Die
Farbe von Kristall
Ein
historischer Kriminalroman
Roman

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Leseprobe ----------
Der
cristal ist ein kalter klarer stein, der
des fewrs dermaszen begirig ist, das, wann
er in die sonn gehalten wirdt, er die
nahe duerre ort oder materien anzuendet.
(Albertinus,
Antik mittelalterliche Wissenschaft vom Kristall)
*
* *
Haelt
in der Hand noch den Krystall, das zersprungene Glueck von Edenhall.
(Uhland,
1847)
*
* *
Die
Farben der Kristalle stellen unsichere Bestimmungskriterien dar, weil
sie durch geringste stoffliche Änderungen in einem weiten Spektrum
variieren.
(Encarta
Enzyklopädie 2000, Microsoft Corporation)
Prolog

Der
Wind hatte nachgelassen, aber es regnete noch. Auf dem Weg zwischen den Gräbern
lag nasses Laub. Es roch nach Vergänglichkeit. Victoria hatte gewußt, daß
er da sein würde. Sie blieb neben ihm stehen. Er hielt den Kopf gesenkt; von
seinem Hut tropfte der Regen. Der Grabstein glänzte im Licht einer Laterne.
Die Rosen hatte der Sturm zerstört.
„Ich
werde Frankfurt verlassen“, sagte sie.
„Wann?“
fragte er leise.
Sie
kämpfte gegen die Tränen. „Sobald das Urteil gesprochen ist.“
Er
sah sie an. „Sie sind stark, und Sie werden darüber hinwegkommen, Victoria.
Über das - und alles andere.“
„Das
haben Sie schon einmal zu mir gesagt, Herr Braun.“
„Und
hatte ich denn nicht recht?“ sagte er lächelnd.
Kapitel 1

Frankfurter
Zeitung
und
Handelsblatt
Dem
„Petit Parisien“ wird von seinem Berliner Korrespondenten der Inhalt einer
Unterredung mitgeteilt, die der deutsche Reichskanzler Graf Bülow dieser Tage
mit einem französischen Besucher gehabt hat. Nachdem der Reichskanzler
bestritten hatte, daß Deutschland irgendwelche schwarzen Pläne in China oder
im nahen Orient habe, gab er einen kleinen Exkurs
über Weltpolitik. Deutschland
ist friedlich und wünscht wesentlich seinen friedlichen Einfluß in der Welt
auszuüben. Nicht als Eroberer, sondern als Kaufleute erscheinen wir bei den nächsten
wie bei den entferntesten Nationen.
Die Verantwortlichkeit für die Richtigkeit dieser Äußerungen hat der
„Petit Parisien“ zu tragen. Unbülowisch klingen sie übrigens nicht.
Hermann
Lichtenstein legte die Zeitung beiseite und sah aus dem Fenster: ein trister,
verregneter Wintertag, aber auf der Straße herrschte reges Treiben. Das Rattern
der Droschken und Fuhrwerke und das Geschrei der Zeitungsjungen drangen bis in
den ersten Stock hinauf. Lichtenstein schaute zur Hauptwache hinüber, an deren
verlassenen Anblick er sich noch immer nicht gewöhnt hatte. Das Klingeln des
Telephons riß ihn aus seinen Gedanken. Er nahm den Fernsprecher vom Haken.
„Hier
Pianofortefabrik Lichtenstein & Co - Wer dort? ... Ah,
Herr Consolo! Herzlich willkommen in Frankfurt! Ihr Konzert heute abend?
