Frankfurter
Zeitung und Handelsblatt
20.
März, 3. Morgenblatt
Von
der Automobilausstellung.
Wer
die Ausstellung von 1900, die gleichfalls in der landwirtschaftlichen
Halle abgehalten wurde, mit der heurigen vergleicht, der wird die
Kraftfahrzeuge, wie sie sich jetzt präsentieren, kaum wiedererkennen.
Ein Fachmann versicherte uns, daß die Automobilindustrie auf dem Gipfel
der Vollkommenheit und des technisch Erreichbaren angelangt sei. Diese
Aussage mag etwas optimistisch klingen. Jedenfalls aber erkennen wir
klar und deutlich, welch großartige Resultate in dieser jungen
deutschen Industrie erzielt wurden.
Was
bei fast allen zur Schau gestellten Wagen auffällt, ist die in jeder
Beziehung exquisite Eleganz der Ausführung, die bis in die kleinsten
Details saubere und solide Arbeit und die außerordentliche
geschmackvolle und aparte Form und Farbenzusammenstellung. Bemerkenswert
ist auch der ziemlich einheitliche Bau der Fahrzeuge. Wer Interesse hat
an Zahnrädern, die sich nicht abnutzen und deren Zähne nicht
wegbrechen, an Wellen, die sich nicht verdrehen und nicht verbiegen, an
Achsschenkel, die nach 50000 km. noch ebenso widerstandsfähig sind wie
zuvor, an Ventilen, die trotz größter Hitze und harter Schläge keine
Trennung des Ventilators von Schaft erstreben, der sehe sich die
Kruppschen Stahlproben an.
Um
8 ½ Uhr begann das Festmahl im Fürstenhof, an dem weit über 200
Personen teilnahmen. Neben der Ausstellungsleitung waren u. a. anwesend
der Präsident des Deutschen Automobilclubs, Herzog Viktor von Ratibor,
Polizeipräsident Scherenberg, Bürgermeister Dr. Varrentrapp. Den
ersten Trinkspruch brachte der Herzog von Ratibor aus. Er galt dem
Kaiser, der dem Automobil von Anfang an sein Wohlwollen und seine fördernde
Unterstützung geliehen habe.
Frankfurter
Zeitung und Handelsblatt
Mittwoch,
8.Juni 1904
Vor
dem Gordon-Bennett-Rennen.
Allmählich
beginnt das große Publikum, sich für den Kampf um den Bennettschen
Goldpokal zu interessieren. Langsam, langsam wird der Automobilsport
populär. Zunächst profitieren die Eisenbahn und die Elektrische, die
Wirte in Dornholzhausen und der Besitzer des Saalburg-Restaurants davon.
Wenigstens haben wir noch nie eine solche Wallfahrt nach der Saalburg
erlebt, wie am letzten Sonntag. Die in Homburg einlaufenden Züge waren
endlos lang und wohlgefüllt, die elektrische Bahn, die die Bequemen
nach der Saalburg hinausführt, fuhr mit schwerster Belastung und konnte
stundenlang ihr Schild „Besetzt“ hängen lassen. Außerdem fauchten
die Automobile herauf, glitten die Räder über die Zufahrtswege, kamen
Massen von Fußgängern herangezogen. Fast alle Besucher, die geduldig
Staub geschluckt und Sonnenglut erlitten hatten, wandten sich rechts zur
Chaussee, um die Tribüne und andere Vorbereitungen zum Gordon
Bennett-Rennen zu schauen. Einstweilen steht von der großen Tribüne
nur das Gerippe. Die Konstruktion ist fertig und es hat den Anschein, daß
die Besucher dieser teuren Plätze Start und Ankunft der Autos, sowie
die Insassen der Kaiserloge bequem werden sehen können. Viele lockt ja
doch nur die Gelegenheit, „mit dabei zu sein“.
Von
der großen Tribüne führt rechts ein Weg zu einem Podium, von dem man
einen schönen Blick auf die Usinger Landstraße hat und die
dahinsausenden Renner gut verfolgen kann, natürlich nur einige
Augenblicke. Man ist eifrig dabei, die Straße mit Stacheldraht
einzuhegen: 70,000 Meter, so sagte man uns, sind erforderlich. Die Post
hat sich in einem Holzhäuschen hinter der Tribüne bereits installiert,
eine große Anzahl Telegraphenapparate harren des Momentes, in dem sie
des Siegers Namen in die Welt tragen können. Die Sonntagsausflügler
mochten recht enttäuscht sein, daß so wenig „zu sehen“ war. Sie
kletterten auf der Tribüne herum und suchten sich ein Bild von dem großen
Tage zu machen. Doch dazu gehörte viel Phantasie.
Frankfurter
Zeitung und Handelsblatt
Freitag,
17. Juni 1904
Ein
schwerer Automobilunfall auf der Gordon-Bennett-Rennstrecke.
Weilburg,
16. Juni, 8 N. (Priv.-Tel.) Soeben erfuhr ich auf der hiesigen Bürgermeisterei,
daß kurz vor Gräfenwiesbach ein schwerer Automobilunfall stattgefunden
hat. Ein ausländischer Baron (der Name war nicht zu ermitteln), der das
Automobil selbst steuerte, hatte die Bremse bei einem steilen Wegabsturz
zu schnell angezogen, das Automobil überschlug sich und alle Insassen
wurden herausgeschleudert und angeblich schwer verletzt. Der Baron soll
das Rückgrat gebrochen haben, seine Frau innere Verletzungen und der
dritte Insasse ebenfalls schwere Verletzungen davongetragen haben. Die
Verunglückten wurden ins Krankenhaus zu Usingen gebracht.
Frankfurter
Zeitung und Handelsblatt
Freitag,17.
Juni 1904
Das
Rennen.
An
der Saalburg ist der Start. Es ist historischer Boden. Funkelnagelneu
erhebt sich das alte Römerkastell, einst eine Befestigung des Limes
imperii Romani an der großen Völkerstraße, heute Museum, Erinnerung,
steinerner Anschauungsunterricht, ein Mahner an die Vergänglichkeit der
Menschen, Völker und Reiche. Zwei Jahrtausende fast sind verflossen,
seit hier die Kohorte der Raeter lag, zwei Jahrhunderte hat sich die römische
Herrschaft da oben behauptet, bis die Kraft der Alemannen und Franken
sie brach. Aber heute ist gleich rechts von dem trutzigen Kastell der
Start zum Gordon-Bennett-Rennen! Wir schreiten nicht durch die Porta
Decumana, die Bronzestatue des Antonius Pius lockt uns nicht, die
Exerzierhalle und das Lagerheiligtum liegen vereinsamt. Wo einst die römischen
Krieger ihre Wurfspeere schleuderten, da entbrennt heute ein
friedlicher, aber nicht weniger heißer Kampf.
