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gehörte von Jugend an zu den Menschen, die mit moderner Kunst nichts Rechtes
anzufangen wussten, und wahrscheinlich wäre ich heute ein bedingungsloser
Kritiker jener Kunstgattung, wenn das Denkmal nicht gewesen wäre.
Ich
hatte sämtliche Beziehungen spielen lassen, um eine der begehrten Einlasskarten
zu erhalten und drängelte mich erwartungsfroh zwischen den Honoratioren
hindurch, bis ich ganz nah bei dem verhüllten Gebilde stand, das auf einem
Podest inmitten des festlich erleuchteten Saales thronte und darauf zu warten
schien, endlich entblößt zu werden.
Als nach einer Laudatio der Augenblick gekommen war, erhoben sich grimmiges Gemurmel und lauter Protest. (...)
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E |
inige
Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung hatten schon zum wiederholten Mal gähnend
auf die Uhr geschaut,
als der Bürgermeister endlich den letzten Tagesordnungspunkt zur Sprache
brachte. „Wie Sie wissen, ist per Satzung festgeschrieben, dass ein gewisser
Prozentsatz öffentlicher Mittel der Kunst zugute kommen soll.“
An
dem leicht ironischen Unterton hätte ein aufmerksamer Zuhörer erkennen können,
dass nach dem Willen des Bürgermeisters die betreffende Satzung gestrichen
werden könnte, aber aufmerksame Zuhörer gab es zu dieser Stunde selbst in den
Reihen der Opposition nicht mehr. So wurde nach kurzer Debatte die Entscheidung
darüber, welches Kunstwerk fortan die Eingangshalle des Rathauses schmücken
sollte, dem neuernannten Kulturdezernenten Mittrich übertragen, der davon
erfuhr, als er anderntags gegen neun zum Dienst erschien.
„Das
ist nur eine der Aufgaben, die dich erwarten“, sagte der Bürgermeister mit
einem Anflug Schadenfreude zu seinem Duz-Freund. „Aber du wolltest das Ressort
ja unbedingt haben.“
„Unbedingt
ist übertrieben“, entgegnete Mittrich. „Aber ich werde die Chance zu nutzen
wissen.“
Lothar
Mittrich hatte den Weg in die Politik gefunden, nachdem er jahrelang im
Streifenwagen mehr oder weniger erfolglos den kleinen und mittelgroßen Sündern
der Stadt hinterhergefahren war. Seine Entscheidung, die Uniform gegen einen
Anzug zu tauschen, wirkte sich nicht nur auf dem Gehaltskonto positiv aus,
sondern ließ auch sein Selbstwertgefühl beträchtlich steigen, was ihm unter
seinen ehemaligen Kollegen den Ruf eines arroganten Emporkömmlings einbrachte.
Die Zeiten, in denen er sich über solcherart Geschwätz aufgeregt hatte, waren
gottlob längst vorbei.
Mit
Beharrlichkeit, Engagement, dem richtigen Parteibuch und der richtigen Meinung würde
er die Karriereleiter emporklettern. Das allein zählte. Um dieses Ziel zu
erreichen, nahm er auch das Amt des Kulturdezernenten in Kauf, obwohl ihn Kunst
und Kultur nicht die Bohne interessierten, wie er seiner Frau in einer
weinseligen Stunde anvertraute. Er wünschte dem Bürgermeister lächelnd einen
guten Tag und ging in sein Büro. Dass er als erste Amtshandlung ein Kunstwerk für
das Rathaus aussuchen sollte, sah er als Vertrauensbeweis und eine hervorragende
Möglichkeit, Fachkenntnis und Fortschritt zu demonstrieren. Da er von Kunst
keine Ahnung hatte, holte er vor seiner Entscheidung den Rat eines angesehenen
Kritikers ein.
An
einem sonnigen Spätsommertag wurde das Kunstwerk ins Rathaus gebracht, in dem
außer der Stadtverwaltung und dem Bürgermeisteramt auch die Polizeistation
untergebracht war. Der Bürgermeister und einige Angestellte kamen eigens aus
ihren Büros im zweiten Stock in die Eingangshalle herunter, um die Neuerwerbung
zu begutachten.
„Kreativität
und Phantasie in der Auswahl der Materialien und des Sujets sowie die
eigenwillige Komposition verraten ein großes Talent“, sagte Kulturdezernent
Mittrich. Das hatte der Kritiker auch gesagt, und bei richtiger Betrachtung
konnte man dem nur zustimmen.
