Alcopops, faken, Praxisgebühr, Qualifying stehen nicht im ersten
Duden von 1880. Der Ausschank von Alkohol – und sei es in
limonadenhafter Tarnung – an Jugendliche war zu Kaisers Zeiten strikt
verboten und die Beziehungen zu England waren so, dass die sprachlichen Übernahmen
aus dem Englischen ins Deutsche noch überschaubar blieben. Das allgemeine
Gesundheitswesen befand sich gerade erst im Aufbau, und das erste deutsche
Auto war noch nicht einmal erfunden. Kurz: Die Welt hat sich seitdem verändert.
In der jüngsten, der immerhin schon 23.
Auflage des Dudens sucht man dagegen vergeblich nach Einträgen wie Ärnte,
Egypten oder Ocean. Auch eblouieren – das heißt »durch
Glanz blenden, verblüffen« – ist dem Duden im Laufe seiner
Auflagengeschichte verloren gegangen. Die 9. Auflage von 1926 führt es
noch und zwar mit dem zarten Hinweis darauf, dass man das anlautende E im
Notfall sogar abtrennen dürfe – eine Sache, welche durch die neue
Rechtschreibung von 1996 vollständig sanktioniert wird und seitdem bei
Reformkritikern auf vehemente Ablehnung stößt.
Die 10. Auflage des Dudens von 1929
verzichtet auf eblouieren und wartet dafür mit ebullieren (»aufwallen,
Blasen treiben«) auf, wofür die neueren Dudenauflagen und der jüngste
Spross dieses »Volkswörterbuchs« mittlerweile längst keine Verwendung
mehr haben. Schließlich würden redliche Hausfrauen und eifrige Hausmänner
heute im Kochbuch kaum die Anweisung »Die Kartoffelsuppe fünf Minuten
ebullieren lassen und dann sofort servieren« finden.
Der Duden und
die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts
Reichstag und Reichskanzler kennt der 1880-er Duden als
Substantivkomposita zu »Reich«. Von Reichsamt bis Reichsversicherungsverordnung
ist diese Zweizahl in der 11. Auflage von 1934 auf 54 Zusammensetzungen
angeschwollen, unter denen die Reichsautobahn und das Reichserbhofgesetz
die eher harmlosen sind und Kandidaten wie Reichsfeind,
Reichskulturkammer oder Reichspropagandaleiter uns heute
erschauern lassen. Die 13. Auflage von 1947 räumt hier schnell auf und
ersetzt den Reichspropagandaleiter durch den Reichsabt und
das Reichsluftfahrtministerium durch die Reichskleinodien.Der
Makel der Gleichschaltung bleibt.
Abschnittsbevollmächtigter,
Broiler, Mauerfall und Mauerspecht
kennt der erste Duden nicht. Die aktuelle Auflage führt diese Einträge
noch und erinnert so daran, dass einmal zwei deutsche Staaten existierten,
in denen es je einen eigenen Duden gab, der von zwei unterschiedlichen
Redaktionen erarbeitet und gepflegt wurde. Und obgleich sie unter ganz
anderen Bedingungen wirkten, waren sie sich in einer Sache doch einig: im
Festhalten am Prinzip einer einheitlichen Orthografie, als deren Vater
Konrad Duden gilt.
Baggypants, casten,
Late-Night-Show und Webdesign:
Wenn der alte Konrad Duden heute in seinen Duden schauen würde, käme es
ihm vielleicht so vor, als würde er vor lauter englischen Bäumen den
deutschen Wald nicht mehr sehen – oder auch nicht. Fragen können wir
ihn nicht mehr, aber immerhin stand er dem Englischen nicht abgeneigt
gegenüber. Seine Einführung des Englischunterrichts am Hersfelder
Gymnasium war geradezu revolutionär in einer Zeit, in der neben den
klassischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein gerade mal das
Französische als Fremdsprache an öffentlichen Schulen unterrichtet
wurde. Das ist heute längst anders. Der Englischunterricht dominiert, und
Konrad Duden würde dies, schon aus rein pragmatischen Gründen,
sicherlich befürworten. Ob er selbst Wörter wie cool oder phatt
in den Mund nehmen würde, bleibt dabei eher fraglich.
Eine 125 Jahre
währende Erfolgsgeschichte
Wenn ein Wörterbuch wie der Duden auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken
kann, dann ist das schon per se eine Besonderheit in der deutschen Wörterbuchlandschaft.
Der Duden gehört nach den beiden Historikern Étienne François und Hagen
Schulze wie die Humboldt-Brüder, die Berliner Museumsinsel oder das
romantisch-verklärte und -verklärende Alt-Heidelberg zu den deutschen
Erinnerungsorten – mit dem einen ganz zentralen Unterschied, dass er Tag
für Tag praktisch wirkt und das mittlerweile nicht nur als Buch, sondern
auch auf allen denkbaren elektronischen Datenträgern.
Die vielen, in kurzen Abständen aufeinander folgenden Auflagen machen den
Duden zu einer Art »Seismograf« (Günther Drosdowski), der über
die Jahrzehnte hindurch »technischen und wissenschaftlichen Fortschritt,
die kulturelle Entwicklung und alle gesellschaftlichen und politischen
Wandlungen« widerspiegelt und jede sprachliche Veränderung. Dass der
Seismograf Duden im Laufe seiner Entwicklung von einem 27.000 Einträge
schmalen Bändchen zu einem 125.000 Stichwörter enthaltenden Backstein
geworden ist, der neuerdings auch noch sprechen kann, ist dabei nur
folgerichtig.
125 Jahre Duden sind 125 Jahre einer
Erfolgsgeschichte, die im deutschen Buchhandel durchaus ihresgleichen
sucht. Was bleibt, ist der ständige Wandel, dem der Duden unterliegt und
den er selbst abbildet. Was auch bleibt, ist das Thema Rechtschreibung,
mit dem sich die Dudenredaktion wie Konrad Duden täglich intensiv
auseinander setzt. So etwas nennt man Kontinuität, die schon der erste
Duden wie wir heute mit K schreibt.