Wie (m)ein Buch entsteht

zur Schreibwerkstatt

(1) Idee

(2) Recherche

(3) Personen

(4) Gliederung

(5) Exposé

(6) Titel

(7) Erzählperspektive

(8) Anfang

(9) Schreibzeit und EXKURS: Schreibhemmung

 

 

 

 

 

 

 

1. Die Idee

 

Wie kommen Autoren auf ihre Ideen? fragen unbedarfte Leser oft. Dabei ist nichts einfacher als das: Ideen liegen sozusagen auf der Straße herum, sie stehen in Zeitungen, flimmern über den Fernseher und schlummern in Büchern, Heften, Magazinen – oder im Gespräch mit der Nachbarin.

„Darüber könnte ich glatt ein Buch schreiben!“ ist schon ein geflügeltes Wort. An der fehlenden Idee scheitert ein Roman also selten. Und ich bin mir sicher, dass fast alle, die sich fürs Schreiben interessieren, irgend eine Idee haben, über die sie schreiben wollen – oder schon ein fertiges oder angefangenes Manuskript im Schreibtisch verstecken.

 

Sie wissen nicht, ob Ihre Idee "gut" ist? Vergessen Sie´s einfach. Nein, nicht die Idee, sondern die Wertung! Lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie zwingend mit den Personen oder mit der Handlung beginnen müssten, dass es erforderlich sei, zunächst die Recherche abzuschließen oder dieses und jenes zu tun.

Bei mir ist es recht einfach, denn mein vierter Roman ist zugleich die zweite Fortsetzung meiner „Detektivin“, der Rahmen schon zum Gutteil vorgegeben.
Ich weiß beispielsweise, dass ich einige meiner Figuren aus „Die Farbe von Kristall“ wieder aufleben lassen möchte; die Zeit soll in den 1920er Jahren liegen, der Handlungsort wie gewohnt Frankfurt am Main sein. Es soll eine Kriminalgeschichte werden, in dreifacher Hinsicht: ein Krimi, eine Geschichte der Kriminalistik ... und des Kriminalromans. Auch hier stehe ich in der Tradition der beiden ersten Bände.

Mein Tipp: Fangen Sie einfach mit dem an, was Ihnen am stärksten im Kopf herumspukt: ein Ort, eine Person, eine Zeitungsnotiz, eine Handlung, ein Bild. Das hat den Vorteil, dass Sie Lust zum „Weiterspinnen“ des Fadens und somit einen Antrieb zum Schreiben bekommen.

 

Um ein Beispiel aus meinem Roman zu nehmen:
Der pensionierte Kriminalwachtmeister Heiner Braun, meine heimliche Lieblingsfigur (und die vieler Leser), ging am Ende meines zweiten Romans nach Norddeutschland, um seine todkranke Frau zu pflegen. Sein letztes Lebenszeichen datiert von 1912. Also frage ich mich zuerst: Soll er im neuen Roman noch mal auftauchen? Wenn ja: Was hat er gemacht in all diesen Jahren? Welche Auswirkungen hatte der Tod seiner Frau oder der Weltkrieg auf sein Schicksal? Wen wird er im neuen Roman treffen, was wird er tun, wo wird er leben?

Eine Idee entwickeln heißt zunächst für mich: Das Gedanken-Chaos zuzulassen, das in meinem Kopf herrscht, dieses herrliche unverpflichtende Drunter-und-Drüber, das alles möglich und den Roman schon so gut wie geschrieben scheinen lässt.
Die Geschichte will hinaus aufs Papier, aber ich lasse sie (noch) nicht, sondern breite sie genüsslich und ohne jeden sachlichen oder logischen Zwang gedanklich aus, lasse sie sozusagen "zappeln".

Die rationale Entscheidung, ob und wie sich das alles in eine Form gießen lässt, verschiebe ich auf später. Von allen Phasen des Romanschreibens ist diese ganz sicher die unbedarfteste, aber auch die kreativste.

 

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2. Die Recherche

 

Die Idee hat Formen angenommen, ich weiß, welche Geschichte ich erzählen will, aber noch fehlt mir das Fleisch auf den Knochen: Schritt zwei auf dem Weg zu (m)einem Buch ist für mich die Recherche.

Nun mögen Sie einwenden, dass man für einen zeitgenössischen Roman ja keine Recherche brauche. Das möchte ich so aber nicht stehen lassen, denn Recherche umfasst mehr als das Vergegenwärtigen einer vergessenen Zeit oder alter Modestile und Umgangsformen.


Recherche heißt, sich mit der Welt, die man beschreiben will, auseinanderzusetzen.
Wenn Sie nicht ausdrücklich ein autobiographisches Buch schreiben wollen, müssen Sie irgendwie recherchieren und sei es nur, wie sich die unterschiedlichen Menschen unterhalten, wie sie denken, fühlen, in welchem äußeren Rahmen (Stadt, Stadtteil, Wohnung) sie leben, welche Aufgaben sie in ihrem Beruf haben und so weiter und so fort.

Verzichtet man auf diese Recherche, kommen leicht solche „nullachtfünfzehn-Bücher“ heraus, in denen der Arzt die gleiche Sprache spricht wie der Fabrikarbeiter.

 

Mir fällt das natürlich insbesondere bei Krimis auf, in denen immer wieder die gleichen Klischees über Polizeibeamte bedient werden: leergeräumter Kühlschrank, viel Alkohol, zerstörte Beziehung, einsamer Wolf-rettet-die-Welt.
Nicht, dass es solche Situationen und/oder Kollegen nicht gäbe, aber es gibt eben auch andere Seiten in diesem Beruf, und die Faszination beim Lesen speist sich ja auch aus dem Unerwarteten, der „Welt hinter der Welt“.
Ganz abgesehen davon, dass man sich schon in einem bestimmten Mindestumfang mit den gesetzlichen Vorschriften auseinandersetzen sollte, die die Arbeit der Polizei regeln: Eine aktuelle Strafprozessordnung und ein ebensolches Strafgesetzbuch, für wenige Euro zu haben, leisten beachtliche Dienste. Auch im Internet kann man mittlerweile auf fast jede Frage eine Antwort finden.

 

Bei einem historischen Stoff, wie ich ihn in meinen Romanen „Die Detektivin“ und „Die Farbe von Kristall“ bearbeite, ist die Recherche natürlich noch viel umfangreicher, da sie sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Ich kann eben NICHT aus der Erfahrung schöpfen, sondern muss meine Figuren aus der Historie holen. Und dazu muss ich erst mal in die Historie hinein. Wie aber stellt man das an?

 

Ich mache zunächst eine Vorrecherche, das heißt, sobald ich meine Ideenfindungsphase abgeschlossen habe, überlege ich, welche Informationen ich benötige, um die ausgedachte Geschichte erzählen zu können:

 

- Wie war die politische, wie die soziale Lage in der Romanzeit?
- Wie war das Rollenverständnis Frau – Mann? 

- Welche Aufgaben hatten die Menschen?

- Welche Unterschiede/Klassen gab es? Welche Regeln?
- Wie war der Ort beschaffen, an dem meine Geschichte spielen soll? 

- Gab es Besonderheiten?
- Wie war das Alltagsleben der Menschen geregelt?
- Ist der Ablauf der Romanhandlung, die ich mir ausgedacht habe, historisch möglich?

 

Um Antwort auf diese Fragen zu finden, suche ich mir Quellen, meistens (Geschichts-)bücher, aber auch Zeitzeugenberichte, Zeitungen, recherchiere im Internet (google/Wikipedia), werte die Literaturverzeichnisse in Büchern aus, die ich schon habe, um dann gezielt neue Literatur übers Internet ( www.eurobuch.com ) zu bestellen.

 

Für meinen Roman „Die Wassermühle“, der ja in der Gegenwart spielt, habe ich beispielsweise Literatur über alte Mühlen zu Rate gezogen, da ich nicht nur eine Mühle beschreiben, sondern auch ein bisschen von der Mystik rüberbringen wollte, die ein solcher Ort hat. Da es in dem Roman auch um Sprache und Schreiben und um Kunst ging, habe ich dazu Quellen gesucht – und gefunden. Vor allem Bücher über den Maler Claude Monet habe ich gelesen und Informationen in den Roman eingebaut.

Das Schöne am Recherchieren ist, dass man auf eine unglaubliche Menge an Details stößt, die wiederum Anregungen für die Handlung oder neue Recherchen geben. Heraus kommt dann später das, was Leser als „atmosphärische Dichte“ oder „detailliert recherchiert“ loben: Das Gefühl, dass die beschriebene Welt beim Lesen eine wirkliche wird.

Wichtig beim Recherchieren ist, dass man sich Informationen aus möglichst verschiedenen Quellen holt. Auch dazu ein Beispiel aus meiner gegenwärtigen Recherchearbeit:

 

Mein Roman wird etwa in der Zeit von 1919 bis 1925 angesiedelt sein. Die Erfahrungen des Weltkriegs (der damals ja noch nicht „Erster“, sondern bestenfalls „Großer“ genannt wurde) haben eine ganze Generation geprägt, und zwar völlig unterschiedlich.
Es gibt Bücher, in denen die Kriegsgreuel (zum Teil mit Bildern) drastisch beschrieben werden, es gibt andere, in denen nach wie vor die „Manneszucht“ und das Militärische hochgehalten werden; das gleiche Ereignis (Abdankung des Kaisers) wird aus völlig gegensätzlichen Positionen heraus beschrieben, ja, selbst grausame Taten (Fememorde der Rechten, Anschläge der Linken) werden je nach Gusto gerechtfertigt, verschwiegen gutgeheißen oder verdammt.

Noch viel faszinierender ist das Lesen persönlicher Erfahrungsberichte: So beschreibt beispielsweise ein Teilnehmer der „Revolutionstage in Frankfurt am Main“ die Stimmung in der Stadt so plastisch, dass ich beim Lesen glaubte, dabeizusein. Gerade diese authentischen Details sind es, die einem Romanautor helfen, sich in diese Zeit einzufinden, sie dem Leser von heute zu erschließen.

Ich verbringe Tage und Wochen damit, in diesen Büchern zu stöbern, und teilweise ist das richtig heftige Kost.

 

Um ein Beispiel zu nennen: In einem Nachdruck eines 1924 veröffentlichten Buches werden die zerstörten Gesichter von Soldaten gezeigt, teilweise mussten sie 30, 40 Operationen über sich ergehen lassen und waren trotzdem für ihr Leben entstellt.
In einem anderen wird beschrieben, wie elend Hunderttausende an Giftgas zugrundegingen; im nächsten steht, wie stolz ein Fritz Haber auf die Entwicklung seiner Gaswaffen war und wie er sie protegiert hat. Und dann lese ich in Michael Jürgs Buch „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ von Soldaten, die keine Lust mehr hatten zu kämpfen, die sich mit dem „Feind“ verbrüderten, gemeinsam auf den Schützengräben Weihnachten feierten, sangen, Fußball spielten. Die meisten waren noch sehr jung, hatten ihre Zukunft vor sich. Und erlebten das Ende des Krieges nicht.
Erschütternd, ihre Briefe zu lesen: „Kriegsbriefe gefallener Studenten“ so der Titel eines Buches, das 1928 erschien. Ich habe den Ausschnitt eines Briefes als Prolog für meinen Roman gewählt. Der Schreiber überlebte diese Zeilen nur um 12 Tage.

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3. Die Personen

 

Stellen Sie sich vor, Sie lesen einen Artikel über die Krankheit Alzheimer. Sie erfahren jede Menge über die Symptome, mögliche Ursachen, wie viele Menschen jährlich daran erkranken, wie viele sterben und dass es bislang keine Heilung gibt. Der Text ist mit Fotos von kranken und gesunden Gehirnen und diversen Statistiken bebildert.

 

Anderes Szenario:
Katharina war eine berühmte Schauspielerin. Sie hatte in ihren Filmen die Herzen der Menschen gewonnen. Als sie älter wurde, bekam sie weniger Rollen, und eines Tages steht in den Gazetten, sie sei verwahrlost und betrunken in einem Supermarkt aufgetaucht, habe Menschen angepöbelt, die ihr helfen wollten. Etwas später lesen Sie in einem Bericht, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Anhand der Symptome dieser Krankheit werden Katharinas Ausfälle erklärt; ihre Tochter berichtet, dass ihre Mutter sie zeitweise nicht mehr erkennt, ehemalige Filmpartner sind entsetzt und erinnern sich traurig an die schillernde Diva vergangener Zeiten.

