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Baumgesicht

Geschichten, Gedichte, Gedanken

 

 

Baumgesicht (Auszug)

 

A

ls Astrid den Namen las, wusste sie, dass ihre Suche zu Ende war. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis sie die Bedeutung des Wortes begriff, das in nüchternem Amtsdeutsch auf der Akte stand und keinen Platz mehr für Gefühle ließ (...) Sie blätterte, bis sie zu der Seite mit den Fotos kam, starrte auf den ausgemergelten Körper, das zerstörte Gesicht, die langen blonden Haare, auf die sie früher so neidisch gewesen war ...

   

*

 

Astrid und Sandra waren zwei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, und dass sie im Sandkasten trotzdem miteinander spielten, lag daran, dass Astrids Mutter ihre sensible Tochter davon abhielt, sich in eine stille Ecke zu verdrücken, während Sandras Mutter aufpasste, dass ihr quirliger Spross Astrids Sandburgen stehen ließ.

Die Mädchen waren in eine Welt geboren worden, in der zaghafte Zeichen andeuteten, dass das Wirtschaftswunder der goldenen Fünfziger nicht endlos weitergehen würde. Darüber hinaus hatte das Schreckgespenst Contergan das Vertrauen ihrer Mütter in die ärztliche und pharmazeutische Allmächtigkeit so nachhaltig getrübt, dass sie sich sogar geweigert hatten, während der Schwangerschaft Calciumtabletten zu nehmen. Vielleicht kam es daher, dass ihre Töchter auf Pillen und Pulver jeglicher Form und Farbe äußerst abwehrend reagierten, was die Phase der Kinderkrankheiten zur besonderen mütterlichen Qual werden ließ.

„Wenn sie wenigstens ein bisschen Hustensaft nehmen würde, statt mich die ganze Nacht wachzuhalten“, beschwerte sich Sandras Mutter jedes Jahr aufs neue, sobald die Erkältungszeit nahte – nicht ahnend, dass ihr Wunsch Jahre später auf fatale Weise in Erfüllung gehen sollte. 

 

Sandra und Astrid wurden noch durch einen anderen Umstand in ihrer Entwicklung geprägt: Die in den sechziger Jahren begonnene und in den Siebzigern forcierte auto- und maschinengerechte Landschaftsgestaltung machte auch vor dem kleinen Dorf am Rande des Westerwalds nicht halt, in dem die Mädchen aufwuchsen. Während sich die schmalen Handtuchäcker, die wie Flicken auf den steinigen Hügeln lagen, nur unter größeren Anstrengungen flurbereinigen ließen, hatte man mit der Lindenallee weniger Probleme. Die alten Bäume, die seit hundert Jahren die Zufahrtsstraße zum Dorf säumten, fielen innerhalb von zwei Tagen einer modernen Streckenführung zum Opfer. Das Kreischen der Kettensäge und das Knarren der fallenden Bäume ging den Mädchen lange nicht aus dem Sinn, und die sonst so fröhliche Sandra weinte, als sie die sägebemehlten Stümpfe berührte.

Für die Erwachsenen mochten die Bäume störend gewesen sein, die Kinder verloren mit ihnen Freunde, denen sie guten Tag gesagt hatten, wenn sie zum nahen Gansbach gingen. Jetzt fehlte das Bindeglied zwischen Böschung und Bach: Entblößt lag die Chaussee in der gleißenden Sonne.

Schlimmer noch als das Fällen der Linden war für die beiden Mädchen der Tod der drei mächtigen Kastanienbäume gegenüber dem Bahnhof. Alle Kinder des Dorfes liebten sie, bewunderten im Frühsommer die klebrigen zartrosa Blüten und konnten es im Herbst kaum erwarten, die ersten braunweißgefleckten Kastanien aus ihrem stachligen Kleid zu schälen.

Als die neue Straße fertig war, taufte man sie von Bahnhofsweg in Kastanienallee um, und die Autofahrer freuten sich über die frisch geteerte Fahrbahn, auf der sie im Gegensatz zu früher bequem aneinander vorbeifahren konnten. Doch an den sauber gefassten Rändern lockten keine Geheimnisse mehr. 

 

Aber noch gab es die alte Silberweide, die auf einer winzigen Insel im Gansbach stand und von den Kindern Baumgesicht genannt wurde, weil das Gewirr ihrer kahlen Äste und Zweige im Winter wie ein Menschenkopf aussah, dem der Wind das Haar zerzaust hatte. Astrid und Sandra liebten es, darin herumzuklettern. Selbst wenn der Schwung einmal nicht reichte und eins der Mädchen im Wasser landete, ließen sie es sich nicht nehmen, wiederzukommen.

Die Veränderungen machten sich langsam bemerkbar, und nur wer wie Astrid und Sandra jeden Tag draußen umhertollte, nahm sie wahr: der neue Schuttabladeplatz neben dem Bach, die Überlaufbecken der Aluminiumfabrik, die das Wasser eingrauten, der Abriss der verwitterten Holzbohlenbrücke, das Neubaugebiet, das die Rodelbahn belegte, das Verschwinden von Zittergras, der Schlüsselblumenwiese und der Dornenhecke, in der Igel und Zaunkönig wohnten. Aber immer noch leuchteten die gelben Tupfer der Sumpfdotterblumen am Bachufer, und in einem rosa Teppich aus Wiesenschaumkraut wuchsen wilder Sauerampfer und süßer Klee, von dem die Mädchen besonders gern naschten – bis der angrenzende Steinmetzbetrieb expandierte und die Wiese in eine Steinwüste verwandelte, in der Sandra eines Tages ihre überfahrene, schon steifgewordene Katze Susi fand.

