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Zwischen Dienst und Dichtung

Lesung mit Nikola Hahn im Speicherstadtmuseum Hamburg am 4.10.02

( www.der-buecherfreund.de , 6.10.02)

 

Für eine Zeitreise passt der Ort einfach: Zwischen alten Holzbalken, historischen Bildern aus dem Hamburger Hafen und ausgedienten Kaffeesäcken findet die Lesung mit Nikola Hahn statt. Die sympathische Autorin, die zudem Kriminalhauptkommissarin in Offenbach ist, wird an diesem Abend ihren Kriminalroman "Die Farbe von Kristall" vorstellen. Nach "Die Detektivin" ist es ihr zweiter historischer Frankfurt-Krimi und ihr bereits drittes belletristisches Buch.

Vor der eigentlichen Lesung stellt sich Nikola Hahn jedoch erst einmal vor: Sie ist 38 Jahre alt und hat in ihrem Beruf bei der Polizei auch mit Leichensachen zu tun. Die Leidenschaft zum Schreiben hegt sie schon lange. (...) 1998 erschien ihr erster Kriminalroman, die oben schon erwähnte "Detektivin". Ihr neustes Buch ist in gewissem Sinne eine Fortsetzung: Die Heldin Victoria, die Leser aus ihrem ersten Krimi kennen, taucht auch in "Die Farbe von Kristall" in einer wichtigen Rolle auf. Allerdings spielt der Roman eine Generation später. Daher kann er auch unabhängig von der "Detektivin" gelesen werden. 

Da das neue Buch auf einem wahren Kriminalfall beruht, der sich 1904 in Frankfurt ereignete, beschränkt sich Nikola Hahn nicht auf das Lesen einzelner Textpassagen. Vielmehr erklärt sie umfangreich und souverän verschiedene Aspekte, die beim Schreiben des Romans wichtig waren. So gibt sie spannende Einblicke in ihre Arbeit als Autorin: Bei ihren Recherchen zu dem Roman hat sie sich auf verschiedene Quellen gestützt. So ist die Akte zu dem historischen Fall bis heute verschwunden, glücklicherweise kennt Nikola Hahn jedoch jemanden, der genaues Wissen über die Akte und den Fall besitzt. Eine weitere Quelle waren zeitgenössische Artikel aus der "Frankfurter Zeitung und Handelsblatt", die sich auch im Buch wiederfinden. Darüber hinaus hat sie 200 Bücher für ihren Roman studiert. Da sie selber gerne historische Romane liest, legt Nikola Hahn viel Wert auf die exakte historische Darstellung von Figuren und ihren Lebensumständen. Das Studium mehrerer Quellen, die nicht selten ein Ereignis gegensätzlich darstellen, ist für sie daher selbstverständlich. 

Nach der Lesung, die Nikola Hahn mit der Präsentation verschiedener Fotos auflockert, folgt eine angeregte Diskussion, die weit über das Frage-Antwort-Spiel hinausgeht. Etwa über die Rolle der Frau, sowohl in der Polizei wie auch in der damaligen Gesellschaft. So hat sie in ihrem neuen Roman die Heldin Laura Rothe erdacht, die als erste Frau in den Polizeidienst tritt. Angelehnt ist diese Figur an Henriette Arendt, die 1903 als erste Polizeiassistentin in Stuttgart für einiges Aufsehen sorgte. Dabei beschränkte sich die Arbeit solcher "Polizeimatronen", wie sie damals genannt wurden, vor allem auf fürsorgliche Tätigkeiten, etwa der Kinderfürsorge oder der Überwachung von polizeiärztlichen Untersuchungen von Frauen. Damals konnten Frauen, die alleine auf der Straße gingen, von Polizisten unter dem Verdacht der gewerbsmäßigen Unzucht auf eine Wache gebracht werden. Da es dort immer wieder zu Übergriffen kam, forderten die damaligen Feministinnen eine "organisierte Mütterlichkeit" bei der Polizei. Eine solche Rolle nimmt auch Laura Rothe in dem Roman ein, allerdings steckt sie ihre Nase auch in Dinge, die sie nach Ansicht der Männer nichts angehen.

Auf die Frage, ob denn Nikola Hahn - wie ihre Heldin Laura Rothe - gegen Vorurteile in der Männerdomäne Polizei ankämpfen muss, verneint die Autorin das energisch. Bis auf wenige Vorbehalte hatte sie nie Probleme. Daran schließt sich die Frage an, wie denn die Kolleginnnen und Kollegen auf die schreibende Polizistin reagieren. "Einige freuen sich mit mir", erläutert Nikola Hahn, "anderen ist es egal." Wichtig ist ihr nur, dass sie Schreiben und Dienst strikt trennt. Ihr Dienst als Kommissarin hat dabei klaren Vorrang. So kann sie es sich im Moment auch nicht vorstellen, ihren Polizeiberuf für das Schreiben an den Nagel zu hängen.