 

Und nun die Frage: Welcher Beitrag hat Sie mehr bewegt? Welcher bleibt eher in Ihrem Gedächtnis?

 

Eigentlich eine überflüssige Frage, denn ich müsste mich sehr täuschen, wenn es NICHT der Bericht über Katharina wäre, in dem die Krankheit ein Gesicht erhält und damit fassbar wird – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie jede Geschichte – ob real oder erfunden – lebt auch ein Roman durch seine Figuren. In Unterhaltungsromanen sollte sich der Leser mit dem Helden oder der Heldin identifizieren, mit ihm oder ihr leiden, lachen, hoffen. Allein die vielen Romane, die in Serie erscheinen und eine Heldin oder einen Helden haben, deren Abenteuer die Leser von Band zu Band gespannt mitverfolgen, machen deutlich, wie wichtig eine tragfähige Figur, ein guter Hauptdarsteller, in einem Roman ist.

 

Ja, aber, mögen Sie einwenden: Darf es immer nur einen Helden oder eine Heldin geben? Natürlich nicht! Wenn Sie meine Romane gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich gerade nicht nur mit einem Helden oder einer Heldin arbeite. Aber es ist am einfachsten, sich zunächst die zentrale(n) Figur(en) vorzunehmen, um die Systematik zu verstehen ... Wie also gehe ich vor?

Als ich meinen ersten historischen Roman, "Die Detektivin", schrieb, überlegte ich, nicht nur eine Person in den Mittelpunkt zu stellen, sondern den Kriminalfall aus wechselnder Perspektive zu erzählen.
So kam ich auf den Gedanken, zwar einen Kommissar ermitteln, aber auch eine junge Frau auftreten zu lassen. Ihre Namen sind Ihnen bekannt, sofern Sie meine Romane kennen: Victoria Könitz und Richard Biddling. Einige Eigenschaften dieser beiden Hauptfiguren ergaben sich durch die Wahl des Genres (Kriminalroman = Kommissar Biddling) und den historischen Zusammenhang (strenger Preuße, gebildete, aber naive Großbürgertochter).

Viele Informationen über meine Figuren gewinne ich also bereits durch die Recherche (die ich übrigens erst mit dem Beenden des Romans abschließe).

 

Steht eine Figur im Groben, überlege ich mir, welche konkrete Funktion sie im Roman haben soll. Also: Was will ich mit dieser Figur transportieren?
Victoria sollte beispielsweise für das gehobene Bürgertum stehen, sich also in einer gesellschaftlich festgefügten Rolle bewegen, aus der sie auszubrechen versucht. Die Idee zu Victoria kam mir, als ich über eine junge Bürgerliche las, deren Vater ihr untersagte, Bücher von Bettina von Arnim zu lesen. Mich als Leseratte entsetzte das derart, dass meine erste Romanfigur geboren war.

Aber das allein genügte nicht. Ich musste mir natürlich auch ein Bild von Victoria als Frau machen: Wann ist sie geboren, wer ist ihre Familie? Welche Haarfarbe, welche Größe, welche Statur hat sie? Welche Schulbildung hat sie? Wie kleidet sie sich, wie redet sie? Was mag sie, was kann sie auf den Tod nicht ausstehen? (zum Beispiel: Gnädiges Fräulein genannt zu werden ...)

Diese Informationssammlung bündele ich in einer Biographie, die enthält, was die Figur Victoria Könitz ausmacht: neben den Äußerlichkeiten ihr Charakter, und - sehr wichtig - ihre Entwicklung. Wie sich eine Figur vom Anfang bis zum Ende eines Romans entwickeln wird, ist ein entscheidender Punkt, über den sich der Autor vorher Gedanken machen muss. Versäumt er das, so wird er beim Schreiben merken, dass die Figuren sich sperren, dass sie Dinge, die er von ihnen will, einfach nicht tun mögen.

Wenn also Ihre Geschichte hakt oder Sie glauben, wieder mal eine sogenannte „Schreibblockade“ zu haben, so kann es durchaus daran liegen, dass Sie mit Ihren Figuren nicht im Reinen sind.

 

Das, was ich über Victoria gesagt habe, gilt gleichermaßen natürlich für alle anderen Figuren meines Romans. Biographien lege ich auch für die Nebenfiguren an, und während der Arbeit am Roman liegen diese Informationen stets griffbereit neben dem PC.

 

Sie planen also alles bis ins Detail? höre ich Sie ernüchtert fragen. Wo bleibt da die Kreativität, die Phantasie, die Intuition?

Nein, ich plane NICHT bis ins Detail! Selbst wenn ich es wollte, es werden mir Dinge dazwischenfahren, von denen ich zu Beginn meiner Arbeit noch keine Ahnung hatte. Das ist ja das Faszinierende am (fiktionalen) Schreiben: Dass Handlungen und Figuren sich manchmal anders entwickeln als geplant. Aber das gilt nur für Teilbereiche, nicht für den gesamten Roman. Ich komme bei dem Punkt „Gliederung“ noch einmal darauf zurück.

Aber auch die Figuren können einen Schriftsteller narren, und die schönste Biographie nutzt nichts, wenn der Mensch, den man damit zu beglücken versucht, sich einfach aus der Schablone herausstiehlt und sein eigenes Leben entwickelt.

 

Merkwürdigerweise passiert mir das in jedem Roman mit einer Person: In „Die Detektivin“ war es ... Heiner Braun! Ja, dieser unangepasste, liberale Querdenker, der wie kein anderer das alte Frankfurt verkörpert! Ich hatte diesem faszinierenden Menschen in meiner blasierten Schriftstellerallmacht ein klägliches Stichwortgeber-Röllchen an der Seite des preußischen Kommissars zugedacht.

Der sture Wachtmeister (damals noch: Kriminalschutzmann) pfiff auf meine Biographie und machte sich selbständig – und ich tat gut daran, ihm die lange Leine zu lassen: Er wurde zur tragenden Figur meiner Reise durch die Geschichte der Kriminalistik und bekam schon im zweiten Roman eine neue, umfassende Biographie verpasst, gegen die er sich dann nicht mehr sträubte.

 

Nun werden Sie vielleicht einwenden, warum man sich die Arbeit überhaupt machen sollte, Biographien zu schreiben, wenn sich Figuren doch auch von allein entfalten können.
Allerdings stelle ich die Gegenfrage: Warum konnte sich denn jemand wie Heiner Braun entfalten? Doch nur, weil er auf einem „vorbereiteten“ Boden spazierte, auf dem die anderen Figuren ihre Rollen schon zugeschrieben hatten.

Außerdem sind diese Biographien enorm wichtig, um sich während des Schreibens Dinge ins Gedächtnis zu rufen, die die Figuren betreffen. Angefangen vom Aussehen bis hin zu besonderen Vorlieben: Ich kann nicht jede Einzelheit jeder Figur jederzeit im Kopf haben.

Noch wichtiger aber ist, dass Ihre Figuren psychologisch schlüssig sind, das heißt, dass sie sich nachvollziehbar verhalten. Zum Beispiel Victoria in "Die Detektivin": Sie ist eine unangepasste junge Frau, aber sie lebt dennoch in den Zwängen ihrer Zeit. Sie sieht ihre „kriminalistischen Ermittlungen“ als Spiel an, weil sie in ihrer großbürgerlichen Welt von der „Wahrheit der Straße“ abgeschirmt lebt. Sie lernt diese Wahrheit dann – dies ein Prozess im Roman – nach und nach schmerzvoll kennen. Und indem ich diesen Prozess schildere, versuche ich, den Leser: also Sie! , mit Victoria mitleiden zu lassen, meiner Kriminalgeschichte ein Gesicht zu geben, das Sie dazu bringt, weiterzulesen, weil Sie wissen möchten, was mit dieser störrischen Dame geschieht, bis das Schicksal und die erbarmungslose Autorin ein Einsehen hat.

Wäre Victoria ein Proletariermädchen, hätte ich den Roman anders schreiben müssen.

 

Es gibt viele Stationen auf dem Weg zu einem fertigen Roman, aber die Entwicklung der Personen und der sorgfältige Umgang mit ihnen ist für mich der wichtigste.

Ihre Figuren tragen Ihre Geschichte. Mit ihnen steht und fällt das Leserinteresse an Ihrem Buch.

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4. Die Gliederung

Die Idee und meine Helden sind geboren, die Welt, in die ich sie schicken will, ist – zumindest – grob recherchiert, es juckt mich in den Fingern, endlich mit der Geschichte anzufangen … Was bitte soll jetzt eine Gliederung? Wozu brauche ich das? Zwänge ich damit meine Inspiration nicht in ein Korsett? Kann ich meine Muse etwa mit einem Plan becircen? Geplante Fiktion: Ist das nicht Fast-Food statt haute cuisine?

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich behaupte nicht, dass jeder, der einen Roman schreibt, eine Gliederung machen muss, aber in einem Ideen-, Personen- und Handlungsdschungel einen roten Faden zu haben, kann nicht schaden, oder?

Ich vergleiche Bücher gern mit Häusern, und wir Autoren sind: Bauherren, Architekten, Maurer, Inneneinrichter …
Am Anfang stehen die Wünsche und Vorstellungen des Bauherren: Die Phantasie schlägt Purzelbäume: Viel Glas muss sein, ein achteckiges Wohnzimmer, eine große Terrasse mit Schwimmteich, ein Dschungel als Garten, ein Kachelofen im Wohnzimmer und mindestens 200 Quadratmeter Wohnfläche …
Stopp, sagt der Architekt. Wie soll denn das Dach aussehen? Wie groß sollen denn die Fenster und Türen sein? Wo soll der Ofen hin? Wollen Sie auch einen Keller?

Am Anfang des Traumhauses steht also die Planung … und wie jeder weiß, der schon mal (um-)gebaut hat, ist der erste Plan selten der letzte, sondern wird den Gegebenheiten/Bauvorschriften, den finanziellen und sonstigen Zwängen angepasst.
Keiner käme auf die Idee, auf diesen Plan zu verzichten, weil er wahrscheinlich noch mal geändert werden wird; auch käme keiner auf die Idee, in einem Architektenplan die Farbe der Wohnzimmertapeten und den Standplatz des Sofas festzulegen.

Für Sie als Architekt Ihres Buches heißt das also: Ein Plan, eine Gliederung, nimmt Ihnen weder die Kreativität noch spontane Ideen für Neues, sondern gibt Ihnen eine Grobzeichnung ihrer Geschichte, die Sie während des gesamten „Bauvorhabens“ immer wieder zur Hand nehmen können, um den roten Faden nicht zu verlieren – oder um ihn neu zu spinnen.

Eine Gliederung ist quasi das Skelett Ihres Romans und beschreibt den groben Handlungsablauf.
Ich unterteile meine Gliederung in – vorläufige – Kapitel und notiere jeweils in einigen Sätzen das Wesentliche, was in diesem Kapitel geschieht.

Um Ihnen zu zeigen, wie die graue Theorie in der Praxis aussieht, hier die Gliederung der ersten fünf Kapitel für meinen historischen Roman „Die Farbe von Kristall“. Damit Sie sehen, was ich beim Schreiben tatsächlich verwendet habe, setze ich den endgültigen Handlungsstrang kursiv dahinter.

 

Nikola Hahn
Die Farbe von Kristall
Roman

 

(vorläufige) Kapitelgliederung

 

Prolog


Ein düster-schauriges Bild des Frankfurter Gefängnisses im Novembersturm; kurze Szenenbeschreibung vor einer Hinrichtung. (Hinweis: Wird im letzten Kapitel aufgelöst: Es handelt sich um die Hinrichtung der Mörder von Lichtenstein.)