In
schwerer, romanisierender Architektur, aber doch leicht und luftig in
die Höhe steigend, erhebt sich die braun-blau-rote Tribüne. 2500 Damen
und Herren zahlen 50 Mk. für das Recht, auf einem der hellroten Stühle
des Amphitheaters Platz zu nehmen und den Start, das Vorbeisausen und
den Sieg mit zu erleben. In der Mitte der linken Hälfte ist die
kaiserliche Loge. Von hier werden die Bewerber um die goldene Trophäe,
die Steuermänner der englischen, österreichischen, italienischen
Kraftwagen, die Lenker der von Frankreich, Belgien und Deutschland
entsandten Automobile entlassen. Die Fahrt geht ins Ungewisse. Ein Weg
muß abgerannt werden, der an Länge der Eisenbahnstrecke
Frankfurt-Basel und zurück entspricht.
Gegenüber
der Loge der Fürstlichkeiten liegt die Loge der Zielrichter,
Zeitnehmer, Starter und Preisrichter. Die Obersten des Deutschen
Automobilclubs walten hier ihres gewiß nicht leichten Amtes. Sie haben
eigene Telephonschränke und verfügen über den Telegraphendraht aus
erster Hand.
Die
vielen Fachworte, über welche die Sportsmen auf dem grünen Rasen verfügen,
sind für den aufstrebenden Autlersport noch nicht geprägt. Mit
„Nasenlängen“ können die höllisch duftenden Kraftmaschinen
einander nicht schlagen, vielleicht wird man nach „Schnauferln“
rechnen. Eines steht jedenfalls fest: Der Autosport hat seine
begeisterten Anhänger wie jeder andere, und daß es ihnen an
Begeisterungsfähigkeit und Opferfreudigkeit nicht fehlt, beweisen die
Vorbereitungen zum Gordon-Bennett-Rennen.
Dieser
Wettkampf begegnet auch Widerstreben und feindlicher Stimmung, nicht nur
bei Leuten, die grundsätzlich das Automobil hassen. Viele halten ein
solches Wettrennen für zwecklos; sie sagen, daß man nicht mehr da von
einem friedlichen Wettkampf sprechen kann, wo gewissermaßen jeder
Bewerber eine T o d e s f a
h r t antritt. Das Eine muß
man aber feststellen, daß die Veranstalter alles, was in ihren Kräften
lag, getan haben, um die Unfälle auf das geringste Maß zurückzuführen.
Der Unheil bringende Staub wird sich nicht erheben; der Staub war es,
der auf der Fernfahrt Paris-Madrid – sie scheiterte unterwegs –
manchem Tod und Verderben brachte. Auch für die Sicherheit der
Zuschauer hat man gut gesorgt. Und so wollen wir hoffen, daß dem
heurigen Gordon-Bennett-Rennen eine freundliche Sonne scheine.
Weilburger
Momentbilder.
Weilburg
a. d. Lahn, 16. Juni. Wie schön könnte es hier sein! Ein glücklicher
Zufall hat mich in eine Herberge geführt, deren Terrasse nach dem
idyllischen Lahntale gelegen ist. In sanften Biegungen gleitet der
glitzernde Strom durch saftiggrüne Ufer, die allmählich höher
emporsteigen und mit Waldungen bedeckt sind. Ich höre das Wasser über
dem Rade einer Talmühle rauschen, sehe die flockigen weißen Wolken über
den azurblauen Himmel eilen, und – –
„Automobil“
– „Automobil“. – Ja ich vergaß! Derselbe glückliche Zufall ließ
meine Herberge auch an der Landstraße liegen, die direkt auf das viel
besprochene Weilburger Landtor führt. Zwei Fenster meines Zimmers sehen
auf diese Landstraße herab und alle Augenblicke schallt aus hundert
Kinderkehlen der Ruf zu mir empor: „Automobil“ – „Automobil!“
Und wenige Augenblicke darauf saust eine Maschine im gemäßigten Tempo
an meinem Hause vorüber.
Weilburg
ist nämlich ein „neutralisierter“ Ort und kurz vor der steilen
Einfahrt in die Stadt ist die Straße mit einem blauen Tuche überspannt,
das „langsam fahren“ bedeutet! Man hat also genügend Zeit, sich die
Wagen und deren Insassen etwas genauer anzusehen.
Automobile
in allen Formen und Farben, mit zwei, vier und sechs gepolsterten
Sitzen, ohne Verdeck und mit Verdeck, offen und durch Glasfenster
geschlossen, mit und ohne – Gestank, geräuschlos dahingleitend oder
stöhnend wie ein an Asthma schwer leidender alter Herr, ohne Abzeichen
oder mit kleinen, flatternden Fähnchen geschmückt, mit Leuten in
unheimlichen Vermummungen besetzt – Automobile ohne Zahl sausen in
kurzen Zwischenräumen vorüber und werden von der Jugend mit Tücherschwenken
und Hurrahrufen empfangen.
Das
Vorspiel in und um Homburg.
Große
Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In Homburg – wir schreiben
diese Zeilen am Vorabend des Gordon-Bennett-Rennens des Jahres 1904 –
kann man gegenwärtig alles haben, auch noch möblierte Zimmer, nur
keine benzinfreie Luft. Das surrt und zischt, das knattert und rattert
vom ersten Hahnenschrei an bis zum letzten Stammgastseufzer. Hunderte
von Automobilen sausen durch die Straßen. Wer da meint, daß sie alle
die vorschriftsmäßige Fünfzehn-Kilometer-Geschwindigkeit einhalten,
irrt sich. Aber die Chauffeurs, die Herren- und die Berufsfahrer
verstehen ihr Handwerk. Meisterhaft steuern sie das Gefährt, die großen
und die kleinen Wagen, die amphitheatralisch aufgebauten und die
zierlichen, die nach Art der Kabriolets, die kurzen und die langen.