Wir erfahren noch viel mehr: Über den Alltag im alten Frankfurt, über die Situation des Proletariats Anfang des letzten Jahrhunderts, über Kriminalistik, über die Entwicklung von Ermittlungsmethoden. All dies lässt sich übrigens wunderbar nachlesen in ihrem neuen Buch, das all diese Themen unterhaltsam, spannend und informativ darstellt. Ein lesenswertes Buch und ein schöner Abend mit einer aufgeschlossenen und auskunftsfreudigen Autorin, die auf mitreißende Art Einblicke in gleich zwei Berufe gewährt: Kommissarin und Schriftstellerin.

Ludger Menke

www.der-buecherfreund.de 

 

Ebenfalls unter "www.der-buecherfreund.de" erschien folgende Rezension (Auszug):

 

Abwechslungsreiche Zeitreise 

Ein Kriminalroman von über 800 Seiten, dazu noch aus der beliebten Gattung "Historisch", löst bei mir einerseits Ehrfurcht, andererseits auch Zweifel aus: Kann es eine Autorin schaffen, mich über so viele Seiten spannend und gut zu unterhalten? Im Falle von Nikola Hahns Frankfurt-Krimi "Die Farbe von Kristall" legen sich diese Zweifel jedoch recht schnell, und die Antwort auf die Frage lautet schlicht: Ja, diese Autorin kann das!

Auf den ersten Blick scheint das Erfolgsrezept recht simpel: Nikola Hahn verwebt, getreu dem Motto: "Nichts ist spannender als die Wirklichkeit", Realität mit Fiktion. Der zweite Blick verrät jedoch, dass hier eine Autorin am Werk ist, die nicht nur akribisch recherchiert hat, sondern die ihre geschichtlichen Fundstücke auch in eine fesselnde Geschichte verpacken kann. 

Ausgangspunkt ist ein historischer Kriminalfall: Der Mord an dem Klavierhändler Lichtenstein, der 1904 in seinem Geschäft, mitten auf der belebten Zeil gelegen, erschlagen wurde. Die historischen Fakten erzählt die Autorin unter anderem mit Zeitungsausschnitten aus der "Frankfurter Zeitung", die damals mit vielen schaurigen Details über den Fall berichtete. Bei der Ermittlung greift dann die Fiktion ein, allerdings ohne reale Bezüge zu verlieren. So ist der ermittelnde Kommissar, Richard Biddling, samt seiner Familie erfunden. Andere Figuren haben jedoch reale Vorbilder, wie etwa die junge Polizeiassistentin Laura Rothe, die als erste Frau in den Frankfurter Polizeidienst eintritt. (...)

Nicht nur die Figuren, auch die damaligen Ermittlungsmethoden, werden von der Autorin möglichst exakt nachgezeichnet. So stößt Kommissar Biddling am Tatort auf blutige Fingerabdrücke. Die Daktyloskopie, so der Fachausdruck für das Fingerabdruckverfahren, steckte damals noch in den Kinderschuhen und wurde als Beweismittel nicht anerkannt. Folglich muss Kommissar Biddling, ein aufgeschlossener, aber eigenwilliger Mann, hart um seine Methoden und Beweismittel kämpfen. Hinzu kommt die junge Laura, die ihre Nase immer wieder in Dinge steckt, die sie nach Ansicht vieler Kollegen (...) nichts angehen. Frauen bei der Polizei hatten vor allem fürsorgliche "mütterliche" Aufgaben, kümmerten sich um verwahrloste Kinder und überwachten die polizeiärztlichen Untersuchungen von Frauen. (...)

Es sind zahlreiche Handlungsstränge, die Nikola Hahn in ihrem Buch gekonnt zusammenführt: Der Fall Lichtenstein, die familiären Hintergründe von Kommissar Biddling, die junge Laura Rothe und einige mehr. Dazu kommt die genaue Schilderung der unterschiedlichen sozialen Milieus: Hahn blickt in die stinkenden, engen Gässchen des Frankfurter Proletariats, in die bescheidenen, aber gemütlichen Wohnhäuser des Kleinbürgertums und in die prachtvollen Ballsäle der Oberschicht. Eine abwechslungsreiche und von Gegensätzen geprägte Zeitreise4, deren Hauptziel die Aufklärung mehrerer Mordfälle und die Suche nach der Wahrheit ist. 

Allein: Was ist die Wahrheit? Bei Hahn scheint sie sich, wie das Licht, das durch einen Kristall fällt, zu brechen. Schillernd wie dieses Licht sind auch ihre fein gezeichneten Charaktere, die durch ihre Unterschiedlichkeit Leben in den Roman bringen. Kurz: Ein vielschichtiger und spannender Schmöker, dessen 800 Seiten man gerne und mit Vergnügen liest. 

Zum Schluss: Lobenswert ist übrigens nicht nur der Roman, sondern auch der umfangreiche Anhang, der dem Buch beigefügt wurde. Dort finden (sich) neben zeitgenössischen Fotos, Dokumenten sowie Quellenangaben auch Kurzbiographien der wichtigsten realen Personen, die in diesem Roman eine Rolle spielen.

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