Ich hatte vor Beginn des Schreibens dieses starke Bild im Kopf, das ich dann aber gar nicht genommen habe, weil es nichts mit den Helden meiner Geschichte zu tun hatte. Ich habe zwar das Thema „Tod“ im (sehr) kurzen Prolog aufgegriffen, aber ich erzähle nicht die Hinrichtung (auf die komme ich dann tatsächlich im letzten Kapitel zurück.)

 

Kapitel 1


Um die Mittagszeit des 26. Februar 1904, einem tristen Wintertag, wartet der angesehene Frankfurter Geschäftsmann und Klavierhändler Hermann Lichtenstein auf einen berühmten Kunden: den international bekannten Pianisten Ernesto Consolo aus Lugano; aber statt Consolo läßt er seine Mörder ein. (Kurze Szene)

Das habe ich genauso umgesetzt. Die Szene ist zweieinhalb Seiten lang. Ich habe sie genutzt, um noch eine weitere Person einzuführen, die später von Bedeutung ist.

Am Morgen des 26.2. tritt die 28jährige Laura Rothe im Polizeipräsidium Frankfurt eine Stelle als Polizeiassistentin an; sie ist die erste Frau, die in Frankfurt in den Polizeidienst eingestellt wird und soll sich um „gefallene“ Frauen und verwahrloste Kinder kümmern.

Diese Szene habe ich nach hinten geschoben. Laura Rothe trifft zum Ende der Szene (und des Kapitels) auf Heiner Braun, der im Präsidium zurückgeblieben ist. Das Aufgabengebiet der Polizeiassistentin habe ich erst in einem späteren Kapitel erwähnt.

Am gleichen Tag wird Wachtmeister Heiner Braun in den Ruhestand verabschiedet; sein Vorgesetzter, Kriminalkommissar Richard Biddling muß nun alleine an ihrem letzten Fall weiterarbeiten: einem ungeklärten Todesfall eines Arbeiters in einer Bockenheimer Fabrik , der eigentlich längst abgeschlossen sein sollte, weil alle Umstände auf einen Unglücksfall hindeuten. Richard und Heiner Braun vermuten jedoch einen Zusammenhang mit dubiosen Warengeschäften, in die angesehene Persönlichkeiten der Stadt verwickelt sind.
Mitten in ihr Abschiedsgespräch platzt die Nachricht des Mordes an Lichtenstein.

Die Szene habe ich beim Schreiben direkt an die erste angefügt. Die beiden Männer reden zwar im Abschiedsgespräch kurz über den Fall des Bockenheimer Arbeiters, aber der Leser erfährt noch nicht, worum es genau geht.

 

Kapitel 2


Victoria Biddling, die Ehefrau von Kommissar Biddling, fährt früh am Morgen mit ihren Töchtern Flora und Vicki nach Niederhöchstadt, um bei dem Hundezüchter Karl Hopf, der ihr von ihrer Schwester Maria empfohlen wurde, einen Hund zu kaufen. Victoria, die schon seit einiger Zeit in ihrer Ehe nicht mehr glücklich ist und sich von ihrem Mann vernachlässigt fühlt, genießt das Interesse und die Wertschätzung, die der charismatische Hopf ihr entgegenbringt. Daß er sich ebenso wie sie für Kriminalromane interessiert, freut sie ganz besonders.

Das spätere fertige Kapitel umfasst 18 Seiten. Dass Victoria in ihrer Ehe mit Richard Probleme hat, beschreibe ich nicht, sondern lasse den Leser an einer Auseinandersetzung teilhaben, die Victoria am Vorabend mit ihrem Mann hatte.

 

Kapitel 3


Während alle greifbaren Beamten vom Präsidium zum Haus des Klavierhändlers Zeil 69 geschickt werden, bleiben Heiner Braun und Polizeiassistentin Laura Rothe zurück; letztere deshalb, weil sie als Frau „keine richtige Beamtin“ ist und demzufolge an einem Tatort nichts zu suchen hat. Heiner erzählt ihr von seinem letzten Fall und den Arbeitsbedingungen im Präsidium und den umstrittenen Methoden von Martin Heynel, dem Chef der Sitte, dem Laura unterstellt sein wird.

Diese Szene habe ich aus Kapitel 3 komplett herausgenommen; das Gespräch zwischen Heiner Braun und Laura habe ich in Kapitel 1 vorverlegt (siehe dort); die Informationen zu dem zwielichtigen Martin Heynel folgen erst später.

Vor dem Haus des Klavierhändlers, das nur einen Steinwurf vom Polizeipräsidium entfernt auf Frankfurts Hauptgeschäftsstraße liegt, hat sich eine große Menschenmasse eingefunden. Der Klavierhändler liegt mit eingeschlagenem Schädel und einem um den Hals geschlungenen Seil in seinem Blut. Ein blutiger Fingerabdruck und der Abdruck eines Frauenschuhes scheinen nahezulegen, daß eine Frau zumindest mit am Tatort war. Kommissar Biddling und Kommissar Beck werden mit den Ermittlungen in der Mordsache betraut; von Anfang an gibt es Differenzen zwischen den beiden Männern.

Das Kapitel umfasst 25 Seiten, und 24 ½ sind nur dem Tatort und der kriminalistischen Arbeit gewidmet. Damit das Ganze auch spannend zu lesen ist, wird – wie ich es geplant habe – deutlich, dass Kommissar Richard Biddling und Kommissar Beck völlig unterschiedliche Charaktere sind.
Die Arbeit endet für Richard Biddling spätabends in seinem Büro mit der Durchsicht des Notizbuches des Ermordeten, in dem er unter anderem den Namen K. Hopf findet.
Auf den letzten Zeilen lasse ich den erschöpften Kommissar dann nach Hause kommen. Er findet seine Frau über einem Buch schlafend in der Bibliothek: Der Leser weiß, dass es ein Buch ist, über das sie mit dem Hundezüchter Hopf (siehe Kapitel 2) gesprochen hat und ahnt den kommenden Konflikt; Ihr Mann Richard weiß es nicht.

 

Kapitel 4


Als Richard Biddling spätabends nach Hause kommt, hat sich die Kunde von dem Mord schon wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt verbreitet. Victoria bestürmt Richard mit Fragen, erhält aber nur nichtssagende Antworten. Als sie von ihrem Ausflug nach Niederhöchstadt erzählt, hört er ihr nicht zu. Victoria wirft Richard vor, sie immer mehr aus seinem Leben auszuschließen. Es wird deutlich, daß sie sich in ihrer Rolle als großbürgerliche Hausfrau und Mutter nicht wohl fühlt. Richard schweigt zu ihren Vorwürfen; er bringt es nicht fertig, ihr zu sagen, daß eine Spur im Falle des verunglückten Bockenheimer Arbeiters in ihre eigene Familie zu führen scheint.

Hier bin ich von meinem Entwurf ziemlich weit abgewichen: Auf den ersten Seiten beschreibe ich, wie Polizeiassistentin Rothe bei dem pensionierten Heiner Braun ein Zimmer mietet und dessen Frau kennenlernt.
Dann schließt sich eine Frühstücksszene im Haus von Richard Biddling an. Als seine Tochter ihm von Hopf erzählt, denkt er sofort an den Namen im Kalender des Toten, sagt aber seiner Frau nichts von seinem Verdacht. Dass es in diesem Mordfall des Fabrikarbeiters eine Verbindung in die Familie seiner Frau gibt, wird dem Kommissar erst viel später deutlich. (Obwohl ich diese Information hier nicht verwendet habe, half mir die Gliederung, sie nicht zu vergessen und sie dann beim Schreiben dort einzupassen, wo sie hingehört. Ich habe mir angewöhnt, geänderte oder ausgelassene Infos in der Gliederung zu markern, damit ich auf Anhieb sehe, was ich – noch – nicht verwendet habe.)
Im Roman habe ich dann die meisten Infos, die ich für Kapitel 5 geplant hatte, in Kapitel 4 übernommen: So den Antrittsbesuch von Laura Rothe im Präsidium, ihre Bekanntschaft mit Heynel, die Begegnung mit Zilly. Die Vermutung, dass Heynel mit ihr anbandeln will, lasse ich Laura aber erst in einem späteren Kapitel kommen …

Da sich beim Schreiben eine Figur in meine Geschichte gemogelt hatte (ein junger Polizeidiener, der den Tatort bewachte), beschloss ich spontan, dieser Figur mehr Raum und Bedeutung in der Geschichte zu geben. Deshalb habe ich in Kapitel 4 noch eine Szene eingefügt, in der Kommissar Biddling den Jungen als Gehilfen einstellt.

 

Kapitel 5


Zu den Aufgaben der Polizeiassistentin Laura Rothe gehört es, die über Nacht in Polizeihaft eingelieferten Prostituierten zu begutachten. Laura hat sich zum Ziel gesetzt, den „gefallenen Mädchen“ zu helfen; dabei gerät sie recht bald mit ihrem Chef, Martin Heynel aneinander, der mit harter Hand durchgreift. Merkwürdigerweise nehmen die meisten der Mädchen die rüde Behandlung klaglos in Kauf, so auch Zilly, eine junge Prostituierte aus dem Edelbordell Laterna Magica. Heynel setzt alles daran, Lauras Arbeit zu sabotieren; gleichzeitig macht er ihr Avancen; Laura, der als berufstätiger Frau ein untadeliger Ruf und absolute Keuschheit abverlangt werden, vermutet, daß Heynel mit ihr anbandeln will, um sie auf diesem Wege loszuwerden. Trotz allem fühlt sie sich von ihm angezogen.

Da ich die Informationen aus Kapitel 5 bereits in Kapitel 4 verwendet hatte, wurde mein geplantes Kapitel 6 zu Kapitel 5. Später ergab sich dann der umgekehrte Fall: Ich hatte nach Ende eines Kapitels noch Informationen aus meiner Gliederung „übrig“, so dass ich damit ein neues Kapitel einfügte und wieder „im Plan war“.

In dieser Art habe ich den ganzen Roman „vorgeschrieben“, und bei der Ausarbeitung der einzelnen Kapitel griff ich später immer wieder auf diesen Urplan zurück: Er half mir nicht nur, den Überblick zu behalten, sondern er diente mir auch dazu, Kapitel neu zu positionieren und Handlungselemente zu verschieben.

Für meinen neuen Roman, an dem ich gerade arbeite, ist die Kapitelgliederung ähnlich ausgefallen.

 

Zum Schluss noch einige Anmerkungen zum „Stil“ einer Gliederung und die Zusammenfassung der Vorteile.

Eine Gliederung ist ein persönliches Dokument für den Autor und muss keinen „Schönheitspreis“ gewinnen. Sie können die Gliederung in ganzen Sätzen schreiben wie ich, oder Stichpunkte, Notizen, Schlagwörter verwenden. Schreiben Sie einfach auf, was nach Ihren Vorstellungen in Ihrem Roman geschehen soll. Ob es dann später beim Schreiben alles wirklich so eintritt, darüber machen Sie sich erst einmal keine Gedanken.


Die Gliederung eines Romans hilft dem Autor

- sich über sein Konzept und den (plausiblen) Handlungsablauf seiner Geschichte klar zu werden

- beim Schreiben den Überblick zu behalten

- bei Bedarf, Inhalte oder Kapitel hin- und herzuschieben, ohne dass Informationen verloren gehen

- bei „Schreibblockaden“ den roten Faden wiederzufinden

- beim Schreiben des Exposés

 

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6. Der Titel

 

Nachdem Sie Ihre Romanidee durch Recherchen konkretisiert, Ihre Figuren entwickelt, Gliederung und Exposé geschrieben haben, erwarten Sie, dass es endlich losgeht?

Sie haben recht! Was das Handwerkliche betrifft, sind Sie bestens gerüstet, Ihren Roman zu beginnen.

Warum ich Sie trotzdem noch nicht anfangen lasse?


Stellen Sie sich vor, Sie spazieren eine Straße entlang. Rechts und links Häuser. Wo lugen Sie neugierig über den Zaun, wo würden Sie gern mal an der Tür klingeln? Wo wilder Wein und Rosen um Türen und Fenster ranken, wo eine blaugestrichene Bank mit Lavendel zur Siesta einlädt? Oder dort, wo Betonringe und zwei Quadratmeter Rasen "glänzen"?

