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Der Blick der alten Dame

oder: Wer liest, kann was erzählen

Leseerlebnisse mit "Baumgesicht" und "Die Detektivin" (1999)

 

Ein regnerischer Spätherbstabend in einer südhessischen Kleinstadt. Der Wind treibt tote Blätter vor sich her. In dem kleinen Café ist das Licht heruntergedreht. Sieben Frauen und ein Mann sitzen schweigend im Halbdunkel. Der Spot fällt auf die achte. "Dunkle, schwere Wolken ziehen/träge über düstres Land./Mäntel unter Schirmen fliehen/hastig vor der Regenwand." Phantasie macht Worte grau, Realität und Fiktion verwischen. Eine Stunde später freundliches Nicken, Applaus, eine Frage. Die weißhaarige Dame schaut in die Runde, dann in mein Gesicht. "Kann es sein, daß ich hier die einzige richtige Zuhörerin bin?"

 

Vier Jahre sind vergangen, seit ich ihr eingestehen mußte, daß das männliche Publikum angeheiratet und das weibliche Veranstalter der Lesung war. Sie nahm es mit einem Lächeln.

Nach Lyrik und Kurzprosa versuchte ich mein Glück mit einem Historischen Roman. Die übliche Verlags-Odyssee wurde durch Einschalten einer Agentur verkürzt; irgendwann lag der Wälzer vor mir, und ich war erstaunt, daß ich ihn aufs Papier gebracht hatte. Presse und Fernsehen meldeten sich. Wie kommen Sie als Kriminalkommissarin dazu, einen Krimi zu schreiben? Noch dazu einen, der zu Zeiten Ihrer Ur-Urgroßmutter spielt? Und - ein ganzes Jahrhundert half mir nicht das geringste - : Die Heldin ist Ihr Alter ego, stimmt´s?

Dreißig Lesungen und doppelt so viele Interviews später, habe ich diese Fragen genau neunzig mal beantwortet, aber ich müßte lügen, wenn ich behauptete, ich hätte ein Problem damit, sie neunzig weitere Male zu beantworten. (Kriminal-)Romane schreibende Polizistinnen machen neugierig, die Medien sind wohlwollend und die Veranstalter bei Lesungen in der Minderheit. Am liebsten sehe ich sie kurz vor Veranstaltungsbeginn herumlaufen und Stühle suchen. Übervölkerte Räume sind Balsam für Autorenseelen.

Ich liebe Fachwerkhäuschen und Atemnot produzierende Leseecken, überhaupt: Nebenräume aller Art, in denen mir die Zuhörer auf die Pelle rücken; Spannung wird spürbar, Erwartung liest sich an Gesichtern ab. Der dynamische Mittvierziger in der zweiten Reihe weiß nicht, wie sein Handy ausgeht. Die Frau ohne Sitzplatz neben der Tür kommt vor Aufregung zum dritten Mal an den Lichtschalter. Ich lache. Schummrig darf's ja sein, aber bitte nicht stockeduster! Auf einem Podest angestrahlt vor einer schweigend schwarzen Masse wird das Mikro- zum Tele-fon: Ich rede meine Seele hinein, und am anderen Ende bügeln sie heimlich Wäsche. Zum Glück geht mein Frankfurter Schutzmann anno 1882 mit seinem preußischen Vorgesetzten reichlich respektlos um. Ob mit oder ohne Podest: Das freut die Leute auch im Odenwald.

 

Ich habe den Ehrgeiz, meine Zuhörer vor Verletzungen zu bewahren, die man sich beim unvermittelten Sturz von Stühlen zuziehen kann. Wie unangenehm es ist, Augenlider gegen die Schwerkraft zu stemmen, durfte ich als Zuhörer selbst erleben. Der Übergang in die Ruhephase wurde nur dadurch vereitelt, daß die Autorin den zaghaften Einwurf einer älteren Dame, sie verstehe so schlecht, ob sie nicht bitte etwas lauter lesen könne? aufs entschiedenste konterte: "Also bitte! Meine Figuren reden nun mal so!" Die Pressevertreterin neben mir schüttelte den Kopf.