Welche Mannichfaltigkeit der Wagentypen!
Ein
Jahrzehnt hat auf diesem Gebiet mehr Varietäten geschaffen, als die
jahrtausendlange Wagenbaukunst aller Völker aufweist. Und das Non plus
ultra ist der Rennwagen. Man stelle sich ihn nicht als ein Ungetüm von
gewaltigen Dimensionen vor. Im ruhenden Zustand macht er eher einen
bescheidenen Eindruck. Wehe aber, wenn er losgelassen! Sein
langgestreckter Leib scheint ständig zu wachsen. Unheimliches Fauchen,
von starken Detonationen unterbrochen, verkünden sein Kommen. Wenn er
an einer Biegung die Fahrt etwas verlangsamt und dann wieder mit
Donnergepolter losbricht, glaubt man einen Stoßvogel zu sehen, wie er
sich auf seine Beute stürzen will. Oder auch, um ein aktuelles Bild zu
gebrauchen, ein Torpedogeschoß, das eben den Vernichtungsgang
angetreten hat.
Die
Rennwagen sind den ganzen Tag auf der Strecke. Wenn sie ihr Homburger
Standquartier verlassen oder dahin zurückkehren, folgt ihnen die
allgemeine Aufmerksamkeit. Man hört sie von Weitem kommen, und wenn man
selbst die Augen schließt und die Ohren zuhält, ist man im Stande, sie
zu erkennen: man r i e c h
t sie!
Das
Gordon-Bennett-Rennen hat das Wunder bewirkt, daß man in Homburg Geräusch
und Geruch mit bewundernswertem Gleichmut der Seele erträgt. Und was
das Hauptwunder ist: die edlen Equipagenrosse, der schläfrige
Droschkengaul, der muskelstarke Lastenzieher, sie haben sich sämtlich
in den Gang der Dinge gefunden, tun alles recht und scheuen vor
niemandem, selbst nicht vor den am rücksichtslosesten fahrenden
belgischen Rennwagen. Die Hunde, klug wie immer, gehen den knatterten
Wagen vorsichtig aus dem Wege.
Das
Getümmel nimmt von Stunde zu Stunde zu. Die Frankfurter Züge laufen
mit erheblicher Verspätung ein. Ich bin „klug und weise“, besteige
am Ende der Stadt eine Elektrische, gondle bequem zum Bahnhof und –
bleibe sitzen. Ich habe meinen Platz, und lächle schadenfroh, während
die andern sich einen mühsam erkämpfen müssen. Homburg hat sich früh
aus den Federn gemacht. Etliche Geschäfte sind schon von vier Uhr an geöffnet,
namentlich die Rasier- und Frisierräume. Auf einer großen Wiese im
Kurgarten schwankt der Fesselballon von Frl. Paulus hin und her. Von
diesem hohen „Standpunkt“ aus muß man eine prächtige Übersicht über
die Rennstrecke genießen. Auch wir genießen: herrliche Luft. Noch ist
sie benzin- oder stellinfrei. Der Nachtwind hat die letzten
Gordon-Bennett-Atome aus der Atmosphäre weggefegt und in weite Ferne
getragen.
In
Serpentinen führt der Weg durch herrlichen Laubwald. Hier und dort
springt ein erschrecktes Häslein aus üppigem Futterplatz in schützendes
Gebüsch. Zuversichtlicher sind die sonst für scheu geltenden Rehe; sie
schnuppern ruhig weiter. Eines blieb keck wenige Meter vor uns im Grase
liegen und schaute einigermaßen verwundert um sich.
Um
5 ½ Uhr sind wir oben. Mit Pressekarte und polizeilicher Legitimation
bewaffnet, glauben wir, daß wir nur notwendig haben, ein „Sesam öffne
Dich!“ zu rufen und Tür und Tor geöffnet zu sehen. Aber ganz so
rasch geht es nicht, obgleich wir bekannte Gesichter sehen, Frankfurter
Kommissare, die im Ordnungsdienst erprobt sind, und schneidige
Berittene. Die Beamten sind höflich und zeigen, ganz wie ihnen
vorgeschrieben ist, den Legitimierten – „tunlichstes
Entgegenkommen“. Das ist aber ein weiter Begriff. Die Schutzleute sind
unerbittlich. Auf die Tribüne dürfen wir vorerst nicht. Wir müssen
warten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Die Sache wird ungemütlich
und nicht ganz ungefährlich. Endlich schlägt um 6 Uhr die Stunde der
Erlösung und wir betreten endlich die Saalburg-Tribüne.
Hier
herrscht vollständige Preßfreiheit! Also zu verstehen: die Presse hat
Karten mit besonderem Aufdruck, aber die Oberleitung war so freundlich,
ihr keine Schranken aufzuerlegen. Die Presse kann gehen und
– stehen, wo sie will. Sie kann sich auch setzen, wenn gerade
ein Restaurationsstuhl oder ein Postklappsessel frei ist. Aber Sitz- und
Schreibgelegenheit auf der Tribüne gibt es nicht, keinen Sammelpunkt.
Es dauert Stunden, bis man seine Genossen gefunden hat.
In
der Frühe von Homburg nach der Saalburg
Still
und sternklar war die heutige Nacht. Auf den Straße Automobile,
Droschken, Fuhrwerke, Fahrräder und gefährdete Passanten und
Zuschauer, im Kurgarten eine bunte mächtige Menschenwoge unter Lampions
und feurigen Ampeln, zwischen Reihen farbiger Talglichter der
Illumination auf grünem Rasen. Mitternacht! Klar leuchten die Sterne
vom blauen Himmel. An den Bäumen verglimmt ein Lampion nach dem andern.
Kurz nach zwölf Uhr saust der Rennwagen Nr. 1 – Jenatzy – um den
Kurgarten in die Elisabethenstraße nach seinem Heim. Es wird stiller
und stiller. Aus den weit geöffneten Fenstern einiger Hotels und
Kaffeehäuser dringt elektrischer Lichtschein in die kühlgewordene
Nacht. Um halb drei Uhr wecken die ersten Töff-Töffgrüße wieder aus
dem Schlafe. Bald darauf bin ich auf der Rennstrecke. Auf der Strecke
wurde noch eifrig gearbeitet. Die frische Westrumitsprengung verlor allmählich
ihren sonderbaren Geruch.