 

Nächste Frage:
Was würden Sie hinter einer Stahltür erwarten? Eine Bauernstube? Was halten Sie von einem Architektenhaus mit Butzenscheiben?

 

Ein Vorgarten, der neugierig auf das "Dahinter" macht, eine passende Haustür, die ins Innere führt, genau das ist für mich der Titel zu einem Buch. Will heißen: Ich kann nichts schreiben, ohne im Geiste einen Titel für meine Geschichte zu haben.
Nun muss dieser Titel - selbstverständlich - nicht immer der endgültige sein, und bei meinem Roman "Die Wassermühle" hatte ich beim Schreiben eine ganz andere Tür im Sinn als die, die dann verlagsseits eingebaut wurde. Ich konnte prima damit leben, weil der neue Eingang sogar besser zu meinem (Roman-)haus passte als der alte.

 

Aber ein Titel muss nicht nur passen, er muss auch neugierig machen: Ich will, dass Sie beim Spaziergang neugierig über MEINEN Zaun schauen, dass Sie bei MIR klingeln und nicht achtlos vorübergehen!

 

Das erste, was der Leser von meinem Roman liest, ist der Titel. Und jeder, der über das Buch redet, nennt den Titel. Deshalb, finde ich, sollte sich ein Autor vor dem Schreiben einer Geschichte über den Titel Gedanken machen. Der Titel ist nicht nur Tür, sondern auch Vorgarten zu Ihrem Buch!

 

Wenn Sie nicht meiner Meinung sind und Ihren Roman genauso gut oder besser schreiben können, ohne sich vorher einen Kopf um einen passenden Titel gemacht zu haben: Glückwunsch!
Lesen Sie diese Rubrik als kleinen Pausenfüller und freuen Sie sich, dass Sie nicht in den Konflikt kommen, der sich aus den allermeisten Verlagsverträgen ergibt: Dass nämlich der Verlag oftmals die Hand auf dem Titel hat.
Mich hat das schlaflose Nächte gekostet, nicht etwa, weil ich unbedingt "meinen" Titel behalten wollte, sondern weil man mir eine Stahltür in mein Reetdachhaus einbaute.

 

Nichtsdestotrotz habe ich auch für meinen neuen Roman einen (Arbeits-)titel. Für mich spiegelt sich im Titel die Idee meines Buches, und deshalb kann ich nicht "ohne".

Davon abgesehen, hilft ein Titel auch beim Schreiben, weil er hilft, den Roten Faden nicht zu verlieren.

 

Wie das?

Ich möchte es am Beispiel meiner beiden historischen Romane verdeutlichen:

 

Mein erster Roman sollte ursprünglich "Das Glashaus" heißen. (Diesen Titel hat mittlerweile ein anderes Buch bekommen.) Das Thema, das dieses Buch leitet, ist: "Wer im Glashaus sitzt ..."
Aber nicht nur im übertragenen, auch im plastischen Sinne passte dieser Titel, denn zentraler Schauplatz ist eine alte Orangerie. Schuld und Sühne, ein Mord und ein Geheimnis in einem Glashaus ... Und dann kamen die Verlagshandwerker und setzten die Stahltür "Die Detektivin" ein.

Im zweiten Roman, der (nach einigen Kämpfen) unter dem ursprünglichen Titel "Die Farbe von Kristall" erschien, geht es um "die Farben der Wirklichkeit", also um die verschiedenen Facetten der Wahrheit, die sich je nach Standpunkt ändern - wie das Sonnenlicht, das sich in einem Bergkristall in den Farben des Regenbogens bricht.
Aber auch in diesem Roman hatte "Kristall" eine pragmatische Bedeutung, zum einen als Schmuckstück, das die Heldin von einem mysteriösen Mann bekommt, zum anderen als neue wissenschaftliche Methode, Blutspuren nachzuweisen.

Unter dieser Prämisse schrieb ich den ganzen Roman, und auch die Zitate am Anfang des Buches beziehen sich darauf.

 

Der Titel half mir also, "in der Spur zu bleiben".

Welchen Titel ich für meinen in Arbeit befindlichen Roman habe?
Na, ich verrate Ihnen ja Vieles, aber hier und da ein kleines Geheimnis muss schon sein ...

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7. Die Erzählperspektive

 

Bevor Sie mit Ihren Roman beginnen können, müssen Sie sich über die Erzählperspektive klar werden. Ich möchte mich an dieser Stelle auf die beiden am häufigsten gewählten Alternativen beschränken: Dritte Person oder Erste Person.

In der Literatur werden diese Perspektiven noch untergliedert, und zwar abhängig davon, wie stark sich der Autor selbst in die Geschichte einbringt. Insbesondere im Zusammenhang mit der Perspektive der Dritten Person wird der „allwissende“ Autor genannt, der alles weiß und jederzeit in jeden Kopf seiner Figuren schauen kann. Zumeist geschieht die Erwähnung des „allwissenden Autors“ mit der Einschränkung, dass diese Erzählform heute nicht mehr üblich ist.

 

Ich gebe Ihnen ein kurzes Beispiel für die unterschiedlichen Formen:

 

1. Ich-Perspektive:

 

Ich stand im Regen und dachte, dass ich doch ein rechter Pechvogel bin. Just in diesem Moment kam Elli vorbei und spannte ihren Schirm über mir auf.

„Typisch Susanne!“ sagte sie grinsend.

 

Hier schildert Susanne selbst das Geschehen aus ihrer Sicht. 

 

 

2. Dritte Person:

 

Susanne stand im Regen und dachte, dass sie einfach ein Pechvogel war. Doch genau in diesem Augenblick kam ihre Freundin Elli vorbei und spannte ihren Schirm über ihr auf. „Typisch Susanne!“ sagte sie grinsend.

 

Auch hier wird das Geschehen aus Sicht von Susanne geschildert, aber nicht sie selbst berichtet, sondern ein Erzähler, der selbst nicht in Erscheinung tritt.

 

 

3. Allwissender Erzähler (Dritte Person)

 

Susanne stand im Regen und dachte, dass sie einfach ein Pechvogel war. Doch genau in diesem Augenblick kam ihre Freundin Elli vorbei und spannte ihren Schirm über ihr auf.

„Typisch Susanne!“ sagte sie grinsend und dachte, dass ihre Freundin ohne sie ganz schön hilflos war.

 

Der Erzähler „springt“ von einer Figur zur anderen, schaut abwechselnd in den Kopf von Susanne und Elli. Er ist sozusagen „überall“ – allwissend.

Diese Erzählform ist heute nicht mehr sehr gebräuchlich, weil es den Leser verwirrt, wenn ständig die Perspektive gewechselt wird.

Anfänger tendieren oft dazu, in diesen „wilden“ Perspektivwechsel zu fallen, ohne dass sie sich dessen bewusst sind.

 

In modernen Erzählformen der Dritten Person wird entweder nur aus einer Perspektive erzählt (quasi eine Ich-Erzählung in der Dritten Person) oder aber es wird eine abgeschwächte Form des allwissenden Autors gewählt, das heißt, der Erzähler schaut nicht in die Köpfe aller Personen, sondern wählt einige Personen aus, aus deren Perspektive er (abwechselnd) erzählt.

 

Ich selbst wähle diese Form sehr gern und nutze sie auch in meinen historischen Romanen.

 

Gerade die Mischung zwischen „Allwissender Erzähler“ und reiner "Dritte-Person-Perspektive“ stürzt Anfänger oft in Verwirrung. Die Entwirrung ist gar nicht so schwer. Stellen Sie sich vor, auch Susannes Mutter spielt in der Geschichte eine Rolle.

 

  1. Szene: Das Geschehen wird aus Sicht der Hauptperson Susanne geschildert.

  2. Szene: Elli tritt auf. Das Geschehen wird aus Sicht von Susanne geschildert.

  3. Szene: Susannes Mutter tritt auf. Das Geschehen wird aus ihrer Sicht geschildert.

  4. Szene: wird aus Sicht von Susanne geschildert.

 

Der „eingeschränkt allwissende Autor“ hat also entschieden, vor allem in Ellis Kopf zu schauen. Außerdem möchte er die Dinge gern noch aus der Sicht von Susannes Mutter erzählen, aber nicht aus der Sicht von Elli.

 

Sie können die Szenen auch in Kapitel oder Absätze umsetzen. Es gibt keine Regeln, wie lange ein Autor aus der einen oder anderen Perspektive erzählen soll oder darf.

Sie sollten einen Perspektivwechsel aber bewusst einsetzen und nicht zu oft wechseln.

Wie ich schon sagte: Häufiger Perspektivwechsel ist ein Anfängerfehler. Im übrigen gibt es in meinem ersten Roman „Die Detektivin“ auch einige hübsche Beispiele dafür. Hier verrate ich Ihnen eins:

 

In Kapitel 6 streiten sich Kriminalkommissar Biddling und sein Untergebener Heiner Braun über den Fortgang der Ermittlungen in einer Vermisstensache:

 

Richard wandte sich wieder seinem Aktenstudium zu, doch Heiner ignorierte die brüske Abweisung. Zu viel hatte sich in den vergangenen Tagen in ihm angestaut. „Ich frage mich ernstlich, warum Sie überhaupt nach Frankfurt gekommen sind, wenn Sie die Menschen hier so verabscheuen.“  (=Perspektive Heiner Braun)

 

„Ich verabscheue niemanden! Und ich will, dass Sie jetzt gehen, Herr Braun“, sagte Richard förmlich. Er war müde, und es war ihm nicht nach tiefsinnigen Erörterungen zumute. (Perspektive Richard Biddling.)

 

Im Fortgang des Gesprächs wechseln die Perspektiven dann nochmals, teilweise sogar von Satz zu Satz. Das geschah unbewusst und nicht geplant.

 

Doch zurück zur entscheidenden Frage: Welche Perspektive sollten Sie für Ihren Roman wählen: Ich-Perspektive – oder Dritte Person?

 

Ganz davon abgesehen, dass es Leser gibt, die die Ich-Form grundsätzlich nicht mögen (Seltsamerweise gibt es diese Abneigung bei der Dritten-Person seltener ...). Jede Perspektive hat Vor- und Nachteile.

 

Die Ich-Perspektive hat folgende Vorteile:

 

Sie können die Dinge aus einer sehr persönlichen Sicht schildern. Der „Ich-Person“ verzeiht man Fehler, flapsige Sprache und Unwissenheit eher als einem Erzähler, der aus der Distanz berichtet. Der Ich-Erzähler kann über Dinge berichten, von denen er eigentlich nichts versteht, und der Leser nimmt es ihm ab. Gefühle, Gedanken, Reflektionen, akzeptiert der Leser eher, wenn sie ein Ich-Erzähler berichtet. Die gleichen Dinge aus Sicht eines Dritten wirken im Gegensatz dazu leicht aufgesetzt oder belehrend.

 

Die Ich-Person ist unmittelbar im Geschehen, und der Identifikationsgrad des Lesers mit dieser Person ist grundsätzlich hoch.

 

… und folgende Nachteile:

 

Der Ich-Erzähler kann nicht über Dinge berichten, die er nicht selbst erlebt hat, das heißt, das, was einen Gutteil der Spannung eines geschickt aufgebauten Romans ausmacht, kann ein Ich-Erzähler nicht leisten. Der Ich-Erzähler wird alle Gefahren überstehen, denn sonst könnte er nicht darüber berichten. Der Ich-Erzähler kann eine Geschichte verflachen, denn es wird kaum möglich sein, tief in andere hineinzusehen, ohne psychologisch belehrend zu wirken.

Gleiches gilt auch für den Erzähler selbst: Eine ehrliche Bewertung der eigenen Person ist schwierig umzusetzen. Die Charakterisierung einer Person hängt ja oft nicht von dem ab, was sie selbst sagt oder denkt, sondern davon, wie andere sie sehen. Und genau das fehlt in einer Ich-Erzählung.

 

Und zuletzt sollten Sie vielleicht noch etwas bedenken, das zwar nichts mit der Qualität Ihrer Geschichte, wohl aber mit der Bewertung Ihrer Person als Autor zu tun hat. Grundsätzlich werden die meisten Leser immer suchen, wo Sie selbst im Roman stecken, wie viel von Ihrer Geschichte „autobiographisch“ ist. Wenn Sie in der Ich-Form schreiben, müssen Sie auf jeden Fall damit leben, dass die Leser diese Geschichte als Ihre eigene sehen.

