zur Schreibwerkstatt

 

Das Ende des Seufzerstapels

oder: der schnelle Weg zum Wunschbuch

(Nikola Hahn über die Anfänge der Books on Demand/Artikel von 1999)

 

 

 

Welcher Autor kennt das nicht? Monatelang, manchmal jahrelang, hat er  recherchiert, geschrieben, umgeschrieben -  und alle Hoffnungen zerbröseln unter einem Berg von Absagen!

 

Während dem Romancier im Unterhaltungsgenre bei einem gewissen Quantum an Hartnäckigkeit und (kritischer) Arbeit an seinem Werk wenigstens der Hauch einer Chance bleibt, irgendwann von einem „richtigen“ Verlag angenommen zu werden, sieht es bei den Autoren der kurzen Formen (Prosa und Lyrik) am Verlagshimmel gewitterdüster aus. Es gebe mehr Lyrikschreiber als Leser, bekommt der Poet zu hören, wenn er denn überhaupt irgendwas zu hören bekommt und sich nicht von vornherein mit EDV-genormten Danke-aber-Schreiben  begnügen muß. Also bleiben nur Resignation oder Reißwolf? Der Gang in eine Druckerei, die sich Verlag nennt und ständig neue Autoren sucht, weil sich mit deren Drang nach Öffentlichkeit so schön viel Geld verdienen läßt? Oder, Ultima ratio, die Herstellung auf eigene Kosten mit Kisten voller Bücher unterm Bett?

 

Wie wäre es statt dessen mit folgender Variante: Das Buch erst dann drucken zu lassen, wenn es jemand kaufen will? Oder mal eben dreißig Exemplare eines Lyrikbändchens in Auftrag zu geben, weil der Autor sie für eine Lesung  oder als Geschenk zu Weihnachten braucht? Und das alles zu einem Preis, der   Druckkostenzuschußverlegern die Schamesröte ins Gesicht treibt?

 

Printing on Demand und  Books on Demand  heißen die Zauberwörter, die versprechen, wovon selbst mit unerschütterlichem Optimismus geschlagene Autoren bislang kaum zu träumen wagten: der schnelle Weg zum Wunschbuch!

 

Beide Begriffe bezeichnen ein digitales Druckverfahren, das im Gegensatz zum konventionellen Druck die Herstellung kleiner und kleinster Auflagen kostengünstig und in kurzer Zeit ermöglicht. Beim Printing on Demand wird dabei von einer Mindestauflage von ca. 30 Exemplaren ausgegangen, die im Block (also jeweils in der Menge von 30 Exemplaren) gedruckt oder nachgedruckt werden.

 

Noch variabler gestaltet sich das System Books on Demand, das das Buchhandelsgroßunternehmen Libri zu einem Konzept weiterentwickelte, das nicht nur eine Startauflage von Null Exemplaren, sondern zusätzlich die Anbindung an den Buchhandel vorsieht, was nichts anderes heißt, als daß das Buch erst dann gedruckt wird, wenn eine entsprechende Bestellung beim Grossisten eingeht. Das Beste daran: Herstellung und Auslieferung des Buches erfolgen innerhalb eines Tages! 

 

Die gerade in Kleinstverlagen oder auch bei Druckkostenzuschußbetrieben vom Buchhandel und von Lesern gleichermaßen beklagte lange Lieferzeit der Bücher entfällt damit ebenso wie das Auflagenrisiko und die teure Vorfinanzierung von  nicht (sofort) verkäuflichen Büchern. Der unbestreitbare Vorteil bei Books on Demand liegt darin, daß außer den Einmalkosten nur noch die tatsächlich benötigten Bücher gedruckt und bezahlt werden.

 

Hier eröffnet sich auch dem Autor mit Kleinstauflagen die Möglichkeit, einen bescheidenen Verdienst aus dem Verkauf seiner Bücher zu ziehen, und er ist nicht gezwungen, wie es leider bei vielen „Druckkostenzuschußverlagen“ der Fall ist, neben den ohnehin überteuerten Herstellungskosten ein zweites Mal zu bezahlen, wenn er Bücher für den Verkauf über den Verlag bezieht.

 

Books on Demand bietet allem vorweg die Möglichkeit, schnell und preisgünstig zum eigenen Buch zu kommen. Die eigentliche Faszination dieses neuen Mediums liegt aber sicher darin,  exklusive Leserwünsche zu befriedigen, Literatur für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die nicht der Qualität sondern der Vermarktbarkeit wegen kein Interesse in etablierten Verlagen findet. 

 

Bei aller Euphorie über die schöne, neue Bücherwelt soll zum Schluß eines nicht verschwiegen werden: In jeder Vereinfachung liegt die Gefahr der Beliebigkeit. Es wird vor allem in der verantwortlichen Hand der Books on Demand-Autoren liegen, wie ihre „Produkte“ im Handel und bei den Lesern ankommen. Auch On Demand verkaufen sich Bücher nicht von allein! Neben geeigneten Werbemaßnahmen ist eine kritische Einstellung sich und seinem Werk gegenüber vonnöten, soll Books on Demand nicht allzuschnell in den Ruf kommen, nur Werke hervorzubringen, die besser ungedruckt geblieben wären.

 

 © Nikola Hahn

(Artikel (leicht gekürzt) aus: IGdA-aktuell, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, Heft 4/1999)

                                                                                       

horizontal rule

zur Schreibwerkstatt 

 

 

 

Zur Startseite und Rubrikenübersicht    IPF    Romane von Nikola Hahn