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Die Geschichte vom Elektriker Emil, der unbedingt Friseur werden wollte

Ein Märchen zur Urheberrechtsdebatte

 

Es war einmal ein nicht mehr ganz junger, aber auch noch nicht ganz alter Mann, der hieß Emil und hatte den Beruf des Elektrikers gelernt. Das hatte eine Weile gedauert, und dann hatte es noch eine Weile länger gedauert, bis Emil sich durch Erfahrung und solide Arbeit einen Kundenstamm geschaffen hatte, der es ihm ermöglichte, mit seinem Beruf sich und seine Familie gut über die Runden zu bringen und sogar die Hypothek für ein Reihenhaus abzuzahlen. Emil liebte es, Stromkabel zu verlegen, Verteilerkästen zu setzen, und am liebsten übernahm er Aufträge für komplette Hausanlagen. Aber er war sich auch nicht zu schade, bei der alten Dame am Ende der Straße eine defekte Glühbirne auszuwechseln und ihr ausführlich zu erläutern, warum die neue Birne nicht nur anderes Licht machte, sondern auch noch viel teurer als die alte war. Er konnte das so gut erklären, dass die alte Dame es nicht nur verstand, sondern ihm sogar lächelnd einen Kaffee kochte. Emil war also ein durchaus zufriedener Mensch, der ein gutes Leben hatte. Wäre da nicht dieser Traum gewesen.

Fotolia/AKS18

 

Bevor Emil nämlich Elektriker gelernt hatte, hatte er eine Ausbildung in einem Friseurgeschäft gemacht. Anderen Menschen die Haare zu schneiden, davon hatte er schon als Kind geträumt … aber dann war alles anders gekommen. Nirgends fand er eine Anstellung, und außerdem sagte ihm jeder, dass die Zeit für Friseure gar nicht gut sei, und überhaupt: Es gebe sowieso schon zu viele. Das war nicht von der Hand zu weisen. Nun hatte Emil allerdings schon damals ein Faible für Kabel und Strom, und weil zufällig in der Nähe eine Ausbildungsstelle frei war, wurde er statt Friseur Elektriker. Seinen Traum vom eigenen Friseurgeschäft gab er aber niemals auf. Neben seinem Hauptberuf bildete er sich weiter, besuchte Messen, machte in einer sündhaft teuren Abendschule sogar den Meisterbrief.

Danach jedoch geriet der Friseurwunsch mehr und mehr aus dem Fokus, denn er verliebte sich, heiratete, kaufte das Haus, Kinder wurden geboren, und viele Aufträge verlangten nach stetigem Einsatz, aber das störte ihn nicht, denn er war gern Elektriker. Ganz aufgeben wollte er das Haareschneiden aber auch nicht, und so freuten sich seine Verwandten, denn er schnitt gut und nahm kein Geld dafür. Und dann stand eines Tages dieser kleine Laden leer. Plötzlich kehrten die alten Träume wieder, und all die Sehnsüchte, die er so unterdrückt hatte … Jetzt waren sie zum Greifen nahe: Nicht mehr nur nebenbei für ein nettes Nicken Haare zu schneiden, sondern professionell Kunden zu bedienen, die zu ihm kommen würden, weil sie sein Handwerk schätzten und nicht, weil sie mit ihm verwandt waren und darauf hofften, für lau zwischen Abendessen und Tagesschau mal schnell die Spitzen geschnitten zu bekommen. Der Laden war seine Chance!


Und doch zögerte er: Wie sollte er sein Haus abbezahlen, seine Familie ernähren, wenn er sein gutgehendes Gewerbe einfach aufgäbe? Würden überhaupt genügend Kunden kommen? Andererseits: Er liebte seinen Beruf! Also warum nicht das eine tun, ohne das andere zu lassen? Gewiss, es würde schwer werden, nach Feierabend im ersten Beruf noch einen zweiten aufzunehmen. Und überhaupt: War denn seine Sehnsucht noch wirkliches Bedürfnis, oder doch eher ein Traum, dessen Zauber zerstob, sobald er Wirklichkeit würde? Emil beschloss, vor der Entscheidung seine ehemaligen Kollegen aus der Abendschule zu besuchen und sie zu fragen, wie es ihnen ergangen war.