 

 

Die Vorteile der Erzählperspektive in der Dritten Person

 

… ergeben sich ebenfalls aus den genannten Beispielen:

 

Sie können in die Köpfe mehrerer Personen schauen, Ihre Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln und damit facettenreich erzählen. Sie haben die Möglichkeit, ein Netz aus vielen Einzelstücken zu spinnen, in dem sich der Leser hoffentlich voller Spannung verfängt.

Sie können verschiedene Töne in Ihre Geschichte bringen: Menschen reden, denken unterschiedlich, stammen aus unterschiedlichen Welten, die Sie vor Ihren Lesern lebendig werden lassen können.

In Schreibratgebern wird aus diesen Gründen oft empfohlen, erst einmal in der Dritten Person zu schreiben. Ich möchte die Empfehlung so nicht geben, bin aber auch der Meinung, dass es für einen Anfänger einfacher und für seine Fortentwicklung als Autor befruchtender sein kann, in der Dritten Person zu schreiben.

Aber letztlich ausschlaggebend ist Ihre persönliche Vorliebe und natürlich Ihr Roman, denn Erzählperspektive und Story müssen zusammenpassen.

 

Einfache Regel:

 

Ein zentraler Held, mit dem sich der Leser schnell identifizieren soll, eine geradlinig erzählte Story, viel action: Hier bietet sich die Ich-Perspektive an.

 

Eine vielschichtig aufgebaute Geschichte, in der es nicht nur einen Helden gibt, verwobene Handlungsstränge, Beschreibung unterschiedlicher sozialer Milieus: Die Perspektive der Dritten Person wird in den meisten Fällen passend sein.

   

 

Eine noch einfachere Regel:

 

Wählen Sie die Perspektive, mit der Sie sich am wohlsten fühlen! Wenn Sie Ihr Handwerk verstehen, werden Sie so oder so einen guten Roman zustande bringen.

 

 

Und die wichtigste Regel:

 

Wählen Sie die Perspektive, BEVOR Sie Ihren Roman beginnen!

 

zurück zum Anfang

 

 

8. Der Anfang

 

Blättert man in Schreibratgebern, von denen es ja mittlerweile einige gibt, so nimmt das Thema „Wie fange ich an“ meistens einen breiten Raum ein, oft verbunden mit der Frage: Wie fesseln Sie als Autor Ihre Leser? (Oder einen Verlagslektor …)

Manche dieser Ratgeber behaupten, dass es gerade auf den ersten Satz besonders ankomme. Aber mal Hand aufs Herz. Wenn Sie ein Buch im Laden kaufen: Was tun Sie?

Sie schauen sich das Titelbild und den Titel an, Sie lesen den Klappentext, Sie blättern, lesen, ganz bestimmt (auch) den Anfang. Aber: Ist es tatsächlich der erste Satz, der Sie das Buch kaufen lässt? Oder schmökern Sie nicht doch ein bisschen weiter – die erste halbe Seite oder zumindest einen Absatz?

 

Ich will damit nicht sagen, dass der erste Satz eines Buches unwichtig ist, aber ganz bestimmt hat er nicht die herausragende Bedeutung, die ihm oft zugemessen wird.

 

„Ja, verwenden Sie etwa keine Mühe auf den ersten Satz?“ höre ich Sie fragen.

Aber sicher! Ziemlich viel sogar. Wenn ich nicht weiß, wo meine Geschichte anfängt, wie soll ich dann wissen, wie sie weitergeht, wo sie endet?

Worauf ich hinauswill ist, dass Sie sich von der Bürde freimachen, unbedingt mit dem ersten Satz den Knaller liefern zu müssen, damit Ihr Roman Gnade vor dem Leser oder einem Lektor findet.  

 

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Roman anzufangen – tun Sie´s also einfach.

„Und wie?“

Ganz einfach: Wie Sie wollen!

 

Wenn Sie Ihre Geschichte geplant, die Figuren entwickelt, die Story recherchiert und Ihre Erzählperspektive festgelegt haben, haben Sie alles, was Sie benötigen, um anzufangen. In der Grobgliederung haben Sie festgelegt, was inhaltlich im ersten Kapitel stehen soll. Jetzt müssen Sie Ihren Plan mit Leben füllen.

 

Im folgenden gebe ich Ihnen ein paar Beispiele,  wie man einen Roman (oder eine Geschichte) beginnen könnte. Jede hat Vor- und Nachteile.

 

1.      1.     Zitat oder Sinnspruch

2.      2.     Brief, Artikel, Bericht

3.      3.     Wörtliche Rede/Dialog

4.      4.     Beschreibung

5.      5.     Prolog

6.      6.     (Selbst-)Reflektion

 

 

Zu 1: Zitat oder Sinnspruch

 

Mein Roman „Die Detektivin“ fängt folgendermaßen an:


Oft bedienen sich die Verbrecher der Schiebekarren zum Transport ihrer Beute, oder sie erscheinen gar mit Wagen und Pferd auf dem Schauplatz der That. (W. Stieber, Practisches Lehrbuch der Criminal-Polizei, 1860.)

 

Mit diesem Anfang habe ich – bewusst – die typischen Fliegen mit der ebenso typischen Klappe geschlagen: Ein altes kriminalistisches Lehrbuch, eine Tatortbeschreibung, eine Jahreszahl – alles das zeigt dem Leser sofort, wohin die Reise in diesem Roman geht und außerdem, dass die Autorin authentische Informationen aus dieser Zeit verwendet. Erhöht wird diese „Authentizität“ noch dadurch, dass ich diese Zitate (jedem Kapitel habe ich einen passenden Lehrsatz aus diesem alten Lehrbuch vorangestellt) in Fraktur gesetzt habe.

Das bedingt aber, dass diese Einleitungssätze sehr kurz sein müssen; sonst würde sie den Leser nicht neugierig machen, sondern nerven.

 

Wenn Sie dieses Stilmittel verwenden, gilt generell: In der Kürze liegt die Würze!

 

 

Zu 2: Brief, Artikel, Tagebuch

 

In meinem genannten Roman „Die Detektivin“ geht es folgendermaßen weiter:

 

Frankfurt am Main, den 30. Mai 1882

 

Liebster Ernst!

 

Ich wünschte mir, Du könntest sehen, was für einen herrlichen Wäldchestag wir dieses Jahr haben! Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel, wie er in Indien bestimmt nicht schöner ist, und der Duft der Rosen in Sophias Garten erinnert mich daran, wie sehr Du mir fehlst …

 

Ein Brief ist etwas sehr Persönliches, und die Informationen, die durch einen Brief gegeben werden, sind unmittelbarer als die distanzierte Beschreibung eines Dritten (des Autors).

Mit Bedacht eingesetzt (auch hier liegt die Würze grundsätzlich in der Kürze!) können Sie jede Menge Informationen an den Leser bringen (Hier: Wir sind in Frankfurt und schreiben den 30. Mai 1882. Es ist ein sonniger Tag. Ernst lebt in Indien, und er fehlt der Schreiberin. Der Duft der Rosen in Sophias Garten erinnert sie daran …)

 

Ähnliches gilt für den Einsatz von (Zeitungs-)Arikeln oder Tagebucheintragungen. Alles ist möglich, alles macht neugierig, wenn es im gegebenen Rahmen bleibt.

 

 

Zu 3: Wörtliche Rede/Dialog

 

Was tust du da!“

Erschrocken ließ Victoria die Schreibfeder fallen und fuhr herum.

 

Sie ahnen es? So geht es mit der Briefeschreiberin Victoria in „Die Detektivin“ im zweiten Absatz weiter. Sie wird von ihrer Mutter beim Briefe schreiben gestört, was natürlich ein bewusstes Stilmittel der Autorin ist, die alle Informationen untergebracht hat und einen Weg suchte, die schreibende Heldin plausibel vom Schreibtisch wegzukriegen.

 

Wenn Sie Personen sprechen lassen, ziehen Sie den Leser sofort in die Geschichte, ganz besonders deutlich wird das, wenn Sie Ihren Roman mit einem Dialog beginnen lassen:

 

„Das Ei ist hart.“

Es gab Dinge, auf die Hedi Winterfeldt allergisch reagierte. Der Satz „Das Ei ist hart“ stand auf dieser Liste oben. Vor allem Montag morgens kurz vor halb sieben. Sie verteilte Honig auf ihrem Toast. „Koch´s dir demnächst selber!“

Klaus Winterfeld grinste. „Das wäre wahrscheinlich das beste. Es kann nicht allzu schwer sein, den Messbecher bis zum richtigen Strich zu füllen, oder?“

 

So beginnt mein Roman „Die Wassermühle“, eine (vorwiegend) heitere Familiengeschichte. Mit einem Dialog, der in eine Szenenbeschreibung eingebettet ist, erzeugen Sie sofort ein Bild im Kopf des Lesers, vor allem, wenn es sich um eine typische Szene handelt wie hier.

Sie können wörtliche Rede aber auch mit allen anderen Stilmitteln kombinieren, nicht nur – wie in meinem Beispiel - mit einer Szenenbeschreibung. 

 

Zu 4: Beschreibung

 

Man kann Zustände beschreiben oder Handlungen. Hätte ich statt des Briefes (siehe unter 2.) eine Beschreibung gewählt, um alle Informationen unterzubringen, hätte mein Roman in etwa so angefangen:

 

Das Wetter am Wäldchestag in Frankfurt war im Mai des Jahres 1882 besonders schön: Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel. (= Zustandsbeschreibung)

Victoria saß an ihrem Schreibtisch und schrieb ihrem Bruder Ernst in Indien, dass der Duft im Garten ihrer Tante Sophia sie daran erinnert habe, wie sehr er ihr fehle.) (=Szenenbeschreibung)

 

Zugegeben: Hätte ich den „Beschreibungs-Einstieg“ gewählt, hätte ich noch ein bisschen an Satzbau und Wortwahl gefeilt, aber die Wirkung wäre dennoch nicht so unmittelbar gewesen wie in dem oben genannten Brief.

Mit diesem Beispiel zeigt sich der Nachteil eines „Beschreibungs-Einstiegs“: Der Leser bleibt erst mal auf Distanz, wird nicht unmittelbar ins Geschehen gezogen, zumal dann, wenn es dem Autor nicht gelingt, mit der Beschreibung Bilder beim Leser zu erzeugen. Von einer „Wetter(Zustands-)beschreibung“ leite ich über zu einer Szenenbeschreibung (Victoria am Schreibtisch), und ich prognostiziere, dass der Leser spätestens nach zwei Seiten keine Lust mehr zum Weiterlesen hätte, wenn ich in dieser Art weitergeschrieben hätte …

 

Nichtsdestotrotz hat auch die Beschreibung Vorteile, und sie kann den Leser genauso in die Geschichte ziehen wie ein Dialog. Entweder können Sie Dinge oder Menschen so faszinierend beschreiben, dass der Leser gar nicht umhin kann, als weiterzulesen (die entsprechenden Autoren sind meistens Sprachvirtuosen und/oder schaffen es, über die Mystik und Poesie ihrer Wörter den Leser in den Bann zu ziehen) oder aber Sie wählen die Perspektive einer Romanperson, um ein Szenenbild zu beschreiben.

 

Auch dazu ein Beispiel. Meinen Roman „Die Farbe von Kristall“ beginne ich so:

 

Hermann Lichtenstein legte die Zeitung beiseite und sah aus dem Fenster: ein trister verregneter Wintertag, aber auf der Straße herrschte reges Treiben. Das Rattern der Droschken und Fuhrwerke und das Geschrei der Zeitungsjungen drangen bis in den ersten Stock hinauf.  Lichtenstein schaute zur Hauptwache hinüber, an deren verlassenen Anblick er sich noch immer nicht gewöhnt hatte. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Er nahm den Fernsprecher vom Haken.  

 

Der Leser sieht das Geschehen mit den Augen von Lichtenstein, nimmt also seine Perspektive ein.

