Immer
wieder wird gefragt, was denn ein Autor für Lesungen verlangen kann. Es gibt
eine Empfehlung des VS (Verband der Schriftsteller) über 250 €
Mindesthonorar. Hört sich gut an! Ein "Newcomer", der versucht, das
in die Tat umzusetzen, dürfte allerdings recht bald ernüchtert sein. Also,
welche Empfehlung soll, darf, kann man geben? Hier der Versuch einer
Antwort:
Ich bin
der Meinung, daß Autoren für ihre Leistung (also Bücher schreiben und
Lesungen) grundsätzlich honoriert werden müssen. Allerdings gilt es,
Relationen zu beachten. Ich bezeichne mich nun wahrlich nicht als auf den Mund
gefallen, und ich mache bis heute viele "Sekundärarbeiten" (z. B. PR)
für meine Bücher, für die eigentlich der Verlag zuständig ist. Nicht so im
Bereich Lesungen, das läuft mittlerweile völlig von selbst, und natürlich
kann ich ein "anständiges" Honorar nehmen.
Aber ich muß doch ganz ehrlich fragen, wie lange es gedauert hat, dahin zu
kommen! Wenn ich an mein allererstes Buch denke und meine ersten Lesungen
daraus, so war ich froh, daß ich überhaupt irgendwo lesen DURFTE. Meine ersten
Kontakte habe ich in meinem heimatlichen Umfeld geknüpft, das heißt, ich
selbst habe mich um Lesungen gekümmert, weil ich lesen WOLLTE. Es ist nun mal
ein Unterschied, ob man wegen Lesungen angefragt wird oder ob man sich selbst
irgendwo anbietet und dann auch selbst die Honorarforderung stellen muß.
Selbstverständlich erbringt man eine Leistung, und diese Leistung gehört
honoriert. Die Frage ist: Wie hoch soll die Honorierung sein? Was ist also
"angemessen"?
Ich habe - was ich heute nicht mehr machen würde - auch ohne Honorar gelesen!
Ich habe auch für Peanuts gelesen! Selbst, als mein erster Roman in einem großen
Verlagshaus erschien, habe ich für meine Lesungen die Plakate selbst drucken
lassen, weil der Verlag es nicht als erforderlich ansah, die Veranstalter aber
welche wollten. Sicher hätte ich nein sagen können, aber was hätte ich damit
gewonnen? Die Frage lautet also schlicht: Wem nützt es?
Lesungen haben, auch wenn nur zehn Leute kommen (und damit sollte man als
blutiger Anfänger durchaus schon zufrieden sein), einen Mehrfach-Effekt, der
sich nicht nur an den vier verkauften Büchern und der Höhe des Autorenhonorars
bemessen läßt. Je nach Thema des Buches kann man vielleicht die örtliche
Presse anlocken, es ergeben sich Gespräche mit dem Buchhändler, der den Büchertisch
macht (der dann wiederum zu dem Buch ein "passendes" Gesicht hat, und
das Buch - Gefallen vorausgesetzt - über längere Zeit an seine Kunden
empfehlen wird), und, und.
Die Zunahme an Lesungsanfragen ergibt sich übrigens ziemlich oft aus bloßer
Mundpropaganda, und die wenigsten wissen, daß es beispielsweise
Bibliotheker-Treffen gibt, bei denen sich Mitarbeiter von Stadtbibliotheken auch
darüber unterhalten, welche Autoren man für Lesungen weiterempfehlen kann.
Aber um überhaupt dort Gesprächthema zu werden, muß man erst mal überhaupt
irgendwo lesen, und es dürfte klar sein, daß Lieschen Müller mit ihrem ersten
Krimi weniger Zuhörer erwarten läßt als die über Wochen fast täglich in der
Bild-Zeitung hofierte "Naddel", Herr Bohlen, oder "Effe"
und wie sie alle heißen. Man kann das beklagen, den Sittenverfall bejammern und
höchst ungerecht finden, aber mir als Autor hilft das alles überhaupt nicht
weiter.
Die immer wieder kolportierte Geschichte vom über Nacht vom Himmel gefallenen
Bestsellerautor ist eine Mär; Tatsache ist, daß die weitaus größte Zahl an
Autoren sich ihre Bekanntheit mühsam und über längere Zeit hinweg aufbauen mußten
bzw. immer wieder müssen.
