|
Über Nacht hatte sich der Himmel zugezogen, und als Richard, endlich einmal ausgeschlafen und durch ein ausgiebiges Frühstück gestärkt, die bestellte Droschke bestieg, die ihn zum Affensteiner Feld hinaus bringen sollte, fing es an zu nieseln. Dunkle, schwere Wolken zogen über Frankfurt, und von den Straßen stieg der Geruch gelöschten Staubes aus. Er lehnte sich in den Sitz der Kutsche zurück und genoß es, dem gleichmäßigen Klappern der Pferdehufe zuzuhören. (...) Er war gespannt darauf, was der Vater des Struwwelpeter über die Tote von Weilbach sagen würde.
Der Weg führte aus der Stadt heraus, an Feldern und Wiesen vorbei, und mündete in eine von gepflegten Parkanlagen umgebene Zufahrt, die vor einem ausladenden, mehrflügeligen Gebäude endete. Das Irrenschloß, wie die vor achtzehn Jahren eröffnete Anstalt von den Frankfurter Bürgern spöttisch genannt wurde, wirkte auf den unbefangen näherkommendenden Besucher tatsächlich eher wie das Anwesen eines Fürsten als wie ein Verwahrungsort für Geisteskranke und Epileptiker. (...)
Sanitätsrat Dr. Heinrich Hoffmann erwartete ihn in seinem Büro. (...) Was führt Sie zu mir, Herr Kommissar?" fragte er.
"Es ging spazieren vor dem Tor/ein kohlpechrabenschwarzer Mohr./Die Sonne schien ihm aufs Gehirn,/da nahm er seinen Sonnenschirm ... Als ich fünf war, hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich eines Tages dem Schöpfer des Struwwelpeter die Hand schütteln würde."
"Es scheint wohl mein unwiderrufliches Schicksal zu sein, daß mir ein paar drollige Bilder und Verse mehr Honneur einbringen als fast fünfzig Jahre Berufserfahrung als Arzt", entgegnete Dr. Hoffmann amüsiert. "Im übrigen würde ich dem Mohren heute eher einen Regenschirm als einen Sonnenschirm empfehlen."
(Die Detektivin, S. 195-196)
Laura wandte sich zu dem Sprecher um, einem älteren, weißhaarigen Mann. "Dr. Emil Sioli", stellte er sich vor. "Ich bin der Leiter der Klinik."
Daß er Klinik sagte, machte ihn Laura sympathisch. Sie gab ihm die Hand. "Ich heiße Laura Rothe und bin ..."
"Krankenschwester und Polizeiassistentin." Er lachte, als er ihr Gesicht sah. "Dr. Alzheimer hat mir geschrieben. Sie scheinen mächtig Eindruck auf ihn gemacht zu haben."
"Nun, ich ..." Plötzlich fehlten Laura die Worte. (...) "Dr. Alzheimer ist bestimmt ein hervorragender Arzt."
Dr. Sioli lächelte. "Er ist vor allem ein hervorragender Menschenkenner. Darüber hinaus verfügt er über die beiden wichtigsten Eigenschaften, die ein guter Arzt und Wissenschafter haben muß: den nötigen Ernst und den nötigen Humor. (...)"
"Die Anlage ist großartig", sagte Laura. "Von Berlin kenne ich Irrenanstalten nur als düstere Verließe."
"Ich hatte das Glück, einen Vorgänger zu haben, der über Ernst und Humor in besonderem Maße verfügte. (...) Dr. Heinrich Hoffmann war siebenunddreißig Jahre lang Leiter der Anstalt und hat nicht zuletzt durch dieses Gebäude die Grundlage gelegt, auf der ich meine Philosophie verfolgen kann: Geisteskranke (...) als Menschen zu behandeln." Er schmunzelte. "Das hat zur Folge, daß Dr. Alzheimer und ich auf Ärztekongressen hin und wieder für verrückt erklärt werden."
(Die Farbe von Kristall, S. 431/432)
|
|
|
|