Ich kann mich noch gut erinnern, wann und wo ich zum ersten Mal selbst
Tomaten angebaut habe (vorher habe ich immer zu Hause in Mutters Garten
genascht!): Es war Mitte der achtziger Jahre auf einem sandigen,
verunkrauteten Stückchen Land hinter unserem Mietshaus. Niemand glaubte,
dass dort irgendwas wachsen würde. Ich versuchte es trotzdem - und
erntete tatsächlich "meine" ersten Tomaten. Es waren damals
noch die "normalen" roten, die man auch im Laden kaufen kann.
Ich zog sie aus Samen heran, die Babystube war die Fensterbank in unserem
Schlafzimmer. Wo andere den obligatorischen Gummibaum stehen hatten,
sprossen bei uns Tomatenbüsche.
Später kultivierte ich ein etwas größeres,
ebenso sandiges Beet im Garten meiner "Schwiegeroma", und das
war die Zeit, als ich erstmals alte Tomatensorten ausprobierte. An Samen
war ich über eine Adresse in einer Gartenzeitschrift gekommen, und als
ich im Sommer violette, orangefarbene, birnenförmige und grüngestreifte
Tomaten erntete, war es um mich geschehen.
Schon die "einfachen" roten Tomaten schmecken -
am Strauch gereift - viel besser als gekaufte, weil diese vor der vollen
Reife geerntet werden müssen, ansonsten wäre alles Matsch, bis es
im Laden ankäme. "Bunte" Sorten bestechen jedoch nicht nur
durch ihr Aussehen, sondern auch durch ihre verschiedenen
Geschmacksnuancen, die von mild bis stark würzig reichen. Im Laden kaufen
kann man sie nicht, denn der kommerzielle Anbau lohnt sich nicht, weil sie
weder auf Reifezeit noch auf Transportverträglichkeit "genormt"
werden können. Für den Hausgarten spielt das keine Rolle, im Gegenteil:
Die Nachteile werden zum Vorteil, denn wer will schon auf einen Schlag
alle Tomaten gleichzeitig ernten?
Als mein Mann und ich Anfang der Neunziger unser Haus kauften, machte
ich mich gleich an die Arbeit, ein Tomatenbeet anzulegen. dass zum Haus
auch ein - nicht beheizbarer - Wintergarten gehörte, kam mir besonders
zupass, denn das gab mir die Möglichkeit, meine pikierten
Tomatenpflänzchen im Frühjahr unter (fast) optimalen Bedingungen
kultivieren zu können. In den ersten Jahren baute ich teilweise bis zu
zwanzig verschiedene Sorten an, teils nur einen Strauch pro Sorte. Da
meine Beete nicht groß sind, kamen sich die Pflanzen gehörig ins Gehege,
ich reduzierte dann auf ca. 10 Sorten mit jeweils einem bis drei
Sträuchern.
Seit
einigen Jahren arbeite ich als "Erhalterin" für das Private
Samenarchiv von Gerhard Bohl, ein Projekt für den Erhalt und den
Ausbau der Sortenvielfalt von Nutzpflanzen mit dem Schwerpunkt Tomaten.
"Erhalterin" bedeutet, dass ich durch den Anbau von alten oder
erhaltungswürdigen Sorten helfe, dass diese nicht
"verlorengehen". Das ist nicht
besonders aufwendig, im Gegenteil: Hatte ich früher von allen meinen
Sorten Samen gesammelt, mache ich es jetzt nur noch für die angemeldeten
Sorten und tausche die dafür erhaltenen Gutscheine für andere Sorten
ein. Der Katalog des "Samenarchivs" umfasst mittlerweile rund
1400 samenfeste Kultur- und Wildtomaten, so dass ich immer wieder Neues
ausprobiere.
Der
Grund, warum ich all das nicht für mich behalte, sondern im Internet
veröffentliche, ist simpel: Ich hoffe, dass ich Sie ein wenig auf den
"Geschmack" bringe! Wenn man von Umweltprojekten und sonstigem
Engagement bewundernswerter Mitmenschen hört oder liest, ist man ja immer
geneigt, in Ehrfurcht zu erstarren, frei nach dem Motto: Toll, was der/die
leistet, aber ich habe ja keine Zeit/Gelegenheit/Mittel/Sachkenntnis, um
so etwas machen zu können.
