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Baumgesicht Geschichten und Gedichte
Nikola Hahn, Kommissarin und Autorin
Nach drei erfolgreichen Romanen, die eine Gesamtauflage von weit über 100000 Exemplaren erzielten, widmete sich Nikola Hahn einer Herzensangelegenheit. Sie kehrte zu ihren schriftstellerischen Anfängen zurück, dem ersten, schon seit Jahren vergriffenen Buch. "Baumgesicht", eine Sammlung von Prosastücken und Gedichten, sollte endlich wieder erhältlich sein. Ein Projekt in Eigenregie und ein gutes Stück Arbeit. Denn ganz bewusst hatte sich die professionelle Autorin für das Do-It-Yourself-Angebot von BoD entschieden: um einmal völlige Gestaltungsfreiheit zu genießen.
Der Lebensweg von Nikola Hahn besteht eigentlich aus zwei Biografien. Sie machte Karriere bei der Polizei und arbeitet heute als Kriminalhauptkommissarin in Offenbach. Abteilung Kriminalverbrechen, Sachgebiet Raub und Erpressung. Und sie machte Karriere als Schriftstellerin, landete mit ihrem 1998 veröffentlichten Roman "Die Detektivin" einen Aufsehen erregenden Publikumserfolg.
Gründliche Ausbildung, Fleiß und Beharrungsvermögen - was bei der Polizeikarriere niemand in Frage stellen würde, gilt hier in gleichem Maße für die Schriftstellerlaufbahn. Nikola Hahn füllte zwar schon ihre Schulhefte mit eigenen Geschichten, doch mit Veröffentlichungen ließ sie sich Zeit. In den 80er Jahren absolvierte sie zunächst einen Fernlehrgang, belegte Lyrik- und Prosa-Kurse: "Ich habe dort, was das Handwerkszeug angeht, viel mitgenommen."
Erst 1995 veröffentlichte die heute 39-Jährige "Baumgesicht". Das Debüt erntete eine Resonanz, die Mut machte. Gesellenprüfung bestanden? Nikola Hahn betont, dass Handwerk allein nicht ausreicht. Sie zieht da eine Parallele zum Polizeiberuf, wo ebenfalls manche Fähigkeiten durch Training nicht zu erlangen seien: "Leichenfestigkeit zum Beispiel."
Der Kripo-Alltag bringt ungewöhnliche, zum Teil extreme Erfahrungen mit sich, und natürlich fließt das in die literarische Arbeit mit ein. Doch eben nicht nur als Krimistoff: Viele Erzählungen in "Baumgesicht" verarbeiten psychologische Konflikte, die Titelgeschichte unter anderem die für viele Polizisten damals auch innerliche Zerreißprobe an der Startbahn West.
Den Durchbruch brachte ein erzählerisches Großvorhaben, das in historischen Kriminalromanen die Geschichte der Kriminalistik aufarbeitet. "Die Detektivin" spielt 1882 in Frankfurt. Der im letzten Jahr erschienene Folgeband "Die Farbe von Kristall" schildert einen Mordfall aus dem Jahr 1904. Nikola Hahn hat die geschichtlichen Fakten akribisch recherchiert, verschneidet kunstvoll Fakten und Fiktion. Zur Zeit ist der dritte Teil des Werks in Arbeit, nun bereits in den 20er Jahren angesiedelt.
"Das ist das, was alle von mir erwarten", sagt die schreibende Kommissarin. Sie liefert es mit Freude, bedauert aber, dass Verlage Autoren schnell festlegen. Nikola Hahn fühlt sich gut aufgehoben bei Ullstein-Heyne-List, musste aber lernen, Kompromisse zu schließen. Das galt zum Beispiel für ihren 2000 erschienenen Roman "Die Wassermühle", eine heitere, sehr gegenwärtige Beziehungsgeschichte, die es beim Verlag ein wenig schwer hatte - nicht beim Publikum.
Die Neuausgabe von "Baumgesicht" hat Nikola Hahn Verlagen gar nicht angeboten. Sie wollte das Zeitkolorit der 80er Jahre unangetastet lassen, wirklich jedes Detail diesmal selbst bestimmen: "BoD ist mit professionellen Büchern im Rücken eine faszinierende Möglichkeit, weil man einmal wieder völlig frei arbeitet." Besonders die Umschlaggestaltung hat ihr viel Spaß gemacht. Und dass sie endlich auch wieder Lyrik publizieren kann: "Erzählungen schreibe ich fast gar nicht mehr. Sie sind wie einzelne Kuchenstücke, und ich brauche Zeit für die ganzen Kuchen, die Romane. Aber Gedichte, das sind Sahnebonbons, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann."
(BoD Aktuell, Juli/August 2003)
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