"Sie können nicht ewig davonlaufen, Richard Biddling." Heiner Braun faßte ihn am Arm, doch Richard schüttelte ihn unwillig ab.

 

"Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe?"

 

"(...) Weil ich nicht mitansehen will, wie Sie sich langsam zugrunde richten, Sie preußischer Sturkopf! (...)"

 

Richard blieb mitten auf der Fahrbahn stehen und starrte Heiner aus glasigen Augen an. Die spärliche Gasbeleuchtung ließ sein Gesicht aschfahl aussehen. "Sie haben ja keine Ahnung." (...)

 

Heiner schwieg, bis sie auf dem Domvorplatz angekommen waren; als großer, schwarzer Schatten ragte der Kirchturm in den Himmel. Heiner deutete zu der mondbeschienenen Spitze hinauf. "Manchmal ist ein Unglück in Wahrheit nur der Anfang eines neuen Kapitels in der Geschichte unseres Lebens, Herr Kommissar. Frankfurt war eine freie, stolze Stadt mit freien, stolzen Bürgern, und der Kaiserdom, Krönungsstätte deutscher Herrscher, ihr Wahrzeichen. Eines Nachts ging das Wahrzeichen in Flammen auf; nur wenige Stunden bevor der preußische König eintraf, um die annektierte Stadt zu besichtigen. War das nicht ein Zeichen des Himmels? Eine düstere Anklage gegen die Eroberer?" Heiner sah Richard an. "Mit Hilfe der Preußen wurde der Domturm nicht nur wiederaufgebaut, sondern nach mehr als dreihundertsechzig Jahren endlich vollendet. Jede Zeit hat ihre Berechtigung, und man kann die Uhr nicht zurückdrehen, indem man versucht, den Zeiger festzuhalten. Schlafen Sie wohl, Herr Kommissar." (...) Kurz darauf war er zwischen den engen Häuserschluchten der Altstadt verschwunden.

 

(Die Detektivin, S. 233/234)

 

(Heiner Braun) winkte sie nach oben. "Sie haben den Garten noch nicht gesehen."

 

"Ist das nicht die falsche Richtung?"

 

"Warten Sie´s ab." Er holte eine Kerze, und Laura folgte ihm neugierig in den dritten Stock. (...) Eine Holzstiege führte zum Dachboden. (...) Durch eine Luke fiel spärliches Licht, zwischen den Balken waren Leinen gespannt, auf denen Wäsche hing. (...) Ein Teil des Dachbodens war abgemauert und mit einer Lattentür verschlossen. Heiner blies die Kerze aus und entriegelte die Tür. Laura war so überrascht, daß ihr die Worte fehlten: Die Sonne schien auf zwei Korbstühle und Töpfe mit Geranien, Lavendel und Rosmarin; dazwischen leuchtete eine Kamelie. Ihre Blüten sahen aus wie Porzellan. (...)

 

(Heiner) öffnete ein bis zum Boden reichendes Fenster. "Möchten Sie auch die Außenanlage sehen?"

 

Laura dachte, er mache einen Scherz, aber als sie nähertrat, sah sie eine Treppe, die zu einem mit Brettern belegten Freisitz führte. Heiner half ihr hinauf. Vor ihnen breitete sich ein Meer von Schieferdächern, Erkern und Schornsteinen aus. Wie ein Wächter erhob sich darüber der Dom.

 

"Was für ein herrlicher Platz!" schwärmte Laura.

 

"Die Frankfurter sagen Belvederche: kleine schöne Aussicht." (...) Heiner wies über die Dächer. "Nikolaikirche, Paulskirche, Rathausturm. Nach unserem verehrten Herrn Oberbürgermeister auch der Lange Franz genannt."

 

(Die Farbe von Kristall, S. 143/144)

... zurück

 

 

Homepage  Schlagwortverzeichnis  Buchverkauf  Rubrikenübersicht   IPF