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...
"Ihre
Tante hat mir gesagt, daß ich Sie hier finde, Fräulein Könitz. Ich muß mit
Ihnen sprechen", sagte Richard und blieb abwartend vor dem Pavillon stehen.
"Ich hoffe, ich störe nicht."
"Ach
was", versetzte Eduard lässig und stand auf. "Wir haben uns nur ein
paar nette Preußenwitze erzählt. Wenn ich Ihnen meinen Platz anbieten darf,
Herr Kommissar? Ich wollte ohnehin gerade gehen."
Biddlings
Gesichtsausdruck ließ erkennen, daß er sich ärgerte, aber er verkniff sich
eine passende Erwiderung. Die unausgesprochene Feindseligkeit zwischen den
beiden Männern, die sich gegenseitig belauerten wie zwei Raubtiere vor dem
entscheidenden tödlichen Sprung, machte Victoria angst.
"Laß
dich nicht über den Tisch ziehen, Cousine!" Eduard lachte selbstgefällig,
als er Richards verstimmte Miene sah. "Wir Frankfurter müssen schließlich
zusammenhalten, nicht wahr?"
"Wirklich
ein ausgesucht höflicher Mensch, Ihr Herr Cousin", bemerkte Richard
sarkastisch, als Eduard gegangen war.
"Was
wollen Sie von mir?" fragte Victoria ungehalten.
Richard
nahm auf Eduards Stuhl Platz und stellte seine Aktenmappe neben sich auf den
Boden. Er griff in seine rechte Jackentasche, zog den zerknitterten
Zeitungsausschnitt aus dem Weilbacher Provinzblatt hervor und hielt ihn ihr vor
die Nase.
"Und?"
fragte Victoria provozierend.
"Wo
haben Sie das her?" entgegnete Richard im gleichen Ton.
"Aus
einem Papierkorb."
"Und
wo stand dieser Papierkorb, wenn ich fragen dürfte?"
"Ich
kann mich nicht erinnern."
"Sie
lügen schon wieder, Fräulein Könitz."
"Es
ist Emilie, nicht wahr?"
"Nein."
"Nein?"
"Ich
habe mir das Autopsieprotokoll schicken lassen. Die unbekannte Tote, die man am
6. Juli bei Weilbach aus dem Main barg, war mindestens fünf Jahre älter und
von besserem Stand als Emilie."
"Wie
bitte sieht man einer Wasserleiche an, daß sie von besserem Stand ist?"
hielt Victoria ihm pikiert entgegen.
"Ich
bin bestimmt nicht gekommen, um mit Ihnen über das Wie und Warum von Sektionen
zu debattieren!"
"War
der Arzt wenigstens gerichtsmedizinisch geschult?"
Richards
Augen verengten sich. "Was soll diese dumme Fragerei?"
"Es
ist ein fataler Irrtum, jeder Arzt sei per se fähig, gerichtsmedizinische
Befunde zu erheben", erklärte Victoria hochmütig. "Die
kriminalistische Seite der Pathologie ist eine Wissenschaft für sich, und
gerade bei Wasserleichen kann ein unerfahrender Arzt schlimmen Irrtümern
unterliegen."
Richard
war verblüfft. "Hat Ihnen das Ihr Onkel erzählt?"
"Nicht
direkt. Onkelchen ist nämlich, was Weiber angeht, der gleichen Meinung
wie Sie."
"Und
die wäre?"
"Erstens:
daß sie keine Ahnung haben. Zweitens: daß sie keine Ahnung haben dürfen.
Drittens: daß es so das Beste ist."
Richard
schloß seine Aktenmappe und stand auf. Es hatte keinen Sinn mit ihr. Und er
hatte es nicht nötig, vor irgendeinem Menschen zu Kreuze zu kriechen, und schon
gar nicht, wenn dieser Mensch eine derart störrische Frau wie Victoria Könitz
war. "Auf Wiedersehen, Fräulein Könitz", sagte er förmlich.
Sie
schaute ihn überrascht an. "Keine Fragen mehr, Herr Kommissar?"
"Nein."
"Dürfte
ich Ihnen trotzdem noch etwas sagen?"
"Wenn
Sie es für erforderlich halten."
"In
Wien gibt es einen Professor für Gerichtsmedizin namens Eduard von Hofmann,
eine Kapazität in seinem Fach. Vielleicht sollten Sie ihm oder einem anderen
anerkannten Gerichtsmediziner den Autopsiebericht aus Weilbach zur Begutachtung
schicken. Oder Sie fragen Dr. Heinrich Hoffmann, den Leiter der Frankfurter
Irrenanstalt. Er führt regelmäßig Sektionen durch und interessiert sich auch
für die gerichtsmedizinische Seite der Pathologie." Als sie Richards
abweisendes Gesicht sah, fügte sie seufzend hinzu: "Warum fällt es
Männern bloß so schwer, einen gutgemeinten Ratschlag anzunehmen, wenn er von
einer Frau stammt?"
"Das
ist es nicht", wandte Richard müde ein.
"Doch.
Genau das ist es. Und es beginnt, ehe wir überhaupt alt genug sind, darüber
nachzudenken. Wenn sie den Stein der Weisen hätten, der Weise mangelte dem
Stein.
