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Übersicht Bücher
Anfänge und Entwicklung der Kriminalpolizei im 19.
Jahrhundert
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Die
Anfänge
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Der
Begriff Kriminalpolizei leitet sich aus dem lateinischen Wort crimen
(Verbrechen) ab, und die Anfänge ihrer Entwicklung lassen sich
bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.
Als
älteste und traditionsreichste, als "Wiege der
Kriminalpolizei" gilt die 1810 in Paris entstandene Sûreté, als
deren Gründer François Eugène Vidocq in die Geschichte einging. Der
ehemalige Bagno-Sträfling hatte jahrelang im Kerker Seite an Seite
mit den schlimmsten Verbrechern gelegt, bis ihm 1799 die Flucht
gelang. Danach tauchte er zehn Jahre lang als Kleiderhändler in Paris
unter und bot schließlich der Polizei seine Dienste an, als ihm der
Verrat durch die ehemaligen Kumpanen drohte.
Vidocq
war überzeugt davon, dass das Verbrechen nur durch Verbrecher
bekämpft werden könne, und rekrutierte seine Hilfsmannschaft aus
ehemaligen Häftlingen, die in den unterschiedlichsten Verkleidungen
Verbrecherviertel durchstreiften, in Gefängnisse eingeschleust oder
scheinverhaftet wurden. Auf diese Weise gelang es ihm, innerhalb eines
einzigen Jahres mit nur zwölf Mitarbeitern achthundertzwölf
Mördern, Diebe, Einbrecher, Räuber und Betrüger dingfest zu machen
und Verbrecherquartiere auszuräumen, die vor ihm kein Polizist zu
betreten gewagt hätte.
Als
ein neuer Polizeipräfekt 1833 nicht mehr hinnehmen wollte, dass die
gesamte Pariser Kriminalpolizei aus ehemaligen Kriminellen bestand,
trat Vidocq zurück und eröffnete ein privates Detektivbüro
(wahrscheinlich das erste der Welt), während sich seine bürgerlichen
Nachfolger nicht scheuten, weiterhin nach seinen Prinzipien zu handelt
und eine ständig wachsende Schar von Vorbestraften als Spitzel und
Mitarbeiter zu beschäftigen.
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Neue
Zeiten brechen an
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Spätestens
seit Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs nicht nur die Bevölkerung in
den Städten und der Entwicklungsstand der Industrialisierung rapide
an, sondern auch die Anzahl der Kriminellen und deren Intelligenzgrad
und Bildungsstand. aus diesem Grund versagten die von Vidocq
eingeführten Methoden immer öfter, vor allem auch deshalb, weil
niemand mehr den Überblick über Zehntausende von Karteikarten und
Photographien haben konnte. Hinzu kam, dass viele dieser Photographien
eher künstlerischen als kriminalpolizeilichen Anforderungen genügten
und zu Identifizierungszwecken häufig nicht zu gebrauchen
waren.
Der
26jährige Alphonse Bertillon, der als Hilfsschreiber im ersten Bureau
der Polizeipräfektur von Paris arbeitete, war der erste, der
wissenschaftliche Ideen in die polizeiliche Arbeit einbrachte. 1879
entwickelte er eine anthropometrische Methode zur Erfassung von
Gesetzesbrechern. Grundlage dieser Methode waren die Forschungen des
belgischen Astronoms und Statistikers Adolphe Quételet, der mit
seinen Quételetschen Kurven bewiesen hatte, dass sich die
Körpergrößen der Menschen nach einer bestimmten Ordnung verteilen
und dass es keine zwei Menschen gibt, bei denen die Abmessungen aller
Gliedmaßen übereinstimmen.
Bertillon
war es auch, der einen später nach ihm benannten Stuhl in den
Photolabors der Kriminalpolizei einführte, mit dem es möglich wurde,
alle Straftäter in übereinstimmender Weise zu photographieren und
damit die Identifizierungserfolge wesentlich zu erhöhen. Sein System
der dreiteiligen Verbrecherphotographie ist bis heute Bestandteil des
polizeilichen Erkennungsdienstes.
Bertillon
wurde lange wegen seiner Ideen verspottet, bis man ihm Ende 1882 die
Chance gab, sein anthropometrisches Karteisystem in der Sûreté
probeweise einzuführen. Als es ihm im Februar 1883 tatsächlich
gelang, einen Verbrecher mit seiner Methode zu überführen, begann
der Siegeszug der Bertillonage, die Paris recht bald zum Mekka
der europäischen Polizeiverwaltungen werden ließ.
Der
Erfolg der Bertillonage verhinderte zunächst, dass sich eine
andere Möglichkeit zur Identifizierung von Personen durchsetzte,
nämlich die Abnahme von Fingerabdrücken, auf die der schottische
Arzt Dr. Henry Faulds in Japan und der britische Verwaltungsbeamte
William J. Herschel in Indien fast zeitgleich gestoßen waren. Der.
Faulds´Forschungsergebnisse wurden am 28. Oktober 1880 in der
Londoner Zeitschrift Nature veröffentlicht, aber er wurde
ebenso wie Herschel nicht ernst genommen. Als Faulds seine Erfindung
dem Londoner Polizeipräsidenten anbot, hielt man ihn im Scotland Yard
sogar für einen Schwindler.
Diese
Einstellung begann sich erst zu ändern, als sich zwölf Jahre später
der britische Vererbungsforscher Sir Francis Galton in seinem Buch Fingerprints
ausführlich mit den Möglichkeiten des Fingerabdruckverfahrens
beschäftigte und auch Vorschläge machte, wie man die verschiedenen
Fingerbilder systematisch erfassen und ordnen könnte. Spätestens
nach der Jahrhundertwende verdrängte dann die Daktyloskopie die
Bertillonage immer mehr, und heute gilt sie als eines der
besten polizeilichen Identifizierungsmittel überhaupt.