 

 

Zu 5: Prolog

 

Prologe versetzen den Leser in einen Handlungsstrang, der zeitlich vor oder nach dem eigentlichen Beginn des Romans liegt und sind ein recht häufig gewähltes „Einstiegsmittel“ mit einem (erhofften) Touch von „Geheimnis und Mystik“. Aber oft dienen sie nur dazu, dass sich Autoren Dinge von der Seele schreiben können, mit denen sie ihren Roman nicht beginnen lassen wollen.

Mein Rat ist, dass Sie sich das Einstiegsmittel „Prolog“ sehr genau überlegen sollten.

Ganz gleich, wie gut Sie einen Prolog schreiben: Er führt den Leser zunächst aus Ihrer eigentlichen Geschichte hinaus, und das ist ja nicht das, was Sie möchten, oder?

Je länger ein Prolog ist und je mehr „mysteriöse Andeutungen“, Namen oder Geschehnisse er enthält, desto eher besteht die Gefahr, dass Ihre Leser nach der Lektüre der „Vorgeschichte“ Probleme bekommen, Ihnen in die eigentliche Geschichte zu folgen.

 

Ich habe manchmal den Verdacht, dass Prologe bei Autoren wesentlich beliebter sind als bei Lesern, und ich kann Ihnen nur den Tipp geben, beim Lesen selbst einmal zu hinterfragen, ob Sie einen Roman wegen des Prologs oder eher trotz des Prologs weitergelesen haben.

 

Also lieber nicht mit einem Prolog beginnen? Meiner (zugegebenermaßen) subjektiven Meinung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten: Ein kurzer Prolog oder gar kein Prolog.

Gerät Ihr Prolog zu lang, denken Sie darüber nach, ob es nicht besser ist, die Geschichte gleich mit dem Handlungsstrang Ihres Prologs beginnen zu lassen, den Prolog also zum Kapitel 1 zu erklären.

 

Im übrigen habe ich meinen dritten Roman „Die Farbe von Kristall“ auch mit einem Prolog begonnen …

 

Hier ist er:

 

Der Wind hatte nachgelassen, aber es regnete noch. Auf dem Weg zwischen den Gräbern lag nasses Laub. Es roch nach Vergänglichkeit. Victoria hatte gewusst, dass er da sein würde. Sie blieb neben ihm stehen. Er hielt den Kopf gesenkt; von seinem Hut tropfte der Regen. Der Grabstein glänzte im Licht einer Laterne. Die Rosen hatte der Sturm zerstört.

„Ich werde Frankfurt verlassen“, sagte sie.

„Wann?“ fragte er leise.

Sie kämpfte gegen die Tränen. „Sobald das Urteil gesprochen ist.“

Er sah sie an. „Sie sind stark, und Sie werden darüber hinwegkommen. Über das – und alles andere.“

„Das haben Sie schon einmal zu mir gesagt, Herr Braun.“

„Und hatte ich denn nicht recht?“ sagte er lächelnd.

 

Warum ich meinen Roman mit diesem Prolog begann, hatte folgende Gründe:

 

  1. Der „richtige“ Anfang beginnt mit einer Szene, in der keine der Hauptfiguren vorkommt; ich wollte dem Leser aber zum Anfang zwei der zentralen Figuren präsentieren.

  2. Im Laufe der Geschichte kommt es zu einem (bewussten) Bruch, den ich schon andeuten wollte.

  3. Die Hauptfigur Victoria kommt in dem Roman erst relativ spät eine aktive Rolle – ich wollte den Lesern mit dem Prolog darauf einstimmen, dass – egal, was er auch liest – damit rechnen kann, dass Victoria ihren Auftritt bekommen wird.

 

Ob mir das gelungen ist? Keine Ahnung! Es gab aber Leser, die diesen Prolog für verzichtbar hielten. Wenn Sie im Zweifel sind, ob Prolog ja oder nein, lassen Sie ihn weg und steigen Sie direkt in Ihre Geschichte ein!

 

 

Zu 6: (Selbst-)Reflektion

 

Ein Mensch denkt über sich, über andere oder über das Leben nach … vielleicht auch darüber, warum er einen Roman schreibt?

Die Versuchung, einen Roman (oder eine Geschichte) mit Reflektionen zu beginnen, ist – so scheinen es Erstlingswerke nahezulegen – noch größer als die, einen Prolog zu wählen. Wird dieses Stilmittel gleich am Anfang offensiv eingesetzt, ist die Wirkung ähnlich wie bei einem (zu) langen Prolog: Der Leser will in die Geschichte hinein und nicht die philosophische Gedankenwelt einer Person, die er noch gar nicht kennt – oder in die des allwissenden Autors, der irgendwelche mysteriösen Hinweise gibt oder verschlungene Gedanken präsentiert. 

Sie mögen einwenden, dass man das so pauschal nicht sagen könne, und dass es durchaus Gegenbeweise gebe. Das ist richtig. Man kann jede Regel brechen, wenn man sie kennt – und wenn man es sich erlauben kann.

Ob das alles auf einen (angehenden) Autor zutrifft, wage ich zu bezweifeln.

Denken Sie daran, dass Sie Ihre Geschichte für den Leser erzählen, nicht für sich selbst.

 

Das bedeutet nicht, dass Sie auf dieses Stilmittel gänzlich verzichten müssen, und ich möchte Ihnen auch dazu zwei Beispiele aus meiner eigenen Schreibwerkstatt geben:

 

Manchmal geschehen Dinge, die die einen Zufall nennen, während andere sie als Wink des Schicksals sehen. Vielleicht war es so ein Wink, der dem Buchhalter Heinrich Enners an einem Septemberabend widerfuhr, als er nach der Arbeit mit der Straßenbahn nach Hause fuhr. (aus: Baumgesicht, Die Begegnung)

 

Das ist der Anfang einer Kurzgeschichte, die ich 1987 schrieb, also noch am Beginn meiner schriftstellerischen Laufbahn. Zum einen sehen Sie, dass auch ich nicht gegen die genannten „Anfängerbegehrlichkeiten“ gefeit war, zum anderen, dass es vielleicht auch reizvoll sein kann, den allwissenden Autor rauszukehren: Wenn es nicht allzu penetrant geschieht und nicht allzu lange dauert. Nach dieser „philosophischen Anwandlung“ der Autorin geht´s dann in die Straßenbahn, und es folgt ein Dialog.

 

Ein zweites Beispiel, diesmal aus Sicht des Ich-Erzählers reflektiert:

 

Ich gehörte von Jugend an zu den Menschen, die mit moderner Kunst nichts Rechtes anzufangen wussten, und wahrscheinlich wäre ich heute ein bedingungsloser Kritiker jener Kunstgattung, wenn das Denkmal nicht gewesen wäre.

Ich habe lange überlegt, ob ich den Namen des Betroffenen preisgeben soll, aber ich glaube, es wäre unfair, denn schließlich konnte er nichts dafür, dass seine Mitmenschen ihn zum Idol erkoren. Auch ich schwärmte für ihn, hing an seinen Lippen, wenn er sprach, las jeden Artikel, den er veröffentlichte, nahm seine Worte für Wahrheit …

(aus: Baumgesicht, Das Denkmal)

 

Die Reflektion habe ich hier etwas abzumildern versucht, indem ich die Geschichte in der Ich-Form erzähle, was die Gedanken der Hauptperson unmittelbarer werden lässt. Außerdem habe ich durch die Erwähnung des „Denkmals“ ein „Geheimnis“ eingeführt, das den Leser (hoffentlich) dazu animiert, die Geschichte weiterzulesen.

Diese Geschichte ist im übrigen auch ein Beispiel dafür, dass die Wahl der Erzählperspektive und die Wahl des Anfangs sich gegenseitig befruchten können.

Hätte ich in der 3. Person erzählt, wäre dieser Anfang sicherlich nicht der optimale gewesen, was insbesondere ab dem zweiten Absatz deutlich wird. Hier der gleiche Einstieg in der „Dritte-Person-Perspektive“:  

 

Sie gehörte von Jugend an zu den Menschen, die mit Kunst nichts Rechtes anzufangen wussten, und wahrscheinlich wäre sie heute ein bedingungsloser Kritiker jeder Kunstgattung, wenn das Denkmal nicht gewesen wäre.

Sie hatte lange überlegt, ob sie den Namen des Betroffenen preisgeben sollte, aber sie war zum dem Entschluss gelangt, dass es unfair wäre …

 

Der Vorteil einer „Reflektion“ liegt sicherlich darin, dass sie meistens einen Hauch des Intimen oder Geheimen hat, und wenn Sie dieses Stilmittel nicht zu episch anwenden, kann es durchaus seinen Reiz entfalten.

Gegebenenfalls können Sie die Reflektion auch mit einer Szenenbeschreibung oder wörtlicher Rede verbinden. Manchmal ergibt sich das „Szenenbild“ aber auch schon aus dem, was reflektiert oder gesagt wird. So wie hier:

 

„Und so wird er uns allen in Erinnerung bleiben als ein guter Mensch und Ehemann, der …“

Ich mag nicht hinhören. Woher weiß der Pfarrer, dass mein Vater – eigentlich Stiefvater, aber ich nannte ihn nie so – ein guter Mensch war? Wird man das automatisch, wenn man stirbt?

 

Aus einem Satz Dialog und drei Sätzen Reflektion entsteht das Szenenbild: Ein Trauergottesdienst.

 

Anhand meiner Beispiele haben Sie gesehen, dass es nicht nur unterschiedliche Herangehensweisen an einen Romananfang gibt, sondern dass Sie sie auch wunderbar miteinander kombinieren können. Deshalb grübeln Sie nicht über den ersten Satz, sondern gestalten Sie die erste Seite als Gesamtpaket! Schließen Sie die Augen und denken Sie über Ihre Geschichte nach: Welches Bild kommt Ihnen als erstes in den Sinn?

Öffnen Sie Ihre Augen und füllen Sie das Bild mit Leben: Schreiben Sie!  

 

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9. Schreibzeit

 

Nachdem Sie – hoffentlich – den passenden Anfang für Ihr Buch gefunden haben, stellt sich die Frage, wie und wann Sie (weiter-)schreiben, kurzum: Wie Sie es schaffen, Ihren Roman nicht nur anzufangen, sondern fertigzubekommen!

Ich möchte Ihnen heute nicht nur Tipps geben, wie Sie Ihre persönliche Schreibzeit finden, sondern auch, wie Sie sie bestmöglich nutzen. Dabei lasse ich Sie wie gewohnt auch in meine eigene Schreibwerkstatt blicken … Aber beginnen möchte ich heute ausnahmsweise einmal mit meinem Erstberuf:

 

In den Vernehmungsseminaren, die ich an der Hessischen Polizeischule leite, biete ich den Teilnehmern kein fertiges Rezept, sondern einen „Werkzeugkoffer“ mit unterschiedlichen Werkzeugen an. Einige davon müssen sie beherrschen und anwenden, weil sie notwendige Voraussetzung für eine gute Vernehmung sind: Rechtsvorschriften, Protokolltechnik, psychologisches Grundwissen; andere sind ein Angebot, aus dem sie sich das Passende heraussuchen können.

Dieser individuelle Werkzeugkoffer kann sich von Person zu Person gravierend unterscheiden – wichtig ist, dass die angewandten Werkzeuge „passen“ und dass das Ergebnis stimmig ist. Um jedoch die für sie passenden Werkzeuge auswählen zu können, müssen die Teilnehmer erst einmal sich selbst hinterfragen – und analysieren, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.

 „Den persönliche Vernehmungsstil erkennen“, steht als Motto über allen anderen Themen.

 

So ähnlich funktioniert es auch beim Schreiben: Sie als Autor mit Ihrer Persönlichkeit stehen im Zentrum; Tipps von anderen und angebotene Werkzeuge aus Schreibratgebern sind gut und wichtig, müssen aber zu Ihrer Schriftstellerpersönlichkeit passen. Das gilt ganz besonders und vor allem für Ihre SCHREIBZEIT, die Zeit, die Sie für Ihr Schreiben zur Verfügung haben und die Technik, mit der Sie diese Zeit optimal nutzen.

 

Die zentralen Fragen, die Sie sich in diesem Zusammenhang stellen sollten:

 

(1)   Welche Zwänge habe ich in meinem Leben?

