Die
Farbe von Kristall
Ein
historischer Kriminalroman
Roman

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Leseprobe Forts. ----------
Laura
Rothe nahm ihren Koffer und schaute sich suchend um. Der Centralbahnhof war viel
größer, als sie ihn sich vorgestellt hatte; vielleicht weil die von grauen und
dunkelblauen Eisenträgern gestützten Perronhallen durch offengehaltene Wände
als Ganzes wirkten. Die Fenster in den seitlichen Umfassungsmauern gaben
wirkungsvolles Seitenlicht. Die Gußteile, die die Granitsockel mit den
schmiedeeisernen Bögen verbanden, waren mit palmblattähnlichen Ornamenten
versehen, die Blechflächen der hohen Bogendächer mit Zierstreifen geschmückt.
Es waren die Details, die dem Bauwerk die Bedrohlichkeit nahmen. Überall eilten
Menschen hin und her, und im Gegensatz zu Laura schien jeder genau zu wissen,
wohin er wollte. Die Bremsen eines einfahrenden Zuges kreischten. Ein Schaffner
stieg aus und rief einem Kollegen etwas zu, aber seine Worte gingen im Getöse
eines abfahrenden Zuges unter.
„Wo
finde ich bitte die Gepäckaufbewahrung?“ fragte Laura einen Jungen in
schmuddeligen Hosen, der auf dem Perron saß und sie interessiert musterte.
„Ei,
do driwwe.“
„Wie
bitte?“
Der
Junge stand auf und deutete grinsend zum anderen Ende der Halle. „Dort drüben,
gnädigstes Fräulein! Wenn ich bitte Ihne Ihrn Koffer tragen dürfte?“
„Das
ist sehr nett, danke. Aber ich trage ihn lieber selbst.“
Der
Junge sah sie derart verblüfft an, daß sie lachen mußte. Eine junge Dame, die
ohne Begleitung aus einem Zweite-Klasse-Abteil stieg und auf die Dienste eines
Gepäckträgers verzichtete, kam sicher nicht alle Tage vor. Laura zeigte zum
gegenüberliegenden Bahnsteig, auf dem eine ältere und zwei jüngere Frauen
zwischen Koffern und Körben standen. „Ich glaube, die Herrschaften brauchen
deine Hilfe nötiger als ich.“
Auf
dem Kopfperron und im Vestibül wiesen Schilder den Weg, und zehn Minuten später
hatte Laura ihren Koffer aufgegeben. Kurz darauf trat sie auf den
Bahnhofsvorplatz hinaus. Nieselregen wehte ihr ins Gesicht. Sie schlug den
Kragen ihres Mantels hoch und spannte ihren Regenschirm auf.
„Halt!“
Erschrocken
fuhr sie zusammen, als plötzlich zwei mit Säbeln bewaffnete Schutzmänner
vortraten, die offenbar rechts und links des Eingangs gestanden hatten. Grimmig
musterten sie einen schmächtigen jungen Mann, der in den Bahnhof hineingehen
wollte.
„Wer
sind Sie? Wohin wollen Sie?“ fragte einer der Beamten in scharfem Ton. Er
hatte einen martialischen schwarzen Bart und trug ein goldenes Portepee. Der
Mann stotterte etwas Unverständliches.
Laura
sah, daß auch die anderen Eingänge von Schutzleuten bewacht wurden, die ohne
Ausnahme jeden, der in den Bahnhof hineinwollte, kontrollierten. Was hatte das
zu bedeuten? Sie spürte die Blicke des bärtigen Polizisten und ging rasch
weiter. Das fehlte noch, daß man sie festhielt oder sogar mit zur Wache nahm.
Sie überquerte den Platz und stieß fast mit einem Fahrradfahrer zusammen, der
ihr wütend etwas hinterherrief, das sie nicht verstand. Vielleicht wäre es
besser, mit der Trambahn zu fahren? Andererseits hatte sie genügend Zeit, und
ihr Geld würde sie für wichtigere Dinge brauchen. Außerdem bot der Gang zu Fuß
eine erste Möglichkeit, sich in der Stadt zu orientieren. Während der
vergangenen Wochen hatte sie alles gelesen, was sie an Informationen über
Frankfurt am Main hatte auftreiben können, und sie war gespannt, ob die Bilder
in ihrem Kopf mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Die in einem Reiseführer
als Prachtboulevard gerühmte Kaiserstraße sah im Regen jedenfalls reichlich
trist aus.