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Berliner Kammergericht und preußisches Beamtentum
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In
Deutschland setzte man 1799 in der sogenannten Criminalkommission beim
Berliner Kammergericht zum ersten Mal Kriminalbeamte ein, um
Kapitalverbrechen zu untersuchen. Eine eigene Zuständigkeit zur
Aufklärung von Kriminaldelikten erhielt die Berliner Polizei aber
erst 1811. Zehn weitere Jahre dauerte es, bis Schutzleute in Zivil zur
Verbrechensbekämpfung eingesetzt wurden, und wieder acht Jahre
später gründete man beim Polizeipräsidium Berlin eine
Kriminalabteilung, die sich aber erst 1879 endgültig aus der
uniformierten Polizei herauslöste. Nirgendwo in Deutschland
entwickelte sich jedoch eine Kriminalpolizei, mit deren Namen man wie
bei der Sûreté und dem Scotland Yard Ruhm oder Legende verknüpfte,
was vor allem der einfallslosen Nüchternheit des preußischen
Beamtentums zugeschrieben wurde.
Vier
Jahre bevor Galtons Buch Fingerprints erschien, hatte der
Berliner Tierarzt Dr. Wilhelm Eber dem preußischen Innenministerium
eine Denkschrift eingereicht, die sich mit den kriminalistischen
Möglichkeiten des Tatortfingerabdrucks beschäftigte und der
preußischen Polizei einen Anteil an der Entwicklung der Daktyloskopie
hätte sichern können, wenn man sie ernst genommen hätte.
Ähnliches
gilt auch für die Nutzung der gerichtsmedizinischen Erkenntnisse,
deren Grundlagen unter anderem durch den Berliner Amtsarzt Johann
Ludwig Casper in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts mitgeschaffen
wurden. Zwar war die Organisation der Amts- und Gerichtsärzte im
Deutschen Kaiserreich während der letzten Jahrzehnte des 19.
Jahrhunderts besser als in vielen anderen Staaten, aber es fehlten
entsprechende Institutionen und Einrichtungen, um die Grundzüge der
forensischen Medizin zu vermitteln. Die Umstände, unter denen in
Berlin noch in den 80er Jahren gerichtliche Leichenöffnungen
vorgenommen wurden, spotteten jeder Beschreibung.
Eine
der besonders umstrittenen Persönlichkeiten der Berliner Polizei war
der 1850 zum Leiter der Sicherheitspolizei ernannte spätere
Kriminalpolizeidirektor Dr. jur. Wilhelm Stieber. Er legte mit seinem Practischen
Lehrbuch der Criminal-Polizei 1860 das erste kriminalpolizeiliche
Lehrbuch in deutscher Sprache vor, wurde aber noch im Erscheinungsjahr
wegen verschiedener Gesetzesverletzungen und willkürlicher
Übergriffe vor Gericht gestellt und vom Dienst suspendiert. Von
Bismarck protegiert, ernannte man ihn sechs Jahre später zum Leiter
der Geheimen Militärpolizei. Er starb am 29. Januar 1882 in
Berlin.
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Preußen und Anarchisten in Frankfurt am Main
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Als
die Freie Stadt Frankfurt am Main im Juli 1866 nach der Niederlage
Österreichs im preußisch-österreichischen Krieg von Preußen
annektiert wurde, ersetzte man die liberale, allerdings auch nicht
besonders effektive Stadtpolizei durch eine straff organisierte
preußische Ordnungsmacht. Für viele Frankfurter Bürger galt das am
1.10.1867 gegründete Königliche Polizeipräsidium lange Zeit als ein
Symbol für preußische Besatzung und Unterdrückung.
Eine
Folge der politischen und sozialen Auseinandersetzungen gegen Ende des
19. Jahrhunderts war der Anarchismus, dessen Anhänger den Staat durch
Attentate und Bombenanschläge umstürzen wollten. Dr. jur. Carl
Ludwig Rumpff, seit 1867 Königlicher Polizeirat und Leiter der
Frankfurter Kriminalpolizei und der Politischen Polizei, war über die
Grenzen Frankfurts hinaus als Sachverständiger für anarchistische
Verschwörungen bekannt und trat in mehreren Prozessen gegen
Anarchisten auf.
Am
30. Oktober 1882 wurde ein Bombenattentat auf ihn verübt, das jedoch
fehlschlug. Am Abend des 13. Januar 1885 wurde er im Hausflur vor
seiner Wohnung Am Sachsenlager 5 in Frankfurt erstochen. Als Täter
verhaftete man den 20jährigen Schustergesellen Julius Lieske in
Berlin. Er wurde zum Tode verurteilt und im Herbst 1885 durch das Beil
hingerichtet. Die Verantwortlichen für den Anschlag von 1882 konnten
trotz größter Anstrengungen nie ermittelt werden.
Der
"Einheitspolizist", das heißt der uniformierte Schutzmann,
der auch Kriminaldienst versah - in einer preußischen Kabinettsorder
von 1848 noch als Regelfall bezeichnet -, wurde gegen Ende des 19.
Jahrhunderts und in den darauffolgenden Jahren immer mehr durch
speziell ausgebildete und eigenständig organisierte Kriminalbeamte
ersetzt.
Kriminalkommissar
Biddling und Kriminalschutzmann Braun, die beiden Helden des Romans
"Die Detektivin", stehen somit für die Anfänge einer
Entwicklung, die zur Ausprägung einer modernen Kriminalpolizei
führte, wie wir sie heute kennen.
Quelle:
Anhang aus "Die Detektivin", © MvS-Verlag, N. Hahn
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