1.
Als der Schneider
Verlag Ihr erstes Jugendbuch kaufte, haben Sie das Studium
abgebrochen und sind mit 26 Jahren freier Schriftsteller geworden.
Würden Sie das mit der heutigen Erfahrung wieder so machen?
Eigentlich fragen
Sie ja: Was raten Sie jemandem, der sich heute in einer ähnlichen
Situation befindet wie Sie damals vor dreißig Jahren? Und das ist
eine verdammt schwer zu beantwortende Frage, schon weil sich die
Verhältnisse in der Buchbranche in den vergangenen Jahrzehnten
erheblich verändert haben.
Zur Zeit meines
Anfangs als Berufsschriftsteller gab es mehr unabhängige Verlage als
heute. Ich kenne fast alle Verlage, die heute unter dem Dach von C.
Bertelsmann/Random House firmieren, noch
als eigenständige Häuser. Andererseits ist das natürlich auch keine
Garantie gewesen, sein Manuskript leicht verkaufen zu können. Man
hofft immer, dass sich Qualität letztendlich durchsetzt. Aber als ob
der steinige Weg zur Veröffentlichung nicht schon bitter genug wäre
für alle Nachwuchsautoren, es kommt hinzu, das nur zwei Prozent
aller Autoren, die Bücher veröffentlichen, von ihren Tantiemen leben
können – und die meisten von dieser "gesegneten Zwei-Prozent-Gruppe"
auch nur gerade so über Hartz IV-Niveau.
Achtundneunzig Prozent aller Autoren, die man in Bibliotheken und
Buchhandlungen sieht, haben einen Brotberuf oder einen
gutverdienenden (Ehe)Partner! Rein
statistisch gesehen ist die Schriftstellerei eine Kunst, von der man
nicht leben kann.
Jeder erfolgreiche
Autor kennt die unzähligen Begegnungen mit gewissen Mitmenschen bei
Lesungen oder auf Partys, die einem versichern, dass ihre
Lebensgeschichte der Stoff des wahren Bestsellers sei. Dass das, was
sich bei anderen so leicht liest, zumeist das Ergebnis langer und
harter Arbeit ist, will den wenigsten in den Kopf. Viele
überschätzen sich und würden schon daran scheitern, einen
ordentlichen Heftroman zu schreiben. Denn selbst ein solches
Manuskript erfordert ein gewisses Maß an Können, was Handwerk, Plot
und Ausdruck betrifft. In den 70er Jahren fehlten einem großen
Heftchenverlag im Kölner Raum, der Krimis, Western und Liebesromane
veröffentlichte, Autoren. Er inserierte in der Verbandzeitschrift
der Journalisten. Mehrere Dutzend Journalisten meldeten sich auf die
Anzeige hin beim Verlag, offenbar im Glauben, auf die Schnelle
nebenbei ein paar Tausender mit dem Verfassen von Heftromanen
verdienen zu können. Das Erwachen dieser Journalisten war bitter.
Wenn ich mich recht erinnere, scheiterten alle bis auf zwei. Die
überwiegende Mehrzahl hatte ihre Fähigkeiten überschätzt, einen
"primitiven" Western oder Krimi zu schreiben. Apropos
Selbstüberschätzung. Das ist ein gutes Stichwort, das mich der
Beantwortung Ihrer Frage ein Stückchen näher bringt. Jeder Autor,
insbesondere ein junger, braucht Selbstüberschätzung. Denn wenn er
nicht an sich selbst glaubt, wer soll es dann tun?
Aber diese
Selbstüberschätzung darf meines Erachtens nicht materiell
ausgerichtet sein im Sinne von: "Ich will und kann das schreiben und
werde so viel Kohle scheffeln wie XYZ!" Die Quelle muss ein inneres
Brennen sein, das sich einfach nicht löschen lässt und das einen zum
Schreiben bringt, egal wie mies die Chancen stehen und egal, was das
persönliche Umfeld einem an Knüppeln zwischen die Beine wirft. Wer
in sich diese brennende Leidenschaft nicht spürt, die ihn zu großen
Opfern bereit macht, der sollte um Gottes Willen zuerst einen Beruf
zum Broterwerb ergreifen und nebenbei schreiben.