 

Zuerst fuhr er zum Laden von Peter, der Schluri, der immer nur das Nötige gemacht und die Auffassung vertreten hatte, dass das Leben zum Genießen und nicht zum Totschaffen einlade. Peter hatte seinen Laden in einer durchaus attraktiven Lage eröffnet, aber als Emil ihn besuchte, befand sich kein einziger Kunde darin. Die Ausstattung war sicher vor Jahren komfortabel und zeitgemäß gewesen; jetzt war sie verlebt, und die Waschbecken sahen nicht sonderlich sauber aus.  Peter saß im Hinterzimmer des leeren Salons, rauchte und las Zeitung. Er freute sich sehr, Emil zu sehen. Gleich nach der Begrüßung und auf die Frage, wie es ihm denn gehe, jammerte er: die Berufswahl sei völlig falsch gewesen! Die Lage sei schlimm, wie sie schlimmer nicht sein könnte! Alles, aber wirklich alles gehe den Bach runter! Als er hörte, dass Emil ein Friseurgeschäft eröffnen wollte, lachte er bitter: Mein Lieber, schlag dir diesen Windbeutel mal schnell aus dem Kopf! Reich werden kannst du damit nicht!

Emil entgegnete, dass er das auch gar nicht wolle, aber durchaus den Anspruch habe, für seine Arbeit solide bezahlt zu werden.

Solide?, rief Peter sarkastisch. Schau dich doch hier um! Siehst du etwa Kunden? Nee, das kannste vergessen, mein Lieber! Da kommt einfach jemand, macht nebendran einen neuen Laden auf und bietet den Kram für drei Cent billiger an, und weg biste vom Fenster. Selbst die Stammkunden zeigen dir die lange Nase! Nee, nee, mein Guter, in dem Job ackerste dich zu Tode – für nix!

 

Etwas irritiert verabschiedete sich Emil. Neugierig und so, dass es Peter nicht mitbekam, ging er in den neuen Laden nebenan. Eine helle, freundliche Atmosphäre und lächelnde Angestellte empfingen ihn. Keine Frage: Man fühlte sich hier wohl. Die Preise waren moderat, das Angebot überschaubar. Ein solider Laden halt. Emil traute sich nicht zu fragen, wie die Geschäfte liefen, aber eigentlich musste er das auch nicht. Es war ein nullachtfünfzehn-Friseurgeschäft, wie es viele gab. Für Leute, die sich mit nullachtfünfzehn-Haarschnitten zufrieden gaben und dafür einen günstigen Preis bezahlten. Und die Leute kamen, wie man unschwer an den belegten Plätzen sehen konnte. Und offenbar waren sie zufrieden mit dem, was geboten und mit dem, was dafür verlangt wurde. Emil wusste zwar, dass sein Laden ganz bestimmt anders aussehen würde, aber trotzdem fühlte er sich ein bisschen getröstet.

 

Als nächstes fuhr er in eine noch bessere Lage, um genau zu sein: in die beste Lage der Stadt. Hier hatte Andreas seinen Laden eröffnet, der nicht nur zur Prüfung, sondern generell im Anzug in die Schule gekommen war, und der schon damals den Hang gehabt hatte, sich nicht nur für etwas Besseres zu halten, sondern auch so aufzutreten, obwohl sein Können mit diesem Anspruch keinesfalls korrelierte. Aber schlecht oder untalentiert war er wiederum auch nicht gewesen.  

Sein Laden hieß Coiffeur André und beim Betreten erschauerte Emil vor Ehrfurcht. Er kam sich plötzlich ganz klein und mickrig vor angesichts des edlen Interieurs und der chromglasglänzenden Spiegel, Becken und Armaturen. Wahrscheinlich lag er nicht falsch mit der Annahme, dass ein einziger Wasserhahn ungefähr die Hälfte dessen gekostet hatte, was er als Budget für die gesamte Sanitärtechnik eingeplant hatte. Wenn er denn seinen Laden überhaupt eröffnen würde.