(2)   (Wie) kann ich meine Schreibzeit in diese Zwänge einpassen?

 

(3)   Welche Schriftstellerpersönlichkeit bin ich?

(4)   Wie schaffe ich es, meinen Roman (fertig) zu schreiben?

 

Die erste und die dritte Frage setzen Selbsterkenntnis voraus, die zweite und die vierte eine kritische Analyse und Auswahl der richtigen Mittel.

 

Die wenigsten unter uns sind „Vollzeit-Autoren“, aber auch diejenigen, die hauptberuflich schreiben, unterliegen Zwängen, sind Mütter oder Väter, haben soziale Bindungen, unaufschiebbare Termine, die ihren Tagesablauf bestimmen. Da das Schreiben aber Hauptberuf ist, werden sie ihre Verpflichtungen der Schriftstellerei automatisch unterordnen.

Das große Heer der Schreibenden, die die Schriftstellerei als Zweitberuf ausüben (zu denen ich auch gehöre), kann dies nicht. Für das Schreiben muss vielmehr ein Teil der Freizeit geopfert werden; die Frage ist, wann und wie viel Sie opfern können und wollen.

 

Zunächst sollten Sie sich (gerade als unerfahrener Autor) von der Idee der „romantischen Schreiberklause“ verabschieden: Sie passt nicht in die Realität, auch nicht bei den von vielen beneideten „Vollzeitautoren“: Wer vom Schreiben leben muss, muss schreiben. Dieser banale Satz verdeutlicht, wo die Vorteile einer nicht hauptamtlichen Schriftstellerei liegen, auch wenn das Problem der SCHREIBZEIT für nebenberufliche Autoren prekär sein kann.

Wichtig ist aber nicht, wie viel Zeit Sie sich fürs Schreiben freischaufeln können, sondern dass Sie es überhaupt tun – und dass Sie in dieser Zeit auch schreiben!

 

(1) Welche Zwänge habe ich in meinem Leben?

 

Machen Sie eine ehrliche Bestandsaufnahme Ihrer tatsächlich verfügbaren Zeit, in die Sie Ihr Schreiben einpassen können:

 

-         Welche Termine haben Sie in der Woche, am Wochenende? (z. B. Arbeitszeiten im Hauptberuf, Beaufsichtigung von Kindern, Hausarbeit, Vereinsleben, gemeinsame Veranstaltungen mit der Familie/dem Partner/mit Freunden, Hobbies, Sport, Fernsehen  ...)

 

(2) (Wie) kann ich meine Schreibzeit in die bestehenden Zwänge einpassen?

 

-         Wie viel Zeit lassen Ihnen diese Termine zum Schreiben? (Stunden/Minuten pro Tag oder Woche, jeden Tag oder nur sporadisch?)

-         Wann ist diese Zeit? (Abends, tagsüber, morgens, am Wochenende?)

-         Falls Sie zum Ergebnis kommen, dass Sie eigentlich gar keine Zeit haben, fragen Sie weiter: Wo kann ich mir Schreibzeit „freischaufeln“? Bleiben Sie nicht im Vagen, sondern legen Sie konkret fest: Wie viel? Wann? (z. B. Verzicht auf ein Hobby, weniger Fernsehen, Einrichten fester Schreibzeiten an bestimmten Tagen)

 

Bei vielen (angehenden) Autoren hört man die Argumentation: Wenn ich Zeit hätte, würde ich … Diese Ausrede gilt nicht! Wenn Sie glauben, wirklich keine Minute frei zu haben, überlegen Sie, was Ihnen weniger wichtig ist als Schreiben: Der tägliche TV-Konsum vielleicht? Shoppingtermine mit der Freundin? Durchforsten Sie Ihren Tagesablauf und überlegen Sie, wo Sie Ihre Schreibzeit abknapsen können.

Wenn Sie wirklich ein Buch schreiben wollen, finden Sie die nötige Zeit dazu; nirgends steht geschrieben, wie viel Prozent diese Zeit in Ihrem gesamten Tagesablauf ausmacht, d.h. wie lange es letztlich dauert, bis Ihr Roman fertig ist. Es gibt Autoren, die brauchen sechs Wochen für einen Roman, andere zwei Jahre oder länger (ich gehöre zur letzten Fraktion).

Das hängt natürlich auch von der Länge Ihres Romans ab, vom Umfang der Recherchen, dem Genre, in dem Sie arbeiten: Literatur, die „nur“ unterhalten will, bewährten Schemata folgt und keinen Anspruch auf Tiefgang in Handlung oder Charakteren erhebt, schreibt sich gewöhnlich schneller als Romane mit Handlungskomplikationen, verwobenen Erzählsträngen und ausgefeilten Sprachbildern.  

Aber eine bloße Zeitangabe besagt per se noch nichts über die Qualität Ihres Romans. Wichtig ist, dass Sie eine – realistische! – Schreibzeit für sich finden und konsequent nutzen.

 

Auch wenn manche Schreibratgeber anderes behaupten: Es ist völlig egal, ob Sie täglich oder nur am Wochenende schreiben, ob Sie regelmäßig oder mit Unterbrechungen drei Stunden alle zwei Tage oder jeden Abend eine halbe Stunde arbeiten.

Wichtig ist allein Ihr Ziel: Sie wollen ein Buch schreiben! Dafür brauchen Sie Zeit, aber noch mehr Ausdauer, Geduld und Disziplin. Vielleicht auch ein gutes Stück Planung – und Verzicht. Denn Schreibzeit finden, heißt Zeit für andere Dinge zu opfern.

 

Sind Sie sich über den Umfang Ihrer Schreibzeit klar geworden, analysieren Sie, welche persönlichen Vorlieben Sie beim Schreiben haben, damit Sie Ihre Schreibzeit optimal nutzen können.

 

(3) Welche Schriftstellerpersönlichkeit bin ich?

 

Eigentlich müsste die Frage lauten: Was für ein Mensch bin ich?

 

-         ein Morgenmensch oder eher ein Abendmensch?

-         ein Mensch mit Hang zum Perfektionismus oder eher jemand, der das Chaos liebt?

 

Und weiter:

 

-         Brauche ich Rituale, festgesetzte Zeiten, oder arbeite ich lieber spontan?

-         Brauche ich Druck von außen, um arbeiten zu können oder hemmt mich das?

-         (Wie) kann ich mich motivieren?

 

Ihre Schreibzeit sollte natürlich nicht mit Ihren Vorlieben (Morgen-/Abendmensch) kollidieren; gegebenenfalls sollten Sie versuchen, Ihr persönliches Schreibfenster mit Ihrem Typus zu arrangieren: Wenn Sie ein Morgenmensch sind: Könnten Sie früher aufstehen und vor dem Hauptberuf schreiben?

Oder wenn Sie ein Abendmensch sind (wie ich J ): Ist es machbar, nach dem Feierabend im Erstberuf eine kleine Schlafrunde (oder Yoga/Meditation) einzulegen, danach alles andere zu erledigen und erst abends mit dem Schreiben anzufangen?

Je besser es Ihnen gelingt, Ihre Schreibzeit an Ihre Persönlichkeit/Ihre Vorlieben anzupassen,  desto fruchtbarer wird das Ergebnis sein.

 

Sie wissen nun, wie viel persönliche Schreibzeit Sie haben und wann Sie sie haben; als nächstes folgen Überlegungen, wie Sie Ihren Roman überhaupt schreiben. Ich meine damit nicht, welche Werkzeuge Sie anwenden (dazu komme ich später), sondern die Taktik:

 

(4) Wie schaffe ich es, meinen Roman (fertig) zu schreiben?

 

Die erste Antwort …

ist so einfach wie banal: Indem Sie Ihre Schreibzeit tatsächlich nutzen und schreiben!

Je nachdem, welche Persönlichkeitsstruktur Sie haben, kann es sinnvoll sein, Ihre Schreibzeit mit einem Ritual zu verknüpfen (eine Tasse Kaffee/Tee, ein bestimmtes Lied, das Sie hören, eine immer wiederkehrende und stur eingehaltene Tageszeit).

Genauso gut können Sie aber auch ein Notizbuch mit sich führen, in das Sie tagsüber Einfälle notieren, die Sie zu unterschiedlichen, eben „passenden“ Zeiten ins Reine schreiben.  

Wichtig ist, dass Sie Ihr Projekt „Roman“ nicht aus dem Kopf lassen, selbst wenn Sie nicht täglich schreiben können oder wollen.

 

Die zweite Antwort …

hängt ebenfalls mit Ihrer (Schriftsteller-)persönlichkeit zusammen.

In Schreibratgebern wird oft geraten, zunächst ein Rohmanuskript oder eine „Erste Fassung“ zu schreiben. Banal ausgedrückt heißt das nichts anderes, als einfach draufloszuschreiben, die Küsse der Muse sozusagen unsortiert aufs Papier zu drücken, der Kreativität und Phantasie freien Lauf zu lassen. Mit dem Hilfsmittel der Gliederung, die ja schon einen roten Faden vorgibt, kann es Ihnen gelingen, diesen Rohentwurf bei aller Spontaneität dennoch zielgerichtet zu schreiben, was im Nachhinein Zeit bei der Überarbeitung spart.

Ein Rohmanuskript zu schreiben, bedeutet in der Praxis, dass Sie sich beim Schreiben keine oder nur sehr eingeschränkt Gedanken um Stil, Ausgefeiltheiten in Dialogen oder Szenenbeschreibungen machen; Sie lassen bewusst Lücken, die noch nachrecherchiert werden müssen, stellen alles, was aufhalten oder was Sie aus dem Schreibfluss bringen könnte, zu Gunsten des schnellen Schreibens hintan.

Psychologisch gesehen, liegt der Vorteil dieser Methode darin, schnell voranzukommen, ein Ergebnis zu haben, spontane Ideen ungefärbt und damit original und originell aufs Papier zu bringen. Der Nachteil liegt in dem erheblichen Aufwand der Überarbeitung.

Um den Schreibfluss nicht zu unterbrechen, könnte man z. B. noch Nachzurecherchierendes in Klammern setzen, Dialoge (teilweise) beschreibend zusammenfassen, unvollständige Beschreibungen mit einem Fragezeichen versehen.

 

Ein Beispiel:

Begegnung zwischen zwei Männern. Die Story spielt 1918.

 

Paul ging die Straße entlang. Ihm kam ein Automobil entgegen (Nachrecherche für nähere Beschreibung: Automobile 1918!). Plötzlich hörte er seinen Namen. Er drehte sich um und sah Erwin. (Nachrecherche: Was hat Erwin an? Kleidung 1918!)

„Hallo Paul!“, sagte Erwin.

„Hallo“, sagte Paul. Er hatte keine Lust, sich mit Erwin zu unterhalten. Es gab auch keinen Grund dazu, nach dem, was vor drei Jahren geschehen war.

(Dialog muss noch länger werden;  dreht sich um Belanglosigkeiten, es sollen aber auch noch  ein paar Andeutungen rein, die neugierig auf das Geheimnis machen, das Paul und Erwin verbindet.)

Paul ließ Erwin einfach stehen und ging. Anne wartete auf ihn.

 

Sie sehen, dass diese Methode Ihnen die Möglichkeit gibt, beim Schreiben alles wegzulassen, was Ihren Schreibfluss hemmt. Sie können dieses Rohmanuskript mehr oder weniger rasch zusammenzimmern.

Mein Verstand sagt mir, dass das eine gute Möglichkeit ist, in den Schreibfluss zu kommen und darin zu bleiben, und ich wollte es unbedingt bei meinem neuen Roman ausprobieren. Leider scheiterte ich kläglich, weil diese zugegebenermaßen sehr faszinierende Methode nicht zu meiner Schreibpersönlichkeit passt.

 

Die entgegengesetzte Methode liegt in der absoluten Planung und Kontrolle des gesamten Schreibvorgangs, das heißt, Sie schreiben erst dann weiter, wenn Sie mit dem Vorherigen absolut zufrieden sind: Alle Einzelheiten sind ausrecherchiert, die Dialoge sind ausformuliert; Sie experimentieren während des Schreibens schon mit Worten, benötigen unter Umständen Tage, um einen Absatz so zu schreiben, bis Sie wirklich damit zufrieden sind.

