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"Der Kaiser kommt!" Ein junger Bursche zeigte auf einen Reiter in Husarenuniform, der im Galopp die Straße von Homburg heraufpreschte. Passanten zogen den Hut, Kinder winkten, ein Trupp Feuerwehrleute salutierte. Männer in überreich dekorierten Uniformen, Damen in eleganten Seidenroben huldigten ihm, als er vor dem mit römischen Adlern geschmückten Kaiserzelt absaß. "Das sind alles sehr wichtige Leute, nicht wahr?" sagte Flora. Victoria lächelte. "Ach was, Liebes. Die sehen nur so aus."
Eine Viertelstunde später traf die Kaiserin ein, und ihre Toilette bot diversen Damengrüppchen Anlaß, ausführlich zu erörtern, daß weiße Puffärmelkleider aus chinesischer Seide, fliederfarbige Strohhüte mit schwarzgetupften Schleiern und Musselinpelerinen die allerneueste Mode seien. Je näher der Rennbeginn rückte, desto stärker schien der Besucherstrom anzuschwellen. Reiter, Fußgänger und Fahrradfahrer teilten sich die Zufahrtstraßen zur Saalburg mit Droschken, Automobilen und Equipagen; aus dem Bahnhof der Elektrischen quollen die Menschen im Takt ankommender Züge. Ein berittener Gendarm erteilte Absperrweisungen, Soldaten in Feldmarschausrüstung bezogen hinter Drahtzäunen Stellung. Vor einer mit Reichspost überschriebenen Behelfshütte redeten Journalisten Italienisch, Englisch und Französisch durcheinander, an der Tribünenanlage traf ein Trupp Polizeiwachtmeister ein.
Victoria dachte an Richard, als sie an ihnen vorbeiging. Er hatte recht gehabt: Ihr Vater hatte es sich nicht nehmen lassen, die teuersten Plätze zu wählen, aber es waren zugleich die schönsten. Die frisch besprengte Rennstrecke glänzte in der Sonne wie ein geplättetes Seidenband, das renovierte Römerkastell erhob sich trutzig vor sattgrünen Taunuswäldern. Und über allem spannte sich ein Himmel so blau wie Saphir.
Flora sah traurig auf die beiden leeren Stühle neben sich. "Schade, daß Papa und Vicki nicht hier sind." "Schau, da kommt der erste Rennwagen!" sagte Victoria. Mit einem von Detonationen unterbrochenen Fauchen näherte sich ein weißes, kastenförmiges Gefährt und stoppte an der Startlinie, einer schwarzen Markierung innerhalb der Tribünenanlage. Das Gesicht des Fahrers bedeckte eine Staubmaske, aus der die Spitze eines blonden Kinnbartes herausschaute. Um Punkt sieben ertönte ein Trompetensignal. Die Startfahne senkte sich. Mit ohrenbetäubendem Donnern fuhr der Wagen an.
"Jenatzy! Jenatzy!" klang es von den Rängen. Der Fahrer legte zum Gruß die Hand an die Kappe, passierte die Saalburg in kerzengerader Linie und verschwand. Die Kapelle auf der Tribüne spielte ein Konzertstück, vor dem Kaiserzelt wurde ein Schattenschirm aufgestellt. Schnaubend und knatternd fuhr der zweite Wagen vor; Benzingeruch wehte bis zur Empore hinauf.
Es dauerte knapp zweieinhalb Stunden, bis Jenatzys Wagen wieder auftauchte und von Jubelrufen begleitet in die zweite Runde entschwand. Bis zum Mittag stieg die Hitze ins Unerträgliche, die Ränge leerten sich. Auch Victoria und Flora verließen ihre Plätze. Die Menschen parlierten und flanierten, schrieben Ansichtspostkarten, packten Proviantbeutel aus, aßen, tranken, lachten.
Inmitten des Trubels fühlte sich Victoria einsam. Nur Floras Begeisterung und die Erwartung, daß Richard bald kommen würde, hielt sie davon ab, nach Hause zu fahren. Auf dem Weg zurück zur Tribüne sah sie Karl Hopf, der sich vor der Behelfspost mit einem Reporter unterhielt. Als er sie bemerkte, beendete er das Gespräch und kam zu ihr. Lächelnd nahm er ihre Hand und deutete einen Kuß an. "Ich konnte leider nicht eher kommen. Habe ich etwas Wesentliches verpaßt?" "Ach was", sagte Flora. "Herr Jenatzy wird sowieso gewinnen." "Und was macht dich da so sicher?" "Er fährt über achtzig Kilometer in der Stunde!" "Das tut sein französischer Kontrahent auch, oder?" "Aber unsere weißen Rennautomobile sind die schönsten!" "Die Belgier sagen bestimmt, daß die gelben viel schöner sind, und die Italiener finden Schwarz besonders reizvoll." "Und die Franzosen setzen auf Hellblau", sagte Victoria schmunzelnd. "Ich glaube, Théry gewinnt." "Mama!" sagte Flora entrüstet.
Getöse lag in der Luft, die Menschen reckten die Hälse, und wie zur Bestätigung knatterte der blaue Wagen des Franzosen, begleitet von stürmischen Rufen, in die letzte Runde. Ein Mann malte die Rundenzeit 1.29.57 auf eine große Leinwand. "Acht Minuten Vorsprung", sagte Hopf. "Sie könnten recht haben, gnädige Frau." "Bestimmt geht bald was dran kaputt", hoffte Flora. Victoria und Hopf lachten. "Bist du mit deinem Automobil da, Karl?" Hopf schüttelte den Kopf. "Ich gestehe. Das war nur ausgeliehen, und ich mußte es zurückgeben." "Später werde ich auch Automobil fahren!" sagte Flora. "Ich dachte, du willst Ballon fliegen?" "Es heißt Ballon fahren." "Ja, ja, du Naseweis." Er sah Victoria an. "Ist Ihr Mann nicht hier?" Victoria schüttelte den Kopf. "Er kommt nach." Hopf sah auf seine Uhr. "Das ist inzwischen unwahrscheinlich, oder?" Victoria schwieg. Sie wußte nicht, ob sie traurig oder wütend sein sollte. "Wenn du willst, kannst du dich zu uns setzen", lud Flora ihn ein. "Vickis Platz ist auch frei." Hopf sah Victoria an, aber sie hatte keine Lust auf Erklärungen.
Um Viertel vor fünf fuhr Jenatzy ins Ziel, Théry war zehn Minuten schneller. Auf den Rängen winkten die Menschen mit Tüchern und Hüten, der Kaiser klatschte Beifall. Victoria entschied, vor dem Zieleinlauf der anderen Fahrer aufzubrechen und handelte sich zwei enttäuschte Mienen ein.
© MvS, Nikola Hahn
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