Um
halb sechs Uhr trifft das Auto der „Oberleitung“ mit Baron von
Brandenstein am Steuer auf der Burg ein. Die Aussicht und der reizvolle
Fernblick, die bisher durch Nebel verschleiert waren, werden lichter und
herrlicher. Automobile kommen und gehen in schwellender Anzahl; es wird
lebhafter, noch lebhafter. Um fünf Uhr trifft die erste Elektrische
wirklich ein, natürlich vollauf besetzt; bald darnach die zweite und
dritte. Alle Wagen sind „zum Stoppen“ voll. Um 6 Uhr rückte eine 18
Mann starke Feuerwache mit einem halben Dutzend Spritzen an. Vom Militär
wurde eine wohlausgerüstete Rettungswache gestellt.
Der
Eisenbahnverkehr nach Homburg und Cronberg.
Der
Eisenbahnverkehr nach Homburg und Cronberg spottet jeder Beschreibung.
Zu tausenden kamen die Leute in den Hauptbahnhof, zu tausenden stürzte
alles an die Züge und zu tausenden wurden sie befördert – das
w i e ist allerdings
eine andere Sache. Zug auf Zug fuhr aus und Zug auf Zug war besetzt,
nicht nur die Abteile, auch Packwagen und Bremsersitze waren okkupiert.
Nur mit, nur mit! war die Losung. Trotz der frühen Morgenstunden war
alles auf den Beinen, um ja nichts zu versäumen. Die „Pariser“
trafen, in sechs Schlafwagen ruhend, um 2.15 früh ein und fuhren 2.30
weiter. – Die Kronberger Bahn schien vom Gordon-Bennett-Rennen nichts
zu wissen, sie schickte ihre ersten Züge nicht stärker wie sonst
hierher und hätte die Staatsbahn keine Wagen bereitgestellt, wären
hunderte ohne weiteres zurückgeblieben. Bis neun Uhr wurde es ruhiger.
Die Massen waren expediert. Wie die ungezählten Menschenschwärme heute
Abend zurückkommen werden, müssen wir abwarten. Wir sind auf alles
gefaßt.
Auf
dem Wagenwege
Man
soll nicht zu früh aufstehen. Ihr Berichterstatter träumte gerade vom
Gordon-Bennett-Rennen, als schwere Wagen draußen vorbeiratterten. Es
waren aber städtische Kehrmaschinen. Vielleicht kam es daher, daß nach
4 Uhr noch der Straßenzug, den die Wagen und Fahrräder von Frankfurt
zur Saalburg nehmen mußten, wie gekehrt dalag. Ein paar Radler waren
allerdings schon unterwegs, auch einige verschlafene Fuhrwerke traf man,
die Erdbeeren, Milch und andere gute Sachen zur Stadt fuhren. Sonst
Morgengeräusche und Morgenruhe weithin. Am stillen Friedhof vorbei,
durch das noch stillere Eckenheim und das allerstillste Preungesheim, wo
der erste Herr berittene Gendarm zu sehen war, wie er gerade seinen
Adjutanten, dem Oberkreisstraßenwartei-Vorsteher-Gehilfen – so oder
ähnlich ist der Titel – Absperrungsweisungen gibt. Dabei spielt das
Ausbreiten beider Arme eine Hauptrolle. Mit offnen Armen vermutlich soll
die Polizei das Publikum empfangen.
Die
Rennstrecke ist mit „Westrumit“ begossen, nach allen
Himmelsrichtungen, mit Nord- Ost-, Süd- und Westrumit. Eine tadellose
Decke. Keine Spur von Staub, Soldaten machen es sich hinter dem
Drahtzaun bequem. Sie sind feldmarschmäßig ausgerüstet, auch mit der
Feldflasche. Ein Frankfurter Polizeiwachtmeister mahnt zur Eile, es ist
bald sechs Uhr, die Rennstrecke darf nicht mehr lange passiert werden.
Noch ein scharfer Anstieg zuwischen den hellbeleuchteten Taunusbergwäldern.
Der Saalburgplatz ist erreicht, der Stehkragen durchweicht.
Die
Rundfahrt
Punkt
sieben Uhr wurde unter Fanfarenklängen der erste Wagen losgelassen. Der
Start befindet sich zwischen Saalburg-Restaurant und großer Tribüne.
Der Erste, der vom Starter herausgeschickt wurde, ist der Sieger vom
vorigen Jahr, Camille Jenatzy. Die startenden Wagen halten etwa 150
Meter vor dem schwarzen Strich, der inmitten der Tribünenanlage
zwischen Kaiserzelt und Komiteetribüne, die feste Start- und Ziellinie
markiert. Zwei weiße Fähnchen und eine Plakatscheibe kennzeichnen den
Strich noch deutlicher. Die Fahrer passieren aber die Stelle im
fliegenden Start. Sie nehmen ihren Anlauf von dem erwähnten festen
Start gegenüber der Saalburg-Restauration, doch halten sie
„geheizt“ und warten auf das Senken des roten Fähnchens des
Starters und das Trompetensignal. Der Wagen faucht wie vor Kampfbegier,
dann rattert er davon, gewinnt in zwanzig, dreißig, vierzig Metern
schon die volle Geschwindigkeit und braust nun in vollem Lauf zwischen
den Tribünen davon gen Wehrheim.
Jenatzys
Abfahrt vollzog sich so rasch, daß es nicht zu einer großen Begrüßung
durch das Publikum kam. Der Fahrer selber, aus dessen weißer Staubmütze
nur die Spitze des blonden Kinnbartes herausguckte, fand noch soviel
Zeit, vor dem Kaiserzelt mit der Hand an die Kappe zu greifen. Dann
jagte er hochaufgerichtet dahin, von vielen guten Wünschen geleitet –
fort ist er ...
Sieben
Minuten später der zweite Trompetenstoß: Der Engländer Edge fährt
ab. Ein scharfer Konkurrent. Er und sein Mechaniker, kleine, runde,
blaue, weiche Kappen auf dem Kopf, ducken sich in den Rapier-Wagen.
In
der nächsten Sieben-Minuten-Pause, bis der Oesterreicher Werner im
Daimler-Wagen abfährt, läßt Baurat Professor Jacobi (Professor seit
gestern) einen Sonnenschleier vor dem Kaiserzelt aufstellen, das der
Morgensonne preisgegeben ist. Sobald Werner vorbei ist, spielt die Musik
das erste Konzertstück. Es sind zwei Kapellen auf der Tribüne, die des
80. Regiments auf der linken Eingangsecke, die der Dreizehner-Husaren
auf der rechten Ausgangsecke.