Ich hörte, dreißig Zuhörer seien der Vortragenden eben zu wenig gewesen. Dafür muß man Verständnis haben, wenn man bedenkt, daß ihre Bücher im Spiegel stehen. Außerdem hatten wir nur neun Mark Eintritt bezahlt. Bei mir kommen die Leute meistens kostenlos rein, ab und zu gibt's für fünf Mark vom Veranstalter Apfelwein und eine Brezel als Dreingabe, was die Stimmung im Saal sichtlich fördert, vor allem, wenn es sich dabei um ein Fachwerkhäuschen handelt. Der Besucherrekord stellte sich ein, als achtzig Leute pro Kopf zwanzig Mark berappten, Erbsensuppe und stilvolles Ambiente inbegriffen. Im Gegensatz zu den anwesenden Journalisten hatte die Floristin mein Buch gelesen. Ihr Blumenarrangement korrespondierte mit dem Sujet, Tisch und Stuhl entstammten dem Jahrhundert meiner Heldin. Nicht einmal das Podest störte mich an diesem Abend. Es tut gut, von achtzig Leuten beklatscht zu werden, wenn man vorher zum Rüffelabholen in die Chefetage gebeten wurde.

 

Leiterinnen von Frauenbüros, Büchereien und sonstige Veranstalterinnen wundern sich, daß zu meinen Lesungen auch Männer kommen. Na ja, meinen eigenen bringe ich sowieso mit, aber er bleibt selten einziger Vertreter seines Geschlechts, wenngleich Frauen die Mehrzahl der Zuhörer stellen. Weißhaarige Damen sind immer noch darunter; hinzu kommen Schülerinnen, Studentinnen, Karrierefrauen, Hausfrauen, Mütter. Ihre Gesichter spiegeln Unbehagen, die ihrer Begleiter gespannte Neugier, wenn der Struwwelpeter-Schöpfer Dr. Hoffmann dem Berliner Kommissar gerichtsmedizinische Feinheiten in der Begutachtung von Wasserleichen erläutert. Weist die vorlaute Heldin den Preußen in die Schranken, tauschen die Geschlechter zuweilen abrupt ihr Mienenspiel. Lachen höre ich unisono, auch die gespannte Stille beim mitternächtlichen Ausflug durch Frankfurts Unterwelt stellt sich geschlechtsneutral ein.

"Wo haben Sie recherchiert?" 

"Wie lange haben Sie am Roman gearbeitet?" 

"Was sagt denn Ihr Mann dazu?" 

"Wußten Sie von Anfang an, wer der Mörder ist?"

Die Fragen kommen zögernd, fast entschuldigend, werden nie intim oder verletzend. Ich mag mein Publikum. Es ist mir allerdings peinlich, wenn sich die Leute dafür bedanken, daß ein Autor sie nicht mit Monologen quält, mehr als drei Sätze mit ihnen redet und ohne Murren seine Bücher signiert. 

"Schön, daß Sie so normal geblieben sind." Lieber Gott!

 

Außer Lesern kommen auch Schreiber zu meinen Lesungen. Einige erkenne ich daran, daß sie ein Manuskript dabei haben, andere outen sich durch entsprechende Fragen. Allen gemeinsam ist, daß sie Lesungen grundsätzlich verlassen, ohne ein Buch zu kaufen, was nur folgerichtig ist: Immerhin schreiben sie ja selber welche. Ich gebe zu, daß ich mich nie an diese Regel gehalten habe.

Noch interessanter zu beobachten ist die Spezies der Sparleser, die nach der Veranstaltung zum Büchertisch rennen, um durch hastiges Blättern herauszufinden, wer den Mord begangen hat. Schließlich ist es nicht einzusehen, für einen einzigen verdammten Satz 39,80 DM zu bezahlen! Zugegebenermaßen hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen, daß ich es versäumte, den Bösewicht auf der letzten Seite vorzustellen.

