Die Farbe von Kristall

Ein historischer Kriminalroman

Die Farbe von Kristall

 

Roman

 

---------- Leseprobe ----------

 

 

Der  cristal  ist  ein  kalter  klarer  stein,  der  des  fewrs  dermaszen  begirig  ist,  das,  wann  er  in  die  sonn  gehalten  wirdt,  er  die  nahe  duerre  ort  oder  materien  anzuendet.

(Albertinus, Antik mittelalterliche Wissenschaft vom Kristall) 

* * *

Haelt in der Hand noch den Krystall, das zersprungene Glueck von Edenhall.

(Uhland, 1847)

* * *

Die Farben der Kristalle stellen unsichere Bestimmungskriterien dar, weil sie durch geringste stoffliche Änderungen in einem weiten Spektrum variieren.

(Encarta Enzyklopädie 2000, Microsoft Corporation)

 

Prolog

 

 

Der Wind hatte nachgelassen, aber es regnete noch. Auf dem Weg zwischen den Gräbern lag nasses Laub. Es roch nach Vergänglichkeit. Victoria hatte gewußt, daß er da sein würde. Sie blieb neben ihm stehen. Er hielt den Kopf gesenkt; von seinem Hut tropfte der Regen. Der Grabstein glänzte im Licht einer Laterne. Die Rosen hatte der Sturm zerstört.

„Ich werde Frankfurt verlassen“, sagte sie.

„Wann?“ fragte er leise.

Sie kämpfte gegen die Tränen. „Sobald das Urteil gesprochen ist.“

Er sah sie an. „Sie sind stark, und Sie werden darüber hinwegkommen, Victoria. Über das - und alles andere.“

„Das haben Sie schon einmal zu mir gesagt, Herr Braun.“

„Und hatte ich denn nicht recht?“ sagte er lächelnd.

 

 

  

Kapitel 1

 

 

Frankfurter Zeitung

und Handelsblatt

Zweites Morgenblatt - Freitag, 26. Februar 1904

 

Dem „Petit Parisien“ wird von seinem Berliner Korrespondenten der Inhalt einer Unterredung mitgeteilt, die der deutsche Reichskanzler Graf Bülow dieser Tage mit einem französischen Besucher gehabt hat. Nachdem der Reichskanzler bestritten hatte, daß Deutschland irgendwelche schwarzen Pläne in China oder im nahen Orient habe, gab er einen kleinen Exkurs  über Weltpolitik.  Deutschland ist friedlich und wünscht wesentlich seinen friedlichen Einfluß in der Welt auszuüben. Nicht als Eroberer, sondern als Kaufleute erscheinen wir bei den nächsten wie bei den entferntesten Nationen. Die Verantwortlichkeit für die Richtigkeit dieser Äußerungen hat der „Petit Parisien“ zu tragen. Unbülowisch klingen sie übrigens nicht.

 

 

Hermann Lichtenstein legte die Zeitung beiseite und sah aus dem Fenster: ein trister, verregneter Wintertag, aber auf der Straße herrschte reges Treiben. Das Rattern der Droschken und Fuhrwerke und das Geschrei der Zeitungsjungen drangen bis in den ersten Stock hinauf. Lichtenstein schaute zur Hauptwache hinüber, an deren verlassenen Anblick er sich noch immer nicht gewöhnt hatte. Das Klingeln des Telephons riß ihn aus seinen Gedanken. Er nahm den Fernsprecher vom Haken.

„Hier Pianofortefabrik Lichtenstein & Co - Wer dort? ... Ah, Herr Consolo! Herzlich willkommen in Frankfurt! Ihr Konzert heute abend? Selbstverständlich werde ich Sie beehren, mein Lieber! Zusammen mit meiner Gattin und meiner ältesten Tochter. Bitte? Sie suchen etwas Besonderes? Ich glaube, ich kann Ihnen helfen ... einen Bechstein, wunderbar im Klang, erlesen in der Verarbeitung. Vergangene Woche ausgeliefert ... Ja, ich habe Zeit. Ich erwarte Sie in meinem Kontor. Ende.“

Ein älterer Mann kam herein. „Ich wollte fragen, ob ich zu Tisch gehen kann, Herr Lichtenstein? Frischer Kaffee steht nebenan auf dem Ofen.“