Das
Trottoir war voller Menschen, die in Gruppen zusammenstanden und
durcheinanderredeten. Und dazwischen immer wieder Polizei. Irgend etwas stimmte
nicht! Laura wich auf die Fahrbahn aus, um schneller voranzukommen. Als sie den
Roßmarkt erreichte, hörte es auf zu regnen. Sie überlegte, ob noch Zeit war,
sich das Gutenberg-Denkmal anzuschauen, als ein Automobil an ihr vorbeiknatterte
und sie von oben bis unten naß spritzte. Konnte dieser dumme Mensch nicht
aufpassen, wohin er fuhr? Vergeblich versuchte sie, mit einem Taschentuch die
Flecken aus ihrem Wollmantel herauszureiben. Ein Antrittsbesuch in schmutziger
Garderobe! Ihre Mutter würde in Ohnmacht fallen, wenn sie es sähe.
Der
Gedanke an zu Hause schmerzte. Es gab Dinge, die für eine junge Dame viel
verderblicher waren als ohne Begleitung zu reisen und das Gepäck selbst zu
tragen: einen Beruf zu erlernen, dem jüdischen Glauben abzuschwören und mit
achtundzwanzig ledig zu sein. Laura steckte das Taschentuch weg und ging weiter.
Sie hatte sich all das bestimmt nicht erkämpft, um vor ein paar Wasserflecken
zu kapitulieren! Rechts vor ihr tauchte der Turm der Katharinenkirche auf. Als
sie näher kam, sah sie vor dem Portal und dem Eingang des danebenliegenden
Hauses eine Menschenmenge. Mehrere Schutzleute bemühten sich, sie
auseinanderzutreiben.
„Machen
Sie Platz!“ rief einer von ihnen, als sich zwei Männer in Zivil näherten.
Sie trugen dunkelgraue Tuchmäntel und schwarze Hüte. Der jüngere, ein
grobschlächtig wirkender Mensch, stieß die Leute fluchend beiseite, um sich
einen Weg zu bahnen, der ältere, der ihn fast um Haupteslänge überragte,
folgte wortlos. Keine Frage: Irgend etwas mußte in diesem Haus geschehen sein.
Ob das der Grund war, den Bahnhof unter Bewachung zu stellen? Die Uhr an der
Katharinenkirche schlug zur vollen Stunde und erinnerte Laura daran, daß
Polizeirat Franck sie erwartete.

Sie
erreichte die Neue Zeil 60 zehn Minuten vor der Zeit. Das Polizeipräsidium der
Stadt Frankfurt war ein dreistöckiger Bau im Stil der deutschen Renaissance
und, wie Laura wußte, erst achtzehn Jahre alt. So imponierend das Gebäude von
außen wirkte, so zweckmäßig bot es sich dem Besucher von innen dar: die Flure
mit schlichten Deckenwölbungen versehen, die Treppen aus Eisen gefertigt. In
der Polizeiwache im Erdgeschoß fragte sie nach dem Büro von Herrn Polizeirat
Franck.
Die
beiden Beamten musterten sie ungeniert. Was sie sahen, schien ihnen nicht zu
gefallen. „Herr Polizeirat Franck empfängt in seinem Büro keinen
Damenbesuch“, sagte der ältere. „Und schon gar nicht ohne vorherige
Anmeldung!“
Laura
erwiderte seinen Blick ohne Scheu. „Woher, bitte, wollen Sie wissen, daß ich
nicht angemeldet bin?“ Sie zog ein Schriftstück aus ihrem Mantel und gab es
ihm.
Er
las sorgfältig. „Oh, das ... Ich bitte höflichst um Verzeihung, Fräulein
Rothe. Ich konnte ja nicht ahnen ...“
„Dürfte
ich nun endlich erfahren, wo ich das Büro von Herrn Franck finde?“
wiederholte Laura schärfer als beabsichtigt.
„Erster
Stock, rechts. Es steht angeschrieben. Aber Sie werden kein Glück haben. Er
...“
„Danke!“
sagte Laura und ging.
Sie
war kaum aus der Tür, als der jüngere Beamte losplatzte: „Ist sie das?“
„Sieht
so aus.“
„Na,
das wird lustig werden.“
Der
ältere zuckte mit den Schultern. „Was interessiert´s mich? Solange sie uns
nicht in die Parade fährt, ist es mir herzlich egal, ob sie Haare auf den Zähnen
hat oder nicht.“
„Die
wär´ das erste Weibsbild, mit dem der Heynel nicht fertig wird“, sagte der jüngere
grinsend.