"Bitte?"
Victoria
lächelte. "Eines der vielen Zitate meiner Großmama. Es half mir auf
äußerst profane Weise, das Labyrinth der Tunnelgänge im Glashaus zu
bezwingen."
"Dafür
brauchte ich kein Zitat."
"Kennen
Sie Detektiv Dupin, Herr Kommissar?"
"Wer
ist das nun wieder?"
Victoria
lachte. "Sie lesen keine Kriminalgeschichten, oder?"
"Warum
sollte ich? Geschichten bekomme ich doch den ganzen Tag über zur Genüge
serviert."
"Wie
schade! Gute Geschichten lehren uns manchmal interessante Einsichten, zum
Beispiel die: Die Wahrheit steckt nicht immer in einem Brunnen. Sie
liegt nicht in den tiefen Tälern, wo wir sie suchen, sie liegt auf den Höhen
der Berge, wo wir sie finden."
"Wenn
Sie meinen, Fräulein Könitz. Auf Wiedersehen." Er nickte ihr zu und
ging durch den Garten zurück zum Haus. Warum mußte sie ausgerechnet die
Cousine von Eduard Könitz sein!
Trotz
seiner anfänglichen Ablehnung nimmt Richard Victorias Rat an und sucht Dr.
Heinrich Hoffmann auf. In der Frankfurter Irrenanstalt erfährt er nicht nur
Überraschendes über die unbekannte Mainleiche, sondern auch, daß Victorias
ältere Schwester in ihrer Jugend einen mysteriösen Unfall im Glashaus
hatte und seitdem geisteskrank ist. Aber niemand aus der Familie
Könitz ist bereit, dem Kommissar nähere Auskunft über diese Sache zu geben,
und Victoria behauptet, sich nicht erinnern zu können. Bis zu jenem Abend
...
Victoria
hörte ihr Herz schlagen, als sie kurz vor Mitternacht den Seiteneingang zum
Haus ihres Onkels aufschloß und hineinschlüpfte. Zitternd zündete sie die
mitgebrachte Kerze an, und während sie in die feuchten Kellergewölbe
hinabschlich, hoffte sie, daß ihre Tante nicht auf die Idee gekommen war, am
Tunnelkeller ein Schloß anbringen zu lassen.
Sie
hatte Glück. Erleichtert schob sie den Riegel zurück, öffnete die schwere
Holztür und ging in den muffig riechenden, stockdunklen Tunnel hinein.
Vorsichtig zog sie die Tür wieder hinter sich zu. Das flackernde Kerzenlicht
erhellte den Gang nur dürftig, und langsam folgte sie dem gekennzeichneten Weg
durch das Labyrinth.
Sie hatte ungefähr die Hälfte geschafft, als sie das
Gefühl beschlich, nicht allein im Tunnel zu sein. Die Kerze zitterte in ihren
Händen. Was, wenn sie erlosch? Was, wenn ihr jemand in einem der unzähligen
Nebengänge auflauerte? Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und
ging weiter. Unmittelbar darauf hörte sie ein Geräusch. Ein leises
Rascheln. Es war jemand hier! Was für eine irrsinnige Idee, allein
herzukommen. Sie hätte sich Braun anvertrauen sollen. Bestimmt wäre er
mitgekommen. Aber was half das jetzt noch? Andererseits: Wovor hatte sie
eigentlich Angst? Warum sollte jemand um diese Uhrzeit in den Tunnel gehen
wollen?
Den
Blick starr geradeaus gerichtet, lief Victoria hastig weiter und atmete auf, als
die Holztür zum Tunnelkeller vor ihr auftauchte. Die verrosteten Scharniere
knarrten leise in den Angeln, als sie sie aufstieß und in den Tunnelkeller
hineinging. Sie stolperte über etwas und erstarrte, als sie sah, daß es der
herausgeschlagene Eisenriegel war. Es gab keinen Zweifel mehr: Jemand war vom
Haus aus durch den Tunnel gegangen und hatte die Tür aufgebrochen, um in den
Erdkeller zu kommen. Aber jetzt war der Raum leer.
Victoria
atmete durch, bückte sich, stellte den Kerzenhalter neben dem Holzstapel
ab und zog an den unteren Brettern. Sie merkte, daß sich eins davon ohne Mühe
herausnehmen ließ, und entdeckte dahinter einen schmalen Hohlraum. Vorsichtig
tastete sie ihn ab, bis sie an etwas Hartes stieß. Aufgeregt zog sie es hervor.
Als sie ihren Fund ins Licht hielt, sah sie, daß es ein in mehrere Lagen
Wachstuch eingeschlagener und fest verschnürter kleiner Würfel war. Sie
nestelte die Bänder auseinander, entfernte die Umhüllung und hielt ein
Schmuckkästchen in der Hand.
Neugierig
öffnete sie es - und hatte im gleichen Moment das Gefühl, ihr Herzschlag setze
aus ...
©
Marion von Schröder-Verlag, 1998, Ullstein Verlag, 2000
Zugegeben,
es ist gemein, an dieser Stelle aufzuhören, aber ich wollte Sie ja auch nur ein
bißchen neugierig machen ...