Eines war jedenfalls klar: DAS hier könnte er niemals erreichen! Vor dezent beleuchteten Spiegeln saßen die Kundinnen und parlierten mit ihrem persönlichen Coiffeur.  Die Preisliste verursachte Gänsehaut, und Emil war nahe daran, vor Bewunderung zu zerfließen, als der Verstand sich zurückmeldete: Er wollte weder solche Kunden, noch einen solchen Laden!

 

Ciao!, erklang es in seinem Rücken. Es war Andreas, vielmehr: André. Er trug einen Anzug von feinstem Zwirn mit grüngrau gestreifter Fliege und eine so akkurat geschnittene Frisur, wie sie Emil noch nie bei einem Mann gesehen hatte. André freute sich, dass Emil seinen Laden lobte. Wobei das Wort „Laden“ wirklich fehl am Platze war und Emil sich bemühte, andere Vokabeln zu verwenden. Leider war er so unvorsichtig zu erwähnen, dass er beabsichtigte, auch ein Friseurgeschäft zu eröffnen. André bedachte ihn mit einem mitleidigen Lächeln. Das ist eine löbliche Idee, mein Lieber. Warst ja in der Schule durchaus talentiert. Aber im Ernst: Ich würde mir das überlegen, denn um solcherart Kunst zu erreichen, wie ich sie hier den Kunden angedeihen lasse, genügt es nicht, mal eben eine Idee zu haben. Man muss das Metier nicht nur beherrschen, man muss es vervollkommnen! Wahre Meisterschaft wird nur erreichen, wer durch ein großes Tal der Tränen schreitet. Auch finanziell, glaube es mir.

Als Emil einwandte, dass er beabsichtige, den Friseurladen zusätzlich zu seinem Beruf als Elektriker zu betreiben, wandelte sich das gönnerhaft-herablassende Lächeln Andrés abrupt in eine abweisende Miene. Er musste nicht sagen, was er dachte – es stand deutlich auf seiner Stirn geschrieben: Dass Leute wie Emil das Verderbnis der wahren Kunst eines Coiffeurmaestros seien, weil sie in ihrem Wahn glaubten, neben einem Brotberuf auch noch eine Berufung haben zu können.

Lass dir eins gesagt sein, gab André ihm schließlich mit auf den Weg: Leute, die zwei Dinge halb machen, haben keine Leidenschaft und können mithin niemals Künstler in ihrem Beruf sein.  Es fiel Emil nicht schwer, sich mit einem Lächeln zu bedanken und Maestro André alles Gute zu wünschen.

 

Nur wenige Straßen weiter lag der Laden von Bertram. Er hatte schon in der Schule versucht, es André gleichzutun, aber an ihm hatten die gleichen Anzüge immer ein wenig unpassend ausgesehen, und so war es jetzt auch mit dem Laden, der Chez Bertrand hieß und die trendigsten Frisuren der Stadt versprach. Das Innere war ähnlich aufwändig gestaltet wie bei André, aber es waren keine Kunden da. Bertrand fragte nicht einmal, warum Emil vorbeikomme, sondern schob ihm einen Stuhl hin und fing an, ihm darzulegen, welche Frisur gerade angesagt sei und warum er die unbedingt tragen müsse. Nur mit Not und Mühe gelang es Emil, seinem ehemaligen Kollegen klar zu machen, dass er nicht zum Haareschneiden gekommen war.

Als Bertrand erkannte, dass es ihm nicht gelingen würde, Emil zum zahlenden Kunden zu machen, ließ er unverblümt durchblicken, dass er ihn als Störenfried betrachte und als Ignoranten noch dazu, der seine Künste nicht nur nicht zu würdigen wusste, sondern ihn auch von der Arbeit abhalte. Das war der unangenehmste Besuch von allen, und Emil sah zu, dass er fortkam. Auf dem Weg zur Tür stieß er beinahe mit einem Mann zusammen, der auch nicht danach aussah, als komme er zum Haareschneiden. Müller und Gerichtsvollzieher, hörte er, ehe er den Laden verließ.