*
* *
Es
gab keinen Grund, anzunehmen, daß Kommissar Biddling in der nächsten Zeit ins
Präsidium zurückkehrte. Dennoch wartete Heiner Braun bis kurz nach drei Uhr,
bevor er sich entschloß, zu gehen. Ein letztes Mal betrachtete er das nüchtern
eingerichtete Büro: Biddlings Schreibtisch mit Federkasten, Tintenfäßchen,
Stempeln und Akten darauf, sein eigenes leergeräumtes Stehpult am Fenster, den
alten Aktenschrank, den Tisch mit der neuen Schreibmaschine. Eine Underwood
mit Radschaltung, sichtbarer Schrift und Tabulator, wie der Kommissar
Besuchern gern erläuterte.
Heiner
erinnerte sich an seinen ersten Tag als blutjunger Polizeidiener im Polizeicorps
der damals noch Freien Stadt Frankfurt und daran, wie stolz er nach der
Ernennung zum Kriminalschutzmann auf sein erstes Büro gewesen war, eine zugige
Kammer im ehemaligen Präsidium Clesernhof, das längst der Spitzhacke zum Opfer
gefallen war. Er hatte seinen Beruf geliebt, und schon drei Stunden nach seiner
Pensionierung ließ nichts mehr erahnen, daß er fast achtzehn Jahre in diesem
Raum gearbeitet hatte. Er schloß die Tür und ging durch den verwaisten Flur
zur Treppe. Es fiel ihm schwer zu akzeptieren, daß er nicht mehr gebraucht
wurde. Er dachte an Helena, und sein Gesicht hellte sich auf. Sie
brauchte ihn.
„Entschuldigen
Sie, können Sie mir sagen, wann Herr Polizeirat Franck zurückkehrt?“
Heiner
fuhr zusammen. „Bitte ...?“
Eine
junge Frau erhob sich von der Holzbank, die in einer Nische neben der Treppe
stand. „Sehe ich so schlimm aus, daß Sie sich vor mir erschrecken?“ Sie
hatte eine melodische Stimme, ein nicht übermäßig schönes, aber
sympathisches Gesicht und trug ein Tuchkleid im Stil der Reformbewegung. Ihr
Haar war entgegen der herrschenden Mode zu einem schlichten Knoten geschlungen.
Mantel und Hut hatte sie neben sich auf die Bank gelegt.
„Verzeihen
Sie, ich war ein wenig in Gedanken“, sagte
Heiner.
„Dann
bin ich ja beruhigt, Herr ...?“
„Wachtmeister
Braun.“
„Laura
Rothe“, stellte sie sich vor. „Ich warte auf Herrn Franck. Er hatte mich um
halb drei in sein Büro bestellt.“
„Sind
Sie die Polizeiassistentin aus Berlin?“
Sie
nickte.
„Es
tut mir leid, aber Polizeirat Franck ist mit allen verfügbaren Kriminalbeamten
zu einem Mordfall unterwegs.“
„Ich
vermute, in dem Haus neben der Katharinenkirche? Jedenfalls läßt der
Menschenauflauf, den ich auf dem Weg hierher sah, diesen Schluß zu.“ Sie sah
ihn neugierig an. „Und warum sind Sie noch hier?“
Die
Frage war ein wenig direkt, aber Heiner nahm es ihr nicht übel. Er holte seine
Taschenuhr hervor. „Weil ich seit drei Stunden und sieben Minuten pensioniert
bin.“
„So
alt sehen Sie gar nicht aus!“ Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund
und murmelte eine Entschuldigung.
Heiner
Braun lachte. „Wenn ich Ihnen als altgedienter Beamter dieses Hauses einen Rat
geben darf? Polizeirat Franck schätzt vorlaute Mitarbeiter nicht besonders. Möchten
Sie einen Kaffee?“
„Ich
dachte, Sie sind pensioniert?“
„Einen
Kaffee kochen werde ich schon noch können.“

Zehn
Minuten später saßen sie in Richard Biddlings Büro vor zwei dampfenden
Tassen. „Ich hatte mir meinen Antrittsbesuch anders vorgestellt“, sagte
Laura. „Abgesehen davon, wüßte ich gern, welche Aufgaben mich erwarten.“
„Soweit
ich gehört habe, sollen Sie in der Fürsorge eingesetzt und
Kriminaloberwachtmeister Heynel zugeteilt werden, Fräulein Rothe.“
„Ich
hoffe doch sehr, über die Fürsorge hinaus auch die anderen Tätigkeitsfelder
der Kriminalpolizei kennenzulernen. Erzählen Sie mir von ihm.“
„Bitte?“
„Wachtmeister
Heynel - was ist er für ein Mensch?“
Heiner
lächelte. „Warum interessiert Sie das?“
„Ich
weiß gern, mit wem ich es zu tun habe.“
„Er
neigt zu ... Nun ja, wie soll ich sagen? Er hat zuweilen eine etwas einnehmende
Art.“
„Sie
mögen ihn nicht“, stellte Laura fest.
