zurück zur Presseecho-ÜbersichtDie schillernden Farben der WahrheitIn Nikola Hahns historischen Kriminalromanen geht es um mehr als um die Frage "Wer war´s?"
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, Rhein-Main-Journal, 30.08.02, - Auszug -)
Kriminalromane gehören nicht zu ihrer Lieblingslektüre. Natürlich hat sie etliche gelesen, viele davon mit Genuß. Aber ebenso interessiert sich Nikola Hahn für Sachbücher und Unterhaltungsliteratur. Seit einiger Zeit ist sie fasziniert von den Thrillern des Schweden Henning Mankell. "Der hat sich wirklich ernsthaft mit dem Polizeialltag befaßt", urteilt sie. "Und das kann man nur von wenigen Kriminalschriftstellern behaupten." Nikola Hahn muß es wissen. Sie kennt den Polizeibetrieb seit mehr als 15 Jahren aus eigener Anschauung. 1986 ist die gebürtige Marburgerin in die Rhein-Main-Region gezogen, um als Kriminalpolizistin zu arbeiten. "Wir machen Raub und Erpressung, aber auch Leichen", faßt sie ihr Tätigkeitsfeld als Hauptkommissarin bei der Kripo Offenbach zusammen. (...) Nikola Hahn, die seit zehn Jahren mit einem Polizeibeamten verheiratet ist (...) hat zwar keine Kinder, aber dafür einen zweiten, zeitaufwendigen Beruf. Seit 1998, als ihr Buch "Die Detektivin" im Münchener Marion von Schröder Verlag erschien, ist sie "professionelle Krimiautorin". Der Erfolg dieses Romans, der vom Mord an einer Dienstmagd im Frankfurt des ausgehenden Jahrhunderts erzählt (...), hat in Vergessenheit geraten lassen, daß es sich gar nicht um ihre erste Publikation handelte. Debütiert hatte sie drei Jahre zuvor mit "Baumgesicht", einer Sammlung von Prosa und Lyrik. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, aber auf ihrer Homepage kann der Leser sich einen Einblick in das frühe Werk verschaffen. Darüber hinaus sind dort Karikaturen nicht nur zum Thema Polizei zu betrachten, die Hahn für Zeitungen entworfen hat. Auf das Gebiet des Kriminalromans ist die 38 Jahre alte Autorin also nicht abonniert. Geweckt wurde ihr Interesse am Genre weder durch das Bedürfnis, Agatha Christie nachzueifern, noch durch ihre berufliche Erfahrungen, die sie von ihrer schriftstellerischen Arbeit getrennt sehen möchte. Auslöser ihrer Begeisterung sei vielmehr das Vergnügen an der Lektüre historischer Chroniken gewesen. "Ich versuche, die Geschichte eines Verbrechens mit dem Porträt einer fremden Epoche zu verknüpfen", beschreibt sie ihr Vorgehen. Kriminalromane, die ein Zeit- und Sittenbild lieferten, faszinierten sie mehr als traditionelle "Whodunits". Natürlich gebe es auch in ihren Krimis ein Rätsel und eine Pointe. Aber das wahre Geheimnis seien die Menschen selbst: "Wahrheit läßt sich nicht auf Logik reduzieren. Sie schillert in vielen Farben, und um sie zu erfassen, muß ich mich mit der Zeit beschäftigen, in der die Leute, über die ich schreibe, gelebt haben." Um diesen Anspruch zu erfüllen, sind oft komplizierte Recherchen nötig. Mitunter nehmen die Vorarbeiten zu Hahns Büchern mehr Zeit in Anspruch als das Schreiben selbst. Für "Die Detektivin" hat sie sich mit dem Leben der proletarischen Bevölkerung in Frankfurt um 1880 und mit den Berufsmöglichkeiten von Frauen zu dieser Zeit befaßt. In Bibliotheken, Stadtarchiven und im Internet hat sie Details der Stadtgeschichte studiert und sich mit dem Wandel der Institution Polizei um die Jahrhundertwende auseinandergesetzt (...). "Kriminalromane eignen sich gut, um das Bild einer vergangenen Zeit zu entfalten. Ein Kriminalfall ist nie nur ein "Fall", sondern verwoben mit den sozialen Gegebenheiten, die ihn ermöglicht haben." Hahns neues Buch, das den Titel "Die Farbe von Kristall" trägt und Mitte September erscheinen soll, bleibt diesem Selbstverständnis treu. Es spielt im Jahr 1904 und knüpft an Handlung und Personal ihres Erstlings an. Diesmal stecken Verweise auf die Biographie von Sherlock Holmes und viele Zitate aus der Weltliteratur darin. Außerdem treten historische Lokalgrößen auf. Schon in der "Detektivin" hatte die Autorin Heinrich Hoffmann, den Frankfurter Arzt und Erfinder des "Struwwelpeters", mitspielen lassen. In ihrem neuen Buch begegnet der Leser unter anderem dem Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes und der Jüdin Berta Pappenheim, die als "Anna O." in den Hysterie-Studien von Freud und Breuer Geschichte gemacht hat. Als historische Eklektikerin im Stil eines Umberto Eco versteht sich Nikola Hahn indes nicht. Die Arbeit mit Zitaten und "Realitätsfragmenten" verdanke sich purer Entdeckerfreude. Das Erstaunen darüber, wie viele prominente Persönlichkeiten zur selben Zeit in derselben Stadt gelebt hätten, habe sie angeregt, mit Realien und "intertextuellen Bezügen" zu arbeiten. Trotz ihrer historischen Akribie versteht sich Nikola Hahn als Unterhaltungsautorin. Aber gerade Unterhaltung will gelernt sein. "Schreiben ist Handwerk, und um es richtig zu beherrschen, braucht man Zeit." Deshalb hält sie nichts von der Tendenz zur Vermarktung von "Jungautoren": "Dieser Medienrummel hindert am Schreiben und macht alle, die darin gefangen sind, kaputt." Sie selbst wolle hinter ihrem Werk zurücktreten: "Im Mittelpunkt stehe nicht ich, sondern das Buch das ich gerade schreibe." Bei der Erwähnung des Terminus "Frauen-Literatur" gerät Nikola Hahn denn auch in Rage. Sie habe nichts gegen den Kampf für Emanzipation. "Aber ich gehöre nicht zur Lila-Latzhosen-Fraktion, und ich möchte nicht, daß meine Bücher in die "Frauen-Ecke" verbannt werden. Insofern ist es nicht ohne Ironie, daß Nikola Hahns erster Krimi wegen seines Titels "Die Detektivin" ebenfalls als "Frauen-Buch" angepriesen wurde, stammt der Titel doch vom Verlag. Ihr neuer Roman "Die Farbe von Kristall" kann dagegen unter ihrem Wunschtitel erscheinen. Dieser bezieht sich auf die verschiedenen Perspektiven, aus denen sich eine Tatsache betrachten läßt, bis sich der Eindruck des Selbstverständlichen in hundert Brechungen zerstreut. Die Wahrheit wird in Nikola Hahns Büchern auch künftig in vielen Farben schillern. Magnus Klaue
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