Die Farbe von Kristall

Ein historischer Kriminalroman

 

 

Neues vom Kinderhandel

  mit Jahresbericht über meine Recherchen und Fürsorgetätigkeit

vom 1.9.1912 bis 31.8.1913

 

von

Schwester Henriette Arendt

Polizeiassistentin a. D. Stuttgart

 

 

Die Aufdeckung und Bekämpfung des Kinderhandels und die Fürsorge für seine kleinen Opfer war auch im vergangenen Jahre meine Aufgabe, der meine ganze Zeit und Kraft gewidmet war. Mit besonderer Freude kann ich konstatieren, daß es mir möglich war, eine eigene Gehilfin mit den auswärtigen Recherchen zu betrauen. Die Dame erwies sich als sehr tüchtig und zuverlässig, und zu meinem großen Bedauern muß ich sie am 1. Oktober d. J. entlassen, weil trotz größter Sparsamkeit keine Mittel mehr vorhanden sind.

Es wurden in den letzten Jahren Recherchen angestellt in Cöln am Rhein, Frankfurt a. M., Mannheim, München, Metz, Nancy, Nürnberg, Stuttgart, Würzburg.

 

Als ich in meiner Eigenschaft als Polizeiassistentin dem Kinderhandel energisch zu Leibe rücken wollte, bezeichnete der zweite Bürgermeister der Stadt Stuttgart mein Vorgehen als taktlos, da es die Stadt Stuttgart in Verruf bringe, erklärte den Kinderhandel als bekannte Misère und verlangte ausdrücklich, "daß die Arendt vom Stadtpolizeiamt so mit Arbeit überhäuft werden sollte, daß sie keine Zeit mehr finde, den Inseraten in den Tageszeitungen nachzugehen", und solche taktlosen Dinge, wie die Aufdeckung des Kinderhandels, zu treiben.

Als ich dann meinen Abschied einreichte und mich an den Polizeipräsidenten von Berlin wandte, mit der Bitte, meine Bestrebungen zu unterstützen, wurde erwidert, daß dem Antrag nicht entsprochen werden könne, mit der Begründung, das K. Polizeipräsidium Berlin habe "kein Ressort für den Kinderhandel!"

Nun werden meine Berichte, die sich auf 10jährige Erfahrung stützen, einfach als auf höchst unzuverlässigen Informationen beruhend, als völlig unkontrollierbar oder als stark übertrieben bezeichnet. Dieser Vogelstrauß-Politik gegenüber möchte ich an dieser Stelle konstatieren, daß ich mein neuestes Material zum großen Teil deutschen Behörden verdanke. Es sind aktenmäßig bewiesene Tatsachen - die Täter z. T. mit Gefängnis bestraft - und die schaurige Tatsache, daß deutsche Kinder nach Rußland verschleppt und dort von Verbrechern für Bettelzwecke künstlich verstümmelt werden, daß man in der Nähe von Wilna an einem einzigen Orte 78 solcher Kinder auffand, verdanke ich dem Landrat des betreffenden Bezirks, der selbst das Verbrechernest ausgehoben hat! Das sind meine "höchst unzuverlässigen Informationen!"

 

So behandelt der deutsche Staat den Kinderhandel! Wird es so weiter gehen, oder wird der Herr Reichskanzler mein "völlig unkontrollierbares" Material jetzt endlich einmal kontrollieren?!

 

  

(Originalzitate aus: Henriette Arendt, Kinder des Vaterlandes - Neues vom Kinderhandel, 2. Aufl., Verlag Heinz Clausnitzer, Buchhandlung, Stuttgart, 1913)

 

 

 

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