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---------- Leseprobe
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(Mit
Erläuterungen)
"Es
giebt Personen, welche ganz unbescholten sind und welche
sich rein aus persönlicher Neigung für das Polizeifach
zu Vigilanten-Diensten benutzen lassen. Diese
Personen dürfen nicht mit den Verbrechern verwechselt
werden, welche sich für schnödes Geld dem Verrath ihrer
Genossen hergeben."
(W.
Stieber, Practisches Lehrbuch der Criminal-Polizei, 1860)
An
dem Leichnam und der Kleidung befanden sich folgende Spuren eines Kampfes:
1.
Nägeleindrücke am Halse und hinter den Ohren
2.
Blutergüsse am Halse und hinter den Ohren
3.
blutig ausgerissene Haarsträhnen
4.
und letztens der zerrissene rechte Ärmel des Kleides.
Am
Halse zeigten sich die bei einer Erwürgung oftmals vorhandenen verdächtigen
blauen Flecke neben der Strangulationsmarke. Schließlich wurde durch die
gerichtliche Sektion die vollständig sichere Überzeugung gewonnen, dass es
sich um Mord handelte.
*
"Darf
ich Ihnen Hannes vorstellen?"
Richard
Biddling schlug die angestaubte Akte zu, in der er gelesen hatte, und blickte
zu Kriminalschutzmann Heiner Braun hoch, der einen dicklichen, etwa
achtzehnjährigen Jungen mit wilden, braunen Locken ins Büro schob. "Guten
Tag, Hannes", sagte er.
"Guten
Tag, Herr Kommissar", erwiderte der Junge mit leicht näselnder Stimme und
fixierte ihn misstrauisch über den Rand seiner Augengläser hinweg. Richard
lehnte sich zurück und schwieg.
Heiner
schubste den Jungen näher zum Schreibtisch. "Na, nun berichte dem Herrn
Kommissar, was du mir erzählt hast!"
"Ich
wollte aber nur Ihnen ..."
"Ich
habe dir erklärt, dass nicht ich diesen Fall bearbeite, sondern der Herr
Kommissar." Heiner Braun sah seinen Vorgesetzten entschuldigend an. Er
wusste noch nicht so recht, wie er den jungen Kommissar einschätzen sollte, der
vor zwei Wochen vom Polizeipräsidium Berlin nach Frankfurt gekommen und ihm
kurzerhand vor die Nase gesetzt worden war. "Hannes ist einer unserer
Vigilanten, und er leistet mir ab und zu recht gute Dienste."
"Ein
Vigilant bist du also." Richards Stimme klang abweisend. Er hielt nicht
viel von diesen durchtriebenen Polizeispitzeln, die vorgaben, sich in den Dienst
von Recht und Gesetz zu stellen, obwohl sie in Wirklichkeit nur auf ihren
Vorteil bedacht waren.
"Ich
komme wegen Emilie Hehl", sagte der Junge und schaute hilfesuchend zu
Heiner.
"Hannes
meint, dass das Dienstmädchen vermutlich nicht die einzige war, die am
Wäldchestag zu Hause blieb", erklärte der Kriminalschutzmann und wandte
sich zum Gehen. "Es tut mir leid, Hannes, aber die weitere Unterhaltung
musst du mit dem Kommissar schon alleine bestreiten, ich habe noch zu
arbeiten."
Hannes
ließ sich auf einem wackeligen Stuhl neben dem Schreibtisch nieder und
berichtete, anfangs etwas stockend, dann zunehmend freimütiger, dass er von
einem Gespräch zwischen Sophia und Konrad Könitz erfahren habe, in dem es um
irgendwelche mysteriösen Stimmen im Glashaus und einen geheimen unterirdischen
Tunnel ging, der in der vergangenen Nacht offenbar von einem Unbekannten benutzt
worden war, um aus dem Keller ein Weinfass zu stehlen.
Richard
sah den Jungen streng an. "Woher weißt du das alles?"
Hannes
senkte verlegen den Blick. "Es wurde mir zugetragen, Herr Kommissar."
"Von
wem?"
"Ich
lebe lang genug in Frankfurt", wich Hannes aus.
Zwei
Stunden später verließ Richard sein Büro und ging über den dunklen mit
altertümlichen Pfeilern und Sturzgesimsen ausgestatteten Flur zum Treppenturm.
