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Eine Gutenachtgeschichte meiner Mutter (Auszug)
or langer, langer Zeit, als der Liebe Gott die Erde und alles, was auf ihr lebt, erschuf, gab er jedem Ding eine Farbe, damit die Welt nicht so traurig und eintönig sei. So wurden Sonne und Mond gelb, Himmel und Meer blau, die Rehe und Hasen hatten braune, die Mäuschen graue Felle. Aber am schönsten sahen die vielen Blumen aus, die inmitten einer grünen Wiese in den herrlichsten Farben leuchteten. Zufrieden
betrachtete der Liebe Gott sein Werk. „Und welche Farbe bekomme ich?“ fragte eine schüchterne Stimme. Zu seinem Erstaunen bemerkte der Liebe Gott eine kleine Blume, die ein so unscheinbares Glockenkleid trug, daß er sie beim Farbenverteilen völlig übersehen hatte. Und jetzt war kein einziger Tropfen mehr übrig! Nach kurzem Überlegen schlug er dem Glockenblümchen vor, eine andere Blume zu bitten, ihm ein bißchen Farbe abzugeben. Glücklich über die schöne Idee, machte sich die kleine Blume auf den Weg.
Zuerst kam sie zur Sonnenblume, deren Blüte strahlte wie die Sonne selbst. Die kleine Glockenblume mußte sich ganz schön strecken, damit sie mit ihr reden konnte, denn die Sonnenblume war schrecklich groß. „Liebe
Sonnenblume, du bist so herrlich gelb – kannst du mir nicht ein wenig von
deiner Farbe schenken?“ fragte das Blümchen lächelnd. „Wo denkst du hin!“ antwortete die Sonnenblume verschnupft aus der Höhe. „Ich verschenke doch nicht einen Teil meiner Schönheit!“
Enttäuscht ging die kleine Glockenblume weiter und kam zur Rose. „Guten
Tag, Rose. Ich habe noch nie ein solch schönes Rot gesehen, wie du es trägst
– könntest du mir vielleicht ein bißchen davon abgeben?“ „Was bildest du dir ein!“ schimpfte die Rose. „Mich, die edelste aller Blumen, so etwas zu fragen! Mach, daß du weiterkommst, du häßliches Geschöpf.“ Gesenkten Hauptes setzte die kleine Glockenblume ihre Wanderung fort, aber noch hatte sie nicht alle Hoffnung aufgegeben.
(...)
Und
so wanderte sie weiter, von Blume zu Blume, den ganzen Tag lang, aber keine
konnte oder wollte ihr etwas Farbe schenken.
(...) Nun war die kleine Glockenblume am Ende der großen Wiese angelangt, und es gab niemanden mehr, den sie noch um Farbe hätte bitten können. Erschöpft fiel sie ins Gras und weinte sich in den Schlaf. Mitten in der Nacht wurde sie wach. Es war kalt geworden, und sie fror. Als sie daran dachte, wie unansehnlich sie war, mußte sie wieder weinen. „Lieber
Gott!“ rief sie verzweifelt. „Gibt es denn gar keine Farbe, die du mir
schenken kannst?“ Die
kleine Glockenblume hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als eine dicke
Schneeflocke vom Himmel fiel, die im Mondlicht glänzte. „Du
hast die schönste Farbe, die ich je gesehen habe!“ sagte die kleine Blume und
vergaß sogar für einen Moment die Kälte ringsum.
(...)
„Wenn dir Weiß so gut gefällt, kannst du so viel davon haben, wie du willst“, bot die Schneeflocke an, stolz, daß ein anderes Wesen sie schön fand. Dann rief sie alle ihre Freunde herbei, und sie hüllten die kleine Blume und die große Wiese in eine funkelnde weiße Decke ein. Am
nächsten Morgen, als die Sonne am Horizont aufstieg, tanzte die kleine
Glockenblume in ihrem neuen Kleid über die verschneite Wiese, bis sie zum
Lieben Gott kam. „Ich danke dir für die wunderschöne Farbe!“ rief sie glücklich und ein wenig außer Atem vom schnellen Laufen. Der Liebe Gott lächelte (...). „Dein Kleid ist weiß wie der Schnee. Deshalb sollst du ab heute Schneeglöckchen heißen. Und wenn der Schnee im Frühling schmilzt, darfst du die erste Blume sein, die blüht.“
Und
so ist es bis heute geblieben.
©Auszug
aus: Nikola
Hahn, Baumgesicht. Geschichten und Gedichte,
überarbeitete
und erweiterte Neuausgabe 2003
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