Lancia
von den Italienern reist als Vierter ab. Ihm folgt Théry, der Franzose
der schnellste Renner von der französischen Auswahlfahrt in den
Ardennen, und seine Kompatrioten und Kompatriotinnen rufen ihm lebhaft
gute Fahr zu. Es ist das der erste laute Ausbruch patriotischen Gefühls,
der sich vernehmlich macht.
Der
Belgier Hautvast ist der nächste. Bisher haben sie alle den
Sieben-Minuten-Abstand eingehalten. Der Schweizer Dufaux hat auf die
Fahrt verzichten müssen; sein Wagen (Nr. 7) hat das Bergsteigen nicht
vertragen.
Nun
soll die Nationalitäten-Reihenfolge aufs neue beginnen. Deutschland
voran. Baron De Caters (Nr. 8), der den Zwillingswagen Jenatzys fährt,
soll starten. Wir beobachten seine Abfahrt am festen Start. Der Motor
arbeitete scharf und mit ziemlich viel Geräusch. Die Freunde des
Fahrers drängen sich hinzu und drücken ihm nochmals die Hand. De
Caters, der ein sympathisches offenes Gesicht hat, lächelt den Glückwünschen
freundlich zu.
Da
plötzlich knattert der Motor heftig auf, die Zündung ist
durchgerissen, der Wagen muß aus der Reihenfolge geschoben werden und
es dauert vierzehn Minuten, bis er wieder reisefertig ist. Man bedauerte
schon, daß de Caters so vom Pech verfolgt wurde; seine ritterliche
Haltung beim vorjährigen irländischen Rennen wo er auf die Weiterfahrt
verzichtete, um einem gestürzten Rivalen Samariterdienste zu leisten,
ist noch unvergessen.
Nun
schien ihm die Maschine wieder einen Streich zu spielen. Er hatte zuviel
Oel. Aber der Schaden ließ sich verhältnismäßig rasch reparieren,
und um so größer war der Beifall, als de Caters dann doch scharf und
schneidig loszog. Weiter und weiter wurde gestartet.
Von
der Ostseite der Tribüne aus hat man einen guten Ausblick nach dem
Start und rückwärts oder vielmehr vorwärts nach Wehrheim zu. Von hier
aus hat einer Abfahrt und Vorwärtsstürmen genau beobachtet. C. Jenatzy
setzte am Start gut an und fuhr scharf mit energischer Steuerung. Er
hielt eine kerzengrade Linie inmitten der Straße inne bis zur Kurve
nach Wehrheim zu. Lauter Applaus begrüßte den mutigen Fahrer. Edges
Motor schlug hart an und
schlotterte stark über kleine, unbedeutende Mulden. Der Wagen flog
merklich links und rechts, setzte aber nach der Kurve gut ein. Der
Oesterreicher Werner fuhr etwas langsam, wenn man hier überhaupt von
Langsamkeit sprechen kann, an: er fuhr aber sicher und „zielbewußt“.
In scharfem Tempo flogt der Italiener Lancia an der Tribüne vorbei, mit
ausgezeichneter Lenkung. Der Franzose Théry entwickelte gleich eine
kolossale Schnelligkeit.
Auf
der Saalburg-Tribüne
Um
6 Uhr 15 Minuten, drei Viertelstunden vor dem Start, erschien der
Kaiser, hoch zu Roß. Er war in Homburg um dreiviertel nach fünf Uhr
vom Schloß weggeritten und sprengte im Galopp zur Saalburg hinan. Dort
war trockene Kleidung für den Kaiser bereit, aber es war so schön warm
droben, schon in aller Herrgottsfrühe, daß die Bonner Husarenuniform,
die blaue Attila, die weiße lange Hose, die rote Mütze, der Reitstock
nicht gewechselt zu werden brauchen. Der Kaiser war sichtlich gut
aufgelegt nach dem scharfen Ritt. Er sieht gebräunt und gesund aus.
Keine Spur mehr von irgendwelchen Nachwehen des überstandenen Leidens.
Er unterhielt sich lebhaft mit allen Persönlichkeiten, die in seine Nähe
kamen oder „hinzubefohlen“ wurden.
Die
Kaiserin erschien ein Viertelstündchen später als ihr Gemahl. Sie war
im vierspännigen Daumont hinaufgefahren. Das Kostüm, dessen
Einzelheiten der Modebericht erzählt, war nach Schnitt und Farbe
dasselbe, das die Kaiserin schon bei der Mainzer Brückenweihe trug.
Auch das freundliche Lächeln, das Kaiserinnen noch besser kleidet als
die Damen schlechthin, wurde wieder allen Persönlichkeiten der Umgebung
zuteil. Besonders heiter stimmte es die Kaiserin, als ein rasch
gezimmerter Schattenschirm gegen die schon brennende Morgensonne zur
Stelle geschafft wurde und anfangs ein bißchen die Aussicht vor der
Kaiserloge versperrte, bis man ihm die richtige Form gab. Es muß nicht
die leichteste fürstliche Aufgabe sein, immer „leutselig“ und
„huldreich“ zu bleiben, auch wenn hundert Momentphotographen gegenüber
Posto fassen und nach „lichtempfindlichen“ und
„bitte-recht-freundlichen“ Gebärden spähen. Aber die Schönheit
der Umgebung hätte heute auch die ernsteste Stimmung verscheuchen können.
Das
Publikum hielt sich von Byzantinerei diesmal erfreulich frei. Nur ein spärliches
Hurrah begrüßte den Kaiser bei der Ankunft, die nicht recht bemerkt
worden war, weil sie so früh erfolgte. Ein Trupp vorbeiziehender Feuerwehrleute
nahm auf Kommando „Augen links“. Auch als der Kaiser sich um halb 11
Uhr auf dem Fußwege längst der Rennstrecke nach dem zehn Minuten
entfernten Aussichtspunkt begab, von wo das Gefälle nach Wehrheim ein
gutes Stück weit überschaut werden kann, zog man wohl den Hut, aber
das Lärmen, das sonst manchmal üblich ist, unterblieb. Einer, der so
tat, als wisse er Bescheid, sagte: das sei nun neuerdings so die feine,
allerfeinste Hofsitte.
