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Kurzgeschichten aus "Baumgesicht"

(Auszüge)

 

 

 

 

 

Das Denkmal

 

I

 

ch gehörte von Jugend an zu den Menschen, die mit moderner Kunst nichts Rechtes anzufangen wussten, und wahrscheinlich wäre ich heute ein bedingungsloser Kritiker jener Kunstgattung, wenn das Denkmal nicht gewesen wäre. Ich habe lange überlegt, ob ich den Namen des Betreffenden preisgeben soll, aber ich glaube, es wäre unfair, denn schließlich konnte er nichts dafür, dass ihn seine Mitmenschen zum Idol erkoren. Auch ich schwärmte für ihn, hing an seinen Lippen, wenn er sprach, las jeden Artikel, den er veröffentlichte, nahm seine Worte für Wahrheit. Ich mochte sein ruhiges Wesen, sein sympathisches Auftreten, seine klugen Gedanken. Aber am meisten liebte ich seine Augen, die alle Träume dieser Welt zu erfüllen versprachen. Er war eine angesehene Persönlichkeit und sollte für seine vorbildlichen Taten geehrt werden.

Ich hatte sämtliche Beziehungen spielen lassen, um eine der begehrten Einlasskarten zu erhalten und drängelte mich erwartungsfroh zwischen den Honoratioren hindurch, bis ich ganz nah bei dem verhüllten Gebilde stand, das auf einem Podest inmitten des festlich erleuchteten Saales thronte und darauf zu warten schien, endlich entblößt zu werden.

Als nach einer Laudatio der Augenblick gekommen war, erhoben sich grimmiges Gemurmel und lauter Protest. (...)

 

 

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Ottos Schreibmaschine

 

 

E

 

inige Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung hatten schon zum wiederholten Mal gähnend auf die Uhr geschaut, als der Bürgermeister endlich den letzten Tagesordnungspunkt zur Sprache brachte. „Wie Sie wissen, ist per Satzung festgeschrieben, dass ein gewisser Prozentsatz öffentlicher Mittel der Kunst zugute kommen soll.“

An dem leicht ironischen Unterton hätte ein aufmerksamer Zuhörer erkennen können, dass nach dem Willen des Bürgermeisters die betreffende Satzung gestrichen werden könnte, aber aufmerksame Zuhörer gab es zu dieser Stunde selbst in den Reihen der Opposition nicht mehr. So wurde nach kurzer Debatte die Entscheidung darüber, welches Kunstwerk fortan die Eingangshalle des Rathauses schmücken sollte, dem neuernannten Kulturdezernenten Mittrich übertragen, der davon erfuhr, als er anderntags gegen neun zum Dienst erschien.

„Das ist nur eine der Aufgaben, die dich erwarten“, sagte der Bürgermeister mit einem Anflug Schadenfreude zu seinem Duz-Freund. „Aber du wolltest das Ressort ja unbedingt haben.“

„Unbedingt ist übertrieben“, entgegnete Mittrich. „Aber ich werde die Chance zu nutzen wissen.“

Lothar Mittrich hatte den Weg in die Politik gefunden, nachdem er jahrelang im Streifenwagen mehr oder weniger erfolglos den kleinen und mittelgroßen Sündern der Stadt hinterhergefahren war. Seine Entscheidung, die Uniform gegen einen Anzug zu tauschen, wirkte sich nicht nur auf dem Gehaltskonto positiv aus, sondern ließ auch sein Selbstwertgefühl beträchtlich steigen, was ihm unter seinen ehemaligen Kollegen den Ruf eines arroganten Emporkömmlings einbrachte. Die Zeiten, in denen er sich über solcherart Geschwätz aufgeregt hatte, waren gottlob längst vorbei.

Mit Beharrlichkeit, Engagement, dem richtigen Parteibuch und der richtigen Meinung würde er die Karriereleiter emporklettern. Das allein zählte. Um dieses Ziel zu erreichen, nahm er auch das Amt des Kulturdezernenten in Kauf, obwohl ihn Kunst und Kultur nicht die Bohne interessierten, wie er seiner Frau in einer weinseligen Stunde anvertraute. Er wünschte dem Bürgermeister lächelnd einen guten Tag und ging in sein Büro. Dass er als erste Amtshandlung ein Kunstwerk für das Rathaus aussuchen sollte, sah er als Vertrauensbeweis und eine hervorragende Möglichkeit, Fachkenntnis und Fortschritt zu demonstrieren. Da er von Kunst keine Ahnung hatte, holte er vor seiner Entscheidung den Rat eines angesehenen Kritikers ein.

An einem sonnigen Spätsommertag wurde das Kunstwerk ins Rathaus gebracht, in dem außer der Stadtverwaltung und dem Bürgermeisteramt auch die Polizeistation untergebracht war. Der Bürgermeister und einige Angestellte kamen eigens aus ihren Büros im zweiten Stock in die Eingangshalle herunter, um die Neuerwerbung zu begutachten.