 

Zum Abschluss fuhr Emil in die Vorstadt. Hier betrieb Berta ihr Friseurlädchen; die Rollläden waren halb heruntergelassen, das Innere so, wie es sich Emil für seinen Laden auch vorstellen könnte. Einladend und praktisch. Sauber, hell und freundlich. Er warf einen Blick auf die Preistafel; auch das war in Ordnung, wenngleich Berta hätte woanders sicher mehr verlangen können. Sie war die Talentierteste von ihnen gewesen. Trotzdem war kein einziger Kunde da.

Berta begrüßte ihn fröhlich wie früher und bot ihm einen Espresso an. Und dann redeten sie lange. Emil erfuhr, dass Berta durchaus Kunden hatte, nur eben nicht so viele, und dass sie auch wusste, dass die Lage des Ladens nicht eben günstig war.  

Wenn du dein Geschäft in der Innenstadt hättest, könntest du mehr Kunden haben, sagte Emil.

Berta lachte. Klar, würde ich mich freuen, wenn der Laden voll wäre. Aber weißt du was? Ich habe nur einige Meter von zu Hause bis hierher, ich brauche nicht mal ein Fahrrad. Und meine Kunden kenne ich alle persönlich, und Konkurrenz brauche ich auch nicht zu fürchten. Wer zieht schon in dieses Vorortkaff? Aber weißt du was? Mir gefällt`s hier!

Das glaubte Emil gern. Als Berta erfuhr, dass er seinen eigenen Laden eröffnen wollte, obwohl er eigentlich Elektriker war, lachte sie wieder. Sie fand die Idee prima.

Niemals wirst du gezwungen sein, Haare schneiden zu müssen, obwohl du es nicht willst. Niemals wirst du Haare so schneiden müssen, wie andere es von dir verlangen. Du wirst zwar wenig Zeit haben, aber frei sein. Gibt es Schöneres? Na gut. Vielleicht einen guten Espresso. Da lachten sie beide.

 

Mit durchaus gemischten Gefühlen fuhr Emil am Abend zurück. Eines hatte er jedenfalls gelernt: Es hatte keinen Sinn, sich an den anderen zu orientieren, nicht mal an Berta. Und um das Handwerk als solches ging es auch nicht. Das hatten sie alle gelernt, und jeder musste für sich sehen, in welcher Weise er es umsetzte. Also mietete er das Lädchen, und eröffnete einen Friseursalon, den er an zwei Tagen in der Woche abends und Mittwochs ganztags betrieb. An den anderen Tagen arbeitete er weiterhin als Elektriker. Freizeit hatte er fortan in der Tat nur noch wenig, aber das Friseurgeschäft entwickelte sich und wurde zur zweiten Einnahmequelle. Emil liebte seine beiden Berufe, und beide übte er mit der gleichen Leidenschaft und Liebe aus.  Er war nicht mehr nur ein zufriedener, sondern ein ziemlich glücklicher Mensch. Bis eines Tages mal wieder ein neues Stadtparlament gewählt werden sollte, und eine neue Partei antrat.

 

Natürlich hatte Emil mitbekommen, dass sich die Zeiten geändert hatten. Er hatte auch mitbekommen, dass die Zahl der Menschen, die Haare schnitten, erheblich zugenommen hatte. Diese Leute begnügten sich nicht mehr damit, wie er es früher getan hatte, im Familienkreis die Schere zu zücken. Das Selbstverständnis dieser Haare-Schneider war enorm gewachsen: Sie behaupteten, Friseure zu sein, obwohl sie niemals eine Ausbildung gemacht hatten, manche gingen sogar so weit, nach dem Kauf einer Schere und den ersten geschnittenen Ponys ihrer Kinder in die Öffentlichkeit zu gehen und mit ihrer Kunst zu werben. Es wurde ihnen allerdings auch recht einfach gemacht, denn es gab seit Kurzem eine Zeitung für Friseure, in denen alle kostenlos werben durften, die der Meinung waren, es mal als Friseur versuchen zu wollen. Und fast jeder, der es schaffte, eine Anzeige zu platzieren, ließ sich Visitenkarten drucken und nannte sich fortan Friseur, oder sogar Coiffeur. Weil die Kunden nicht von selbst kamen, fingen die neuen Friseure schließlich an, die Passanten auf der Straße, in der Straßenbahn, im Café und überall anzusprechen, ob sie nicht an einem günstigen Haarschnitt, einer Dauerwelle oder Tönung interessiert seien. Wahlweise jammerten sie dabei, dass man ihnen keinen Laden vermiete, dass sie vom Schicksal gebeutelt seien oder sie waren schlichtweg so ehrlich zuzugeben, dass sie gerade erst anfingen und deshalb diesen Weg gehen müssten.

