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Der Kommissar und das "Belvederche"
(Lesart, 1/03 - Auszug -)
Die Geschichte von den beiden Frankfurter Buben, die sich gegenseitig übertrumpfen wollen, ist nicht untypisch für das Leben in der Main-Metropole zu Beginn des 20. Jahrhunderts. "Ätsch, mir han uf unser Haus aach e Belvederche", prahlt der eine Junge. Sein Kumpel steigert sich. "Ätsch, mir han awwer e Hypothek druff!" In der freien Reichsstadt waren protziger Reichtum und bitterste Armut zu finden. Es gab Kinderhandel, Prostitution und Morde aus Hass und Habgier. Eine gefährliche Mischung, die am Main vielleicht ein bisschen offener und brisanter zutage trat als in einer Residenzstadt jener Epoche. Aber es gab auch ein sehr bewusstes Bürgertum, das sich um die Allgemeinheit bemühte, es gab Bürgermeister mit Visionen und Ärzte mit Weitblick und wissenschaftlicher Neugier. Und es gab eine einmalige "Altstadt", die später den Flammen des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fiel. Das Frankfurt der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bot ein großartiges Panorama für jemand, der Geschichte und Geschichten nachspüren wollte. Nikola Hahn ist so eine Person. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gestand sie in einem Gespräch ihr Vergnügen an der Lektüre besonders historischer Chroniken. Ein etwas ungewöhnliches Hobby für eine Frau mit ihrem Beruf. Denn Nikola Hahn ist (...) Kriminalhauptkommissarin. (...) Der FAZ verriet sie: "Kriminalromane eignen sich gut, um das Bild einer vergangenen Zeit zu entfalten. Ein Kriminalfall ist nie nur "Fall", sondern verwoben mit den sozialen Gegebenheiten, die ihn ermöglicht haben." In ihrem neuen (...) historischen Kriminalroman (...) wird diese Überlegung deutlicher. Entstanden ist ein Sittenbild vom 1904 heftig boomenden Frankfurt, in dem als erstes ein brutaler Mord an einem bekannten Klavierhändler in den Vordergrund gezoomt wird. (...) Ein Phantasieprodukt mit historischem Hintergrund? Keineswegs. Die Kommissarin aus Offenbach hat sehr genau recherchiert. Den Mord (...) hat es wirklich gegeben. (...) Der zuständige Kommissar Richard Biddling, verheiratet mit einer Tochter aus reichem Kaufmannsmilieu und vom Schwiegervater immer ein wenig als "Habenichts" verachtet, kommt in Gewissensnöte. Denn bei den Ermittlungen entdeckt er in den Geschäftspapieren des Klavierhändlers auch seinen eigenen Namen. Gestundete Rechnungen. Nicht eben ehrenrührig, aber doch peinlich genug, wenn die Familie davon erfahren würde. Biddlings Familie ist sowieso schon in den "Fall" involviert. Denn ein Verdächtiger entpuppt sich als Freund und Verehrer der Frau des Kommissars und als hilfsbereiter "Onkel" der Tochter. Eine ungute Situation, die der Kriminalbeamte mit seinem pensionierten Wachtmeister in einem der unzähligen Altstadt-"Belvederche" bespricht. Biddling hat Sorgen genug, denn inzwischen erhält er auch noch anonyme Drohbriefe. Der Autorin ist es gelungen, die Atmosphäre jener Zeit sehr stimmig wiederzugeben. Die engen Altstadthäuser, bei denen der Gang ins "Belvederche", in die kleine "schöne Aussicht" über den Dächern Trost bietet vor dem erstickenden Alltag, das Leben der kleinen Leute - all das wird illusionslos, aber dennoch liebenswert geschildert. Insofern ist "Die Farbe von Kristall" weit mehr als ein "Kriminalroman", sondern ein Zeitgemälde. Mit hohem Unterhaltungswert, denn darauf versteht sich die Kriminalkommissarin aus Offenbach bestens. Martina I. Kischke
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