Recht machen kann man es bei einer Lesung ohnehin nicht allen. Ausgerechnet bei einem Heimspiel im romantischen Holzhausenschlößchen in Frankfurt sah mich eine grauhaarige Dame eine ganze Lesestunde lang so böse an, daß mir sämtliche Jugendsünden einfielen. Sie war die einzige, die kein Buch kaufte, aber trotzdem nach der Veranstaltung zu mir kam.

"Frau Hahn! Ich habe Ihren Roman zur Hälfte gelesen, aber ich konnte das heute abend wirklich nicht genießen!" 

"Das tut mir leid", sage ich zerknirscht. 

Sie lächelt. "Ich hatte nämlich viel zuviel Angst, daß Sie das Ende verraten!"

 

Egal, ob die Reihen gelichtet oder gefüllt sind, Lesungen sind für Veranstalter überwiegend materielle Verlustgeschäfte, darüber sollte sich jeder Autor im klaren sein, der nicht zufällig Hellmuth Karasek oder Johannes Mario Simmel heißt. Die Bereitschaft, Autorenlesungen durchzuführen, schwindet. Leider sind wir Autoren nicht ganz schuldlos daran.

"Es ist natürlich schöner, vor einem vollen Haus zu lesen", sagen kleinere Veranstalter mit Schweiß auf der Stirn. "Wissen Sie, letztes Jahr ist uns das mit dem Autor X passiert. Zum ersten Mal einen großen Saal gemietet, und dann waren nur fünf Leute da." 

Die Geschichte von der weißhaarigen Dame in einer südhessischen Kleinstadt hilft an dieser Stelle entscheidend, den Schweißfluß zu stoppen. Der restliche Abend läuft entspannt ab und macht allen Spaß, umsomehr, wenn hinterher die Bücher trotzdem knapp werden und sich die einsame Zuhörerin in der dritten Reihe als Buchhändlerin aus der Nachbarstadt zu erkennen gibt, die unbedingt auch eine Lesung organisieren will. Der eigentliche Wert einer Lesung bemißt sich übrigens nur sekundär am Honorar. Nirgends sonst habe ich die Gelegenheit, unmittelbar zu hören, was die Leser von meinem Geschreibsel halten, nirgends sonst die Chance, Buchhändler auf mein Buch aufmerksam zu machen, und meinem Namen ein Gesicht zu geben, das über den Abend hinaus im Gedächtnis haften bleibt. Außerdem bekomme ich nach dem dritten Glas Wein Einblicke ins Buch- und Verlagsgeschäft, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. 

"Wissen Sie eigentlich, wie der Verlagsvertreter Ihren Roman bei uns vorgestellt hat? Na ja, noch so´n historischer Schinken."  Ich hätte zwei Jahre Arbeit nicht besser auf den Punkt bringen können.

 

Eine nette Analyse meiner Schreibtätigkeit lieferte mein Chef, der eine Veranstaltung besuchte und drei Monate später beiläufig fragte, ob ich denn nicht meine, daß durch mein privates Engagement das dienstliche unter Umständen irgendwie leiden könnte? Die Auswirkung solcher Fragen auf die Karrierechancen einer Polizeibeamtin korrespondieren mit der Bestellbereitschaft des Buchhandels für noch so´n historischen Schinken. Das hielt den Polizeipräsidenten nicht davon ab, mich zu einer Lesung in den Rotary Club zu bitten. Selbstverständlich ohne Honorar.

Bleiben noch vier Sätze auf drei Fragen, die neunzig mal gestellt wurden. Der Schinken erscheint in der dritten Auflage. Dienstlich kümmere ich mich jetzt um Tote und Bankräuber. Nach Feierabend schreibe ich mein drittes Buch. Weitere Auswirkungen auf mein Leben habe ich nicht festgestellt.

 

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aus: Deutsches Jahrbuch für @utorinnen 2000/01

(überarb./gekürzt)

Autorenhaus Verlag Plinke, Berlin, 2000

© Nikola Hahn

Nachdruck nur mit Genehmigung!

 

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