 

Emil wusste das so genau, weil er sich selbst hatte ein Bild machen wollen und sich die Sache angeschaut hatte. Und tatsächlich: überall auf den Straßen waren Leute mit Scheren, Kämmen und großen Plakaten unterwegs, die einen standen still und stumm am Straßenrand und schauten mitleidheischend auf die Vorbeigehenden, andere stellten sich ihnen frech in den Weg, sprachen sie unaufgefordert an und liefen ihnen bis vor die Haustür nach, verfolgten sie regelrecht mit ihren Scheren und Kämmen. Und hier und da hatten sie Erfolg: allerorten wurden Haare geflochten, geschnitten, gefärbt, gewellt. Die Ergebnisse waren teils schauderhaft, manchmal recht nett anzusehen, und hier und da blitzte sogar Talent durch. Aber wann immer Emil versuchte, Ratschläge oder Tipps zu geben, stieß er auf Desinteresse, Gleichmut oder Überheblichkeit. Hier und dort kam er auch ins Gespräch mit den neuen Friseuren, aber wirklich ergiebig waren die Unterhaltungen nicht.

 

Die Menschen in der Stadt reagierten zunehmend gereizt auf diese Art der Belästigung, was nicht ohne Auswirkung auf die angestammten Friseure blieb. Die meisten von Emils Kunden ließen sich zwar zunächst nicht davon beeindrucken; sie erzählten kopfschüttelnd von unerfreulichen Begegnungen und versicherten Emil, dass sie seine Professionalität nur umsomehr zu schätzen wüssten. Der eine oder andere gestand allerdings kleinlaut ein, dass er dem Angebot nicht habe widerstehen können, andere behaupteten hingegen, die verkorkste Topffrisur oder den verfransten Pony selbst verbrochen zu haben. In der Summe war das alles eher zum Schmunzeln als zum Ärgern, weil ja doch die meisten Leute nach wie vor kamen und auch für das Haareschneiden genauso bezahlten, wie es die Kunden für Emils Arbeit als Elektriker taten. Viele seiner Friseurkunden wussten gar nicht, dass er noch einen andere Beruf hatte, und das war auch gut so, denn schließlich hatte das eine mit dem anderen nichts zu tun.

 

Was Emil dann aber wirklich ärgerte war, dass nach einiger Zeit Kunden kamen, die nicht mehr bereit waren, den Preis zu zahlen, den er verlangte. Als Begründung gaben sie an, dass sie die gleiche Leistung woanders viel günstiger bekämen. Emil empfahl diesen Kunden, dann doch dieses Angebot wahrzunehmen, was aber nicht dazu führte, dass sie seinem Rat folgten und gingen, sondern sie beschimpften ihn, stellten ihn als Abzocker hin, der anderen Leuten gierig das Geld aus der Tasche ziehe. Es hatte keinerlei Sinn, diesen Kunden zu erklären, dass er sein Handwerk jahrelang gelernt, dass er für die Ausstattung des Ladens viel Geld investiert habe, dass er sich ständig weiterbilde und anderes mehr. Wenn er überhaupt mit Argumenten statt mit Pöbeleien belegt wurde, bekam er bestenfalls zu hören, dass ihn zu alledem ja niemand gezwungen habe.

 

Doch das war erst der Anfang. Plötzlich kamen auch Leute, die nicht nur weniger, sondern gar nichts mehr bezahlen wollten. Und es waren unglückseligerweise einige darunter, die Emil früher als zufriedene Kunden gehabt hatte. Jetzt warfen sie ihm vor, dass er sich jahrelang auf ihre Kosten bereichert habe! Und wie infam es sei, dass ER seine Zufriedenheit daraus ziehe, dass SIE ihm ihre Haare zum Schneiden zur Verfügung stellten. Und was SIE eigentlich davon hätten, dass sie das täten? Und wie lange er wohl noch Haare schneiden könne, wenn niemand mehr komme, der ihm welche zum Schneiden zur Verfügung stellte? Und dass es ja wohl nur angebracht sei, wenn er schon durch sie eine solche Freude erleben dürfe, dafür nicht auch noch Geld zu verlangen? Und überhaupt, Haarewaschen und ein bisschen Pony kürzen? Das könne ja wohl jeder!