Das
Toilettebild
Unter
dem weißen Zeltdach die mattblau gestrichenen Tribünen mit dem
lebhaften Rot der Stühle. Klar heben sich davon die Toiletten der Damen
ab, in großer Mehrzahl weiß, und darüber sehr lebhaft, sehr bunt, die
großen Hüte mit den im Wind flatternden leichten Schleiern. Der große
Gaze-Schleier war das Charakteristischste an dem
Automobil-Renn-Modebild. Elegante Toiletten und Sportkostüme fehlen
auch bei anderen Rennen nicht, aber diese Schleier sind eine
Begleiterscheinung der Auto-Fahrerinnen. Ueberhaupt ließ sich deutlich
erkennen, welche Damen das Automobil, die Equipage oder die Elektrische
zur Saalburg hinauf geführt. Wenn auch die Automobil-Anhängerinnen den
langen Sackpaletot aus naturfarbigem Leinen oder Rohseide beim Betreten
der Tribüne ablegten und sich in heller Sommertoilette präsentierten,
Automobil-Hut oder Mütze und Schleier zeigten sie als Sportanhängerinnen.
Die gelben und weißen Ledermützen kleiden gar nicht übel, wie sie mit
ihren breiten Schirmen die Stirn beschatten. Und auch die kleinen
Automobil-Hüte aus weißem oder Natur-Stroh sehen chic aus mit dem an
der Rückseite aufgeschlagenen Rand, der nach vorn scharf durchschnitten
ist, damit man die Front als Schild herabbiegen kann.
Die
großen Gaze-Schleier, von denen die Rede war, sind in allen
erdenklichen bunten Farben vertreten. Grün, blau, rot oder violett
lagen sie um die Hüte, unbekümmert um die Farbe des übrigen Anzugs.
Es ist eine besondere Eigentümlichkeit der Mode, daß sie lebhaft bunte
Hüte ohne jede Vermittelung direkt über ganz weiße Toiletten setzt.
Dieser charakteristischen Mode entsprach auch die Garderobe der
Kaiserin. Die Begleiterinnen der Kaiserin waren gleichfalls weiß
gekleidet.
Im
Zielpunkt
„Hoch
Jenatzy!“ Heil- und Hurrahrufe ertönten, als der erste Steuermann des
deutschen Mercedeswagens einige Minuten vor halb zehn Uhr die erste der
vier Rundfahrten vollendet hatte. Wird er das gute Tempo
„durchstehen“? Er hat es dringend notwendig, denn der Franzose Théry
ist ihm dicht auf den Fersen. Die Sonne wandert der Mittagslinie zu.
Bald ist Jenatzy wieder fällig. Sein Name geht von Mund zu Mund. Eine
oder zwei Minuten über die „erste Jenatzy-Zeit“ – so schätzen
wir ohne offizielle Ziffern – mögen verstrichen sein, da meldet sich
von ferne brausendes Rennwagen-Geräusch mit dem erwartungsvollen Zurufe
der Tribünenmenge. Jenatzy kommt mit infernalischer Schnelligkeit, sein
Wagen sprüht förmlich. Er hat bereits den Franzosen Rougier überrundet,
der eine Stunde 38 Minuten später als er abgelassen worden war.
Alle
außer Fritz Opel haben die erste Runde vollendet. Das Interesse spitzt
sich darauf zu: Wann wird Théry kommen,
dessen Start 28 Minuten nach Jenatzy erfolgte. Die „nationalen
Hoffnungen“ sind gewellt, werden aber etwas herabgedrängt, als Théry´s
Richard-Brasier-Wagen nur 26 Minuten später anlangte. Théry, der bei
der ersten Runde eine halbe Minute, die Gesamtzeiten gemessen, hinter
Jenatzy war, hat also einen kleinen Vorsprung. Das Rennen liegt in
diesem Augenblick zwischen den Beiden. Als Théry´s gute Zeit
angeschlagen wird, ertönt von den zahlreichen französischen
Zuschauergruppen froher Beifall.
Frankfurter
Zeitung und Handelsblatt
18.
Juni, 1. Morgenblatt
Das
Postamt.
Das
fliegende Postamt hinter der Tribüne ist der Schauplatz, wo sich ein
anderer Wettkampf der Nationen vollzieht. Hier drängen sich die
Journalisten aller Länder. Sie haben alle Hände voll zu tun, um nach
New York, Berlin, Wien, Paris zu drahten, was sie gesehen und was sie
nicht gesehen, aber wenigstens gehört haben. Gleich beim Eintritt in
die stolze Bretterhütte empfängt der Fremdling den Eindruck, daß wir
ein gebildetes Volk sind, ein klassisches Volk sozusagen. CVRSVS
PVBLICVS steht darauf und als Übersetzung der rätselhaften Inschrift
das schlichte Wort: Reichspost. Wer einen angenehmen, stillen Winkel zum
Schreiben seiner Memoiren sucht, findet hier gute Gelegenheit. Es fallen
einem alle Sünden ein, nur nicht das, was zur Sache gehört. Ein
Jahrmarkt ist hier, auf dem sich die lautesten, nervösesten Menschen
der Erde ein Stelldichein geben. Erregte Fragen, verkehrte Auskünfte
steigern das Durcheinander. Dann verstehen die anschlußgebenden Damen
am Telephon schlecht, zumal Mister Bull und Monsieur de Paris ein
Deutsch sprechen, das sie selbst nicht verstehen. Alles läuft, ruft,
sucht, rennt. Wenn trotzdem alles klappt, so liegt das an den guten
Vorbereitungen der Post, die zehn Telephonzellen bereitstellte und ein
halbes Hundert Beamte heranholte, sprachenkundige und höfliche Herren.
In der engen Hinterstube stehen zwölf Morseapparate, an denen in
rasender Hast die Beamten hämmern. Sie sitzen am „sausenden
Webstuhl“, der seine Fäden in wenigen Augenblicken über die ganze
Erde spinnt.