Selbstverständlich werde ich Sie beehren, mein Lieber! Zusammen mit meiner
Gattin und meiner ältesten Tochter. Bitte? Sie suchen etwas Besonderes? Ich
glaube, ich kann Ihnen helfen ... einen Bechstein, wunderbar im Klang, erlesen
in der Verarbeitung. Vergangene Woche ausgeliefert ... Ja, ich habe Zeit. Ich
erwarte Sie in meinem Kontor. Ende.“
Ein
älterer Mann kam herein. „Ich wollte fragen, ob ich zu Tisch gehen kann, Herr
Lichtenstein? Frischer Kaffee steht nebenan auf dem Ofen.“
„Danke,
Anton. Ich habe gerade mit Herrn Consolo telephoniert. Er logiert im Frankfurter
Hof und möchte sich den Bechsteinflügel ansehen.“
Der
Auslaufer strich sich über sein schütteres Haar. „Dann werde ich so lange
warten.“
Lichtenstein
schüttelte den Kopf. „Soll ich dir jeden Tag das gleiche Lied singen, mein
Lieber?“
„Sie
sollten nicht so oft allein hier sein, Herr Lichtenstein.“
„Deine
Sorge um mein Wohlergehen ehrt mich, aber wie du weißt, befinden sich in meinem
Kassenschrank in der Hauptsache alte Bücher. Im übrigen pflegen Diebe nicht zu
Zeiten zu erscheinen, in denen draußen die halbe Stadt vorbeipromeniert.“
Der
alte Auslaufer musterte seinen Chef mit zusammengekniffenen Augen. „Statt den
ganzen Tag in diesem zugigen Büro zu stehen, sollten Sie lieber das Bett hüten,
Herr Lichtenstein.“
„Ach
was“, murmelte der Klavierhändler. „Das bißchen Schnupfen vergeht von
allein.“
„Wenn
Sie bitte erlauben: Sie sehen aus, als plagte Sie ein wenig mehr als bloß
Schnupfen.“
„Dummes
Zeug!“
Achselzuckend
wandte sich der Auslaufer ab und ging hinaus. Hermann Lichtenstein sah ihm mit
gemischten Gefühlen hinterher. Anton Schick stand seit dreiundzwanzig Jahren in
den Diensten der Familie Lichtenstein; er war eine treue Seele und neigte zu übertriebener
Vorsicht. Und manchmal hatte er diese Art, einen anzusehen, als könne er
Gedanken lesen! Der Klavierhändler schaute in den Spiegel, der zwischen zwei
Fenstern hing. Die Nase war rot, das Gesicht blaß, die Augen wirkten glasig,
aber das konnte man auf die Erkältung schieben. Er zündete eine Lampe an und
ging über den Flur ins Lager; vier düstere Räume, in denen sich mehr als
einhundert Klaviere, Harmonien und Flügel aneinanderreihten.
Der
Bechsteinflügel stand vor einem ungenutzten Kamin im hintersten Zimmer. Das
polierte Holz glänzte im Lampenschein. Es zu berühren war ein sinnlicher Genuß.
Consolo würde begeistert sein. Hermann Lichtenstein freute sich auf den Besuch
des italienischen Pianisten, der nicht nur eine Passion für edle
Musikinstrumente hatte, sondern auch kurzweilig zu plaudern verstand. Er setzte
sich, und die quälenden Gedanken an Fräulein Zilly verschwanden. Sanft
strichen seine Finger über die Tasten aus Elfenbein; die ersten Akkorde von
Beethovens viertem Klavierkonzert erklangen. Irgendwo im Haus flog eine Tür ins
Schloß. Abrupt beendete Lichtenstein sein Spiel. Ihr Haar hatte geglänzt wie
Gold. Und dann hörte die Erinnerung auf. Er schloß den Flügel, daß es an den
Wänden widerhallte. Karl Hopf gehörte gevierteilt! Ihn in diese Pfefferhütte
zu schleppen! Die Türglocke läutete. Lichtenstein zog seine Taschenuhr
hervor. Kurz vor halb eins. Ernesto Consolo war früh dran.
Doch
es war nicht der italienische Pianist, der Einlaß begehrte.
„Du?“
fragte Lichtenstein erstaunt.
„Ich
habe Ihnen gesagt, daß ich wiederkomme“, entgegnete der Besucher lächelnd.
„Wie versprochen, habe ich einen Interessenten mitgebracht.“
Die
zweite Person war groß und schlank und stand seitlich im dunklen Flur. „Es
tut mir leid“, sagte Lichtenstein. „Im Moment paßt es schlecht, ich habe
gleich einen Termin. Wenn du ... Wenn Sie vielleicht heute nachmittag noch
einmal kommen könnten?“
„Es
dauert nicht lange. Wir möchten uns nur rasch das Piano ansehen, Herr
Lichtenstein.“
„Ja.
Aber ich habe wirklich nicht viel Zeit.“
„Wir
auch nicht“, sagte der Besucher freundlich.
Es
war absurd, und es gab nicht den geringsten Grund dafür. Doch Hermann
Lichtenstein bekam plötzlich Angst.