Seltsamerweise, und das verstand Emil nicht wirklich, geschahen solche Dinge nur in seinem Friseursalon, aber niemals, wenn er als Elektriker unterwegs war. Er hatte zwar schon erlebt, dass Leute Leitungen selbst verlegten, aber noch nie war jemand auf die Idee gekommen, sich deshalb als Elektriker zu bezeichnen. Und die Kunden schimpften zwar ab und an über eine ihrer Meinung nach zu hohe Rechnung, aber niemals war auch nur einer auf die Idee gekommen, gar nicht zu bezahlen mit dem Argument, Emil mit der Freude am Stromkabelverlegen schon genügend Gegenwert verschafft zu haben.

(Fotolia/Anatoly Maslennikov)

 

Während andere Friseure in der Stadt allmählich anfingen, die Preise zu senken, und der eine oder andere, wie Emil hörte, sogar Gratistage anbot, damit die Kunden weiterhin kamen, bestand Emil stur darauf, dass er für gute Arbeit auch gutes Geld verlangen könne. Als Elektriker tue er ja auch nichts anderes. Das war jedoch, wie er alsbald feststellte, wiederum ein völlig falsches Argument. Denn jetzt fielen nicht nur die neuen Kunden, sondern auch noch seine ehemaligen Kollegen über ihn her. Ein Friseur sei er tatsächlich nie gewesen, und er habe ja gut reden von wegen gute Preise verlangen! Er hocke feistgefuttert von seinem Elektrikerlohn in seinem Friseurladen und sitze die Krise einfach aus, während sie um ihre Existenz kämpften. Seltsam war, dass ausgerechnet Bertrand sich am lautesten beklagte, der doch lange vor Beginn der ganzen Entwicklung pleite gewesen war. Und Peter warf ihm mangelnde Solidarität vor, und André setzte seine Preise nicht runter, sondern rauf, und die Leute kamen trotzdem, denn er war ja Coiffeur und Kult. Was wiederum Bertrand auf die Palme brachte. So behackten sich schließlich alle untereinander, derweil die Kunden sich immer öfter auf der Straße frisieren ließen.

 

Dann kam die Wahl, und die neue Partei obsiegte. Danach wurde festgesetzt, dass fortan die Kunden selbst entschieden, ob sie fürs Haareschneiden etwas bezahlen wollten oder nicht. Weil es schließlich ihre Haare waren, die sie beim Friseur opferten. Und weil es immer mehr Menschen gab, die behaupteten, Haare schneiden zu können und das gern auch nebenbei und gratis taten, flexibilisierte und liberalisierte man schließlich das gesamte System, so dass sich fortan jeder Friseur nennen durfte, der den Wunsch danach verspürte. Die Reputation des Handwerks litt zwar darunter, aber das geschah nur unmerklich, und als es dann offenbar hätte werden können, merkte es keiner mehr, weil inzwischen alle mit den gleichen zerzausten Frisuren herumliefen. Emil jedoch sah es und das Herz tat ihm weh. Aber weil er nichts ändern konnte, und seine Kunden immer weniger wurden, machte er seinen Laden schließlich zu und verlegte wieder ganztags Stromkabel. Warum die Leute den Elektriker Emil klaglos bezahlten und den Friseur hingegen nicht, verstand er nicht wirklich.

Und wenn er nicht gestorben ist, grübelt er noch immer.  

 

(c) Nikola Hahn 2012

 

Wie ich auf die Geschichte kam? Längeres Verfolgen der überhitzten Debatte schuf die Idee, ein Professor der Linguistik (!) gab den Ausschlag, sie umzusetzen. Mehr in meiner Schreibstube ...

 

 

 

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