Direkt daneben befand sich das Dienstzimmer von Heiner Braun. Es war
verschlossen. Als Richard aus dem Treppenhaus in den Innenhof hinaustrat, sah er
Heiner Braun und den Leiter der Kriminalpolizei, Kriminalrat Dr. Rumpff, im
Schatten eines Kastanienbaums stehen.
Dr.
Rumpff war wütend. "Wie oft soll ich Ihnen eigentlich noch sagen, dass Sie
Anordnungen exakt so auszuführen haben, wie es Ihnen befohlen wird,
Braun!" schnauzte er den Kriminalschutzmann an, dass es über den ganzen
Hof schallte. "Wenn Sie nicht so gute Arbeit leisten würden, hätte ich
Sie schon längst in den letzten Herrgottswinkel versetzen lassen, das können
Sie mir glauben!"
"Jawohl,
Herr Doktor Polizeirat", entgegnete Heiner Braun. Seine Stimme klang ruhig,
aber ohne jede Ehrfurcht, und Richard erinnerte sich an die Worte, mit denen Dr.
Rumpff ihn an seinem ersten Diensttag auf seinen zukünftigen Mitarbeiter
vorbereitet hatte: Kriminalschutzmann Braun ist ein fähiger Beamter, aber es
mangelt ihm absolut an Disziplin und Gehorsam. Allein im vergangenen Jahr
sind gegen ihn zwei Disziplinarmaßnahmen wegen Beleidigung von Vorgesetzten
verhängt worden, und ausschließlich seines ungebührlichen Benehmens wegen ist
er trotz fast dreißigjähriger Dienstzeit und beachtenswerter Erfolge noch
immer nicht zum Wachtmeister befördert worden.
Richard
ging auf die beiden Männer zu und grüßte. Polizeirat Rumpff schaute ihn
erwartungsvoll an. "Und Biddling, was gibt es Neues im Fall Emilie
Hehl?"
"Ich
habe vorhin von einem Vigilanten interessante Informationen erhalten, die ich
gerade überprüfen will."
"Soso.
Und was sind das für Informationen?"
"Dr.
Könitz scheint anzunehmen, dass er es sich erlauben kann, der Polizei gewisse
Dinge vorzuenthalten."
"Um
eines unmissverständlich klarzustellen, Biddling", belehrte Dr. Rumpff
seinen Untergebenen mit schneidender Stimme, "Dr. Konrad Könitz ist ein
achtbarer Arzt und eine integre Persönlichkeit. Also mäßigen Sie sich in
Ihren abfälligen Äußerungen, solange Ihre Annahmen auf dem Geschwätz
irgendwelcher Gauner basieren. Guten Tag, die Herren!"
"Da
haben Sie sich ja punktgenau in den größten Fettnapf gesetzt, der
herumstand", sagte Heiner Braun kopfschüttelnd, als Rumpff außer
Hörweite war. "Dr. Rumpff geht im Hause Könitz ein und aus. Er und
Konrad Könitz sind seit vielen Jahren befreundet."
"Dann
habe ich mir ja gerade Sympathie fürs Leben erworben", stellte Richard
fest und nahm sich vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Er wusste
tatsächlich zu wenig, um irgendwem hier trauen zu können.
Sechs
Tage nach Emilies Verschwinden, am Montag, dem fünften Juni, kurz vor der
Mittagsstunde, erschien Hannes im Clesernhof. Er berichtete, dass Mainfischer am
Morgen das vermisste Weinfass der Familie Könitz aus dem Fluss geborgen
hätten, und dann drückte er Kommissar Biddling einen Zettel mit einer Adresse
in die Hand. "Dort wurde in der vergangenen Woche ein Amulett abgegeben. Es
gehörte Emilie." Bevor Richard ihn noch etwas fragen konnte, rannte er
davon.
Richard
und Heiner ermitteln, dass der Sachsenhäuser Mainfischer Oskar Straube
das Amulett bei einem Trödler versetzt hat. Die beiden
Kriminalisten wollen natürlich herausfinden, was es damit auf sich hat
und gehen zum Haus des Fischers, um ihn zu befragen.
Nachdem
Richard Biddling einige Male vergebens an die Tür des verräucherten,
windschiefen Häuschens von Oskar Straube geklopft hatte, wandte er sich nach
links und ging durch die schmale Einfahrt in den verwinkelten Hinterhof, aus dem
laute Stimmen drangen. Heiner Braun folgte ihm. Es roch stark nach Fisch, und
Richard rümpfte die Nase.