Meine Devise war
immer und ist es heute noch: Nicht das Leben verträumen, sondern die
Träume leben! Aber dazu gehört auch der unbeugsame Willen, zur
Verwirklichung dieser Träume alles zu geben – und mit eiserner
Disziplin hart zu arbeiten.
2.
Sie haben 48
Bücher geschrieben, sechs Millionen Exemplare wurden verkauft. Damit
zählen Sie zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern.
Wie schaffen Sie es, so fleißig zu sein?
Die Fantasie und
Kreativität eines Menschen ist für einen fröhlich bekennenden
Christen wie mich ein Geschenk Gottes. Dafür kann ich nichts. Aber
das Talent ist nur der Rohdiamant, der erst noch geschliffen werden
muss. Es ist der Ausgangspunkt einer möglichen Karriere und hat
bestenfalls fünf Prozent Anteil am Erfolg. Fünfundneunzig Prozent
sind Disziplin und harte Arbeit. Das Handwerk will gelernt sein und
eingeübt sein. In den ersten 15 Jahren meines Lebens als
Berufsschriftsteller habe ich fast durchgängig täglich 10-12 Stunden
geschrieben. Das tue ich auch heute noch, etwa wenn ich mich ins
Kloster Himmerod zum Marathonschreiben
zurückziehe, um einen Roman zu beenden. Eiserne Arbeitsdisziplin und
Ausdauer waren entscheidend für meinen Erfolg – und für den von
vielen anderen Autoren, insbesondere von denen, die sich über Jahre
und Jahrzehnte hinweg gegen die Konkurrenz behaupten. Aber ohne ein
Feuer der Leidenschaft ist die Disziplin auf Dauer nicht
aufzubringen und durchzuhalten.
3.
Gehen Ihnen neue
Romane inzwischen leichter von der Hand, weil Sie genug
Selbstvertrauen und handwerkliche Kenntnisse gewonnen haben?
Ob mir das
Schreiben leichter von der Hand geht? O Gott, nein! Ganz Im
Gegenteil! In den Jugendjahren meines Schriftstellerlebens war ich
herrlich ignorant gegenüber meinen vielen handwerklichen Schwächen.
Ich glaubte, der Größte zu sein und alles zu können. Diese Hybris
ist längst verflogen. Je älter ich werde und je schwerer die
Aufgaben werden, an die mich wage, desto stärker werden meine
Selbstzweifel. Vor jedem neuen Roman quält mich die Angst, der
Herausforderung diesmal nicht gewachsen zu sein und kläglich zu
scheitern. Die Zweifel verlassen mich auch beim Schreiben nicht.
Voller Bangen erwarte ich das Urteil meiner Cheflektorin, pendele
zwischen Jauchzen und Niedergeschlagenheit.
Ich schreibe viel
langsamer als früher, weil ich selten mit dem zufrieden bin, was da
auf dem Bildschirm steht. Inzwischen begreife ich, was Schreiben
sein kann, wie genial andere formulieren und wie groß oft noch die
Kluft zwischen dem ist, was ich im Kopf an Bildern und Stimmungen
habe, und dem, was letztlich schriftlich herauskommt. Jede
Leidenschaft bringt dem, der sich ihr hingibt, eine Menge Leiden.
Früher waren es für mich die rein physischen Leiden des Schreibens,
also, die Disziplin nicht schleifen zu lassen und monatelang Tag für
Tag 10-12 Stunden zu arbeiten. In den letzten Jahren hat sich dazu
das psychologische Leiden aus Selbstkritik und Selbstzweifeln
gesellt. Damit muss man zu leben lernen. Solange man merkt, dass man
immer ein bisschen besser wird, lohnt es sich, sich diesem doppelten
persönlichen Druck aussetzen. Von dem Druck, den man als
erfolgreicher Autor von Verlag und Buchhandel erfährt, will ich erst
besser gar nicht anfangen.