Und da nützt es wenig, als "Newcomer" Ansprüche zu stellen, die von
vornherein utopisch sind. 250 € für eine Lesung eines völlig unbekannten
Autors in einer kleinen Stadtbibliothek sind utopisch. Zumindest in 95% der Fälle.
Wenn ich sage, daß ich auch ohne Honorar gelesen habe (sogar noch, als meine Bücher
bereits ganz gute Auflagen hatten), so möchte ich doch einschränkend anfügen,
daß man DAS nun möglichst NICHT tun sollte. Aus dem einfachen Grund, weil
sonst Veranstalter davon ausgehen, daß Literatur grundsätzlich gratis zu haben
ist. Jeder noch so kleine Veranstalter sollte doch wenigstens ein kleines Budget
haben, aus dem er den Autor entlohnt.
Ich frage mich auch, warum sich Veranstalter so oft scheuen, Eintritt für
Lesungen zu nehmen. Meine Erfahrung aus mehr als 100 Lesungen ist, daß
durchschnittlich mehr Leute kommen, wenn Eintritt erhoben wird. Das klingt
widersinnig, ist aber eigentlich logisch: Was nix kostet, ist nix! (Ein
Eintrittspreis zwischen 3 und 5 Euro wird von den Leuten klaglos akzeptiert.
Wenn die Resonanz auf eine Lesung mau war, liegt es garantiert NICHT am Eintritt
von 5 Euro, sondern vielmehr an mangelnder PR für die Lesung.)
Wichtig ist meiner Meinung nach, daß ein Autor lernt, sich und seine Position
im Markt (und das ist die Bücherwelt nun mal, ob es uns gefällt oder nicht!)
richtig einzuschätzen und abzuwägen, was möglich und was Wunschvorstellung
ist. Und diese "Position" hat nun zunächst einmal und für sich
gesehen nicht automatisch etwas mit der Qualität des "Produktes" Buch
zu tun. Das erklärt, warum Daniel Küblböck für sein Buch mehr Publicity
bekommt als Lieschen Müller und demzufolge natürlich auch höheres Honorar für
Auftritte verlangen kann. Die Frage ist, wie das Ganze in fünf Jahren aussieht,
aber die Diskussion darüber bringt mich als Autor im Hier und Jetzt nicht
weiter.
Immer wieder mal wird gefordert, Honorartabellen zu veröffentlichen. Das hört
sich gut an, aber ich gebe zu bedenken, daß das Honorar allein im Bereich der Künste
nichts aussagt. Es kommt maßgeblich auf den oder diejenige an, die mit dem
"Kunst-Produkt" zusammenhängt und, nicht zu vergessen, wie bei allen
Produkten, auf die Nachfrage, woraus sich der "Preis" unmittelbar
ergibt. (Ich glaube nicht, daß jemand meine olle Badewanne in eine Ausstellung
gestellt hätte, nur weil die Nikola Hahn furchtbar kreativ ist und drei
Pflaster draufgeklebt hat. Wenn das ein Beuys machte, sah das anders aus. Sollte
ich mir darüber die Haare raufen oder vielleicht besser überlegen, was ich
sonst mit dem Ding anstellen kann, damit es mir irgendwie nützt? Also hab ich
sie im Garten vergraben und so die Ausgabe für einen Plastikteich gespart.
Immerhin auch ein geldwerter Vorteil.)
Spaß beiseite: Es hilft einem Debütanten herzlich wenig zu wissen, daß eine
Ingrid Noll für einen Roman 100 000 € Vorschuß oder für eine Lesung
1000 € Honorar kriegt. (Ist nur ein fiktives Beispiel, ich weiß nicht, wie
viel sie bekommt.)
Ich kann es nur wiederholen: Wichtig ist, als Autor seine Möglichkeiten und
Chancen realistisch einzuschätzen und danach zu handeln. Das bedingt, sich
weder in Sack und Asche zu kleiden, noch sich eine Krone aufzusetzen, die ständig
vom Kopf rutscht, weil sie einfach (noch) zu groß ist.
In diesem Sinne viel Glück beim Organisieren Eurer/Ihrer Lesungen!
Nikola