Doch
wie so oft liegt die Wahrheit in den kleinen Dingen: Schätzen Sie mal,
wie groß mein "Tomatengarten" ist, von dem ich erzähle und von
dem die hier vorgestellten Fotos stammen? Es handelt sich um ein Beet in
U-Form, das ich aus alten Steinen aufgeschichtet habe, und das ca. 10
Quadratmeter misst! Dort wachsen etwa 80% meiner Tomatenpflanzen, der Rest
(die sortenrein zu haltenden Wildtomaten) sprießen in der Blumenrabatte
an einem sonnigen Plätzchen vorm Haus. Jeder, der einen kleinen Garten,
eine Terrasse oder einen Balkon hat, kann also "bunte" Tomaten
kultivieren und damit einen Beitrag zum Erhalt dieser einmaligen Vielfalt
unserer Nutzpflanzen leisten. Das private Samenarchiv versendet gegen eine
geringe Gebühr Saattütchen mit faszinierenden alten, aber auch neuen
Sorten an jedermann. Diese Tomaten zu säen und anzupflanzen ist nicht
schwer. Und wer noch einen kleinen Schritt weitergehen möchte, kann
selbst Samen sammeln und sich als Erhalter/in eintragen lassen. Ich bin
sicher, wer erst einmal von dem "Tomatenvirus" infiziert ist,
wird nicht mehr davon genesen ...
Zum
Abschluss möchte ich ein paar Fragen beantworten, die immer wieder
gestellt werden:
Wie
groß muss mein Garten sein, wenn ich alte Sorten anbauen will?
Wie ich schon gesagt habe: Platz ist in der
kleinsten Ecke, nur etwas Sonne muss sein. Im Prinzip genügt ein Topf auf
Ihrer Terrasse. Es gibt Tomatensorten (z. B. Minibel), die wie kleine
Büsche aussehen, aber auch Stabtomaten wachsen im Topf. Man muss sie nur
- wie im "normalen" Garten auch - hochbinden. Eine Bekannte, die
nur einen kleinen Balkon hat, erntete letztes Jahr jede Menge
braunviolette Eiertomaten und gelbrotgestreifte, runde Tomaten. Die
Wildsorten (z. B. die gelbe Johannisbeertomate) brauchen nicht mal
ausgegeizt zu werden, man kann sie einfach wachsen lassen, notfalls (wie
bei mir) auch zwischen den Blumen in der Rabatte.
Was
muss ich beachten, wenn ich alte Sorten anbauen
will?
Nicht mehr und nicht weniger, als wenn Sie
"normale" Sorten anbauen. Allerdings müssen Sie die
"alten" Sorten selbst aus Samen ziehen, da es sie nicht als
vorgezogene Pflanzen zu kaufen gibt. Die Anzucht geht denkbar einfach: Im
März stecken Sie einige Körner in kleine Töpfe (wunderbar geeignet sind
leere 250-Gramm-Quark-Schalen oder Margarinebecher). Ich ziehe pro
Schale drei Sorten vor! Und so geht's: Die Schale mit Anzuchterde
füllen - normale Erde ist nicht geeignet, weil Dünger enthalten
ist - in drei Reihen jeweils einige Korn auslegen, dünn mit Erde
bedecken, andrücken, angießen, Plastikfolie drüber und an die
Fensterbank stellen.
Sobald die
Samen zu keimen beginnen, Folie entfernen und die Erde immer leicht feucht
halten, ggfs. einige zu dicht stehende Pflänzchen rausnehmen. Wenn die Pflänzchen die ersten "richtigen" Blätter
haben, müssen sie in Einzeltöpfe umgesetzt (="pikiert") werden.
Nach dem Umsetzen stellen Sie die Töpfchen an einen etwas kühleren Ort
(Schlafzimmer oder wo immer ein Fensterplatz frei ist). Mitte Mai (nach den
Eisheiligen) werden die Pflanzen nach draußen gepflanzt. Nicht
vergessen, die Sortennamen auf die Aussaatschälchen und die Töpfe zu
schreiben, damit Sie wissen, was da wächst ...
Wie
kann ich Erhalter/in werden? Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?
Jeder,
der weiß, wie man Tomatensamen gewinnt, kann auch Erhalter/in werden.
Auch hier ist nicht die Größe des Gartens entscheidend, im Gegenteil! Es
muss nur gewährleistet sein, dass die zu vermehrende Sorte
"rein" gehalten wird. Und das kann auf einem Balkon sogar eher
der Fall sein als in einem großen Garten mit vielen angebauten
Sorten.