In
den Morgenstunden machen die Journalisten der Post am meisten zu
schaffen. Und gegen Abend wird sich ihr Ansturm verstärkt wiederholen,
wenn die Stunde der Entscheidung naht. Der Mittag aber gehört dem
„gewöhnlichen“ Publikum, das nach den ersten Stunden der
gespanntesten Aufmerksamkeit sich auf sich selbst besinnt und
Ansichtskarten schreibt. Gruß vom Gordon-Bennett-Rennen mit und ohne
aufgedruckte Marke, mit und ohne Adresse, je nachdem. Uebrigens wird auf
der Saalburg nicht nur „aufgegeben“. Die vielgeplagte Post hat auch
die angenehme Aufgabe, nach Adressaten von Telegrammen zu suchen. Unter
den fünftausend Leuten den Rechten herauszufinden, gehört nicht zu den
angenehmsten Aufgaben.
Der
Dreiviertels-Sieg
Aus
dem Geräusch des Beifalls kann man von weitem Schlüsse ziehen.
„Durchs Ohr.“ Als Jenatzy die dritte Runde glücklich in 4 Stunden
33 Minuten 15 Sekunden zurückgelegt hatte, da ging ein Brausen über
die Tribüne. Eine keine patriotische Wallung – auch wenn der Fahrer
ein Belgier und nur der Wagen „made in Germany“ ist – das ist wie
ein holder kurzer Rausch oder doch, um uns mit mehr Temperenz auszudrücken,
wie ein erquickender Trunk. Aber wenn dann der Franzmann Théry vor
dessen Fahrkunst und Bravour die Sportwelt übrigens von heute ab noch
mehr Respekt haben wird als schon bisher, wenn Théry achtzehn Minuten
später bereits von einem „Vive Théry!“ begrüßt werden kann, das
wie ein heftiges Kleingewehrfeuer im Vergleich zu dem
Breitseiten-Beifall der Jenatzy-Deutschen klingt, dann hört man bereits
aus dem Ton heraus, daß Frankreich im Begriff ist, seine
Automobil-Revanche zu nehmen und den Gordon-Bennett-Preis wieder
heimzuholen, nachdem er 1900 und 1901 im Lande geblieben, 1902 nach
Norden und 1903 nach Osten ausgewandert war. Jetzt muß schon die
Richard-Brasier-Maschine eine kleine Störung erfahren, wenn noch der
Mercedes-Sieg erwartet werden will.
Es
heißt, Jenatzy habe einen Zeitverlust bei der Benzinaufnahme erfahren.
Das kann jedem passieren, und noch ist nicht des
Gordon-Bennett-Tages-Abend. Aber wie der preußische Leutnant in der
Nachbarloge sagt: „Der Franzos ist im Vorsprung.“, da könnte er
gleich mit seinem „Zapfenstreich“-Kameraden hinzufügen:
„Faktisch, Tatsache.“ Und die Frage kann auf die spitzfindige Frage
gebracht werden: „Jena-tzy oder Sedan?“
Camille
Jenatzy
Einer
der bekanntesten und erfolgreichsten Automobilfahrer, dessen Geschick
und Unerschrockenheit den deutschen Mercedes-Wagen den Sieg im
Gordon-Bennett-Rennen 1903 gewann und der auch dieses Jahr einen
Mercedes-Wagen führte, ist in Brüssel geboren. Dem Berufe nach ist er
Elektro-Ingenieur. Seine Sportlaufbahn fing er als Radfahrer an. Mit dem
Aufblühen des Automobilismus wendete er sich dem Kraftwagen zu und
gewann bereits 1898 die Geschwindigkeits-Medaille in einem Rennen, bei
dem er über 100 Kilometer in der Stunde fuhr. Später hat er sich an
vielen großen Rennen beteiligt und eine Anzahl Rekord-Rennen gefahren.
Jenatzy gilt als ein ebenso tapferer wie umsichtiger Fahrer. Wenn die Güte
der Mercedes-Wagen auch schon lange bei den Fachleuten bekannt war, so
blieben sie doch dem großen Publikum unbekannt, das fast nur von den
Erfolgen der großen französischen Marken, Panhard, Mors und anderen
gehört hatte. Erst mit dem Sieg im Gordon-Bennett- 1903 erkannte man im
Ausland und bei uns, daß in Deutschland ein Wagen gebaut wird, der den
besten französischen ebenbürtig ist.
Der
Sieg des Franzosen
Nach
der dritten Runde, die Jenatzy angeblich durch Benzinmangel einen
Verlust von zehn Minuten gebracht hatte, mußte man sich darauf gefaßt
machen, daß die Trophäe wieder nach Frankreich wandern werde. Théry,
der Erste im französischen Auswahlrennen, ward auch Erster bei der
Gordon-Bennett-Fahrt. Leicht ward ihm der Sieg nicht gemacht. Ebenbürtige
Rivalen kämpften um den Siegpreis, gleichwertige Fahrer lenkten
gleichwertige Wagen. Angesichts des geringen Zeitunterschieds hat man
das Recht von Gleichwertigkeit zu sprechen, zwar von einem ehrenvollen
Sieg, aber nicht von einer beschämenden Niederlage.
Begreiflicher
Weise wird der Ausgang des Gordon-Bennett-Rennens in Frankreich große
Freude hervorrufen. Als Deutsche können wir diese Freude um so besser würdigen,
als der eine deutsche Vertreter sein Möglichstes getan hat. Wenn er
nicht der Erste geworden ist, so darf man sich mit dem Gedanken trösten,
daß er, wie gesagt, hinter dem Ersten nicht weit zurücksteht, und daß
es sich schließlich nur um die Beiden, den Franzosen und den Deutschen,
gehandelt hat. Daß es gerade ein Franzose ist, der Sieger blieb, das
ist uns, offen gestanden, nicht unlieb, und darum können wir auch an
der Freude der Franzosen uns aufrichtig beteiligen. Deutsche und
Franzosen vereint in friedlichem Wettbewerb auf dem Gebiete des Sports
und der Industrie – wir sind wohl nicht zu sanguinisch, wenn wir darin
gute Zeichen für die Zukunft erblicken.
In
dem friedlichen Wettbewerb der verschiedenen Nationen liegt die
Hauptbedeutung des Gordon-Bennett-Rennens. Es geht nicht an, über diese
Veranstaltung ohne weiteres als ein zweck- und nutzloses Straßenrennen
den Stab zu brechen. Sie ist keine Sportfegerei, die auch wir sonst überall
unbedingt bekämpfen. Die Fabriken, die Zehntausende und Hunderttausende
aufwenden, würden einfach nicht mehr mittun, wenn dieser Wettbewerb
ihnen gar keinen Nutzen brächte. Das Rennfahren ist ein gefährlicher
Beruf; er ist aber kein Gladiatorenkampf mehr, für den er ehedem
gehalten wurde.