„Kreativität und Phantasie in der Auswahl der Materialien und des Sujets sowie die eigenwillige Komposition verraten ein großes Talent“, sagte Kulturdezernent Mittrich. Das hatte der Kritiker auch gesagt, und bei richtiger Betrachtung konnte man dem nur zustimmen.

Der Bürgermeister nickte und dachte an das Röhrender-Hirsch-am-Waldesrand-Ölbild, das über seinem Wohnzimmersofa hing. Irgendwie konnte er damit mehr anfangen. Aber er sah ein, dass er den Zeitgeist respektieren musste: neue Wege in Politik und Kultur! Ja, er hatte gut daran getan, Lothar die Entscheidung zu überlassen.

 

Als Polizeihauptmeister Otto Ohnsorg an jenem Spätsommertag kurz vor neunzehn Uhr zur Nachtschicht kam, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Da hatte es doch tatsächlich jemand gewagt, eine Ladung Sperrmüll im Foyer abzustellen: Eisenteile, ein ramponierter Vorschlaghammer, zwei rostige Milchkannen, alte Gartenwerkzeuge, eine klapprige Schreibmaschine und anderes Gerümpel stapelten sich ohne Sinn und Plan auf einer gammeligen Schubkarre, die mitten im Weg stand.

Kopfschüttelnd ging Otto in die Wache. „Welcher Schmutzfink hat denn da draußen seinen Mist entsorgt?“, fragte er einen Kollegen von der Spätschicht.

„Also bitte!“, sagte der Kollege grinsend. „Spricht man so von einem künstlerischen Werke, das eigens zur Verschönerung dieses Gebäudes und zur Erquickung unserer müden Beamtenseelen aufgestellt wurde?“

„Das ist nicht dein Ernst!“, entgegnete Otto.

(...) 

Man mochte über das Kunstwerk denken, was man wollte, es lockte die Bürger in Scharen zum Rathaus und förderte somit unbestreitbar die öffentliche Kommunikation. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda und einen Artikel in der örtlichen Zeitung neugierig gemacht, kamen täglich Dutzende, um zu sehen, was die Stadt mit ihren Steuergeldern anstellte. Den meisten genügte ein flüchtiger Blick, um ihre Empörung kundzutun.

Da die Büros der zuständigen Mitarbeiter des Öfteren wegen Teilzeit, Gleitzeit, Frühstücks- oder Mittagspause geschlossen waren, ergossen sich die Beschwerdeströme regelmäßig in die Wache der Polizeistation, was nicht dazu beitrug, das Kunstverständnis der Beamten zu verbessern. Einer der Besucher war der alte Heinrich, der vor neunundachtzig Jahren in dieser Stadt zur Welt gekommen war, und alle Geschehnisse in seiner Heimat mit Interesse verfolgte.

„Herr Wachtmeister, ich möchte Anzeige erstatten!“, sagte er zu Otto, der es längst aufgegeben hatte, ihm zu erklären, dass es in der Polizeihierarchie seit Jahren keine Wachtmeister mehr gab.

„Und wen, bitteschön, wollense anzeigen?“

Heinrich straffte seine Schultern. „Den Plagiator, der den Schubkarren in der Eingangshalle als sein Kunstwerk deklariert hat!“

„Mhm“, sagte Otto.

Heinrichs Augen funkelten angriffslustig. „Herr Wachtmeister, ich habe mich informiert: Der Mensch, der behauptet, der olle Karren da draußen sei sein Kunstwerk, der ist ein Plagiator! Ein Plagiator ist nämlich einer, der ein Plagiat begeht. Und ein Plagiat ist ein Werk, das durch unrechtmäßiges Nachahmen entsteht. Das sagt mein Nachbar, der ist Lehrer und muss es wissen. Außerdem habe ich in meinem Lexikon nachgesehen, und ich kann Ihnen sagen: Genau so einen Karren hab’ ich seit Jahr und Tag bei mir zuhause in der Scheune stehen. Und es sind fast die gleichen Sachen drauf, außer der Schreibmaschine. Die funktioniert ja noch, und da werfe ich sie nicht einfach fort.“

„Soso“, sagte Otto.

„So lange, wie mein Karren schon in der Scheune steht, lebt der Künstler bestimmt noch gar nicht! Nehmen Sie jetzt bitte meine Anzeige auf?“

Otto dachte nach. „Wenn’s recht ist: Ich hätte eine bessere Idee.“  (...)

 

 

© Nikola Hahn

Nachdruck nur mit Genehmigung

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Anmerkung:

"Ottos Schreibmaschine", entstanden 1992,  lieferte die Grundidee (Kunst und Polizei)  für meinen Roman "Die Wassermühle" (erschienen 2000)

 

 

Wenn Sie noch mehr  aus "BAUMGESICHT" lesen möchten: Hier finden Sie die Titelgeschichte: 

 

 

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