„Danke, Anton. Ich habe gerade mit Herrn Consolo telephoniert. Er logiert im Frankfurter Hof und möchte sich den Bechsteinflügel ansehen.“

Der Auslaufer strich sich über sein schütteres Haar. „Dann werde ich so lange warten.“

Lichtenstein schüttelte den Kopf. „Soll ich dir jeden Tag das gleiche Lied singen, mein Lieber?“

„Sie sollten nicht so oft allein hier sein, Herr Lichtenstein.“ 

„Deine Sorge um mein Wohlergehen ehrt mich, aber wie du weißt, befinden sich in meinem Kassenschrank in der Hauptsache alte Bücher. Im übrigen pflegen Diebe nicht zu Zeiten zu erscheinen, in denen draußen die halbe Stadt vorbeipromeniert.“

Der alte Auslaufer musterte seinen Chef mit zusammengekniffenen Augen. „Statt den ganzen Tag in diesem zugigen Büro zu stehen, sollten Sie lieber das Bett hüten, Herr Lichtenstein.“

„Ach was“, murmelte der Klavierhändler. „Das bißchen Schnupfen vergeht von allein.“

„Wenn Sie bitte erlauben: Sie sehen aus, als plagte Sie ein wenig mehr als bloß Schnupfen.“

„Dummes Zeug!“

Achselzuckend wandte sich der Auslaufer ab und ging hinaus. Hermann Lichtenstein sah ihm mit gemischten Gefühlen hinterher. Anton Schick stand seit dreiundzwanzig Jahren in den Diensten der Familie Lichtenstein; er war eine treue Seele und neigte zu übertriebener Vorsicht. Und manchmal hatte er diese Art, einen anzusehen, als könne er Gedanken lesen! Der Klavierhändler schaute in den Spiegel, der zwischen zwei Fenstern hing. Die Nase war rot, das Gesicht blaß, die Augen wirkten glasig, aber das konnte man auf die Erkältung schieben. Er zündete eine Lampe an und ging über den Flur ins Lager; vier düstere Räume, in denen sich mehr als einhundert Klaviere, Harmonien und Flügel aneinanderreihten.

Der Bechsteinflügel stand vor einem ungenutzten Kamin im hintersten Zimmer. Das polierte Holz glänzte im Lampenschein. Es zu berühren war ein sinnlicher Genuß. Consolo würde begeistert sein. Hermann Lichtenstein freute sich auf den Besuch des italienischen Pianisten, der nicht nur eine Passion für edle Musikinstrumente hatte, sondern auch kurzweilig zu plaudern verstand. Er setzte sich, und die quälenden Gedanken an Fräulein Zilly verschwanden. Sanft strichen seine Finger über die Tasten aus Elfenbein; die ersten Akkorde von Beethovens viertem Klavierkonzert erklangen. Irgendwo im Haus flog eine Tür ins Schloß. Abrupt beendete Lichtenstein sein Spiel. Ihr Haar hatte geglänzt wie Gold. Und dann hörte die Erinnerung auf. Er schloß den Flügel, daß es an den Wänden widerhallte. Karl Hopf gehörte gevierteilt! Ihn in diese Pfefferhütte zu schleppen! Die Türglocke läutete. Lichtenstein zog seine Taschenuhr hervor. Kurz vor halb eins. Ernesto Consolo war früh dran.

Doch es war nicht der italienische Pianist, der Einlaß begehrte.

„Du?“ fragte Lichtenstein erstaunt.

„Ich habe Ihnen gesagt, daß ich wiederkomme“, entgegnete der Besucher lächelnd. „Wie versprochen, habe ich einen Interessenten mitgebracht.“

Die zweite Person war groß und schlank und stand seitlich im dunklen Flur. „Es tut mir leid“, sagte Lichtenstein. „Im Moment paßt es schlecht, ich habe gleich einen Termin. Wenn du ... Wenn Sie vielleicht heute nachmittag noch einmal kommen könnten?“

„Es dauert nicht lange. Wir möchten uns nur rasch das Piano ansehen, Herr Lichtenstein.“

„Ja. Aber ich habe wirklich nicht viel Zeit.“

„Wir auch nicht“, sagte der Besucher freundlich.