Der Vorteil ist, dass Sie mit dem Beenden des Manuskriptes nicht mehr sehr viel Zeit fürs Überarbeiten benötigen, aber der Nachteil dieser Art des Schreibens ist enorm: Die Gefahr einer „Schreibhemmung“ wächst, wenn alles hinterfragt und ständig geändert wird, was Sie produzieren. Aber es gibt Menschen, die ziehen ihre Kreativität gerade aus dieser Pedanterie: Indem sie konzentriert und mit Absolutheitsanspruch am Detail arbeiten, entdecken sie Dinge, die „Schnellschreibern“ entgehen.

Autoren, die zu dieser Gruppe gehören, bezeichnen das Schreiben oft als „quälend“ und als „Last.“

 

Obwohl ich eher zur zweiten Gruppe gehöre, ist das Schreiben für mich NICHT quälend, was vielleicht daran liegt, dass ich eine Methode anwende, die zwischen den beiden Reinformen liegt. Meine Bücher leben von einer Vielzahl an Details, Anekdoten, verwobenen Netzen aus Beschreibungen, Dialogen, Handlungssträngen, Hinweisen. Vieles ergibt sich erst bei der (Fein-)recherche oder beim Jonglieren mit Wörtern und Sätzen, in Gedankenarbeit, die die Schreibarbeit immer wieder unterbricht. Während bei anderen Autoren die „Zwischendurch-Recherche“ oder das genaue Ausformulieren von Dialogen schreibhemmend wirkt, hat es bei mir den Effekt, dass mich das auf immer neue Gedanken bringt, dass ich dieses „Futter“ brauche, um überhaupt weiterschreiben zu können. Dass ich so arbeiten kann, geht auch nur, weil ich mein Recherchematerial zum größten Teil zu Hause habe, also direkt hinterm Schreibtisch im Regal, so dass es keinen großen Aufwand bedeutet, meine Schreibzeit für Feinrecherchen zu unterbrechen.

 

Das ist auch der Grund, warum bei mir das bloße „Drauflosschreiben“ nicht funktioniert. Einige Dinge jedoch, die eine größere Recherche erfordern oder für den Handlungsfortgang nicht unmittelbar wichtig sind, lasse ich zunächst offen, lege ein virtuelles Notizbuch an, das ich immer mal wieder durchforste. Der Schreibprozess läuft so ab, dass ich teilweise eins zu eins schreibe, das heißt, mir Satz für Satz überlege, aufschreibe, korrigiere, zum Teil aber auch ein Kapitel erst mal runterschreibe, Notizen, Gedanken in den Text setze wie bei dem oben genannten Beispiel mit Paul und Ernst, die ich später erst detailliert in Szenen/Dialoge ausarbeite.

 

Eine weitere Methode, ebenfalls eine Variante des „Drauflosschreibens“, ist das „Kreuz- und Quer-Schreiben“, das heißt, Sie entwickeln Ihren Roman nicht chronologisch, sondern schreiben sich zuerst die Ihnen am präsentesten scheinenden Szenen/Kapitel von der Seele und füllen die Leerräume später aus. Der Vorteil liegt sicherlich darin, dass diese Methode – zumindest in der ersten Schreibphase – kaum Anlass zu einer Schreibhemmung bietet, da Sie bewusst das schreiben, was Sie drängt. Der Nachteil liegt in einem gewissen Maß an Chaos, an vielen losen Fäden, die im Nachhinein zusammengeknüpft werden müssen.

Wenn Sie jedoch gute Vorarbeit (Gliederung, Vorrecherche, Figurenentwicklung) geleistet haben, wird Ihnen aber auch bei dieser Methode der rote Faden nicht verloren gehen.

 

Hier noch mal eine Kurzzusammenfassung der einzelnen Methoden:

 

  1. Schreiben, ohne groß nachzudenken: Der Fortgang der Geschichte zählt, Feinarbeiten kommen später
  2. Druckreif schreiben: Dialoge, Szenen, Beschreibungen, Stil werden ausgefeilt, Feinstrecherche erfolgt schon während des ersten Entwurfs
  3. Kombination von 1 und 2: Korrekturen und Recherchen während des Schreibens, aber nicht bis zum Exzess
  4. Variante von 1: Kreuz und quer schreiben, Schreiben, was am meisten nach außen drängt, ohne sich um die Chronologie zu kümmern

 

Grundsätzlich gilt: Probieren Sie die unterschiedlichen Methoden aus, versuchen Sie, die Ihnen angenehmste zu finden! Es zählt das Buch, das anschließend vorliegt, nicht der Weg, wie Sie dorthin gekommen sind.

 

Sie haben nun hoffentlich Ihre Schreibzeit gefunden und wissen, wie Sie sie nutzen. Trotzdem: Wenn ein professionelles Buch herauskommen soll, müssen Sie einige Werkzeuge kennen und anwenden. Und deshalb werde ich Ihnen beim nächsten Mal den Werkzeugkoffer des Schriftstellers öffnen.

 

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Exkurs: Schreibhemmung

 

Egal, welche Schriftstellerpersönlichkeit Sie sind, egal, wie Sie Ihre Schreibzeit organisieren: Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Tage erleben, an denen Ihnen die Worte nur so aus der Feder bzw. in die Tastatur fließen und solche, an denen Sie alles ganz schrecklich finden, was Sie geschrieben haben. Sie werden erleben, dass Sie stundenlang vor dem Bildschirm sitzen und kein Satz will gelingen, und Sie werden die glücklichen Momente genießen, wenn  Sie ganz ihn Ihrer Geschichte sind.

Wichtig ist, dass Sie sich darüber im klaren sind, dass Glück und Leid beim Schreiben im Rahmen des Normalen liegt! Insbesondere die negativen Empfindungen sind keine Entschuldigung, mit der Arbeit an Ihrem Roman (auf Dauer) aufzuhören …

 Aus den Methode des „Wie schreibe ich?“ ergeben sich gleichzeitig Ansätze zur Bekämpfung der sogenannten Schreibhemmung oder –blockade. Ich sage bewusst: Sogenannt, weil der Begriff „Schreibhemmung“ in Schriftstellerkreisen etwas beinahe Mystisches hat, das ihm meiner Meinung nach jedoch nicht zusteht und nur dazu führt, dass Autoren sich mit einer vorgeblichen Unabwendbarkeit quälen.

Schreibhemmung bedeutet nichts anderes, als dass Ihre Kreativität nicht fließen will, dass Sie von Selbstzweifeln geplagt und unsicher werden. Aber diese Phänomene gibt es in fast allen (künstlerischen) Berufen.

Maler kennen es, Musiker, Theaterregisseure, aber auch andere, die kreative Berufe haben: Werbeleute, Architekten, ja selbst in meinem Beruf als Kriminalbeamtin ist es mir nicht fremd: Tage, an denen nichts recht gelingen will, an denen ich für einen Bericht doppelt so lange benötige wie gewöhnlich, an denen mindestens dreiviertel aller deutschen Wörter aus meinem Gehirn gelöscht zu sein scheinen.

 

Nehmen Sie Schreibhemmungen also als das, was sie sind: Eine Stimmung, die Sie daran hindert, Ihre Arbeit zu tun. Damit stellt sich die Frage nicht mehr nach dem nächsten Kuss einer zickigen Muse, sondern ganz pragmatisch, wie Sie es schaffen, Ihre Kreativität wieder zu wecken, um weiterschreiben zu können.

 

Ich bekämpfe meine „unkreativen Tage“ wie folgt (Sie sehen, dass ich in „Notsituationen“ durchaus auf andere Methoden der Schreibzeit zurückgreife):

 

1.
Ich steige einfach ein halbes Kapitel vorher ein, lese, korrigiere, lasse meine Gedanken schweifen. Wenn ich am "Ende", also am leeren Bildschirm ankomme, habe ich meist schon eine Idee, wie die Story weitergehen kann.

2.
Ich pfeife auf die Chronologie und schreibe einfach irgendeine Szene, nach der es mich spontan drängt. (Es gibt oftmals bestimmte Situationen und Szenen, die einem mehr als andere im Kopf herumschwirren, und andere, die zwar nötig sind, die man aber nicht so gern
schreibt). Den Rest dazwischen fülle ich – vorläufig – mit "Erzählprosa".

 

Dazu ein Beispiel:

Angenommen, in Ihrem Roman geht es um eine Dreiecksgeschichte. Sie müssen einen Streit-Dialog zwischen dem Protagonisten und seiner zweiten Frau schreiben, aber es fällt Ihnen nichts Rechtes ein. Aber die später geplante Szene: der Protagonist trifft seine Exfrau in der Stadt, und es knistert zwischen ihnen, steht Ihnen plastisch vor Augen. Also schreiben Sie das auf, was Sie mögen und versuchen Sie, den Rest davor kurz zu beschreiben.

 

--- Hier wird ein Dialog (Streit) zwischen Peter und seiner zweiten Frau Anna stehen, danach beschreibe ich, wie Peter in die Stadt kommt und seine Exfrau Sandra trifft ---
"Hallo!" sagte Peter verlegen.

Sandra lächelte.

Er dachte daran, wie sehr er dieses Lächeln immer an ihr geliebt hatte. „Hast du Zeit für einen Kaffee?“ [...]

Ich schlage damit der "Hemmschuh-Szene" ein Schnippchen und mache weiter, wo ich wieder Lust habe. Wichtig ist es, dabei das Konzept und den Handlungsablauf nicht aus den Augen zu lassen.  Ich habe es öfter erlebt, dass mir später eine viel bessere Idee zum
"Ausfüllen" einfiel als die ursprünglich geplante.

3.
Ich stelle mir vor, was meine Figuren nach Ende des Romans anstellen.
Das ist eine reine Denkübung, die man in der Straßenbahn, beim Joggen oder bei langweiligen Besuchen wie auch vor dem Computer anwenden kann. Mir helfen solche Tagträume, mich mehr für die Figuren im Jetzt meines Romans zu interessieren, und das drängt mich dann, ihre Geschichte weiterzuerzählen, unter Umständen zunächst mit „Lücken“ wie unter 2 beschrieben.

4.
Das gleiche Ergebnis erziele ich bei beschreibenden Passagen, wenn ich
mich in Sekundärliteratur vertiefe. Zum Beispiel wollte ich die "Bockenheimer Warte", einen mittelalterlichen Turm in Frankfurt, in meinem Roman „Die Farbe von Kristall“ beschreiben. Der Turm hat eine bestimmte Bedeutung in der Geschichte, und ich wollte eine farbige, plastische Beschreibung. Es gelang mir nicht. Ich hörte auf mit Schreiben, stöberte in Büchern über die Stadtgeschichte Frankfurt, und siehe da: Ich fand eine nette Anekdote über diesen Turm, die ich in den Roman eingearbeitet habe.

5.
Wenn es bei Dialogen hängt, mache ich mir eine kurze Aufstellung, in der ich folgende Fragen beantworte:
- Soll der Dialog etwas vom Charakter der Personen verraten? Was?
- Soll er einen Konflikt behandeln? Welchen?
- Soll er Infos liefern? Welche?

Dann schreibe ich den Dialog unter dieser Prämisse einfach "runter", ohne über Stil und Form nachzudenken. Hinterher wird sortiert: Doppelungen und Überflüssiges rausgestrichen, (Ab-)Sätze umgestellt, fehlende Informationen hinzugefügt.

 

6.

Und wenn gar nichts hilft: Ignorieren Sie Ihre Schreibzeit und sämtliche Planungen – machen Sie einige Tage oder Wochen Urlaub vom Manuskript … Ihre Geschichte und Ihre Figuren werden sich melden, wenn es ihnen ohne Sie zu langweilig wird!

Ganz wichtig ist es, dass Sie diese Pause nicht mit Selbstvorwürfen oder -zweifeln anfüllen, sondern sie als kreativen Break sehen, der Ihnen hilft, anschließend umso schneller voranzukommen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Es funktioniert!

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Die Originaltexte und weitere persönliche Anmerkungen finden Sie in meinem Online-Tagebuch.

 

 

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