Zuletzt erwischte es auch das Baumgesicht, als der Gansbach in Rohre unter die Erde verbannt wurde. Zu dieser Zeit besuchten Astrid und Sandra das Gymnasium und waren längst aus dem Alter heraus, in dem man Bäumen Namen gab. Und die Kinder der folgenden Generation hatten andere Spiele. Sie trauerten dem alten Baum keine Träne nach. (...)

 

Und doch spielt dieser alte Baum noch eine wichtige Rolle im Leben der beiden Freundinnen, deren Wege sich nach der Schule zunächst trennen ... 

 

Wenn Astrid später jemand fragte, warum sie mit ihrem guten Abitur nicht studiert habe, gab sie finanzielle Gründe an. Tatsächlich war es so, dass sie sich nicht vorstellen konnte, Jahre damit zu verbringen, in Hörsälen herumzusitzen. Was sie aber bewog, sich einen Beruf auszusuchen, der weder ihrem Wesen noch ihren Interessen entsprach, blieb ihr selbst unklar. Vielleicht war es ein Stückchen jener Sehnsucht nach dem wahren Leben, die Sandra weggezogen hatte, vielleicht die Suche einer jungen Frau nach Anerkennung? Astrid beschloss, Polizistin zu werden.

Ihr beruflicher Weg führte sie zweieinhalb Jahre nach Kassel und Wiesbaden: eine Zeit, in der sie sich nicht nur an das Tragen einer Uniform gewöhnte, Gesetze und Vorschriften auswendig lernte, sondern auch – notgedrungen – Geselligkeit entwickelte. Sie wunderte sich, wie leicht ihr das fiel, aber womöglich lag es daran, dass alles neu und aufregend war, dass sie ihren ersten Schwips erlebte und ihre erste große Liebe.

Nach der Ausbildung wurde Astrid in die Bereitschaftspolizei versetzt. Sie absolvierte wochenweise Hundertschaftsdienst, Synonym für Herumsitzen und Warten, sie lernte die bunte laute Welt des Frankfurter Flughafens kennen, die nach vierzehn Stunden Dienst allerdings nicht mehr anregend war, und sonntags fuhr sie mit ihren Kollegen zur Startbahn West.

Als sie im Gruppenwagen zu ihrem ersten Einsatz unterwegs war, erinnerte sie sich an einen Film über die Räumung des Hüttendorfes, den sie in der Polizeischule gesehen hatte: Die Verzweiflung der Bewohner, die den Ausbau des Flughafens verhindern wollten und ihr vorhersehbares Scheitern hatten sie berührt.

Sie sah aus dem Fenster. Das Betongrau der Autobahn schien auf das Gras und die Büsche jenseits der Leitplanken abgefärbt zu haben. Selbst der Himmel war grau. Astrid dachte an die Lindenallee in ihrem Dorf, an die Kastanienbäume und die alte Weide im Bach, die sie Baumgesicht genannt hatten. Die Kinder waren genauso machtlos gewesen wie die Demonstranten.

Als sie an der Startbahnmauer ausstiegen, erzählte ihr ein älterer Kollege, dass das Verhältnis zwischen Demonstranten und Polizei vor der Hüttendorfräumung fast freundschaftlich gewesen war. Seitdem herrsche nur noch Konfrontation. Astrid empfand Sympathie für die Demonstranten, aber auf der Rückfahrt bestenfalls noch für die Sache. An der Südostecke der Mauer hatten sie eine Kaffeetafel aufgebaut. Frauen, die ihre Mütter hätten sein können, hatten sie als Flintenweib und Nazischwein beschimpft. Der Wald musste herrlich gewesen sein.

 

Astrid wusste nicht, der wievielte sonntägliche Einsatz an der Startbahn es war, als sie Sandra traf. Sie erkannte sie sofort an ihrem langen blonden Haar. Ihr freudiges Hallo rief Erstaunen, dann Entsetzen in Sandras Gesicht. Ohne ein Wort wandte sie sich ab.

Astrid berührte sie am Arm. „Sag doch was!“

„Hau ab, du Verräterin!“, herrschte Sandra sie an. In ihren Augen lag Hass. Und etwas, das Astrid nicht deuten konnte.

„Kennst du die etwa?“, fragte ein Kollege.

„Ja“, sagte Astrid. Abends, allein in ihrer Hanauer Westendwohnung, dachte sie lange darüber nach, warum zwei Menschen, die jahrelang eins gewesen waren, nicht einmal mehr ein freundliches Wort füreinander übrig hatten.

Bei späteren Einsätzen sah sie Sandra nicht mehr.

Dann kam der zweite November 1987, der unter der Schlagzeile Startbahnmorde durch die bundesdeutsche Medienwelt ging ...

 

Was geschieht mit Sandra und Astrid? Werden sie sich noch einmal wiedersehen? Gemein, wie ich bin, verrate ich das natürlich nicht, sondern hoffe darauf, dass ich Sie neugierig genug machen konnte, dass Sie "Baumgesicht" kaufen ... So sind sie, die Autoren ... *g*

 

 © Nikola Hahn 2009

Nachdruck nur mit Genehmigung

 

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