In
einer Ecke, halb von einem nachlässig aufgeschichteten Holzstapel verdeckt,
hockten zwei stämmige, in grobes Leinen gekleidete Frauen neben mehreren
kleinen und großen Körben. Sie drehten den Männern den Rücken zu und
kreischten sich in einer Lautstärke an, als wollten sie einander jeden Moment
die Köpfe abreißen.
Richard
schüttelte den Kopf und rief: "Guten Tag, die Damen!" Das Geschrei
verstummte augenblicklich. Mit einer Behendigkeit, die er ihnen gar nicht
zugetraut hätte, sprangen die Frauen auf und kamen neugierig näher. Während
sie Heiner mit einem derben Spruch begrüßten, betrachteten sie Richard mit
unverhohlenem Misstrauen. Er wies sich als Kriminalbeamter aus und
erkundigte sich höflich, wo er Oskar Straube finden könne. Er hatte die Frage
kaum ausgesprochen, als die ältere der beiden eine wüste Schimpfkanonade
losließ, von der er annehmen musste, dass sie ihm galt. Außer einigen bösen
Flüchen verstand er allerdings überhaupt nichts.
"Der
Straube ist unten am Main", klärte Heiner seinen verständnislos
blickenden Vorgesetzten auf, als sie wieder auf der Straße standen. "Im
übrigen müssen Sie nicht so ein beleidigtes Gesicht ziehen, die meinen es
nicht persönlich. In Sachsenhausen lernen die Kinder das Fluchen noch vor dem
Beten, aber ihre Sitten sind um vieles besser als ihre Manieren."
"Wenn
Sie das sagen."
Heiner
lächelte. "Für polizeiliche Ermittlungen ist es von ungeheurem Vorteil,
wenn man über alle Gesellschaftsschichten Bescheid weiß, einschließlich ihrer
Sitten und Gebräuche, ihrer Schwächen und Vorlieben." Als Richard
nichts erwiderte, setzte er hinzu: "Sie sollten den praktischen Rat eines
altgedienten Frankfurter Gendarmen in eigenem Interesse beherzigen, nicht dass
es Ihnen ergeht wie dem preußischen Unteroffizier, der nach der Annexion bei
einem alten Sachsenhäuser einquartiert wurde."
"Wieso,
was hat er denn angestellt?"
Heiner
registrierte zufrieden, dass Richards ärgerlicher Gesichtsausdruck verschwunden
war. "Als die Hausfrau das Essen auftrug, legte der junge, forsche Eroberer
als Ausdruck seiner Macht seinen Säbel auf den Tisch. Und der Sachsenhäuser
ging in den Stall, holte eine Mistgabel und legte sie dazu. Und wissen Sie, was
er sagte? Ei,
ich hab´ gedacht, zu einem großen Messer gehört auch eine große Gabel."
Richard musste lachen, und Heiner sagte: "Die Sachsenhäuser nehmen
für sich in Anspruch, die gröbsten Leute des ganzen Erdballs zu sein, und sie
sind mächtig stolz darauf. Aber sie legen Wert auf ihre Ehre und ihre Freiheit.
Sie können ihnen die unflätigsten Schimpfwörter an den Kopf werfen,
aber Sie sollten sich hüten, sie in ihrer Ehre zu kränken."
"Und
ihnen möglichst verschweigen, dass ich Preuße bin, oder wie soll ich Ihre
kleine Anekdote deuten?"
"Ach
was! Ich wollte lediglich Ihre biestige Miene aufheitern, Herr Kommissar."
Mit
seiner biestigen Miene eckt Kommissar Richard Biddling
bei seinen Ermittlungen noch öfter an, vor allem im
Umgang mit der Tochter des Hauses Könitz, der 23jährigen Victoria. Sie macht sich ihre eigenen
Gedanken über Emilies Verschwinden, und die gefallen dem Kommissar ganz und gar
nicht. Als Victoria eins Tages in einer Provinzzeitung zufällig auf einen
Artikel über eine unbekannte weibliche Wasserleiche stößt, ist sie der festen
Überzeugung, dass es sich um die verschwundene Emilie handelt. Sie wendet sich
an Heiner Braun, dem sie mehr vertraut als dem Kommissar, doch Richard erfährt
davon und sucht sie auf, um sie zur Rede zu stellen. Er findet sie zusammen mit
ihrem Cousin Eduard in einem Pavillon vor dem Glashaus.
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