Wie komme ich an Saatgut oder/und
wo kann ich mich als Erhalter/in eintragen lassen?
Privates
SamenArchiv
Gerhard Bohl
Waldstraße 40
D-90596 Schwanstetten
Sie
erhalten dort folgendes Infomaterial:
-
Das Sortenbuch 2006-2009 - 332 Seiten, 2000 samenfeste Kultur- und
Wildtomaten, dazu hunderte seltene und historische Gemüsesorten u.
Knollen (innerhalb Deutschlands: gegen Vorab-Einsendung von 5.-- € als Scheck
oder in Bar, aus dem Ausland: 7.--
€,
ebenfalls inklusive Porto). Bitte keine
Briefmarken senden!
- Die
bebilderte Broschüre " Die Braunfäule an Tomaten und der Anbau
widerstandsfähiger Sorten" , 24 Seiten, 55 Fotos, Großformat DIN-A4,
gegen Vorab-Einsendung von 5,-- € (inkl. Porto) -
Bitte
keine Briefmarken senden!
Bitte
beachten Sie: Das Sortenbuch ist KEIN Pflanzenkatalog im üblichen Sinne,
d.h. Sie finden darin keine bunten Fotos, wohl aber detaillierte
Beschreibungen zum Aussehen und den Kulturbedingungen der Pflanzen,
außerdem jede Menge Infos zum Erhalt alter Sorten, ihrem Nutzwert
pp. Außerdem sind Kontaktadressen von Erhaltern genannt, die Saatgut
abgeben.
Wer
oder was verbirgt sich hinter dem "Privaten SamenArchiv"?
Das
Private SamenArchiv wurde von Gerhard Bohl gegründet und ist heute im
Besitz von Susanne Kunstmann. Es fährt seit 2002 zum einen auf einer
kommerziellen Schiene (Wiederverkäufer, Gärtnereien) und zum anderen auf
einer - durch die erste gesponserte - nicht-kommerziellen Schiene
(Hobbygärtner und alle, die tauschen wollen). Es ist ein
landwirtschaftlich-gärtnerischer Betrieb der Urproduktion, der sich
gleichzeitig um den Erhalt der Sortenvielfalt kümmert. Jeder, der beim
Samenarchiv etwas kauft oder tauscht, leistet einen kleinen Beitrag zum
Erhalt des Archivs. Zur Info: 99% der vom Archiv angebotenen Sorten
sind - unter wirtschaftlichen Aspekten gesehen - nicht
"rentabel". Jeder, der beim SamenArchiv bestellt - egal ob via
Tausch oder als Wiederverkäufer - tut etwas für die
Sortenvielfalt. ABER: Das Samenarchiv ist KEIN Versandhandel im
üblichen Sinne!
Herr
Bohl hat mir die Erlaubnis gegeben, das sehr lesenswerte Vorwort zu seinem
Sortenbuch zu veröffentlichen, das auch eine kleine Kulturgeschichte
unserer Nutzpflanzen erzählt. Bitte klicken Sie
hier
oder folgen Sie dem Link am Ende der Seite.
Die
letzten Zeilen schreibe ich in Rot, weil sie mir sehr am Herzen liegen:
Herrn Bohls Hauptaufgabe besteht in der praktischen
Arbeit, dem Anbau der verschiedenen Sorten und dem Listen, dem Sortieren
und Archivieren des
Saatguts. Er kann deshalb KEINE Anfragen zu gärtnerischen Fragen oder
sonstige persönlich noch so nett gemeinten Briefe beantworten.
Übrigens: In meinem
Weblog
finden Sie noch mehr Nachrichten aus meinem
(Tomaten-)Garten. Und wenn Sie nur die Fotos schauen wollen:
Hier ist der Link zu meinem Fotoalbum "Tomaten".
Bitte beachten Sie: Ich unterstütze als Vermehrerin
einiger alter Tomatensorten (privat und völlig uneigennützig!) das Private
Samenarchiv, aber mit dem Archiv selbst, der Versendung von Infomaterial oder
Saatgut, habe ich nichts zu tun. Ich selbst versende auch kein Saatgut. Ich kann
daher weder Anfragen noch Anmerkungen zum Samenarchiv beantworten oder
weiterleiten. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.
Viel
Spaß beim Surfen und der Tomaten-Ernte!