*
* *
„Das
habe ich gern“, schimpfte Richard Biddling. „Sie packen in aller Seelenruhe
Ihren Kram zusammen, und ich kann sehen, wo ich bleibe!“
Kriminalwachtmeister
Heiner Braun grinste. „Ich habe keine Sorge, daß Sie die Frankfurter Räuber
und Mörder in Zukunft auch ohne mich überführen werden, Herr Kommissar.“ Er
riß eine Seite aus einem Exemplar der Frankfurter Zeitung und wickelte
zwei goldbemalte Kaffeetassen darin ein.
„Wahrscheinlich
die neueste Ausgabe“, brummte Richard. „Die ich
selbstverständlich noch nicht gelesen habe.“
Heiner
nahm die Zeitungsreste. „Hm ja, fast. 17. Januar 1904, Viertes Morgenblatt.
Literarisches. Das Mineralreich von Dr. Reinhard Brauns, ordentlicher Professor
der Universität Gießen. Der Verfasser der chemischen Mineralogie und der
kleinen Mineralogie hat uns ein Werk vorgelegt, das im Vergleich zu den üblichen
Handbüchern einen ganz eigenartigen Charakter trägt ...“
„Es
reicht.“
„Von
chromolithographisch erzeugten Krystallbildern kann man billigerweise nicht überall
Vollkommenes erwarten.“
Richard
nahm seinem Untergebenen die Zeitung weg. „Wollen Sie mir an Ihrem letzten Tag
unbedingt den allerletzten Nerv rauben?“
Heiner
sah ihn erstaunt an. „Ich hätte nicht gedacht, daß Sie nach fast
zweiundzwanzig Jahren Zusammenarbeit noch einen übrig haben.“
„Es
wird Zeit, daß Sie mir aus den Augen kommen, Braun!“
Heiner
schloß seine abgewetzte Ledertasche. „Ich hätte einen Antrag auf Verlängerung gestellt. Aber Helena ...“
„Schon
gut“, fiel ihm Richard harsch ins Wort. Er haßte Verabschiedungen, vor allem,
wenn sie endgültig waren.
„Was
die Sache bei Pokorny & Wittekind angeht, bin ich allerdings wie Sie der
Meinung, daß da einer tüchtig nachgeholfen hat, um das Ganze wie einen Unfall
aussehen zu lassen, Herr Kommissar.“
„Das
kann Ihnen jetzt gleich sein.“ Richard gab ihm die Hand. „Ich wünsche Ihnen
alles Gute.“
„Wenn
Sie Zeit haben ... Helena würde sich über einen Besuch freuen.“
„Mhm“,
sagte Richard. Sentimentalitäten haßte er noch mehr als Verabschiedungen. Er
blätterte in einer Akte.
„Ich
war gestern abend noch mal in Bockenheim und habe mir diese Maschine erklären
lassen. Der Dampf kann unmöglich von selbst ...“
„Braun!
Haben Sie die feierlichen Worte unseres Herrn Polizeirats schon vergessen? Sie
sind seit einer Stunde im Ruhestand.“
„Ich
würde ...“
„Grüßen
Sie Ihre Frau von mir.“
„Ja.“
Heiner nahm seine Tasche und ging zur Tür. Sein von unzähligen Fältchen
durchzogenes Gesicht wirkte müde, und Richard wurde klar, daß seinem
Untergebenen der Abschied mindestens so schwer fiel wie ihm selbst.
„Glauben
Sie ja nicht, daß ich Sie aus der Pflicht nehme. Sollte ich in dieser
verflixten Sache Ihren Rat brauchen, werde ich ihn suchen.“
„Danke.“
Richard
schlug die Akte zu. „Herrje! Verschwinden Sie endlich!“
Heiner
salutierte. „Zu Befehl, Herr Kommissar!“
Richard
lachte. Vom Flur drangen Stimmen herein. Ein junger Polizist stürzte ins Büro.
Sein Gesicht war rot vor Aufregung. „Herr Kommissar Biddling, Wachtmeister
Braun ... Bitte entschuldigen Sie die Störung! Herr Polizeirat Franck läßt
unverzüglich alle im Haus befindlichen Männer zu sich befehlen. Soeben ist ein
Mord auf der Zeil gemeldet worden!“
© Marion von Schröder Verlag, München, 2002
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