Es war absurd, und es gab nicht den geringsten Grund dafür. Doch Hermann Lichtenstein bekam plötzlich Angst.

 

*   *   *

 

„Das habe ich gern“, schimpfte Richard Biddling. „Sie packen in aller Seelenruhe Ihren Kram zusammen, und ich kann sehen, wo ich bleibe!“

Kriminalwachtmeister Heiner Braun grinste. „Ich habe keine Sorge, daß Sie die Frankfurter Räuber und Mörder in Zukunft auch ohne mich überführen werden, Herr Kommissar.“ Er riß eine Seite aus einem Exemplar der Frankfurter Zeitung und wickelte zwei goldbemalte Kaffeetassen darin ein.

„Wahrscheinlich die neueste Ausgabe“, brummte Richard. „Die ich  selbstverständlich noch nicht gelesen habe.“

Heiner nahm die Zeitungsreste. „Hm ja, fast. 17. Januar 1904, Viertes Morgenblatt. Literarisches. Das Mineralreich von Dr. Reinhard Brauns, ordentlicher Professor der Universität Gießen. Der Verfasser der chemischen Mineralogie und der kleinen Mineralogie hat uns ein Werk vorgelegt, das im Vergleich zu den üblichen Handbüchern einen ganz eigenartigen Charakter trägt ...“

„Es reicht.“

„Von chromolithographisch erzeugten Krystallbildern kann man billigerweise nicht überall Vollkommenes erwarten.“

Richard nahm seinem Untergebenen die Zeitung weg. „Wollen Sie mir an Ihrem letzten Tag unbedingt den allerletzten Nerv rauben?“

Heiner sah ihn erstaunt an. „Ich hätte nicht gedacht, daß Sie nach fast zweiundzwanzig Jahren Zusammenarbeit noch einen übrig haben.“

„Es wird Zeit, daß Sie mir aus den Augen kommen, Braun!“

Heiner schloß seine abgewetzte Ledertasche.  „Ich hätte einen Antrag auf Verlängerung gestellt. Aber Helena ...“

„Schon gut“, fiel ihm Richard harsch ins Wort. Er haßte Verabschiedungen, vor allem, wenn sie endgültig waren.

„Was die Sache bei Pokorny & Wittekind angeht, bin ich allerdings wie Sie der Meinung, daß da einer tüchtig nachgeholfen hat, um das Ganze wie einen Unfall aussehen zu lassen, Herr Kommissar.“

„Das kann Ihnen jetzt gleich sein.“ Richard gab ihm die Hand. „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

„Wenn Sie Zeit haben ... Helena würde sich über einen Besuch freuen.“

„Mhm“, sagte Richard. Sentimentalitäten haßte er noch mehr als Verabschiedungen. Er blätterte in einer Akte.

„Ich war gestern abend noch mal in Bockenheim und habe mir diese Maschine erklären lassen. Der Dampf kann unmöglich von selbst ...“

„Braun! Haben Sie die feierlichen Worte unseres Herrn Polizeirats schon vergessen? Sie sind seit einer Stunde im Ruhestand.“

„Ich würde ...“

„Grüßen Sie Ihre Frau von mir.“

„Ja.“ Heiner nahm seine Tasche und ging zur Tür. Sein von unzähligen Fältchen durchzogenes Gesicht wirkte müde, und Richard wurde klar, daß seinem Untergebenen der Abschied mindestens so schwer fiel wie ihm selbst.

„Glauben Sie ja nicht, daß ich Sie aus der Pflicht nehme. Sollte ich in dieser verflixten Sache Ihren Rat brauchen, werde ich ihn suchen.“

„Danke.“

Richard schlug die Akte zu. „Herrje! Verschwinden Sie endlich!“

Heiner salutierte. „Zu Befehl, Herr Kommissar!“

Richard lachte. Vom Flur drangen Stimmen herein. Ein junger Polizist stürzte ins Büro. Sein Gesicht war rot vor Aufregung. „Herr Kommissar Biddling, Wachtmeister Braun ... Bitte entschuldigen Sie die Störung! Herr Polizeirat Franck läßt unverzüglich alle im Haus befindlichen Männer zu sich befehlen. Soeben ist ein Mord auf der Zeil gemeldet worden!“ 

 

  © Marion von Schröder Verlag, München, 2002

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