„Ich
kenne ihn kaum. Darf ich fragen, warum Sie ausgerechnet diesen ungewöhnlichen
Beruf gewählt haben?“
„Die
Aussicht, mein Leben in den philiströsen Verhältnissen von Kontor und Küche
zuzubringen, gefiel mir nicht.“ Als sie Heiners verständnislosen Blick sah, fügte
sie hinzu: „Ich habe drei Jahre als Korrespondentin und Buchhalterin in der
Firma meines Vaters gearbeitet.“
„Ihr
Herr Vater war sicher nicht angetan von Ihrem Berufswechsel.“
„Mein
Vater glaubt, ich bin in Berlin.“ Sie sagte es in einem Ton, der jede weitere
Frage verbat. Sie trank ihren Kaffee aus. Heiner ging hinaus, um die Tassen zu
spülen. Als er zurückkam, saß sie an Biddlings Schreibtisch und blätterte in
der Akte Pokorny & Wittekind.
„Kommissar
Biddling wird nicht erfreut sein, wenn Sie ungefragt in seinen Akten lesen!“
Sie
stand sofort auf. „Entschuldigen Sie. Ich habe nicht nachgedacht.“
Heiner
wickelte die Tassen wieder in Zeitungspapier ein.
„Die
hat eine Frau ausgesucht“, stellte Laura fest.
„Bitte?“
„Ihre
Kaffeetassen! Die haben Sie von einer Frau bekommen, oder?“
„Mhm.
Es dürfte wenig Sinn haben, weiter auf Polizeirat Franck zu warten. Am besten
hinterlegen Sie auf der Wache Ihre Adresse und bitten um Nachricht, wann er Sie
empfangen kann.“
„Leider
habe ich noch keine Adresse. Und außerdem nicht das geringste Verlangen, mich
ein weiteres Mal mit diesen beiden unhöflichen Beamten dort unten abzugeben.“
Heiner
Braun mußte lachen. „Sie erinnern mich an eine junge Dame, mit der ich vor
vielen Jahren zusammengearbeitet habe.“
Sie
sah ihn verblüfft an. „Man sagte mir, daß ich die erste Frau bin, die in
Frankfurt in den Polizeidienst eintritt.“
„Die
junge Dame, von der ich spreche, war genötigt, sich in einen jungen Mann zu
verwandeln. Und es hat vier Jahre gedauert, bis ich es gemerkt habe.“
„Sie
haben sie dafür bewundert.“
„Ja.“
„Lassen
Sie mich raten: Die Kaffeetassen sind von ihr.“
„Wie
...?“
„Sie
gehen so sorgsam damit um, als ob sie eine besondere Bedeutung für Sie hätten.
Was ist aus Ihrer heimlichen Mitarbeiterin geworden?“
„Kommissar
Biddlings Gattin.“
„So
etwas Dummes passiert mir nicht!“
„Was,
bitte, ist daran dumm, wenn zwei Menschen ...“
„Nichts!“
fiel ihm Laura ins Wort. Sie nahm ihren Mantel und ihren Hut. Heiner schloß die
Tür ab und legte den Schlüssel auf den Rahmen. Laura folgte Heiner bis zur
Treppe und setzte sich wieder auf die Bank.
Heiner
lächelte. „Sie werden vergebens warten, Fräulein Rothe.“
„Lassen
Sie das bitte meine Sorge sein.“
„Es
gibt eine Art von Mut, die der Starrköpfigkeit recht nahe kommt, gnädiges Fräulein.
Ich wünsche Ihnen viel Glück.“
Sie
schluckte. „Könnten Sie mir vielleicht ein gutes Zimmer empfehlen? Allerdings
... Es dürfte nicht allzu teuer sein. Meine Mittel sind begrenzt.“
„Wenn
Sie keine besonderen Ansprüche an den Komfort stellen, fragen Sie im Rapunzelgäßchen
5.“
„Ich
lege Wert auf ein untadeliges Haus.“
„Für
den Leumund der Wirtin verbürge ich mich.“
„Ach
ja?“
„Sie
ist meine Frau.“
Bevor
Laura etwas erwidern konnte, war er gegangen.
© Marion von Schröder Verlag, München, 2002
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