Kaffee?“ [...]
Ich schlage damit der "Hemmschuh-Szene" ein Schnippchen und mache weiter, wo ich
wieder Lust habe. Wichtig ist es, dabei das Konzept und den Handlungsablauf
nicht aus den Augen zu lassen. Ich habe es öfter erlebt, dass mir später eine
viel bessere Idee zum
"Ausfüllen" einfiel als die ursprünglich geplante.
3.
Ich stelle mir vor, was meine Figuren nach Ende des Romans anstellen.
Das ist eine reine Denkübung, die man in der Straßenbahn, beim Joggen oder bei
langweiligen Besuchen wie auch vor dem Computer anwenden kann. Mir helfen solche
Tagträume, mich mehr für die Figuren im Jetzt meines Romans zu interessieren,
und das drängt mich dann, ihre Geschichte weiterzuerzählen, unter Umständen
zunächst mit „Lücken“ wie unter 2 beschrieben.
4.
Das gleiche Ergebnis erziele ich bei beschreibenden Passagen, wenn ich
mich in Sekundärliteratur vertiefe. Zum Beispiel wollte ich die "Bockenheimer
Warte", einen mittelalterlichen Turm in Frankfurt, in meinem Roman „Die Farbe
von Kristall“ beschreiben. Der Turm hat eine bestimmte Bedeutung in der
Geschichte, und ich wollte eine farbige, plastische Beschreibung. Es gelang mir
nicht. Ich hörte auf mit Schreiben, stöberte in Büchern über die Stadtgeschichte
Frankfurt, und siehe da: Ich fand eine nette Anekdote über diesen Turm, die ich
in den Roman eingearbeitet habe.
5.
Wenn es bei Dialogen hängt, mache ich mir eine kurze Aufstellung, in der ich
folgende Fragen beantworte:
- Soll der Dialog etwas vom Charakter der Personen verraten? Was?
- Soll er einen Konflikt behandeln? Welchen?
- Soll er Infos liefern? Welche?
Dann schreibe ich den Dialog unter dieser Prämisse einfach "runter", ohne über
Stil und Form nachzudenken. Hinterher wird sortiert: Doppelungen und
Überflüssiges rausgestrichen, (Ab-)Sätze umgestellt, fehlende Informationen
hinzugefügt.
6.
Und wenn gar nichts
hilft: Ignorieren Sie Ihre Schreibzeit und sämtliche Planungen – machen Sie
einige Tage oder Wochen Urlaub vom Manuskript … Ihre Geschichte und Ihre Figuren
werden sich melden, wenn es ihnen ohne Sie zu langweilig wird!
Ganz wichtig ist
es, dass Sie diese Pause nicht mit Selbstvorwürfen oder -zweifeln anfüllen,
sondern sie als kreativen Break sehen, der Ihnen hilft, anschließend umso
schneller voranzukommen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Es
funktioniert!
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Die
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