Die Farbe von Kristall

Ein historischer Kriminalroman

aus meinen Recherchen:

Zum Frauenbild um die Jahrhundertwende

 

 

„Es ist wohl noch nicht lange her, meine Tochter, daß du ... an deines Mannes Arm aus der Kirche zum ersten Male als Frau dein Haus betreten ... Du fühltest dich überglücklich, voll der schönsten Hoffnungen. Sind deine damaligen Hoffnungen von dem geträumten häuslichen Glücke in Erfüllung gegangen? Mußt du hier mit einem traurigen Nein antworten, dann schiebe die Schuld daran, daß sie unerfüllt geblieben sind, ja nicht auf besondere Verhältnisse oder gar auf deinen Mann; sie liegt ganz gewiß an dir selber, weil es dir entweder an den nöthigen Kenntnissen oder an den zur Begründung des häuslichen Glücks notwendigen Tugenden gefehlt hat.“

(aus: Das häusliche Glück, Ratgeber, 1882)

 

 

Auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts konnte eine Frau (fast) nur als Verheiratete eine Rolle in der Gesellschaft spielen. Wohl war die Zahl der beruflich ausgebildeten Frauen gestiegen, hatten sich die Ausbildungsmöglichkeiten in Lehrerinnenseminaren, Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenschulen für die Töchter des Mittelstandes bedeutend erweitert, und das neue Jahrhundert hatte mit seiner schnell wachsenden Urbanisierung und dem Entstehen großer Wohnblocks in den Mittelstands- und Kleinbürgerfamilien die Idealvorstellung von einer Berufslosigkeit der Töchter ins Wanken gebracht, aber unverändert lebten die alten Sozialisationsziele und -formen fort, vor allem in der Oberschicht. Gehorsam und unwissend schlitterten die Mädchen dieser Schicht meist in die vorherbestimmmten Heiraten. Der schöne Schein nach außen blieb weiterhin Trumpf in der sogenannten besseren Gesellschaft, und an seinem Glanz putzten besonders mühsam die Frauen. Eine entscheidende Veränderung war allerdings eingetreten in einer lascheren Auffassung der Ehe; die Scheidung bildete keine gesellschaftliche Katastrophe mehr, war allerdings mit nicht ganz einfachen Bedingungen verbunden:

 

 

„Die Moral zu jener Zeit ... hatte einen doppelten Boden. Liebesaffären verheirateter Frauen verbreiteten eine spielerische Rokoko-Aura um sich und wurden allgemein anerkannt. Der Liebhaber hatte fürstliche Trinkgelder auszuteilen und wurde dafür mit dem ehrenvollen Titel Herr Baron angesprochen. Aber ein hirnverbranntes Gesetz verbot es ein für alle Mal, daß die Geschiedene den Mann heiraten durfte, wegen dem sie sich überhaupt hatte scheiden lassen.

(Vicki Baum, Es war alles ganz anders)

 

 

Die Idee des Jugendstils griff um die Jahrhundertwende zunehmend auch auf die Damenmode über, indem Reformer versuchten, endlich eine vernünftige, gesunde Frauenkleidung in Mode zu bringen. Es wiederholten sich die Bewegungen wie hundert Jahre zuvor, als die lockere Hemdkleidung des Empire das Rokoko überwandt. Der Hauptkampf, der besonders von ärztlicher Seite geführt wurde, galt dem Korsett, weil es Lunge, Leber und Herz gefährde. Der Reformgedanke, der neben der Mode fast alle Bereiche des täglichen Lebens erfaßte, ähnelte in vielem heutigen alternativen Vorstellungen und nährte sich vor allem aus einem Überdruß an den Erscheinungen der industriellen Welt. Gesunde Ernährung und viel Sport, Schrebergartenkultur und Wanderfreude, Kunstgewerbe und vor allem eine neue Kleidung: gesund, praktisch und schön - sollten auch die Lebensgefühle reformieren. Jugendliche aus allen sozialen Schichten hatten der bürgerlichen Gesellschaftsordnung den Kampf angesagt. Die politische Einstellung der Arbeiterfrauen war, falls sie Zeit und Kraft dafür fanden, entschieden anders als die der Frauen aller anderen Sozialschichten. Für sie galt es auch am meisten zu erkämpfen:

 

 

„Den Achtstundentag, und wir werden den Massenschritt gewerkschaftlich organisierter Arbeiterinnen hören! ... Den Achtstundentag, und an unser Ohr wird das liebevolle Wort von Millionen Müttern schlagen, die ihren Kleinen das sozialistische Ideal tief, unausrottbar in die Seele pflanzen, die ein Geschlecht von proletarischen Klassenkämpfern gebären und erziehen, vor dem auch die brutalste Gewalt die Waffen strecken muß.“

(Clara Zetkin, auf der Berliner Maifeier 1904)

 

  

In allen sozialen Schichten lebten die Frauen weniger als individuelle Personen als vielmehr in eingeübten und tradierten Beziehungssystemen zu Eltern, Ehemann, Familie und Kindern. Um die Jahrhundertwende wurden allerdings erstmals die großen Veränderungsprozesse sichtbar, die die Befreiung der Frau einleiteten, aber auch die Annäherung zwischen den Frauen verschiedener Schichten.

 

 

Frankfurter Zeitung 

und Handelsblatt 

Sonntag, 3. Januar 1904

 

Noch ein Wort zur Tuberkulose-Frage: Behring lehrt, daß die T. im ersten Lebensjahre erworben wird, weil der Verdauungsapparat des Säuglings noch keine Schutz besitzt gegen die mit der Nahrung aufgenommenen Krankheitskeime.  Was liegt näher als die Forderung: also soll die Mutter ihr Kind selbst stillen? (...)Alles in allem: Die natürliche Ernährung bietet den besten Schutz gegen alle Krankheitskeime und gibt dem Körper des Kindes eine Widerstandsfähigkeit, die auf keine andere Weise zu erzielen ist. Darum sollen alle Eltern dafür besorgt  sein, daß ihre Töchter in geistiger und körperlicher Beziehung so erzogen werden, daß sie dereinst an Pflichtgefühl wie an körperlicher Vollwertigkeit ihrer Aufgabe gewachsen sind.

 

 

 

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