Der
Bürgermeister nickte und dachte an das Röhrender-Hirsch-am-Waldesrand-Ölbild,
das über seinem Wohnzimmersofa hing. Irgendwie konnte er damit mehr anfangen. Aber
er sah ein, dass er den Zeitgeist respektieren musste: neue Wege in Politik und
Kultur! Ja, er hatte gut daran getan, Lothar die Entscheidung zu überlassen.
Als
Polizeihauptmeister Otto Ohnsorg an jenem Spätsommertag kurz vor neunzehn Uhr
zur Nachtschicht kam, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Da hatte es doch
tatsächlich jemand gewagt, eine Ladung Sperrmüll im Foyer abzustellen:
Eisenteile, ein ramponierter Vorschlaghammer, zwei rostige Milchkannen, alte
Gartenwerkzeuge, eine klapprige Schreibmaschine und anderes Gerümpel stapelten
sich ohne Sinn und Plan auf einer gammeligen Schubkarre, die mitten im Weg
stand.
Kopfschüttelnd
ging Otto in die Wache. „Welcher Schmutzfink hat denn da draußen seinen Mist
entsorgt?“, fragte er einen Kollegen von der Spätschicht.
„Also
bitte!“, sagte der Kollege grinsend. „Spricht man so von einem künstlerischen
Werke, das eigens zur Verschönerung dieses Gebäudes und zur Erquickung unserer
müden Beamtenseelen aufgestellt wurde?“
„Das
ist nicht dein Ernst!“, entgegnete Otto.
(...)
Man
mochte über das Kunstwerk denken, was man wollte, es lockte die Bürger in
Scharen zum Rathaus und förderte somit unbestreitbar die öffentliche
Kommunikation. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda und einen Artikel in der örtlichen
Zeitung neugierig gemacht, kamen täglich Dutzende, um zu sehen, was die Stadt
mit ihren Steuergeldern anstellte. Den meisten genügte ein flüchtiger Blick,
um ihre Empörung kundzutun.
Da
die Büros der zuständigen Mitarbeiter des Öfteren wegen Teilzeit, Gleitzeit,
Frühstücks- oder Mittagspause geschlossen waren, ergossen sich die
Beschwerdeströme regelmäßig in die Wache der Polizeistation, was nicht dazu
beitrug, das Kunstverständnis der Beamten zu verbessern. Einer der Besucher war
der alte Heinrich, der vor neunundachtzig Jahren in dieser Stadt zur Welt
gekommen war, und alle Geschehnisse in seiner Heimat mit Interesse verfolgte.
„Herr
Wachtmeister, ich möchte Anzeige erstatten!“, sagte er zu Otto, der es längst
aufgegeben hatte, ihm zu erklären, dass es in der Polizeihierarchie seit Jahren
keine Wachtmeister mehr gab.
„Und
wen, bitteschön, wollense anzeigen?“
Heinrich
straffte seine Schultern. „Den Plagiator, der den Schubkarren in der
Eingangshalle als sein Kunstwerk deklariert hat!“
„Mhm“,
sagte Otto.
Heinrichs
Augen funkelten angriffslustig. „Herr Wachtmeister, ich habe mich informiert:
Der Mensch, der behauptet, der olle Karren da draußen sei sein
Kunstwerk, der ist ein Plagiator! Ein Plagiator ist nämlich einer, der ein
Plagiat begeht. Und ein Plagiat ist ein Werk, das durch unrechtmäßiges
Nachahmen entsteht. Das sagt mein Nachbar, der ist Lehrer und muss es wissen. Außerdem
habe ich in meinem Lexikon nachgesehen, und ich kann Ihnen sagen: Genau so einen
Karren hab’ ich seit Jahr und Tag bei mir zuhause in der Scheune stehen. Und
es sind fast die gleichen Sachen drauf, außer der Schreibmaschine. Die
funktioniert ja noch, und da werfe ich sie nicht einfach fort.“
„Soso“,
sagte Otto.
„So
lange, wie mein Karren schon in der Scheune steht, lebt der Künstler bestimmt
noch gar nicht! Nehmen Sie jetzt bitte meine Anzeige auf?“
Otto
dachte nach. „Wenn’s recht ist: Ich hätte eine bessere Idee.“
© Nikola Hahn
Nachdruck nur mit Genehmigung
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Anmerkung:
"Ottos Schreibmaschine", entstanden 1992, lieferte die Grundidee (Kunst und Polizei) für meinen Roman "Die Wassermühle" (erschienen 2000)

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