Bei
den Auswahlrennen in Frankreich und England, bei der Hauptaktion auf der
Taunusstrecke hat sich so gut wie keine Unfall ereignet. So lernt man
auf allen Gebieten. Es kommt ferner hierbei nicht nur auf die
Schnelligkeit, sondern auch auf die Dauerbarkeit des Gefährts an. Daß
aber solche Kämpfe immerfort zur Verbesserung des Fabrikats beitragen,
wird niemand ernstlich bestreiten. Und es ist erfreulich, daß den
verschiedenen Nationen von Jahr zu Jahr Gelegenheit geboten wird, ihre
Kräfte zu messen in einem Wettstreit, der in seiner Weise, wenn auch
sehr bescheiden, etwas zur Kräftigung der Friedensidee beiträgt.
Letzte
Stunde und der Sieg Thérys
Zum
Einlaufen Thérys und Jenatzys, kurz vor ½ 5 Uhr, traf das Kaiserpaar
aus Homburg wieder auf der Saalburgtribüne ein. Der Herzog von Ratibor,
der Vorsitzende des deutschen Automobilclubs, gab den Fürstlichkeiten
Erklärungen über den Verlauf der Fahrten in der Zwischenzeit. Herr
Gordon Bennett ist nicht zugegen. Das Kaiserpaar war gerade recht
gekommen, um Jenatzys Ankunft am Ziel wahrzunehmen. Das Brausen und
Rauschen der Wagen hörte man früher auf der Tribüne als den
Signaltrompetenklang. Unter großem Beifall lief Jenatzy um 4.44 Uhr
ein. Er hat sechs Stunden und eine Minute und 28 Sekunden Rennzeit
gebraucht. Jede Runde etwa 1. 28 Minuten, nur auf der dritten eine
Stunde und 38 Minuten. Diese entscheidenden 10 Minuten Aufenthalt soll
ein Benzinmangel herbeigeführt haben, aber die Verzögerung ist der
Verlust, denn fast genau um diese Differenz kürzer ist die Rennzeit Thérys,
des ersten Siegers, der um 5 Uhr einläuft und 5.50.03 Rennzeit
gebrauchte, 11 Minuten 25 Sekunden weniger als Jenatzy.
Das
ganze Tribünen-Frankreich jubelt und auch das sonstige Publikum hielt
nicht mit dem Beifall zurück. Die Musik spielte eine Melodie, die
vielleicht der Gordon-Bennett-Marsch sein mag.
Die
Franzosen, die schönen Französinnen erst recht, winken mit Hüten und
Tüchern und nun vollzieht sich etwas wie ein Austausch internationaler
Höflichkeit. Eine französische Deputation wird dem Kaiser vorgestellt.
Der Kaiser gratuliert dem Vorsitzenden des französischen
Automobilclubs, dem Fabrikanten des Siegeswagens und spricht lange Zeit
mit beiden. Auch die Kaiserin begrüßt die Herren Franzosen sehr
freundlich und aus der Nähe ertönt ein heller Ruf wie von einer
Frauenstimme: „Vive la France!“ Eine Gruppe Franzosen erwidert
ritterlich mit dem Gegenruf: „Vive l´Empereur!“ Nun fahren die
beiden Sieger vor und halten zu Wagen einen Moment vor dem Kaiserzelt.
Der Kaiser klatscht Beifall.
Jenatzy
zieht die Sturmhaube ab. Er ist braun und naß wie geölte Bronze. Der
Applaus lehrt, man glaubt, daß der Mann sein Bestes tat. Théry
strahlt. Er schwenkt im Triumphgefühl seine Mütze. Man umringt seinen
Wagen, und er müßte viele Hände haben, um dem Andrang aller gerecht
zu werden.
Nach
Haus
Das
mußte nun nicht kommen. Wer um 7 Uhr auf dem Rade von der Saalburg talwärts
nach Homburg und Frankfurt strebte und den Weg „für Pferdewagen und
Radfahrer“ einschlug, „wie das Gesetz es befahl“, der hatte zwar
anfangs auf dem steil aber durchweg fahrbar abfallenden „Notlaufweg“
eine angenehme Fahrt. Sobald man jedoch nach Kirdorf einbog, gleich faßt
ihn der Strudel mit rasendem Toben. Zu den friedlichen agrarischen
Gespannen, die den Segen der Heuernte unter Dach und Fach schafft, weil
es schon gewitterdrohend zu wetterleuchten anfing, gesellten sich die
Automobile, und Achtsamkeit war geboten, damit nicht Gäule und
„kraftlose“ Fahrräder scheu wurden.
Das
Schlimmste indessen war die Strecke Homburg - Gonzenheim - Obereschbach
- Preungesheim - Frankfurt. Man hatte sie dem Automobilverkehr geöffnet
und da hier weder Westrumit gegossen, noch eine Wasserbesprengung nach
der Väter Weise vorgenommen war, entwickelte sich eine grausame
Staubplage. Jedes Automobil rollte dichte Staubwolken auf, die den Weg
auf Wurfweite so verfinsterten, daß man sich nur mit Not darin
zurechtfinden konnte.
Fußgänger
wurden mit einer Staubkruste überzogen, und wenn dazu die Trompeten
bliesen, die alle Nichtautler auf den schmalsten Wegrand vertrieben, so
konnte auch den Beherzten Hören und Sehen vergehen. Die Insassen des
Preungesheimer Gefängnisses mögen, soweit sie reuige Sünder sind,
geglaubt haben, daß die Posaunen des jüngsten Gerichts ertönen.
Baron
von Leitenberger gestorben.
Baron
von Leitenberger ist an inneren Verletzungen und Gehirnerschütterung
gestorben. Wie wir im Morgenblatt meldeten, hat sich das Automobil des
Baron Leitenberger kurz vor Gräfenwiesbach überschlagen, wobei alle
Insassen schwer verletzt wurden. Baron Leitenberger ist nun das erste
Opfer der Festlichkeit. Er hinterläßt seine Frau, die ebenfalls bei
dem Unfall Verletzungen, und zwar innere, erlitten hat.